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Die neue Welt · 1937-07-30 · Heft 676 (30.7.1937) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 676 (30.7.1937)
Date
1937-07-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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' Seite 2 - i DIE NEUE WELT i Nr. 676 vom 30. Juli 193T Die neuen Zertifikate sollen sofort aus gegeben werden Aus Warschau wird gemeldet: Nach Meldungen der jüdischen Presse Polens sollen die 8 00 0 Palästina - E i n w a n d e ru n g s z e r t i f i k a te für die Zelt vom 1. August 1937 bis 1. August 1988 von der britischen Regierung der Exekutive sofort ausgefolgt werden. 60 Prozent der Zertifikate, die nicht für Einzelpersonen, sondern für Familien bestimmt sind, sollen auf Polen entfallen. (J. T.-A.) Parlamentarischer Ausschuß zur Prüfung des Peel*Beridites Aus London wird berichtet: Wie der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" mitteilt, wird die Mandatskommission, die sich bereits mit dem Peel-Bericht vertraut gemacht hat, zunächst einen vorläufigen Bericht abfassen, auf Grund dessen sich der im September zusammentretende Völkerbundrat ein Urteil bilden kann. Bei Wiederzusammentritt des Parlaments am 31. Oktober dürfte daher das Gutachten des Völkerbundes bereits vorliegen, und die britische Regierung wurde dann auch vermutlich keine Einwendungen dagegen erheben, daß ein aus Mitgliedern beider Häuser bestehender parlamentarischer Ausschuß in eine Prüfung des Planes eintritt und etwaige Abänderungsvorschläge ausarbeitet. (J. T.-A.) Steine gegen Ittamar Ben-Awi. Aus Tel-Awiw: Während eines Vortrages des Schriftstellers Ittamar Ben-Awi über die Frage der Teilung Palästinas im Klub englisch sprechender Juden „Israel Hazair" setzte von der Straße her durch die Fenster des Saales ein Steinbombardement ein. Eine Frau wurde durch einen Steinwurf leicht verletzt. Die Polizei verhaftete drei Demonstranten. (Ben-Awi ist der einzige jüdische Journalist Palästinas, der die Teilung des Landes als wünschenswert angesehen und enthusiastisch begrüßt hat. — Die Red.) Die Tätigkeit des Hakenkreuzes (Nadi l**T«f A«*rYfleldungen) „Der Stürmer" in einem Kulturstaat In der Nacht zum 22. Juli sind im Stadtgebiet von Aussig (Tschechoslowakei) Exemplare des Nürnberger Streicher-Organs „Der Stürmer" verteilt worden. Die Zeitungen und auch Flugblätter wurden unter die Haustüren geschoben. Die Nachforschungen der Polizei nach , sden Verteilern des in der Tschechoslowakei verbotenen Hetzblattes blieben erfolglos. Die bösen arisch klingenden Namen „M orning Post" berichtet aus Johannesburg (Südafrika), daß eine Hochflut von nationalsozialistischem Propagandamaterial nach Südafrika verschickt worden sei. Zehntausende von Broschüren, die in afrikanischen Sprachen geschrieben sind, wurden in Hamburg aufgegeben. Sie wurden dadurch entdeckt, daß sie vielfach an afrikanische Juden mit arisch klingenden Namen versendet wurden, die sie den Behörden übergaben. Satisfaktionsunfähig? Schade! In der reichsdeutschen Studentenschaft wird die Mensur wieder eingeführt. Der neue deutsche studentische 'Ehrenkodex, der bereits vorliegt, beruht auf dem . Prinzip, daß der Ehrbegriff nicht länger das Privileg einer bestimmten Kaste ist. Die Trennung der Zivilisten in Satisfaktionsfähige und Satisfaktionsunfähige ist verschwunden, außer bei den Juden, die offiziell als satisfaktionsunfähig angesehen werden. „Nicht der Rassejude" Da» „Schwarze Korps", Organ der SS., veröffentücht einen Artikel, in dem es u. a. heißt: „Wir müssen auch den jüdischen Geist ausrotten, der heute ungestörter denn je seine Blüten treiben kann, wenn seine Träger über die schönsten Ariernachwelse verfügen. Denn nicht der Rassejude an sich ist uns gefährlich gewesen, sondern der Geist, den er verbreitete. Und ist der Träger dieses Geistes nicht Jude, sondern Deutscher, so muß er un» doppelt so bekämpfenswert sein als der Kassejude." Konsequente Vaterlandsverräter Vor dem Kr eisgericht M e m e 1 standen vor kurzem einige Deutsche litauischer Staatsbürgerschaft, die wegen staatsfeindlicher Tätigkeit angeklagt waren. Das Gericht bestellte zum Verteidiger von Amts wegen einen jüdischen Rechtsanwalt. Daraufhin erklärten sämtliche Angeklagten, daß sie sich von einem Juden nicht vertreten lassen. Das Gericht war gezwungen, einen anderen Anwalt zu bestimmen. Im Umgang mit Musen Wie die „Pariser Tageszeitung" meldet, hat die deutsche Iteichsregierung dem Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts In Rom, Professor Ludwig V u r t i u s, nahegelegt, in den Ruhestand zu treten, obwohl er erst in drei Jahren die Altersgrenze erreicht. Als Begründung wird angegeben, daß er mit Juden und sonstigen „Nichtariern" freundschaftlichen Verkehr pflege, was sieh insbesondere in Form von Kammermusik- »bonden abgespielt hat. Illusion und Wirklichkeit Von Dr. Elias Auerbach (Haifa). In der ganzen jüdischen Welt hat der englische Teilungsplan eine lebhafte Diskussion hervorgerufen. Der ausgezeichnete Kenner Palästnias und der britischen Orientpolitik, Dr. Elias Auerbach (Haifa), wägt die Möglichkeiten einer Teilung ab und verweist die Hoffnungen gewisser jüdischer Kreise in das Gebiet der Illusion. Eiste Illusion: Endlich, nach zweitausend Jahren, werden wir wieder einen eigenen jüdischen Staat haben, in dem wir nach den Gesetzen unseres nationalen Lebens werden leben können. Wirklichkeit: tier vorgeschlagene ,. Judenstaat" ohne Jerusalem wird 335.000 Juden und 420.000 Araber umfassen. Die im Bericht der Kgl. Kommission angegebene kleinere Zahl, (225.QQ0 Araber) ist zweifellos falsch'. Sie rechnet von vornherein die arabische Bevölkerung! der vier Städte Haifa, Akko, Safed und Tiberias, die vorübergehend einen Sonderstatus erhalten sollen, nicht mit (wohl aber die.Juden dieser Städte!), und sie fußt augenscheinlich auf der längst veralteten Zählung von 1931. Lassen wir die vier Städte fort, so werden im „Judenstaat" leben: 272.000 Juden und 347.000 Araber. Wie wir auch rechnen: D e r „J u d o n s t a a t" enthält eine arabische Mehrheit. •'f- Zweite Illusion: Das arabisch-jüdische Problem wird endlich friedlich gelöst: Juden und Araber werden friedlich nebeneinander wohnen. Wirklichkeit: Das arabische Problem besteht für den „Judenstaat" in unverminderter, ja in vermehrter Deine besten Begleiter f. Reise u.Weekend sind die altbekannten Feinwurst* und Selch* Spezialitäten EISEN waren Zentrale nnd Postversand: Wien II, Roten* stern gasse 12 f) Schärfe fort. Die Araber sind die Mehrheit, mindestens aber gleich stark wie die Juden. Diese Araber sind Bürger des jüdischen Staates. Sie haben an Verwaltung und Gesetzgebung mitzuwirken. Sie werden, selbstverständlich, eine unüberwindliche Opposition sein, ja mehr als das, eine dauernde Irredenta, die vom arabischen Staat aus in Belegung gesetzt ..und' mV Ju^enfeihdsohaft gehalten wird. Gegen eine solche „Minderheit", die Hälfte der Bevölkerung, läßt sich ein Staat nicht regieren und vor allem nicht jüdisch regieren. Durch keine vermittelnde Macht geschieden, müssen ,die Gegensätze zwischen Juden und Arabern im „Judenstaat" die allerschärfste Form, bis zum chronischen Bürgerkrieg, annehmen. # Dritte Illusion: Die Bevölkerung des „Judenstaates" wird durch Aussiedlung der. arabischen Bevölkerung rasch jüdischer werden. .Wirklichkeit: Diese Aussiedlung der Araber ist ein Wunschbild, das nie Wirklichkeit werden kann. Sie kann nur zwei Formen haben: freiwillige oder gezwungene Aussiedlung. Freiwillig wird kein Araber das Gebiet des „Judenstaates" verlassen. Warum sollte er? Er ist sich der Vorteile, die er von der jüdischen Entwicklung hat, wohl bewußt und erwartet im stillen für die Zukunft für sich ganz andere Chancen als im arabischen Staat. Man kann auch keinem Araber des jüdischen Gebietes gerechterweise San Remo.PensioneFelicß Corso dell' Impero 184. Unter Aufsicht des Hamburger Vereines. Direktion: Dr. med. Alax Schwan zumuten, abzuwandern. Was soll ihn dazu reizen? Ist es für den Araber im schönen und aufblühenden Haifa eine Lockung, nach Dschenin oder Nablus zu gehen? Kann man im Ernst dem arabischen Bauern zumuten, seine schönen Felder in Galiläa oder der Küstenebene, deren Bodenwert rapid steigt, zu verlassen, um im glühenden Jordahland, im wüsten Ostjordanland oder irn Negew mit unsäglicher Mühe Neuland zu erschließen? Er denkt nicht daran. Keiner wird freiwillig gehen! Also bleibt nur der Zwang, und zu diesem haben wir kein Mittel. Der Bericht sieht keine staatliche Enteignung gegen Entschädigung vor, und kein Völkerbund, am wenigsten die bisherige Mandatsmacht, wird ein solches Gesetz gegen den erbitterten Widerstand der Araber für uns schaffen. Auch wir selbst können e« im „Judenstaat" nicht schaffen, wenn die Hälfte der Bürger, die Araber, dagegen sind. Es würde uns sofort den bewaffneten Aufstand' bringen. Der Bericht deutet an, daß man zwischen den beiden entstehenden Staaten ein Abkommen über den Austausch der Bevölkerung zustande bringen müßte, und gibt dafür das Beispiel Griechenlands und der Türkei. .Wenn je ein Vergleich falsch war, ist es dieser. Dort handelt es sich für beide Staaten um große Massen der Auszutauschenden, und die siegreiche Türkei konnte ein besiegtes Griechenland zu einem solchen Vertrag zwingen. Hier aber wäre es eine einseitige Ansiedlung, denn es gibt so gut wie gar keine Juden im arabischen Gebiet, und die wenigen, die dort sind, werden sofort nach der Teilung von selbst in das jüdische Gebiet abwandern, ohne einen Vertrag abzuwarten. Der arabische Staat wird sich hüten, sich ein soziales Problem von diesem Umfang aufzuladen, dem er gar nicht gewachsen ist. Und er will es auch nicht, weil er seinen politischen Anspruch auf das verlorene Gebiet nicht aufgeben will. Wer verkaufen will, wird verkaufen, aber zu Preisen, die so rasch und enorm steigen werden, daß wir sie. absolut nicht zahlen können; und wer nicht will, den können wir nicht zwingen. Das Ganze ist eine Illusion. Die Araber werden bleiben. * Vierte Illusion: Wir werden endlich die Möglichkeit haben, durch breite Oeffnung der Tore Palästinas große Massen von Juden ins Land zu bringen. Eine Millionen, zwei Millionen, sagt man. Wirklichkei t: Wehe uns, wenn wir uns das vorgaukeln! Machen wir eine nüchterne Rechnung. Das Gebiet des „Judenstaates" umfaßt im ganzen zirka 5500 Quadratkilometer (5,5 Millionen Dunam). Auf diesem Gebiet sitzt heute eine Bevölkerung von etwa 750.000 Seelen (Juden und Araber); also 136 auf den Quadratkilometer. Die Dichte der Bevölkerung ist genau dieselbe wie die Tsutschlands. Nehmen wir einmal an, daß es uns in 20 Jahren gelingen könnte (eine höchst optimistische Annahme!), dem Gebiet die Dichte des dichtestbevölkerten Staates Europas zu geben, nämlich Belgiens: 260 Einwohner auf den Quadratkilometer. Dann würde das Gebiet nach 20 Jahren eine Bevölkerung von 1,430.000 Einwohnern haben. Aber die jetzige Bevölkerung hat sich inzwischen durch ihre natürliche Vermehrung (2,5 Prozent pro Jahr) von 750.000 auf über 1,200.000 vermehrt (ungerechnet die natürliche Vermehrung der Eingewanderten). Es bleibt also nur Platz für zirka 200.000 Einwanderer in 20 Jahren, um die Dichte Belgiens zu erreichen. Das heißt im Jahresdurchschnitt 10.000 Einwanderer! Das ist die „große Alijah", die „freie Alijah", mit der uns der „Judenstaat". schmackhaft gemacht wird. Dia strafweise Beschränkung der Alijah, die von der Kommission angedroht wird, wenn der „Judenstaat" nicht geschaffen wird, soll 12.000 pro Jahr umfassen. Der „Judenstaat" ist also keine geringere Strafe. ... Fünfte Illusion: Was wir heute nicht bekommen, werden wir morgenbekommen. Der ^Juden- Staat" wird sich erweitern. (Wirklichkeit: Gezogene Grenzen sind sehr dauerhafte Gebilde. Die Geschichte lehrt, daß sie fast nur durch Krieg zu verändern sind. Was wir jetzt nicht bekommen, rückt uns ferner als je. Das gilt für den Negew, für Transjordanien als Kolonisationsgebiet, für das Bergland, das gilt auch für Jerusalem. Ein gutes Beispiel ist Jerusalem, das außei'halb .des „Judenstaates" bleiben soll. Wenn dieser Vorschlag Tatsache wird, werden wir natürlich genötigt sein, unsere zentralen Institutionen aus Jerusalem zu verlegen, also die Jewish Agency, den Keren Hajessod, den Keren Kajemeth, den Waad Leumi usw. Aber auch die Universität, die nicht im „Ausland" bleiben kann, ihre Institute, Krankenhäuser usw. Mit diesen Einrichtungen aber sind heute schon etwa 4000 bis 5000 Menschen unmittelbar verbunden und wandern mit ihnen ab;, und etwa die Hälfte dieser Zahl lebfe indirekt von ihnen und wird ihnen folgen. Bei dem Umfang des Chalukah-Judentums in Jerusalem bedeutet daa die Abwanderung eines Fünftels der werktätigen Judenheit Jerusalems, die Stadt bekommt wieder arabische Mehrheit und ihr nationaler und sozialer Zustand wird wieder der von 1920. Wie wollen wir bei dieser Sachlage später einen Anspruch auf Jerusalem eher durchsetzen als heute? Dieser Judenstaat, das verkleinerte Zerrbild eines wirklichen, ist nichts anderes als ein Gefängnis für den Gedanken der nationalen Befreiung und der Heimat für das jüdische Volk und vielleicht seine Grabstätte. Lassen wir uns nicht durch das klingende Wort berauschen. Die furchtbare Verantwortung, die auf uns gelegt ist, muß uns stark machen, auch schwere Jahre zu durchwandern, wenn es sein muß, um dem wahren Gedanken Cea Zionismus treu zu bleiben. Audi NashashibuPartei gegen Tetflungsplan Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Bewegung gegen den Teilungsplan hält in arabischen Kreisen an. Nicht nur die extremistischen Kreise protestieren in immer zahlreicheren Entschließungen gegen die Teilungsabsichten; auch die Nationale Verteidigungspartei des Jerusalemer Bürgermeisters Nashashibi hat sich nunmehr offiziell gegen die Vorschläge der Kgl. Kommission ausgesprochen. Eine Abordnung der Partei, die bisher eine gemäßigtere Haltung eingenommen hatte, hat dem High Commissioner eine Denkschrift überreicht, in der die Vorschläge der Kgl. Kommission als unpraktisch und für die Araber unannehmbar bezeichnet werden. Die Denkschrift ist gleichzeitig dem Colonial Office in London und der Ständigen Mandatskommission de» Völkerbundes überreicht worden. (J. T.-A.)j

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