Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 672 (16.7.1937)
- Date
- 1937-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712297--6609-2720383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 BIß NEUE WELT Nr. 672 vom 16. Juli 1937 PaIäfti'na*Ordiefter boykottier* judifdie Komponisten oder 160 * 1 Als unter der aufopfernden Arbeit und dem Prestige des großen Künstlers Bronislav Huberman das Palästina-Orchester gegründet wurde und unter dem Dirigentenstab Arturo Toscaninis die ersten Töne erklangen, war dies für die Judenheit ein erhebender Augenblick. Allenthalben wurden große Hoffnungen an dieses ausgezeichnete Symphonieorchester gesetzt, und die Sympathie für solch eine Kulturleistung sprach sich in erhebenden Worten aus. Man muß leider sagen, daß sich, was die kulturelle, erzieherische und nationale Seite betrifft, die Erwartungen nicht erfüllt haben. Die erste Spielzeit ist abgelaufen. Die Bilanz liegt vor. 80 Konzerte wurden absolviert, darunter eine Anzahl Konzerte für Schüler zur musikalischen Erziehung der Jugend. In diesen 80 Konzerten wurden von jüdischen Komponisten aufgeführt: Ernest Bloch („Poemesjuives", mit einigen Minuten Spieldauer); also ein Werk, das für das Schaffen des großen, auch außerhalb der jüdischen Welt anerkannten Komponisten durchaus nicht repräsentativ ist. — Weprik: Ghettotänze; Karol Rathaus: Kleines Orchesterstück, und eine Komposition des palästinensischen Komponisten E. W. S t e r n b e r g. In den 80 Konzerten wurde 160 Stunden lang musiziert. Dem jüdischen Komponisten war ungefähr eine Stunde eingeräumt, d. i. ein Einhundertsechzigstel Prozent. Wenn schon im heutigen Stadium die sogenannte klassische Musik vorherrschen muß, so wäre dem jüdischen Musikschaffen die Einräumung einer größeren Dosis angemessen gewesen. Unsere Kritik an diesem Zustand hat bereits Vorläufer. Palästina hat auf die engherzige Behandlung der jüdischen Komponisten reagiert. Es gab Protestkundgebungen gegen die Einseitigkeit der Programme unter dem Vorsitz des jüdischen Komponisten und Musikforschers Prof. S. Rosowsky und Prof. Schorr. Auch in Amerika hielt man mit seinem Unwillen über die Vernachlässigung der jüdischen Musik nicht zurück. Bei aller Anerkennung der Tatsache, daß dem palästinensischen Hörer die Meisterwerke der Musikliteratur in weitestem Ausmaß zugänglich gemacht werden sollen, darf nicht das Bestreben einreißen, die jüdische Musik stiefmütterlich, quasi als notwendiges Uebel zu behandeln. Hubermans Neigung, in seinem Programm jüdische Komponisten zu meiden, scheint hier ein wenig abgefärbt zu haben! Gerade in einer Epoche, in der gewisse musikbetreibende Länder den jüdischen Komponisten auszuschalten versuchen, erwächst für das jüdische Symphonieorcheter in Palästina eine große und wichtige Aufgabe, zumal keine allzu lange Reihe jüdischer Komponisten besteht, die im rein jüdischen Schaffensbereich stehen und die eine neue Grundlage für eine nationale Musik schaffen. Wir nennen (in alphabetischer Reihenfolge)- zunächst die Namen der außerhalb Palästinas schaffenden, nicht aufgeführten jüdischen Komponisten: Achron, Engel, Ettinger, Gnessin, Goldschmidt, Kauder, Krein, Kugel, Lewin, IVlilhaud, Rothmüller, Stutschewsky, Stillmann, Szaminsky, Reti, Wiener. Nun die Namen der palästinensischen Komponisten: Brandmann, Chajes, Rosowsky, Salomon. Wenn ein so ausgezeichneter Körper wie das Huberman-Orchester die Sympathie der jüdischen Welt beansprucht, Ehre einlegen und Konzerte für Schüler, ' für eine neue Generation geben will, dann soll man auch Gelegenheit haben, jetzt lebende jüdische Komponisten zu hören. Diese Forderung steht jedem nationalen Chauvinismus fern. Sie ist eine Selbstverständlichkeit. Die Leitung des Orchesters muß sich ihres Wegs besinnen. Ein Emhundertsechzigstel Prozent für jüdische Musik ist sogar für bescheidene Ohren zu wenig. Nicht wahr, meine Herren! li&tka &'Aw, detlagdts y&tmUm tmdes Von Dr. Israel Zwi Kanner Es gibt viele Fasttage, in die wir uns schwer einfühlen, wie Taanith Esther und Zorn Gedalja. Wir feiern sie aus Tradition. Aber unser Inneres wird nicht ergriffen. Tischa b'Aw dagegen ist ein Fasttag, in den wir uns sehr leicht einfühlen. Mit ihm verbindet uns nicht nur die Tradition, sondern die tägliche Wirklichkeit, die Tatsache des Exils und der noch anhaltenden Trauer Zions: Trauer um das geraubte Land. Es ist keine Trauer, die sich in Tränen grell manifestiert, keine Trauer, die mit dem Tage beginnt und mit dem Scheiden des Tages endet. An solch einem Tag nehmen wir freiwillig das Fasten auf uns. Deshalb wurde dieser Tag nicht mit einem Präfix wie „Z o m" (Fasten) oder „Taanith" (Kasteiung) ausgestattet. Der Name Tischa b'Aw allein schon wirkt erschütternd. Fasten Esther und Fasten Gedalja sind nach Personen benannt, nach Individuen. Tischa b'Aw aber birgt den namenlosen Schmerz des ganzen Volkes und des ganzen Landes. Es ist der Schmerz eines Volkes, das um ein Land trauert, welches nicht mehr von Milch und Honig, sondern vom Blut Gemordeter fließt. i An den Wassern Babels saßen einst unsere Väter zum erstenmal auf fremder Erde und sahen, wie die Wellen dahingetrieben wurden in das endlose Meer. Das gemahnte sie an ihr eigenes Geschick, und sie nahmen die Harfen, den letzten Rest von Zions Kostbarkeiten, und hängten sie an die Weidenzweige. Das war dieersteTrauerfeierumdasgeraubte J:_;-;isalem. Wohl wurde später der zweite Tempel erbaut, aber es fehlten ihm fünf Dinge: Das Feuer; der Schrein; die Urim und. Tumim; das Salböl und der Ruach Hakodesch. Nicht nur an den Wassern Babels, auch an den Wassern anderer Länder saßen wir, und an den Weiden aller Flüsse hingen*' unsere Harfen, und in allsn Epochen nachher sangen wir Zionslieder und weinten. Auf den Bühnen Palästinas wurde eine Zeitlang 'das Theaterstück „B'lajl seh" (In dieser Nacht) aufgeführt. Gezeigt wird die letzte Nacht vor dem Fall Jerusalems. Das Grundmotiv des Stückes ist die Frage: Wer hat das große Unglück, die Zerstörung Jerusalems, verursacht? Der Feind von außen oder der Zwist im Innern? Die ewige Frage, die immer wieder in unserer Geschichte gestellt wird. Der Riß von damals ist noch nicht geheilt, die alte Wunde noch nicht vernarbt. Der 9, Ab ist ein schwarzer Tag in der jüdischen Geschichte. Solange noch ein Fünkchen jüdischen Selbstgefühls in uns glimmt, werden wir um den Untergang Zions trauere wo Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit wohnte, wo Gottes Herrlichkeit erstrahlte. Unsere Klage am 9. Ab sei eine'A n k 1 a g e gegen den Wahn und die Gewalt vor dem Richterstuhl der Geschichte. Wir wollen immer noch an ein Weltgewissen und immer noch an den Bund der Völker glauben, der uns in unseren gerechten Forderungen unterstützen wird. Palästina besitzt den Schlüssel zu drei Weltteilen. Dieses Land ist vielen und großen Völkern heilig. Zu verschiedenen Zeiten warben darum verschiedene Völker — und kein Volk konnte den Trauerschleier von dem Land entfernen. Wir Juden sind zu ihm zurückgekehrt; wir haben es öde und verlassen vorgefunden, verwüstet und elend . . . Und siehe das Wunder, das noch nicht verstanden wird: Dieses. Land hat darauf gewartet, seine Söhne bei sich aufzunehmen, auf daß sie den Schleier der Trauer von ihm entfernen und auf daß sie zurückkehren und es erheben aus dem Staube seiner Erniedrigung — als pflichtgetreue Söhne, die zur Mutter zurückkehren ... PMästiHa-fostsftie&e Der „Manchester Guardian" enthält dennachfolgenden Bericht, den wir auszugsweise wiedergeben. Die Ausführlichkeit des Berichtes spricht von dem ungewöhnlichen Interesse, das die englische Oeffentlichkeit dem Plan der Palästina-Festspiele sichtlich entgegenbringt. Ungeachtet der letzten Araber-Unruhen in Palästina, durch die das Land und seine Bevölkerung aufs schwerste beunruhigt wurden, gab es dennoch eine Gruppe von Palästina-Freunden, die über die momentane polisische Situation hinausblickend, an der Verwirklichung eines Planes arbeitete, von dem hier zum erstenmal berichtet wird und der innerhalb und außerhalb des Heiligen Landes gewiß lebhafteste Beachtung finden wird. Es sollen in Palästina in jährlicher Wiederkehr, ähnlich wie in Salzburg, Festspielaufführungen stattfinden; der Mittelpunkt der Festspiele wird Jerusalem sein. Die noch vor wenigen Monaten lehr vage Idee hat nun, aller politischen Unsicherheit zum Trotz, gerade kurz vor der Berichterstattung der Kgl. Kommission über Palästina, durch Schaffung von Komitees in den wichtigsten Ländern, eine feste organisatorische und finanzielle Grundlage erhalten. Namen von Weltgeltung. Nicht-Juden und Juden, gehören den Komitees an. In England meldete sich als einer der ersten Bernard Shaw seinen Eintritt ins britische Komitee an. Ihm folgten Viscount Samuel, Lady Reading, Rev. Dr. H. D a n b y, Regius Professor fürs Hebräische an der Universität Oxford, vormals Canon in Jerusalem, Lord Melchett, Brigadegeneral Sir .Wyndham Ree de s, Sir Ronald Storrs, vormals britischer Gouverneur von Jerusalem und Dr. H. J. Hertz, Oberrabbiner von London. Der Initiator des Plans ist der Wiener Schriftsteller und frühere Direktor der Wiener „Volksbühne" Dr. Arthur R u n d t, der im Februar dieses Jahres seinen Plan in Wien einer Anzahl von Freunden vortrug, die ihn sofort mit Begeisterung aufgriffen und in Wien die Bildung eines Initiativ-Komitees beschlossen. Diesem Komitee gehören u. a. an: Prof. Sigmund Freud, Prof. Heinrich von Neumann, Staatsrat Doktor Desider Friedmann als Präsident und Kommerzialrat J ul e s G o u r a r y als Vizepräsident. Schon im November 1935 hat Dr. Rundt mit seinen Reisen nach England und den Vereinigten Staaten begonnen, um dort für den Festspielplan zu werben. In Amerika erklärte Prof. Einstein seine Bereitwilligkeit zum Eintritt in das Ehrenkomitee mit dem Bemerken, daß es sich hier „um eine benso schöne wie lebensfähige Sache handle"; weiterhin traten dem Komitee bei: Hendrik Willem van Loon, Thornton Wilder und auch Prof. Max Reinhardt, der zugleich seine tätige Mitwirkung zur Verfügung gestellt hat. In Palästina hat die Jewish Agency Mr. Joshua G o r d o n ins Komitee entsandt, dem sie schon vor mehr als zehn Jahren den Auftrag zur Veranstaltung solcher Festspiele erteilt hatte, ohne daß sich aber damals die Dinge über das Stadium eines Projekts hinaus entwickeln konnten. .. * Den Mittelpunkt der Festspiele wird ein Bibeldrama in hebräischer Sprache bilden. Zur Schaffung dieses Festspieles sind eine AJizahl großer hebräischer Dichter, Tschcrnichowski, Chn6our, Bistritzky, aufgefordert worden. Die Vorstellungen werden teils in Jerusalem, teils in Tel-Aviv stattfinden. In Jerusalem wird das Amphitheater auf dem Skopus- Berg für die Aufführungen benützt werden, mit dem v/eltberühmten Ausblick ins Judäische Land. In Tel- Aviv wird die Stadtverwaltung zur Errichtung eines modernen Arenabaues einen Platz zur Verfügung stellen; die Erbauung dieser Arena, sowie den Ausbau des Amphitheaters auf dem Skopus-Berg, hat der jetzt in Palästina wirkende Erbauer der Berliner Volksbühne, Architekt Oskar Kaufmann, übernommen. Für die Darstellung kommen natürlich vor allem die beiden weltbekannten palästinensischen Truppen der Habimah und des Oh e 1 in Betracht. Außerdem sind wegen der Mitwirkung Verhandlungen mit einer Anzahl von Gästen eingeleitet worden, u. a. mit Paul Muni, Josef Schildkraut, Fritz K ■ortner und Ernst Deutsch. Für den musikalischen Teil der Festspiele soll das junge, schnell zu Ruhm gelangte von Bronislav Huberman geschaffene Pälästina-Orchester gewonnen werden. Als Beginn der Festspiele ist das Frühjahr 1939 festgesetzt. jüdische Bitdet - meh mdte tkmeit Wir erhalten nachstehende Zuschrift: Als ich „Die Neue Welt" vom 2. Juli d. J. las und darin auf den Artikel von Werner Georg Kümmel: „Wurde das jüdische Bildverbot immer eingehalten?" stieß, fiel mir ein, daß ich vor einigen Jahren bewundernd vor zwei Bildern gestanden war, die mir auffielen, weü ich noch nie vorher religiöse Bilder bei Juden gesehen hatte. Diese Bilder befinden sich in der Leichenhalle des alten jüdischen Friedhofs von Päpa, einer kleinen ungarischen Provinzstadt. Der Friedhof, der schon seit 38 Jahren geschlossen ist, liegt ganz versteckt im äußersten Süden der Stadt. Wenn man den Hof eines Wohnhauses durchquert, gelangt man durch eine kleine Türe auf einen schmalen, unkrautbewachsenen Weg, der zur Leichenhalle führt. Nach Oeffnung der schweren Tür, erblickt man an beiden Wandseiten die erwähnten Gemälde, je drei Meter lang und zwei Meter hoch. Das Bild zur Linken stellt die Ankunft des Messias und die Auferstehung der Toten dar. Die Gräber sind geöffnet, einige Männer stehen oben, neben ihren Grabsteinen, gehüllt in ihre Totengewänder, den Tallis angetan, während in den rückwärtigen Gräbern noch die Gebeine liegen. Gegenüber, zwischen zwei Fenstern, liegt das andere Bild. Es zeigt die Himmelfahrt des Propheten Eliah. Der Himmel öffnet sich und Strahlenbündel verbreiten sich nach allen Seiten. Der Prophet steht mit erhobenen Händen und aufwärtsgerichtetem Blick auf einem feuersprühenden Wagen, welcher, von zwei feurigen Rossen gezogen, der strahlenden Himmelsöffnung zustrebt. Unten, auf der Erde, steht sein Schüler Elisah mit erstauntem Gesicht, dem Entschwindenden nachblickend, und neben ihm, hingeworfen, liegt der Mantel des Meisters. Ueber und unter den BÜdern befindet sich je eine erläuternde Zeile in hebräischer Sprache. Meinem nach Ungarn reisenden Bruder gab ich den Auftrag mit, nähere Erkundigungen über die Entstehung der BUder einzuholen. Wie er mir nun mitteilt, konnte er in Erfahrung bringen, daß die Bilder aus dem Jahrs 1860 stammen, und zwar von der Hand eines dortigen jüdischen Malers namens Dawid Herz. Dieser hat aus eigenem Antrieb und mit Bewilligung der Chewra Kadisoha die Bilder geschaffen. Josef Steiner» Wien, XX., Darnmatraße 6,