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Die neue Welt · 1937-07-09 · Heft 670 (9.7.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 670 (9.7.1937)
Date
1937-07-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 670 vom 9. Juli 1937 DIE NEUE WELT Seite 7 ftie am Sabbat In einer Parkanlage. arbeite. Von ftlMm älteren Juden hierüber aurftede gestellt, gab sie eine gröbe Antwort und erklärte, die Religion iei da« Unglück der Menschheit. Ein deutscher Üelikatessenhändler, der in Tel-Aviv drei Geschäfte besitzt, verkauft in einem abgesonderten Raum seiner Geschäfte Schinken. Er wurde mehrmals verwarnt — ohne Ergebnis. Als der Delikateasenhändler vor einigen Wochen atarb, Wies die Ge* metode seinen Angehörigen das Grab am Rande des SMedhofes an. Im Hotel Teltsch am Karmel ist eine schöne Betatube eingerichtet. Den Gottesdienst leitet Herr Teltsch jun., der seinerzeit in Wien Berufskantor war. f>reitag abend waren ungefähr zwanzig Personen beim Gottesdienst. Am Sabbat ersuchte mich Herr Teltsch um Teilnahme am Gottesdienst, da Ihm noch .zwei Personen zu Minjan fehlten. Auf meine Frage, warum er nicht auch den bekannten Wiener ZionfstenfUhrer X. einlade, sagte .Herr Teltsch: „Der geht nicht." Tatsächlich sah ich jenen per Auto spazierenfähren. Im Speisesaal des Hotels Ist eine Tafel angebracht, auf der In englischer und hebräischer Sprache ersucht wird, In den Gesellschaftsräumen des Hotels am Sabbat nicht zu rauchen ... In kultureller Beziehung ist das Schmerzenskind die Kindererziehung. In keinem Lande gibt es so temperamentvolle, wilde Kinder wie in Palästina. Man läßt ihnen die größten Unarten durchgehen, ohne sie im geringsten zü tadeln. Wehe der Mutter, die wagen würde, auf offener Straße einem Kinde einen Klaps zu versetzen. In Tel-Aviv hält eine Gesellschaft im Saale Achad Haam, der zirka 1500 Personen faßt, wöchentlich Diskussionen Über Mißstände In Palästina ab. Diese Diskussionen finden In" Form Von Gerichtsverhandlungen statt. Es sprechen ein öffentlicher Ankläger, ein Richter, ein Verteidiger u. S. f. Zum Beispiel waren einmal die deutschen Emigranten, •Welche die hebräische Sprache nicht erlernen wollen, an» geklagt. Ein anderesmal waren die Sabbatschänder angeklagt, die den Sabbat öffentlich entheiligen. Letzthin Waren es die jüdischen Frauen, die sich zu rasch und zu oft;verlieben, wobei in der Diskussion erwähnt wurde,, daß 60 Prozent der sogenannten Liebesheiraten mit einer Katastrophe enden. Scheidung oder fortwährend Zank und Hader. Die Diskussionen finden in hebräischer Sprache ■statt.; Zu bindenden Beschlüssen kommt es dabei nicht; So daß.die Debatten nicht Viel mehr Wert als ein gesellschaftlicher Zeitvertreib haben. Mit Bedauern mußte ich feststellen, daß Filme, die .in Wien als unter dem Arierparagraph stehend boy-; kqttiert. werden, in Palästina außerordentlichen Zulauf haben. .Niemand. #findet Anstoß daran, sich sie anzusehen. Ein würdiges Seitenstück zum Boykott deutscher Wären, der in Palästina ununterbrochen sabotiert wird. Sowohl auf der . Hinals auch auf der Rückreise hatten wir das herrlichste Wetter. Die Hitze in Palästina ist leichter zu ertragen, als man es sich vorstellt. Gegen 5 Uhr nachmittags beginnt es schon, angenehm kühl zu werden. Sogar bei größter Hitze kann man nicht von Schwüle sprechen, wie etwa in Wien, Nur der. Chamsin, der Wüstenwind, ist bedrückend. Er kommt, während der Regenperiode vom Dezember bis April vor und dauert höchstens drei Tage. Das Klima'ist leicht 7U ertragen, haben wir doch Meer und Gebirge und frisch aufgeforstete Wälder. ' Die jüdischen Wirtschaftsbetriebe in Palästina. Aus Jerusalem: Die statistische Abteilung der Zionistischen Exekutive, hat an alle Industrie-, Handels-, Handwerks- und Verkehrsunternetimungen Fragebogen zur Vorbereitung einer .'n euen.Statistik versandt. Die letzte Erhebung der . Wirtschaftsbetriebe wurde von der Exekutive 1933, von der Regierung 1928 durchgeführt. Außerdem hat die Exekutive Schätzungen über den Umfang der jüdischen Industrie in den Jahren 1934 und 1935 veröffentlicht, die Handelsbetriebe waren 1931 gezählt worden." Man erwartet, daß die bevorstehende Zählung ein bedeutendes Anwachsen von Kapital, Arbeiterschaft und Umsatz der Industriebetriebe, sowie eine wesentliche Vermehrung der Groß- und Kleinhandelsgeschäfte ergeben wird. * 1933 wurden 3ß88 Industriebetriebe mit 19.595 Angestellten, einem; Produktionswert von 5,352.000 und einem, investierten Kapital von 5,371.000 Pfund gezählt. Unter Zugrundelegung der Zählung von 1929 als Basis (Index 100) betrug der Index der Unternehmungen 1933:; 137 und (schätzungsweise) 1934: 170,1935: 188. Der Index für die Angestelltenzahl war- 1933: 180;, 1934: 258 und 1935: 300. Ende 1930 gab es 3139 D e t a i 1 g e s c h äfte mit über 6200 A ng est eilten. Die Zahl der Großhandels* ges.c hafte betrug Ende 1930: 209, die ihrer Angestellten 760." Iii diesem Jpihr soll' zunächst mit der Zählung der -V e r k eh rsu nt ern e h'm u n g e n be* gönnen werden. . KINO»PROGRAMIHE ff Ulli BKEN Von 10 Uhr vorm. bis 7 Uhr abends CHWEDEN mm mm A - 49 O - 60 Nur Vt8 Uhr und V410 Uhr abends Es Mb zu Silvester I „UatMt" iüäistke VeMtskytHue Von Julius Chajes (tel-Aviv) In der letzten Zeit wird um den künstlerischen und ethischen Wert der „Hatikwah" eint» bewegte Diskussion geführt. Qoerkantor Davidsohn (Öerlin) und Prof. Brasiavsky, zwei Fachleute, sowie dfer Amateur A. Fischer (Prag) haben in der „Neuen Welt" Kritik an der „Hatikwah" geübt, bzw. ihre positive Einstellung zu dieser Hymne zum Ausdruck gebracht. Nun tritt der junge jüdische Komponist Julius Chaj63, der seit einigen' Jahren in Palästina lebt, mit seiner Ahsifcht , über die , „Hatikwah" hervor. J. Chajes hat um so mehr Anspruch darauf, gehört zu werden, als gerade jetzt seine Härmoni- Satloh der „Hfttlkwah" (vierstimmiger Chorsatz) zur Veröffentlichung gelangt. Es ist eine feststehende Tatsache,, daß iiH a t i k w a h" heute von den Juden aller Länder, selbstverständlich auch, bei uns in Erez Israel, als jüdische Volkshymne empfunden und anerkannt wird. Nichtsdestoweniger gibt es namhafte jüdische Musiker, die die Hymne ablehnen. Sie begründen ihre'negative Haltung verschieden I zunächst einmal mit dem Hinweis darauf, daß .jHatikWah" einen zuslawischen Charakter häbfe, also , nicht genügend spezifisch Jüdisches aufweise; ferner» daß sie zu wenig chalüzischen Geist besitze, d. h., zu sehr melancholisch, zu wenig lebensbejahend sei;; , Diese Einwände, sind' einer näheren Betrachtung wert. Es wäre unzweckmäßig, sie mit ein paar gangbaren Schlagworten äbzutun. Unbestritten ist, daß „Hatikwah" ihren Ursprung einem slawlschenVolkslied verdankt, das der große tschechische Komponist Friedrich S m e t a n a in.; seiner symphonischen Dichtung „Moldau" als Hauptmotiv verwendet hat. Allerdings darf man nicht vergessen, daß die slawischen Länder (Rußland, Polen) in den letzten Jahrhunderten, wenn auch nur vorübergehend und unter den widrigsten Umständen, Millionen von Juden zur zweiten Heimat wurden. Aus dem slawischen Osten gingen die großen jüdischen Dichter und Musiker hervor, kamen die großen jüdischen Bewegungen — Chassidismus, Zionismus usw. Dort wurde auch ,,Hatikwah'< geboren. Die starke, ursprüngliche Musikalität der Slawen mußte naturgemäß auf das Judentum .wirken, wie denn umgekehrt die slawische Seele geistigen Einfluß seitens des jüdischen Elements erfuhr. ... Der Urstoff;der „Hatikwah" ist. zweifellos slawisch, aber die Hymne selbst fügte sich dem Bewußtseindes jüdischen Volkes restlos ein. Dem Einwand, daß „Hatikwah" zu melancholisch, zu wenig chaluzisch, zu wenig lebensbejahend sei, wäre zu begegnen, daß zweitausend Jahre unfrohen äußeren Lebens sich nicht leicht aus der Seele reißen lassen, ja, im Gegenteil: gerade beim Aufbau unseres „altneuen" Landes sollen wir unsere Vergangenheit vV Augen haben — wir dürfen nicht unsere neue Heimat als Menschen ohne Vergangenheit, ohne Tradition bauen, sondern als Lebenserfahrene, Schwergeprüfte. Und Ist in der „Hatikwah" so manches %us unseren Golusleiden eingewurzelt, dann sollen wir sie erst recht beim Aufbau unseres Landes lieben. Es ist von wichtigster Bedeutung, daß die „Hatikwah" sowohl vom askenasischen als auch vom sephardischen Kreise als echt empfunden wird. Dafür sprechen die Tatsachen, daß „Hatikwah" von fränkisch-sephardischen, jemenitischen, ja' selbst von indischen Juden bei festlichen Anlässen gesungen wird, ohne daß ihre Melodik irgend eine, wenn auch noch so kleine Aenderung erfahren mußte. Die Erklärung hiefür liegt aber an der rein musikalischen Struktur der „Hatikwah"; deren Melodie basiert nämlich auf der reinen diatonischen Skala, die beiden Kreisen gemeinsam ist. Es gibt Meinungen bekannter Musikforscher, die dahingehen, daß „Hatikwah" syrischen Ursprungs sei. Aber die Tatsache, daß. die Melodie der „Hatikwah" auf einer Kadenz aufgebaut ist, d. h., daß sie eine einfache, kadenzartige; harmonische Unterstützung •bräücht, entkräftet vollkommen die obigen Meinungen. (Die Lieder des Orients sind von unserer europäischen Kadenz unabhängig; sie haben als einstimmige, monodische Lieder ihre Daseinsberechtigung.) Soweit die Einwände der Fachleute; es gibt aber eine Anzahl von musikalisch Ungeschulten, die eine Abneigühg gegen die „Hatikwah" haben, ohne einen., richtigen\ Grund dafür angeben zu können. Auch diese Abneigung wollen wir nicht außer acht lassen, denn sie entspringt einem gesunden Volksempfinden." Diese „musikalisch Ungeschulten" kennen die „Hatikwah" gewöhnlich nur aus Anlässen, wo sie am Schluß von Veranstaltungen einstimmig, ausdruckslos, "müde' herüritergesungen wird und so den denkbar schlechtesten Eindruck hinterläßt. . ..- :. ' '. Die „Hatikwah" braucht u 11% eö i. n g t e in e h a rjn o n isch.e'. Stütz e, die Ih r er. M elo'd.ie entspricht, d. h., sie sollte .nur vielstimmig gesungen werden; nur dann kann sie ü b, e r z e u gen d w i r k e n und. •würdig .heben . den schönsten Hymnen bestehen. Wie ich weitsichtig wurde Von George Clemenceau Der Führer Frankreichs im Weltkrieg hat als junger Journalist, vor dem Jahre 1870, unter dem Titel ,;Am Fuße des Sinai" einen Band im jüdischen .Milieu spielender Novellen. verfaßt. Nachstehende Erzählung ist dieser Sammlungen thommen. Drei Jahre sind es her. Ich war in meinem Arbeitszimmer, .in eine interessante Lektüre vertieft, als mir „Herr Magnier" angemeldet wurde. In. der Voraussetzung, daß es der Direktor des „Evenement" sei, der mich besuchen wolle, gab ich den Auftrag, ihn hereinzuführen. Der Türvorhahg teilt sich und es erscheint ein schöner Greis, frisch und rosig, von tadelloser Haltung, die aber doch einen gewissen Zug wohlwollender Ueberlegenheit durchblicken ließ. Ich kenne den Mann nicht. Ein Weißer Backenbart, graue, freundliche Augen, leuchtend weiße Wäsche, ein spießbürgerlicher Bratenrock; dies alles spricht zu seinen' Gunsten. Ich denke flüohtig an'einen Diplomaten, der sich, vielleicht in Frankreich über die Strömungen der öffentlichen Meinung unterrichten will. Ein junger Mann begleitet den Besucher, ohne rZweifel sein Sekretär. Der Fremde tritt näher, und sagt mit gutmütigem Lächeln: - „Ich möchte um die Erlaubnis bitten, meinen Hut auf behalten zu dürfen, denn.ich fürchte nichts so sehr als einen bösen Schnupfen." . Bevor ich antworten kann, bedeckt ein breitkrempiger. Zylinderhut die schöne1 Glatze. Der Mann setzt sich, noch immer herablassend lächelnd. Es scheint, ihm viel, daran zu Jiegen, mich in freundliche Stimmung zu bringen. Ich sehe seiner Anrede entgegen. . \ „Verehrter Herr", beginnt er, „vor allem muß jeh mich dafür bedanken, daß Sie mich empfangen haben. . Allerdings.überrascht mich das nicht weiter, kein Name öffnet mir alle Türen^ Wenn .Herr Mayer' gemeldet wird, weiß jeder, was das heißt." , ,r Ich konnte eine Bewegung der Ueberrasöhung nicht Unterdrücken und dies entging nicht meinem Gegenüber. „Ihre Mienen verraten es mir, daß Sie mich .iMmnea", fuhr ©r mit einem Anflug von Bescheidenheit fort. „Ich war dessen sicher. General Baron X... und Gräfin Z... versicherten mir noch diesen Morgen, daß ich die bekannteste Persönlichkeit von Paris sei. Aber genug von mir;'Sie sind es, der hier in Frage kommt. Ich wollte Sie schon längst besuchen. Allemeine Freunde wiederholen fortwährend: .Besuchen Sie ihn doch, er ist ein reizender Mensch, er wird gewiß entzückt sein, mit Ihnen zu plaudern'. Leider bin ich sehr beschäftigt; nicht wahr? Verzeihen Sie also, wenn ich nicht früher kommen konnte." Ich war durchaus gewillt, dem unerwarteten Besucher, meine Vergebung nicht vorzuenthalten, a,ls er plötzlich, im Tone freundschaftlicher Anteilnahme ausrief: ■;■ ' " „Nun, Verehrtester, sagen Sie mir jetzt aufrichtig, wie geht es Ihnen?" Vollkommen überrumpelt antwortete ich ganz mechanisch, ohne meine Worte zu überlegen : „Ich, ich befinde mich sehr Wohl; ich danke Ihnen vielmals." „Ach, mein Lieber!" ließ sich mein neuer Freund vor Wonne strählend vernehmen, „ich bin'glücklich, dies aus Ihrem Munde zu hören! Sie wissen doch, daß die Gesundheit eines Mannes wie Sie für Frankreich sehr wertvoll ist. Es ist wirklich ein Glück, daß Sic sich wohlauf befinden. Schonen Sie ihre -Kräfte. Ich bin jedoch davon überzeugt, daß Sie zuviel arbeiten. Wir brauchen Sie!" Ganz aus der Fassung gebracht, lasse ich diesen Stkifämokk, TMoestt.

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