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Die neue Welt · 1937-07-09 · Heft 670 (9.7.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 670 (9.7.1937)
Date
1937-07-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 670 vöm 9. Juli 1937 Martin Schapira (Wien): PMästiamsiscUet BMdet&tyik HUine dcitte palästina^/leUe Die Reise: Mit dem Zuge nach Triest fuhren auch mehrere Chaluzim. Bei der Abfahrt des Zuges wurden hebräische Lieder gesungen. In Triest schifften wir uns auf dem Dampfer „Galiläa" ein. Mit diesem Dampfer fuhren auch viele englische Juden sowie mehrere christliche Pilger zu den Osterfeiertagen nach Palästina. An Die neuen Stadtteile Tel-Avivs sind nach einem einheitlichen Stil aus Eisenbeton (mit Balkon für jedes Zimmer) gebaut, so daß der schlechte Eindruck der Stillosigkeit allmählich verschwinden wird. Jaffa ist seit den Unruhen tot, der Hafen verödet. Viel seltener als in Tel-Aviv legen die Schiffe in Jaffa Autostraße Tel-Aviv—Jerusalem Bord sah ich auch das Exekutivmitglied Jizchak Grünbaum. Während die meisten englischen Juden, aber auch mehrfach deutsche und polnische Juden an den Koschertischen ihre Mahlzeiten einnahmen, wirkte es demonstrativ, daß Grünbaüm sich in der allgemeinen Abteilung im Speisesaal der ersten Klasse zu Tisch setzte. Es war allerdings der Tisch, an welchem auch der jüdische Kapitän des Schiffes speiste. Am Schabbat waren zahlreiche Kerzen an den Koschertischen angezündet, die Herren erschienen zumeist im Smoking. Samstag Nachmittag wollte Grünbaura im Koscherspeisesaal der Touristenklasse einen Vortrag halten. Gleich zu Beginn seiner Ausführungen wurde er von den anwesenden religiösen Juden am Sprechen verhindert. ^.Es entstand große Unruhe, wobei Grünbaum sehr wenig schmeichelhafte Worte zu hören bekam. Nach ungefähr halbstündigem Spektakel verließen die meisten Anwesenden den Saal, worauf der Vortragende seine Ausführungen beendigen konnte. In Haifa, fand bei der Ankunft eine Zollrevision und Leibesvisitation, .'hauptsächlich; wegen . .Waffenschmuggel, statt. Die Stadt entwickelt sich immer mehr und mehr und wird von den Engländern besonders begünstigt. Der Karmel ist seit meiner letzten Anwesenheit bedeutend ausgebaut worden, neue Straßenzüge sind entstanden. . Stundenlange Spaziergänge durch Waldungen und Gärten machen, den Karmel zu einem der angenehmsten Sommeraufenthalte. Die Familie Teltsch (eine Wiener Familie) errichtete oben ein ganz modernes Hotel... Tel-Aviv wurde seit meinem letzten Aufenthalt, besonders in der Gegend gegen den Jarkon und den Sarona, ausgebaut. Die Stadt macht, was den Verkehr und die verbaute Grundfläche anbelangt, den Eindruck einer Millionenstadt. Das riesige Häusermeer ist der Bauordnung zuzuschreiben, wonach jedes Haus nach allen vier Seiten freistehen muß, ähnlich wie in den Cottagevierteln der Großstädte. Die Einwohnerzahl wird auf 180.000 geschätzt, wozu noch zirka 20.000 Menschen hinzukommen, die täglich von der Umgebung und den Kolonien in die Stadt kommen, so daß man die immer ortsanwesende Bevölkerung mit 200.000 Menschen annehmen kann. Die Hauptstraßen sind wahrhaft großstädtisch, neue, schöne Bankgebäude, wie die der Anglo-Palestine-Bank, der Barcleybank, der Agrarbank und viele andere, zieren die Stadt. Infolge der noch nicht durchgeführten Kanalisierung sind dagegen viele Nebengassen trotz der schönen, neuen Häuser jämmerlich anzusehen. Die neuen Häuser werden ausnahmslos mit Zentralheizung und Warmwasserleitung versehen. Der Autobusverkehr wickelt sich vorbildlich und reibungslos ab. Fast bei jeder Haltestelle sind Kais aufgestellt, so daß es beim Einsteigen kein Gedränge gibt. Selbst bei großen Veranstaltungen, wie bei Konzerten, nach deren Schluß zwei- bis dreitausend Personen die Autobusse benützen, geht es ruhig und reibungslos zu. Bei den Haltestellen gibt es auch da und dort Bänke. Bei den zwölf Autobuslinien Tel-Avivs ist der Minutenverkehr eingeführt, so daß man höchstens eine Minute bei einer Haltestelle auf den Wagen warten muß. Der in Tel-Aviv im Vorjahr anläßlich der Unruhen neueröffnete Hafen wird immer stärker ausgebaut. Das ganze Messegelände wurde für Hafenzwecke in Anspruch genommen. Für die nächsten Messeausstellungen wurde ein Gelände zwischen Tel-Aviv und Ramätgän bestimmt. an. Der früher so lebhafte Geschäftsverkehr zwischen diesen beiden Städten ist gänzlich lahmgelegt. Auch sind die arabischen Händler und Straßenverkäufer aus den Straßen Tel-Avivs verschwunden. Jerusalem hat sich seit seit meiner letzten Anwesenheit wenig verändert. Der vor vier Jahren in Angriff genommene Bau des neuen Postgebäudes ist noch nicht vollendet. Es ist dies ein schöner, monumentaler Bau. in der Altstadt ist ein starkes Polizeiaufgebot. Nur Touristen, die Jerusalem noch nicht kennen,' besichtigen die Altstadt' Die meisten Menschen meiden sie womöglich, da sie bei Unruhen der heißeste Boden wäre. Bei meinen Autofahrten durch das ganze Land wiir den wir, obwohl wir vielfach durch rein arabische Städte und Ortschaften fuhrefi, von den Arabern nicht im geringsten belästigt. Auffallend gegenüber den früheren Reisen ist, daß man auf den Landstraßen öfter Lastauto mit englischem Militär und Maschinengewehren begegnet. In wirtschaftlicher Beziehung läßt sich sagen, daß das Leben in Palästina bedeutend, billiger ist als bei uns. Wäsche, Kleider und Schuhe sind billiger, ebenso die meisten Lebensmittel. Teurer sind Bier, Milch, Topfen und Rahm. Fleisch und Geflügel (in guter Qualität aus den Geflügelfarmen) ist zum gleichen Preise. wie bei uns zu haben. Die Wohnungen entsprechen in Ausstattung und Zins ungefähr den Wohnungen in den Wiener Hochhäusern der Inneren Stadt, den guten Gegenden des in. Bezirkes usw. Das Einkommen hat sich seit den Unruhen um ungefähr, 30 Prozent vermindert, aber auch der Lebensmittelindex ist infolge Verbilligung der Lebensmittel und Organisierung der Lebensmittelzufuhr stark gesunken. Die Umstellung der Berufe macht weitere Fortschritte. Deutsche Rechtsanwälte gründeten ein ganzes Dorf mit Hühnerfarmen. Da die Städte mit Aerzten überfüllt sind, trachtet mancher in eine Kolonie zu kommen, um dort Landwirtschaft zu betreiben und sich zugleich als Ortsarzt zu betätigen. Eine Katastrophe sind die vielen A p o t h e k e n. In den Hauptstraßen Tel-Avivs findet man auf Schritt und Tritt eine Apotheke. Selbstverständlich kann so manche sich nur schwer behaupten. Da es keine fixen Tarife gibt, sind auch die Preise der Arzneimittel in den Apotheken sehr verschieden. Tüchtige Handwerker sind noch immer sehr gesucht und werden auch gut bezahlt. Da in Palästina vollständige Gewerbefreiheit herrscht, kommt es vor, daß Leute ein Handwerk ausüben, ohne es je gelernt zu haben. So ist es möglich, daß ein ehemaliger Schauspieler des Wiener Deutschen Volkstheaters sich in Palästina abwechselnd als Schauspieler, Schustergehilfe, Barspieler und als Auslagenarrangeur dürchbririgt. Die Mitglieder der Kammeroper betätigen sich - in spielloser Zeit als Straßenverkäufer mit heißen WÜrsteln. Fast jeder Schauspieler hat noch einen Extraberuf. Die Bevölkerung ist nicht mehr so übermütig-fröhlich wie ehemals. In früheren Jahren zogen die Menschen nach der Arbeit singend durch die Straßen, man lachte, man tanzte in den Straßen „Hora". Jetzt ist die Stimmung der Bevölkerung ernst, aber noch immer zuversichtlich. Dies hat seine Ursache außer in den politischen Vor* kommnissen der letzten Zeit auch in der bedeutend verminderten Einwanderung; denn die Neueinwanderer waren es zumeist, die ihrer Freude darüber, endlich in „Erez" zu sein, in übermütiger Weise Ausdruck gaben. Die Natur scheint den Engländern zum Trotz die Beschränkung der Einwanderung wettzumachen, denn in keinem Lande ist der Ueberschuß an Geburten so groß wie in Palästina, dabei ist der Anteil an Zwülingen geradezu enorm . . . i In politischer Beziehung ist die Bevölkerung der Meinung, daß England nicht an den Ernst der diversen Pläne für Palästina glaubt und daß vorläufig alles beim alten bleiben dürfte. Zur Königskrönung wurden überall in Palästina Vorkehrungen getroffen, um diesen Tag feierlich zu begehen. Lichteffekte und Befiaggung waren bereits installiert, da kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel die neue Einwanderungsschedule von 700 Zertifikaten. Das wirkte unter der jüdischen Bevölkerung konsternierend. Der projektierte Feiertag wurde von der Geschäftswelt boykottiert. Die Geschäfte wurden geöffnet, und die geplante Ausschmückung der Automobile unterlassen. In Tel-Aviv waren nur die öffentlichen Gebäude und die Hotels beflaggt, die Privathäuser nicht. Die erwartete Amnestie für die „Ulegalen" Einwanderer »blieb ebenfalls aus. Dagegen sah man in den Straßen massenhaft betrunkene englische Soldaten. Zum letzten Konzert der Phüharmoniker unter dem englischen' Gastdirigenten Dr. Sargent kam per Auto auch der Oberkommissär Wauchope. Am nächsten Tage fuhr er mit seinem Auto nach Herzliah und Nathania zur Eröffnung eines Parkes auf den Namen King George. Wenig schmeichelhaft für die großen Tel-Aviver Hotels ist es, daß Wauchope sich zum Uebernachten in Tel- Aviv einen Schlafwagen aus Jerusalem kommen ließ. Wahrscheinlich hatte er ein schlechtes Gewissen. Da Wauchope ein Schotte ist, machten die Tel-Aviver den Witz, daß er die Hotelspesen ersparen wollte, da der Schlafwagen von der Regierung beigestellt wurde. Im Gegensatz zu meinen früheren Reisen hörte ich jetzt in den Straßen fast nur hebräisch sprechen; deutsch und jiddisch wenig, andere Sprächen nur vereinzelt. In früheren Jahren hörte man sehr viel Deutsch und Jiddisch.. In religiöser Beziehung ist leider noch viel zu viel zu bemängeln. Der Autobusverkehr ruht am Sabbat, dagegen herrscht in den Straßen ein ziemlich lebhafter Autoverkehr. Früher kamen am Sabbat aus Jaffa Einspänner nach Tel-Aviv, um vereinzelte Passagiere zu ergattern. Jetzt dürfen diese nicht mehr nach Tel-Aviv, dagegen wimmelt es hier von jüdischen Taxis und . Herrenfahrern. Ich lernte, eine Frau kennen, die früher in Ben Schemen Kindergärtnerin war; sie erzählte mit Stolz, daß Tel-Aviv, Allenbystreet (die modernste Straße im Nahen Orient)

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