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Die neue Welt · 1937-07-06 · Heft 669 (6.7.1937) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 669 (6.7.1937)
Date
1937-07-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 669 vom 6. Juli 1937 DIB NEUE WELT Seite S Aus der Tschechoslowakei Alle Zuschriften sind ausschließlich an folgende Adresse zu richten: O. A. Fischel, Praha I, Ü Milosrdnych lOflll Nr, 3 erscheint vierzehntägig__6. Juli 1937 An alle Judenstaatler! Von Fritz K o h n (Praha) Liebe FreunGe! Die Strenge gegen andere, die Schärfe unserer Kritik und vor allem die Ehrlichkeit gegen uns selbst zwingen uns zur Rechenschaftsablegung. Trotz Versagens der offiziellen Außen- und Innenpolitik der Zionistischen Organisation, trotz jeglichen Fehlens des Kontakts zu den breiten Massen siegen die Linken und Allgemeinen der Fraktion Rosarot. Trotz günstiger äußerer Umstände sehen wir ein Versagen unserer Werbearbeit; Der jüdische Mensch hört unsere Stimme nicht. Oder er will sie nicht hören. Vielleicht ist unsere Stimme nicht genug laut. Vielleicht haben wir nicht den nötigen Schmelz. Vielleicht fehlt unseren Worten irgend ein zauberhafter Klang oder die Kraft des Magnetismus. Kann sein. Die anderen lassen es, wie ich mich überzeugt habe, ebenfalls an „Charme" fehlen. Auch an Kraft und Klang. Das ist es also nicht allein. * Ich möchte etwas vom Primat sagen. Dieses Wort hat keine glückliche zionistische Vergangenheit. Ihr wißt, es knüpfen sich an diesen Begriff keine schönen Erinnerungen. Hierher paßt er jedenfalls. Der Glaube an das Ziel, an sein Ideal setzt bei einem kämpferischen Menschen den „Willen zur Macht" Voraus; der „Sprung in die Tat" ist die unbedingte und notwendige Konsequenz politischer Ehrlichkeit. Das Verwandeln von Geist in die Tat hat nur dann Erfolgschance, wenn das Handeln beherrscht wird vom Primat der idee. Das ist kein nebuloses Schlagwort. Ueber allem, was wir tun und denken, wölbt sich die Idee, der große Gedanke, und persönliche Ambitionen, Sonderziele und vor allem Ressentiments treten, in den Hintergrund. Diese Grundmaxime ist Vorbedingung für den Erfolg. Warum ich alles dies hier anführe? Weil es ein wunder Punkt ist. Sounpersönlich unser Ziel ist, muß auch unser Weg sein. In der Republik kandidierten zu den heurigen Kongreßwahlen fünf Listen. Davon die Judenstaatspartei und die Liste Dr. Margulies, der seine Freunde unter dem Sammelnamen „Neinsager" zur Urne führte, worin unbedingte Ablehnung aller Teilungspläne zu verstehen sind. Auch wir führen einen klaren und offenen Kampf gegen die Teüung. Innerpolitisch sehe ich keinerlei unüberbrückbare Gegensätze, die sich zwischen uns erheben, zumindest nicht für eine gemeinsame Wahlplattform. Meint ihr nicht'auch, meine Freunde? Weder Dr. Margulies noch wir erreichten ein Mandat. Zusammen wäre uns das wahrscheinlich gelungen. Daß es zu diesem Zusammenschluß nicht gekommen ist, war ein Fehler. Verstehet: einen Wahlkampf, der zwar nicht erschütternd war (weder an Wucht noch an Planmäßigkeit), muß ein Erfolg beschließen. In der Sprache der Wahltechnik ausgedrückt, heißt das: Mandate. Daß die Voraussetzungen für den Erfolg nicht geschaffen wurden, der notwendig ist, da die Mandatsverteilung bei den Kongreßwahlen den Schlüssel für die Besetzung des Palästina-Amtes, der wichtigsten und bedeutsamsten Galuthorganisation, darstellt, war ein Fehler. Unseren Gegnern muß man — wenn man ihnen auch so manches absprechen kann — zubilligen, daß sie sehr mächtig sind. Ueberwinden, schlagen kann man sie nur durch Sammlung. Nicht aber, meine Freunde, durch Zersplitterung. Aussichtslos wäre solch ein Unterfangen. Der Judenstaatszionismus ist uns doch schließlich mehr als ein Sammelplatz unzufriedener Querulanten und verdrossener Außenseiter. Vergeßt das, bitte, nicht, Freunde. Das wäre ein Unglück. Der kleine Umfang unserer Bewegung bedingt noch nicht die Enge des geistigen Gesichtskreises. Wenn ich sage: Sammlung ist vonnöten, so ist dies nicht Bequemlichkeit oder „Prinzipienverwässerung", glaubt das nicht, Freunde, sondern eine Notwendigkeit wie Salz und Brot. Notwendig wie das Leben. Diese Kritik richtet sich nicht gegen einzelne. Sie wendet sich gegen eine bestimmte D e n k u n g sart. „Primat der Idee!". Prägen wir uns das ein und es wird besser gehen. Weiter: glaubt nicht, die Linken und die Allgemeinen aus dem Sattel heben zu können, indem ihr sie als Schwächlinge und Verwässerer der Ideologie bezeichnet oder als Dummköpfe. Das wäre ein Irrtum und ein verhängnisvoller noch dazu. Diese Gruppen — insbesondere unsere Gesinnungsgenossen auf der Linken — arbeiten. Für sie ist der Zionismus nicht nur ein Politikum, sondern für diese Gruppe existieren Probleme der palästinensischen Sozialpolitik, Volkswirtschaft, Erziehung, Industrie, Geologie, Volkskunde usw. usw. Das muß man sagen. Und ich will, daß man das auch von euch sagen kann. In zwei Jahren. * Die Züchtung politischer Besserwisser, die gleichzeitig fern jeder Realität stehen, ist keine konstruktive Tat, sondern der leichteste Weg zum Mißerfolg und auch der schnellste, glaubet mir, Freunde! Voraussetzung für. einen Sieg ist vergossener Schweiß. Kein bequemes Gesetz, aber eines, das nicht umgangen werden kann. Wir haben zu arbeiten. Vor allem an uns. Wir haben wieder zwei Jahre Zeit. Der Start war, meine Freunde aus der Republik, nicht glücklich. Menschen irren. Das ist richtig. Aber denkende Menschen lernen aus ihren Fehlern. Ich habe euch nicht entmutigen wollen. Wer so leicht den Mut verliert, gehört nicht zu uns. Der soll gehen. Wir haben zu kämpfen und dazu gehört Herz, aber auch Kopf, meine Freunde, Verstand und klare3 Denken. Und die Wahrheit muß jederzeit und offen gesagt werden, auch wenn manches, ich gebe dies zu, unangenehm klingt. Wahlen ♦ ♦ ♦ Motto: Es geht nichts über unser demokratisches Wahl- und Schekelsystem. Die Wahlen sind vorbei. Das Volk hat gesprochen. Der kleine Mann, der einfache Soldat hat seine Meinung kundgetan. Mit erdrückender Mehrheit marschieren wieder unsere Linken auf. Das Volk hat für sie entschieden. Glaubt der Uneingeweihte oder der Naive. Als ob in der Zionistischen Organisation das Volk überhaupt etwas zu sagen hätte! Wir wollen ja die Mehrheit der Linken nicht in Abrede stellen, aber ob die Wahlen ganz so ausgefallen wären, wenn man endlich einmal die Tücken des längst veralteten Systems abschaffen würde, das kann man wohl sehr bezweifeln. Was bedeuten schon diese Wahlen? Ein Rechenexempel, eine Kassamanipulation und nicht mehr. Und das ist eine Schande! Ich glaube nicht, daß man gut daran tut, diesen — gelinde gesagt — wunden Punkt zu vertuschen. So wird dieser Skandal nie aufhören. Es muß einmal darüber gesprochen werden. Solche Wahlen, wie sie heute in der Z. O. praktiziert werden, sind eine Beleidigung jedes demokratischen Fühlens, eine Augenauswischerei übelster Sorte. Und das muß gerade uns Juden passleren, die wir uns meist als Vorkämpfer der Demokratie betrachten und uns so viel auf sie einbilden! Als eine Gruppe des Zionismus sich vom demokratischen System abzuwenden schien, oh, wie wetterten da unsere braven Linken gegen diese „Führerprinzipien"! Und mit Recht. Denn die Z. O. ist ohne Demokratie undenkbar. Und da wir nun dieses eine Mai der gleichen Ansicht sind, wie wäre es, wenn wir den Kampf , gegen dieses undemokratische Wahlsystem (man kann es auch mit weniger Zurückhaltung, aber zutreffender das verlogene nennen) gemeinsam führen würden? Seht euch doch bloß mal so was an! Es ist eine Tragikomödie. Ja, man könnte sogar ein gutes Lustspiel darüber schreiben. Etwa: „Der Wähler X. hat es sich überlegt" und wählt daher die ersten fünfmal links, dann aber doch noch zweimal rechts. Und je nach Einstellung erinnert er sich dann noch, daß es vielleicht auch nötig ist, die religiösen Forderungen des Misrachi zu unterstützen und gibt auch ihm eine bis drei Stimmen. Lustig, nicht? So lustig, daß man darüber weinen könnte, wie tief wir Juden gesunken sind, wenn wir solch ein schändliches Theater spielen. Das geschilderte Beispiel mag etwas leraß sein, aber es bleibt eine unleugbare Tatsache, daß in Palästina von den Parteien haufenweise Schekel aufgekauft werden und dann einzelne, mit ihnen ausgerüstet, fünfzehn- bis zwanzigmal wählen. Als Identitätspapier genügt manchmal ein Brief, dessen Adresse auf den Namen des Schekelinhabers lautet. Die Partei, die mehr Geld hat, kauft mehr Schekel. Die Partei, die mehr Schekel kauft, hat mehr Stimmen. Wer mehr Stimmen hat, hat mehr Macht, und wer mehr Macht hat, hat mehr Geld. Und jetzt können wir mit dieser Kette von vorn beginnen. Das ist Palästina. Laut Aussagen von durchaus glaubwürdigen Personen soll der Wahlschwindel in anderen Ländern, besonders in den östlichen, noch ärger sein. Aber ich habe derlei persönlich nicht erfahren und will daher nicht darüber schreiben. Wir brauchen auch nicht so weit zu gehen. Bleiben wir nur ruhig mal in Prag. Da ging es auch ganz heiter zu. Erst mal die Propaganda! Wir verlangten seinerzeit das Verzeichnis der Schekelzahlcr, Und es kfm «o: Das große MakkabfrSportfest Aus Prag wird berichtet: Am Sonntag, den 4. Juli, wurde in zilina (Mittelslowakei) das m. Turn- und Sportfest des tschechoslowakischen Makkabi-Kreises eröffnet. 1900 Turner und Sportler sowie 2500 Gäste haben sich bereits angemeldet. Weitere 2500 bis 3000 Personen werden aus 2 i 1 i n a und der Slowakei erwartet. Aus Palästina ist eine zwölfgliedrige Delegation bereita in zilina eingetroffen. Verbindliche Anmeldungen langten aus Ungarn, Polen und Oesterreich ein. Der erste Tage des großen Sportfestes war den turnerischen Vorführungen gewidmet, die mit den allgemeinen Frei- und Geräteübungen ihren Höhepunkt erreichen. Montag, den 5. Juli, findet ein Tennis- Turnier statt, an dem u. a. die Wiener „Hakoah" teilnimmt; die Schwimmwettbewerbe und Wasserballspiele werden von der Prager Meistermannschaft des „Hagibor" beschickt sein. Zu dem Fest werden auch Abteilungen der Zilinaer Militärgarnison ausrücken. Da3 diesjährige Makkabl-Treffen ist die größte Veranstaltung der jüdischen Turn- und Sportbewegung in der Tschechoslowakei. Auf dem Sportplatz wird ein eigenes Postamt eingerichtet sein. Am Vorabend des Treffens findet ein Festkonzert statt. (J. T. A.) Erstens, wurde uns erwidert, haben wir es noch nicht; und zweitens geht das auch gar nicht, denn wir können ea nicht aus der Hand geben. Bravo! Einverstanden. Was stellt sich aber heraus? Die Vertreter der Linken kommen in die Ortswahlkommission mit den kompletten Listen der Schekelzahler. Sie haben laut diesen selbstverständlich ihre Propaganda-Flugzettel versandt. Nun? Wie kommt das? „Ja, seh'n Sie mal", wurde mir gesagt, „die haben es ja auch nicht bekommen. Es liegt bloß zur Einsicht bei uns auf und was die damit tun, das ist uns einerlei. D i e haben es eben abgeschrieben. Das konnten Sie ja auch." Tüchtige Kerle! Schreiben so mir nichts dir nichts bei der „Einsicht" gleichsam, en passant 2000 Adressen ab. Und ich dachte, man gibt die Verzeichnisse nicht aus der Hand! * Nun zurück zu den Wahlen! Also als Legitimation gilt der Schekel. Meinen Einwand, daß jemand zwei Schekel haben oder mit einem fremden Schekel zur Wahl kommen könne, lehnte der linke Vertreter in edler Entrüstung ab. Etliche solche Fälle bin ich bereit, vor dem, Kongreßgericht zu beweisen. Mein Antrag, den Kommissionsmitgliedcrn das Recht einzuräumen, Legitimationen zu verlangen, wurde ebenfalls abgelehnt; die Kommission werde von Fall zu Fall abstimmen. Wie sah das praktisch aus? So oft jemand von mir ersucht wurde)-sich zu legitimieren, erklärte eines oder das andere Kommissiosmitglied: „Ich kenne den Mann." Und jetzt beweisen Sie den Leuten was! Auch als ich von einem Jugendlichen einen Altersnachweis forderte, wollte der Vertreter der Linken abstimmen lassen und erklärte sofort spontan, er brauche keinen solchen Nachweis. Zum Glück hatte der liebe Junge irgendeine Legitimation. Sonst hätten die Herren abgestimmt. ~ Und dieses ganze Spiel nennt man demokratische Wahlen! O. A. F. Die Informatoren Von Otto A. Fischel „Vor den Kongreßwahlen" heißt der Leitartikel der letzten „Selbstwehr", welcher wohl ursprünglich eine informative Uebersicht der zionistischen Parteien geben sollte. Da aber der Autor, Herr Dr. Felix Weltsch, ein Allgemeiner ist und sich daher im Schlepptau der Linken befindet, ist die Sache etwas anders ausgefallen. Ueber seine eigene Partei, die Allgemeinen, kein Wort. Das würden wohl die Linken nicht gutheißen, Ueber die Einstellung der Linken erst recht nichts. Ueber beide wird in einem leichten, freundlichen Ton hinweggegangen. Schließlich kennt sich Herr Doktor Weltsch ja aus und weiß genau, daß es gleichgültig ist, ob man direkt die Linken oder deren, folgsame Trabanten, die Allgemeinen, wählt. Und wozu es denen sagen, die die Allgemeinen wählen, da sie sich heute noch einbilden, dies sei eine selbständige Partei mit einem eigenen Programm. Ueber den „Misrachi" schweigt man auch. Wozu auch sollte man tiefer auf die Probleme der Parteigrogramme eingehen, wenn sich's so gut auf der Oberfläche plätschern läßt. Und dann hat ja der Artikel auch ein anderes Ziel — das man bald merkt. Nämlich den Kampf gegen die Judenstaatspartei. Zuerst also stellt Herr Dr. Weltsch fest, daß der Kongreß „nicht bloß ein Jubiläums-, sondern auch ein Entscheidungskongreß" sein wird. O wie schade! Nicht bloß jubilieren werden Herr Dr. Weltsch und Genossen können, nicht nur sich gegenseitig beweihräuchern und auf die Gegner losziehen, nicht nur sich gegenseitig beglückwünschen. Man wird sogar ent« scheiden müssen. Und warum? Wer stört diese gottvolle Idylle? Die böse, böse Opposition. Alles war schon so gut

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