Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 669 (6.7.1937)
- Date
- 1937-07-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\ &&i4 I BIß NEUE WELT Nr. 66« vom 6. Juli 193T In Haifa werden Äch die zentralen Institutionen des jüdischen Staates befinden. Die Regierung wird folgende Ministerlen umfassen: 1. Für Enwanderung und Kolonisation; 2. für Arbeit; 3. für Verkehrswesen; 4. für innere Angelegenheiten; 5. für Finanzen; 6. für auswärtige Angelegenheiten; 7. für Sicherheitsangelegenheiten (Polizei und Militär). Der Vorsitzende der Regierung ist gleichzeitig Staatschef. Die Hauptstraßen, die den jüdischen mit dem arabischen Staat verbinden, sollen unter britischer Aufsicht stehen. Für die Erhaltung, Ausbesserung und Erneuerung haben die beiden Staaten zu sorgen. England hat das Recht, auf den Straßen militärische Posten zu unterhalten. Da befürchtet wird, daß in der ersten Zeit nach der Teilung Unruhen ausbrechen werden, wird jüdisches Militär in angemessener Zahl aufgestellt. Die jüdische "Legion wird unter der gemeinsamen Aufsicht des jüdischen Sicherheitsminsterums und des Stabes der britischen Militärbehörden stehen. Die Polizei — Offizierskorps und Mannschaft — wird voilständg jüdisch sein lind dem Sicherheitsministerium unterstellt. Zwischen dem jüdischen und dem arabischen Staat werden wirtschaftliche Abmachungen, insbesondere über den gegenseitigen Warenaustausch, getroffen. Eine noch ungelöste Frage ist die der P i c a- Böden in Transjordanien. Es ist möglich, daß diese Böden an den jüdischen Staat angeschlossen werden, wenn die Juden die Kolonisierung schnell vollziehen. Die Einwanderungsspolitik des jüdischen Staates soll planmäßig gestaltet werden: Im ersten Halbjahr sollen alle Chaluzim der landwirtschaftlichen Hachschara-Kibuzzim (mehrere zehnttausend) aus der ganzen Welt einwandern. Dann soll eine Alija der Facharbeiter folgen, später eine Kapitalisten-Alija. Die Kontrolle der jüdischen Einwanderung wird vollständig in den Händen der jüdischen Regierung liegen. Der Hafen von Haifa wird, wie erwähnt, zum jüdischen Staat gehören. Auch der Hafen von Jaffa soll unter jüdischer Aufsicht stehen, doch sollen dort den Arabern besondere Rechte eingeräumt werden. Gaza wird jüdischer Hafen ohne besondere Rechte für die Araber. T e 1 - A v i v soll das Handels- und Industriezentrum des jüdischen Staates ssin, Haifa das administrative Zentrum und die Hauptstadt. Der Abschnitt des Emek Sebulun, der als Industriezone vorgesehen war, soll zum größten Teil ein britisches militärische« Zentrum werden. Alle Kolonien in der Küstenebene sollen landwirtschaftliche Siedlungen sein, der Orangenexport soll die Vorzüge des Imperial Preference System genießen. Natania wird ein großes städtisches Zentrum und mit einem Kranz von Kurorten umgeben. Der Kreis von Natania soll in ein Zentrum des Weinbaues und der Gemüsezucht umgewandelt werden. Jüdasdi*arabisdier Bodenaustausch Es soll die Möglichkeit geboten werden, arabischen Bodenbesitz innerhalb des jüdischen Territoriums und umgekehrt im Laufe von fünf bis sechs Jahren auszutauschen oder gegen Geldentschädigung zu übernehmen. Die im jüdischen Gebiet verbleibenden Araber werden trotzdem Bürger des arabischen Staates. Sowohl der jüdische wie der arabische Staat werden Mitglieder des Völkerbundes. * So weit der Bericht der hebräischen Zeitung „Haboker". Man merkt schon allein am Schluß, der von „Mitgliedern des .Völkerbundes" spricht, daß sich hier viel Widerspruchsvolles befindet. Man kann der Ansicht führender politischer Kreise in London entnehmen, daß es vorläufig nicht zu weitgehenden Aenderungen in Palästina kommen wird. Jede Teilung des Landes hätte die Abschaffung des Mandats zur Voraussetzung, der Kolonienminister Ormsby-Gore hat erst kürzlich gelegentlich einer Debatte im englischen Unterhaus erklärt, daß von einer Annullierung des Mandats nicht die Rede sein könne, daß er hingegen Aenderungen auf dem Gebiet der Einwanderung, des Bodenkaufs und der Verwaltung befürworte. Unter Berücksichtigung dieser Umstände lassen sich die "Richtlinien der künftigen britischen Palästina-Politik nicht klar erkennen. Was Amerika erwarfef Aus New York wird berichtet: Die 40. Jahrestagung der zionistischen Organisation Amerikas fand in einer von 2000 Personen besuchten Kundgebung in der Carnegie Hall ihren Abschluß. Neben anderen Rednern sprach auch Senator Wagner, der u. a. erklärte: „Großbritanniens Verpflichtungen gelten nicht gegenüber den Juden allein. Bs hat im Namen der Demokratie einen Vertrag für kommende Generar tionen unterzeichnet. Nur dadurch, daß es dieser Verpflichtung nachkommt, kann Großbritannien dem Vertrauen, das man Ihm schenkt, gerecht werden. Amerika hat ein Recht, dies zu erwarten." Die Kundgebung wurde ferner vom New-Yorker Bürgermeister Fiorello H. La Guardia und von Doktor Bwuzkm Mossinsohn begrüßt. Die österreichischen Kongreßwahlen Seitens der Hauptwahlkommission steht bei Blattschluß der Bericht Uber das endgültige Ergebnis noch aus. Der Ausgang der Wahlen zum XX. Zionistenkongreß hat zweifellos bei einzelnen zionistischen Gruppen keine Befriedigung ausgelöst. Denn hätten diese mit dem bisherigen Stand der Machtverhältnisse gerechnet, wäre ihnen eine Wahl ebenso wie den Herzl- Zionisten als überflüssig erschienen und sie hätten sich Viel Aufregung und Aerger erspart. Den Herzl-Zionisten, dem , .Nationalen Block" (Zionistischer Landesverband Oesterreichs und Judenstaatspartei) unterzukriegen, ist dem Binjan Haarez, der linken Arbeiterpartei, nicht gelungen. Die Attraktion der Linken als der herrschenden, Geld und Posten und Zertifikate vergebenden Partei war nicht stark genug, um den patriotischen, blau-weißen Zionismus ohne Farbenbeimischung in Oesterreich aus dem Sattel zu heben. Die Herzl-Stadt Wien hat ihre ruhmreiche Tradition bewahrt. Mehr als 56 Prozent der Wähler haben für diejenigen gestimmt, welche Herzls Erbe, den „Judenstaat unterwegs", hüten. Der Verband der Judenstaatszionisten betrachtet es für sich als Zeichen zionistischer Disziplin, daß er unter den gegebenen Verhältnissen das Wahlübereinkommen mit den B- Zionisten des Landesverbandes getroffen, den Nationalen Block für die Kongreßwahlen geschaffen hat. Binjan Haarez hat, wie gesagt, die Wiener jüdische Gasse nicht erobert. Er hat seine zwei Mandate ins Trockene gebracht, die ihm auch ohne Wahlgang zugefallen wären, und vor der Oeffentlichkeit deklariert, daß trotz aller günstigen Voraussetzungen seine Erfolgchancen begrenzt sind. Der zionistische Wähler läßt sich nicht täuschen. Es gibt Gott sei Dank bei ihm noch so etwas wie Selbstachtung, denn wenn sich in Oesterreich von rund 10.000 Wählern mehr als 6000 öffentlich zur Opposition gegen das gegenwärtige Regime bekannt haben, so will das mehr bedeuten als eine Wahlziffer. Die Herzl-Stadt Wien hat durch die Kongreßwahlen dokumentiert, daß es noch so etwas wie selbständiges zionistisches Denken und Opferfähigkeit gibt; daß es Zionisten gibt, die den Ausdruck ihrer patriotischen Gesinnung dem Sitzen an der Krippe vorziehen. Die häßliche Seite dieses Wahlkampfes bestand zum Teil darin, daß das wahlwerbende „Arbeitende Palästina" erwiesenermaßen durch Mitglieder seiner Organisation den Versuch unternahm, einen Wahlschwindel größeren Umfanges durch Schekelfälschungen zu organisieren. Der Schwindel gelang nicht gänzlich. Die letzte Entscheidung über dieses Manöver wird das Kongreßgericht fällen. Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheit wird sich zweifellos die Ansicht durchsetzen müssen, daß das Schekelsystem reformbedürftig ist. Dem M i s r a c h i war kein Erfolg beschieden. Er hätte zweifellos eine größere Stimmenanzahl erhalten, wenn seine organisatorischen Bemühungen größer gewesen wären. Aber der nationalreligiöse Gedanke ist im Judentum so stark, daß hier nicht mit Stimmenquanten gerechnet werden muß. Wenn diese Betrachtung sich, jetzt erst, mit der Liste der Allgemeinen Zionisten A beschäftigt, so geschieht dies aus einer großen Hemmung heraus. Die A-Zionisten der Weltvereinigung (an deren Spitze Präsident Dr. Chaim Weizmann steht), d. s. die gewesenen Radikalen (Adolf-Stand-Klub) und Verein allgemeiner Zionisten), haben — man kann es ohne Verletzung der Wahrheit agen — im Stimmen-Wettbewerb keine Rolle gespielt. Nur der Koppelung mit der Linken haben die einstigen Linksfresser vorläufig ihr Mandat zu verdanken. Herzl-Wien hat ihnen eine Antwort gegeben, die sie sich hoffentlich merken werden. Der offizielle Zionismus mit dem Präsidenten Weizmann als Weltwahllisten-Führer hat es in Wien auf nicht mehr als 12 Prozent der Stimmen gebracht. An sich wäre dieses Resultat keiner besonderen Beachtung wert. Wähler kommen und gehen. Wähler sind Stimmungen ausgesetzt. Dem fluktuierenden Wählerelement ist, soweit es ihm an einer fundierten Weltanschauung fehlt, nicht zu trauen. Aber diesmal wurde versucht, dem zionistischen Wähler mit ästhetischen und gesellschaftlichen Mätzchen beizukommen. Die Weizmann-Liste versuchte sich schmackhaft zu machen, indem sie ihre Wahlflugzettel mit dem Bild des Herrn Dr. Goldmann schmückte, in der Voraussicht, daß angesichts solch eines Porträts der Andrang der zionistischen Wähler zur A-Urne nicht werde bewältigt wer* den können. Noch pikanter stand es um die Verwendung des Namens unseres Präsidenten Dr. Weizmann. Da Dr. Weizmann, wie die Wiener Zionisten wissen, verhindert war, den Londoner Verhandlungen beizuwohnen, weil er in Meran weilte, und verhindert war, der A.-.C.-Sitzung in Jerusalem beizuwohnen, weil er in London weilte, konnte er nach diesem beliebten Rezept und in Wahrung seiner altehrwürdigen splendid isolation nicht persönlich den österreichischen Kongreßwähler bitten, ihm die Stimme zu geben. Zum Glück haben wir in Wien eine Presse; eine Presse, in der man auch anderes anzeigen kann als einen Schuhrestenverkauf: eine nichtjüdische Presse, in der nicht nur um mildtätige Gaben gebeten wird. Diesen Um- Staad nützten die Allgemeinen in der Weise aus, daß sie ihren Spitzenkandidaten im „Wiener Tag" um di« Stimmen der Wiener zionistischen Wähler bitten ließen. Das Inserat, das in der Sammlung zionistischer Kuriosa einen Ehrenplatz verdient, sieht folgendermaßen aus: Zionisien! Schekelzahler! Prof. Chaim Weizmann Präsident der Zionistischen Weltorganisation bittet euch heute (i.Juii) für den XX. Kongreß seine Liste zu wählen: 4 Weifvereinigung Allgemeiner Zionisten Lisi enführer: Dr. Nahum Goldmann Dr. Leopold Plaschkes (Stimmzettel von 17 bis S2 Uhr vor den Wahllokalen) Die Wendung ins Tragikomische ist vollzogen. Der Wiener pflegt zu sagen: „Höher gehts nimmer." Der Weizmann-Kongreß kann beginnen. Die Wahlen in Ziffern Zahlen vor definitivem Abschluß Prozent- Stimmen Mandate salz Nationaler Block (Zionistischer Landesverband und Judenstaatsportei)....... 6007 4 56 Binjan Haarez (Arbeltendes Palästina) ......... 3800 2 25 Allgemeine Zionisten (WeltVereinigung) ........ 1319 I 12 Misrachi .........744 0 1 insgesamt . . 10.870 100 Judenstaatlev! Ein kurzer, aber intensiver Kongreß wahlkam pl ist von euch siegreich bestritten worden. Das „Arbeitende PaläStin a", das ausgezogen ist, um zu beweisen, daß die Mehrheit der österreichischen Zionisten auf ihrer Seite ist, muß feststellen, daß gerade das Gegenteil der Fall ist. Trotz der Schwindeleien ist es Binjan Haarez nicht gelungen, einen Stimmenzuwachs zu verzeichnen. Die Allgemeinen A, die sich zusammengeschlossen haben, um einen großen Erfolg zu erringen und mit der Bitte Dr. Weizmanns (siehe „Der Wiener Tag" vom 1. Juli) und der Spitzenkandidatur Dr. Goldmanns arbeiteten, haben einen wesentlichen Stimmenverlust zu verzeichnen. Es hat sich also wieder einmal gezeigt, daß die Mehrheit der österreichischen Zionisten gegen die Teilung des Landes und gegen Klassenkampf in Ercz ist. Ihr, Judenstaatler, habet nicht wenig zu diesem Erfolg beigetragen. Allen, die unserer Liste „Nationaler Block" geholfen haben, gebührt an dieser Stelle der Dank, insbesondere natürlich unseren braven Freunden In der Provinz, die wieder in der ersten Reihe der Kämpfer für unsere hohen Ziele standen. Nach dem Kongreß wird die Aufgabe aller Judenstaatler sein, das Ergebnis dieser Kongreßwahlen organisatorisch zu verwerten, zum Wohle des Judenstaatszionismus. Verband der Judenstaatszionisten Oesterreichs Oberbaurat Ing. Robert Stricker Obmann R l-m.m, * Das Programm des XX« Ziomstenkongtesses Die Zionistische Exekutive hat soeben das Programm des XX. Zionistenkongres3es bekanntgegeben, Danach soll der Kongreß nicht länger alszwölfTage dauern und sich in erster Reihe mit den auf der Tagesordnung stehenden politischen Fragen beschäftigen. Man erwartet, daß an dem Kongreß, der Dienstag, den 3. August, um 8 Uhr abends in der Züricher Tonhalle eröffnet wird, 500 Delegierte teilnehmen werden. Präsident Dr. Chaim Weizmann wird den Kongreß mit einem Referat über die politische Lage eröffnen und hierauf einen Nachruf auf Dr. Nahum S o k o 1 o w halten. Nach der Festsetzung der formalen Tagesordnung des Kongresses wird die Generaldebatte Uber das Referat Weizmanns stattfinden. Man hofft, daß die Schlußsitzung bereits am Samstag, den 14. August, wird abgehalten werden können. Anläßlich des 40jährigen Jubiläums des Kongresses wird in der Basler Kasinohalle, wo im Jahre 1897 der erste Kongreß stattgefunden hat, am Sonntag, den 8. August, eine Feier stattfinden. (J, T. A.)-