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Die neue Welt · 1937-07-02 · Heft 668 (2.7.1937) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 668 (2.7.1937)
Date
1937-07-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 668 vom 2. Juli 1937 DIE NEUE WEM Seite 5 R UNilgtnAII S66f Cid ll^OmQ.d.M. Weltanschauung und Ge§diäft Die nazistische Gleichschaltung bezieht sich natürlich auch auf die Länder außerhalb Deutschlands. Alle großen reichsdeutschen Unternehmungen haben ihre jüdischen Vertreter im Ausland entlassen und gegen arische ausgetauscht. So verlangt es das Regime, so verlangt es die Weltanschauung. Volksnutz geht vor Eigennutz, und wenn dabei alles zum Teufel gehen sollte. Alles ... Oder doch nicht alles? Das kleine Litauen ist ein interessanter Boden. Auch hier jagten die reichsdeutschen Firmen ihre jüdischen Vertreter davon und ersetzten sie durch arische, auf gute Geschäfte hoffend, zumal das litauisch-deutsche Handelsabkommen für Deutschland sehr günstig war. Aber es zeigte sich, daß der deutsche Export nach Litauen bedeutend zurückging. Die Ursache war bald gefunden. Die deutschen Firmen stellten fest, daß ihre arischen Vertreter nicht imstande waren, die Verbindung mit der jüdischen Handelswelt, der Warenvermittlerin, herzustellen. Der litauische Absatzmarkt war in Gefahr. Es galt, ihn zu retten. Da entschlossen sich zahlreiche deutsche Firmen, auf Wotan zu pfeifen und wiederum jüdische Vertreter einzustellen, zum Wohl des Vaterlandes ... Spiele nidit mit Schießgewehr Seit Bestand des Wauchope-Regimes wird in Palästina ein lebhafter Handel mit Waffen getrieben. Araber kaufen und verkaufen Gewehre vor den Augen der Polizei. Man sitzt im Kaffeehaus, zeigt die zu verkaufenden Waffen, verhandelt laut' vor den Gästen und den Hütern der Ordnung. Das ist allgemein Usus, niemand regt sich darüber auf. Da diese Waffen bekanntlich zur Verübung blutiger Terrorakte benützt werden, muß man die Duldung des Handels als besonderes Entgegenkommen gegenüber den Arabern bezeichnen, die mit dem Schießgewehr spielen, das geladen ist. Denn ungeladen verliert es an reellem Wert Wir sind nun einmal Schwärmer für Tausendundeine Nacht, für die Romantik des Orients, und rufen nicht zur Beseitigung dieser Waffentransaktionen auf. Anders steht es um diese Romantik, wenn man aus dem Organ des Großmufti ,,A1 Liwa" erfährt, daß die palästinensischen Regierungsbehörden in der letzten Zeit bei der Bevölkerung — selbstverständlich der arabischen — Gewehre aufkaufen. Die Polizei zahlt 5 Pfund pro Flinte und 2 Pfund pro Revolver. Die Käufe werden systematisch betrieben: Sonderagenten der Polizei bereisen das Land, um in den Dörfern Waffen aufzukaufen; wahrscheinlich auch Waffen," die von den Arabern aus dem Polizeidepot gestohlen wurden .... Und da soll noch jemand sagen, daß die palästinensische Regierung nichts zur Pazifizierurig des Landes beiträgt. Der Geist ist willig, aber das Der Penklub ist eine internationale literarische Vereinigung, und so oft auf seinen Kongressen irgendeine Kulturresolution auftaucht, entsteht eine Spannung. Die Schriftsteller, die im rein ästhetischen Raum harmonisch an einem Tisch geblieben sind, bekommen rote Köpfe, wenn eine Frage aufgeworfen wird, die das — Politische berührt. Heute ist' die Lage die, daß es auch bei literarischen Zusammenkünften ohne politischen Anschauungsunterricht nicht abgeht. Bei der Tagung des Internationalen Penklub- Kongresses, der soeben in Paxns geschlossen wurde, protestierte man (unter anderem auch) gegen die Verfolgung der Juden in einer Reihe von Staaten. Das ist jetzt Usus. Es gibt gewisse Kongresse (Minderheiten, Völkerbundligen, Konfessionen), bei denen sich ein freiheitlich gesinntes, zu Kulturverpflichtung gedrängtes Mitglied findet, das ehrlich und laut gegen Verbrechen, die an einzelnen Menschengruppen verübt werden, protestiert und zur Abhilfe aufruft. Gewöhnlich wird er unterbrochen... Das gehe den Kongreß nichts an... man dürfe sich nicht in die Verhältnisse, fremder Staaten einmischen. In Paris war diesmal der hebräische Penklub durch die zwei bedeutendsten Dichter, Jehuda Steinberg und Saul Tschernichowsky, vertreten. Es ist klar, daß diese zwei Männer als Vertreter des jüdischen Volkes ihre Stimme erhoben. Sie riefen die polnischen Schriftsteller, ihre Kollegen, zum Protest gegen die polnischen Judenverfolgungen auf. Ein natürlicher Vorgang. W i rv allerdings, denen das Weltbild nicht durch literarisch-kulturell-humanitäre Verpflichtungen verdunkelt ist, haben nicht viel Hoffnung auf einen Erfolg dieses Appells. Leider sind es in den gemeinten Ländern zumeist die Schriftsteller, die zum unmenschlichen Regime schweigen, wenn nicht gar ja sagen. In Deutschland haben wir es krass genug erlebt. Wir fürchten, daß es in Polen nicht besser sein wird. Die gut gemeinten Appelle pflegen meist literarische Ergüsse zu bleiben. Beim Penklub-Kongreß tut man freiheitlich, kulturgeneigt, verantwortungsbewußt. Zu Hause aber hat man alle guten Vorsätze vergessen und geht mit der Macht. Mag sie noch so finster sein ... Der völkerverbindende Film Wieder eine — internationale Sache: Filmkongreß in Paris! Diesmal bekömmt der Kongreß einen pikanten Beigeschmack. Es gibt eine „Internationale Filmkammer" in Berlin, die der Einberufer des Filmkongresses ist.« Und diese Berliner Filmkammer hat den Verband der holländischen Filmproduzenten eingeladen, am Pariser Kongreß teilzunehmen und der Internationalen Filmkammer beizutreten. Der holländische Verband hat die Einladung aus Berlin abgelehnt. Er wird sich am Filmkongreß nicht beteiligen. Nichtbeteiligungen an Kongressen sind nichts Seltenes: technische Schwierigkeiten, Mangel an Zeit für Vorbereitung u. a. ... Hier liegt aber die Sache anders. Der holländische Verband hat nicht nach einer Ausrede gesucht. So wie viele ausländische Universitäten abgelehnt haben, zur Universitätsfeier nach Heidelberg zu kommen — mit der Motivierung, daß sie als Vertreter der Wissenschaft nicht ein Land besuchen wollen, wo Wissenschaftler ihrer Rassezugehörigkeit wegen verjagt werden, so hat der holländische Filmverband den Berliner Herren seine Meinung gesagt: „Die Tatsache, daß die Filmkammer ihren Sitz in einem Land hat, in dem die Filmindustrie nicht frei ist und Menschen wegen ihrer Rasse und Abstammung vom künstlerischen Schaffen ausgeschlossen sind, bedeutet ein Hindernis für internationale Zusammenarbeit." Man muß sagen: Nobler kann der Abscheu vor der neudeutschen Gleichschaltung nicht ausgedrückt werden — seitens der artverwandten arischen Holländer. Hier kann man deutscherseits nicht mit der Fabel von den „Greuelmärchen" operieren. So taten die Holländer. Anders ist's anderswo. Anderswo rennt man der Berliner Filmkammer nach, ist glücklich, wenn man ein freundliches Lächeln und ein wohlwollendes Klopfen auf die Schulter abbekommt und Wenn ein paar tausend eingefrorene Mark hereinrollen. Ja, ja, die Kulturverbundenheit! Ein umstrittenes Plagiat In Deutschland gibt es zur Zeit einen pikanten Prozeß. Zwei konkurrierende Musikverleger streiten um den Besitz des „Horst-Wessel-Liedes". Beide wollen diese schöne nationalsozialistische Stäatshymne verlegen. Der eine Verleger behauptet, alle Rechte seien ihm von Horst Wessels Erben übergeben worden; der zweite Verleger will beweisen," daß hier von Autorrechten keine Rede sein könne, da das Horst- Wessel-Lied ein Plagiat sei, und er ruft das Gericht zur Entscheidung an. Und das Gericht entscheidet. Es erklärt, daß der- Dichterkompohist die musikalischen und textlichen Motive des Liedes gestohlen habe; die Hymne sei abgelauscht dem „Fischer und sein Liebchen", der „Seefahrt in Afrika", dem „Mann, der in seine Heimat reisen wollte". Die Hymne sei ein Plagiat, und zwar ein miserables Plagiat, da sie aber in der jetzigen Fassung mit einer bestimmten Stimmungsabsicht gesungen und einen politischen Charakter bekommen habe, könne man sie als Originalwerk ansprechen. Wir wollen uns nicht darüber unterhalten, ob der Richterspruch in Ordnung geht. Das deutsche Gericht hat das Recht, die Zusammensetzung gestohlener Teile als E i g e n w e r k zu bezeichnen, nachdem es einmal festgestellt hat, woher diese Teile kommen. Die deutschen Richter kennen deutsches' Dichter- und Musikergut. Sie haben erklärt, daß gewisse Motive bekannten deutschen Liedern und Texten entnommen sind* Aber eines läßt sich nicht bestreiten*. Die reizende Strophe „Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's uns doppelt gut" ist kein Plagiat eines deutschen Dichterkomponisten. Diese Wendung entstammt nicht älterem deutschen Gut. Sie ist neudeutsch, nationalsozialistisch, hakenkreuzlerisch. Sie ist die Fanfare des Dritten Reiches. In diesem Punkt liegt'kein Plagiat vor. Da wird kein Nazi mit sich spassen lassen. Mag alles" mögliche am Horst-Wesel-Lied zusammengetragen sein: die Strophe vom spritzenden Judenblut ist unverkennbar nazistische Marke. Haus Sonneck Är*" In zentraler sonnigster Lage, mit prächtiger Aussicht und allem Komfort. Neu renoviert. Mäßige Preise. Näheres auch IX., Porzellangasse 5, Tür 9 Redhfsliille für luden - „moralischer Landesverrat Aus Berlin wird gemeldet: Das Hamburger Sondergericht hat zwölf Tage langgegen den Rechtsanwalt Dr. Konrad Bäsch aus Hamburg verhandelt, dnr als der beste Steuer- und Devisenspeziali.it der Hansastadt gilt. Er stellte seine Fähigkeiten auch in den Dienst jüdischer Klienten und mehrfach gelang es ihm, jüdische Bürger vor vollkommen ungerechtfertigten Steuerforderungen zu schützen. Auf Grund dieser Tatsachen wurde Baach verhaftet und unter Anklage gestellt. Das Gericht erkannte auf drei Jahre Gefängnis, da man es mit einem „moralischen Landesverräter" zu tun habe. Damit ist neben den bisher bekannten Kategorien des versuchten und vollendeten Landesverrats in die hitlerdeutsche Justiz noch der Begriff des lI(m o r a 1 ischen Landesverrats" eingeführt worden: Wer Juden, die ungerechtfertigten Steuer- und Devisenforderungen unterworfen werden, Rechtshilfe leiht, begeht ein schwer zu bestrafendes Verbrechen. (J. T. A.) Deutsche Juden dürfen nicht nach Paris Aus Pario: Durch eine Verordnung des Innenministers ist es deutschen Juden praktisch unmöglich gemacht worden, die Pariser Weltausstellung zu besuchen. Mit Ausnahme sehr wichtiger geschäftlicher Reisen wird kein Sichtvermerk an Juden erteilt, dagegen kommen zahlreiche nationalsozialistische Funktionäre nach Paris. Die französischen Behörden ydisches Kinder-Ferienheim vATiD€ Spital am Semmering (820 m) Inhaber und pädagogischer Leiter: A. T A C L I C H T Modernst Rituell Erstrangig Ständige ärzll. Kontrolle. Glänzende Erholiingserfolge. Äriterefarenzen SEKRETARIAT: Wien IX, SchwarzspanEerstraOe 12 Telephon A-26-3-73 haben sich mit diesem Sachverhalt bereits beschäftigt. Dem „Petit Parisien" zufolge ist ein Meinungsaustausch im Gange. Die französische Regierung hat der Reichsregierung nahegelegt, die Frage noch einmal zu überprüfen, unbeschadet des Rechtes der deutschen Souveränität, Bestimmungen über die Ausreise der Staatsangehörigen zu treffen. Die Diskriminierung der Nichtarier wird von den französischen Stelle/i als höchst bedauerlich betrachtet. Der „Petit Parisien" schließt seine Mitteilung mit den Worten: „Alle freien Geister werden dringend wünschen, daß die deutsche Regierung ihre Entscheidung revidiert." Gegen das Alte Testament Aus Berlin: In einer Berliner Rektorenkonferenz wurden folgende Richtlinien für den Religionsunterricht aufgestellt: «1. In der Grundschule darf keine Geschichte aus dem Alten Testament durchgenommen werden. 2. Das Judentum darf nur in den beiden oberen Schuljahren historisch behandelt werden. 3. Die zehn Gebote sind das mosaische Gesetz, daher ist es nicht notwendig, sie zu lernen. Bergsoii zur katholischen Kirche übergetreten Aus Prag (J. T. A.j: Die Zeitschrift „Tribüne J u i v e", Straßburg, bringt die Nachricht, daß der berühmte französisch-jüdische Philosoph Henri Bergson, der im 78. Lebensjahr steht, zum Katholizismus übergetreten ist. Wie mitgeteilt wird, ist es dem Professor des katholischen Instituts in Toulouse, G o r c e, gelungen, diese aufsehenerregende Bekehrung durchzuführen. Professor Gorce soll Bergson auf Grund seiner eigenen Schriften nachgewiesen haben, daß die geistige Konsequenz seiner Philosophie der Uebertritt zum katholischen Glauben sei. Bereits vor einem Jahre waren in der Presse Meldungen erschienen, daß Bergson zur katholischen Kirche übergetretonsei. In einer Erklärung an die J. T. A. hatte Bergson damals diese Mitteilungen als unrichtig bezeichnet* Goga besucht Hitler und Mussolini. Aus Bukarest: Der Führer der antisemitischen Christlichnationalen Partei Rumäniens, Octavian Goga, hat sich über Einladung des jugoslawischen Ministerpräsidenten Stojadinövic nach Belgrad begeben. Nach seinem Besuch in Jugoslawien wird Goga nach Italien und Deutschland reisen, wo er von Mussolini und Hitler empfangen werden wird,

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