Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 668 (2.7.1937)
- Date
- 1937-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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.Seite 4 ME NEUE WELT Nr. 668 vom 2. Juli 1Ö37 3 * BERGHAM, 1.1 SiMS^SLLmmm HIMME'.PFORTG. 5 KÖLLNERHOFQÄSSE 1 Große Auswahl vnd Kinder-Wäsche, Weiß, waren, Bettwäsche, Strick- und Strumpfwaren usw.usw. in Hörrert-Modewaren, Hemden, Unterhosen, Pyjamas, Dressinggowns, Trikot-Wäsche, Damen- Kleine Preise Gegen die Denunzianten I se:t geraumer Zeit betreiben das Organ der „Union Österreichischer Juden" und seine Hintermänner dos verachtetste politische Gewerbe: Angeberei! Was sich zionistisch und jUdischnational betätigt und was nicht ins Horn der „Union" stoBen will, wird bei den Behörden und vor der Öffentlichkeit als „antipatriotisch" und „irreligiös" verdächtigt. Den Höhepunkt erreichte diese sprukeliose Kampagne in der berüchtigten Eingabe der „Union" än die österreichische Regierung und den Wiener Bürgermeister, in welcher die Auflösung des Kultusvorstandes mit zionistischer Majorität gefordert wurde, und in der nachfolgenden Kultuswahl. Und jetzt wird weiter denunziert. Das letzte Opfer abscheulicher Angeberei ist ein von seinen Vorgesetzten als hervorragend qualifizierter jüdischer Rellglonslehrer und Redakteur einer Jugendzeitschrift. Der Herr, welcher übrigens parteipolitisch nie hervorgetreten ist, wurde beim Stadtechulrat und bei der Vaterländischen Front so niederträchtig denunziert, daß seine Entlassung, d. h. die Vernichtung seiner Existenz, seitens der Behörden in Erwägung gezogen wurde. Wir geben hiemit dem Opfer des Systems der Verdächtigung das Wort. In eigener Sache Von Dr. EmiV Lehmann In der Wiener jüdischen Wochenschrift „D i e Wahrheit" ist vor einigen Monaten ein Angriff gegen die Zeitschrift „Jüdische Jugend" erschienen, die vom Jüdisch-kulturellen Elternbund herausgegeben wird und für die ich, nicht bloß im Sinne des Preßgesetzes, die Verantwortung trage. Ich habe es unter meiner Würde gefunden, auf die darin enthaltenen Denunziationen überhaupt izu reagieren. Nun ist vor kurzem eine neuerliche Angeberei übelster Art erfolgt, die mich zwingt, aus der Reserve herauszutreten. In Nummer 23 vom 11. Juni d. J. veröffentlicht nämlich die „Wahrheit" unter dem Titel „Jüdische Jugend?!" einen Artikel aus der Feder eines Herrn, der sich in den vermeintlichen Schutz der Anonymität begibt und der sich als „Hortator" zu einem eigenartigen Mahner in Fragen der österreichischen Vaterlandsliebe und der jüdischen Religiosität aufspielt, um „Eltern und alle verantwortungsbewußten Juden" zu warnen. Was bildet nun das Substrat solcher Warnung? „Hortator", dem durch „Zufall" die Mainummer der „Jüdischen Jugend" in die Hand geraten ist, vermißt darin eine Würdigung der Verfass ungsfeier sowie der vaterländischen Einrichtung des Muttertages. Diese Ausstellung wird in einer solchen Form gebracht, daß sich hieraus implicite der Vorwurf mangelnder vaterländischer Einstellung ergibt. Das war denn auch der Zweck der Uebung. Denn dieser Aufsatz der „Wahrheit" ist maßgebenden amtlichen Stellen — von wem, bleibe dahingestellt — mit dem Bedeuten in die Hände gespielt worden, daß hier der handgreifliche Beweis für eine völlig unpatriotische Haltung dieses Blattes gegeben sei und damit auch eine ebensolche für die Oesinnung des Schriftleiters der „Jüdischen Jugend". All diese Schlußfolgerungen reduzieren sich im gegenständlichen Falle auf folgenden Tatbestand: Die „Jüdische Jugend", deren Erscheinungstermin jeweils in die zeitliche Nähe der Festtage gerückt wird, ist im Monat Maiam Vortage des Schawuoth-Festes erschienen. Das war am 14. Mai d. J. Somit war der aktuelle Anlaß zur Würdigung des Verfaasungstages am 1. Mai sowie des Muttertages am 9. Mai, schon vorüber. Nur aus diesem und keinem an d e r en Grunde ist die beanstandete Unterlassung zu erklären. Merkwürdig doch aber, daß „Hortator'', der daraus, wenn auch unausgesprochen, so doch, der Zeitschrift mangelnde patriotische Gesinnung vindiziert, es geflissentlich übersieht, daß in der gleichen Nummer ein ausführlicher Artikel über Kaiser Franz Joseph und die Juden enthalten ist, ein Aufsatz, in welchem auf schönste österreichische Tradition hingewiesen wird. Desgleichen findet in derselben Nummer das heimatkundliche Moment durch clie Veröffentlichung österreichischer Judensagen eingehende Berücksichtigung. Damit erledigen sich wohl alle Unterschiebungen von selbst. Gegenüber all den denunaiatorischen Ausstreuungen, die wir nun seit vielen Monaten erleben haben müssen, sei hier ein für allemal festgestellt, daß die Zeitschrift die Pflege des vaterländischen Interesses zu ihren Leitprinzipien zählt. Im Sinne solcher Zielsetzungen sind denn auch zu wiederholten Malen entsprechende Veröffentlichungen erschienen. Dieses Prinzip bleibt auch für die künftige Gestaltung des Blattes richtunggebend. In seinen weiteren Ausführungen findet „Hortator", daß zwar sogar am Beginn auf die Bedeutung des JBchowuauafcstes in schönen» aber spärlichen Worten hingewiesen, keinesfalls aber den Inhalt dieses großen Festes eingehend und genau der Jugend dargelegt wurde". Hiezu sei einmal festgestellt, daß eine jüdische Jugendzeitschrift kein brieflicher Fernunterricht in Religion ist und daß man doch annehmen müßte, daß im jüdischen Religionsunterricht eine eingehende und ausreichende Belehrung Uber dieses Fest erfolgt Ist. Klar ist wohl, daß in einer jüdischen Jugendzeitschrift eine W U rd i g u n g des Festgedankens am Platze ist, nicht aber eine nochmalige und darum überflüssige Verarbeitung des in der Schule bereits gebotenen Wissensmaterlals. „Doch halt!" Beim Weiterblättern bemerkte „Hortator" „noch etwas Uber das Wochenfest in dieser Nummer, und zwar in der Rubrik „Blick auf Erez Israel". Was ich allerdings dort zu lesen bekam, so schreibt er, hat mich aufs tiefste erschüttert. Mich allerdings hat die Verantwortungslosigkeit und Leichtfertigkeit mehr erschüttert, wie ein Mensch es zuwege bringen kann, unbeschwert von aller Sachkenntnis, Schlüsse auf die religiösen Verhältnisse in Palästina zu ziehen und sich zu der wohl frivolen Behauptung zu versteigen, daß „hier mit diesen unjüdischen Dingen im Wege der Jüdischen Jugend' Schule gemacht wird". Der Aufsatz, der zu solcher Verdächtigung Anlaß gibt, ist dem Hefte „Das jüdische Jahr" entnommen, das in der Reihe der jüdischen Lesehefte erschienen ist, die im Auftrage der Reichsvertretung deutscher Juden herausgegeben wurden. Kein Geringerer ist nun Präsident dieser Reichsvertretung als der Berliner Oberrabbiner Dr. Leo B a e c k, dessen Persönlichkeit wohl hinreichende Gewähr dafür bietet, daß „hier nicht mit unjüdischen Dingen Schule gemacht wird". Worum geht es nun in diesem Aufsatz? Um eine Schilderung des Chag Habikkurim, des Festes der Erstlinge, das im modernen Palästina zu neuem Leben erweckt wurde und das am zweiten Tage"des Schawuothfestes stattfindet. Dieser zweite Tag wird in Erez Israel, anders als bei uns, nicht mehr als Feiertag begangen, sondern ist dort ein Werktag, welcher der Feier des Festes der Erstlinge gewidmet ist. Das ist der wahre Sachverhalt, durch den sich alle von „Hortator" gebrandmarkten Feiertagsyerletzungen im Zusammenhange mit dieser Veranstaltung als völlig gegenstandslos erweisen. „Hortator" hätte gut daran getan, sich genau zu informieren, was es mit diesem Erntefest für nähere Bewandtnis hat. Bei seinem sonst so ausgezeichneten Kombinationsvermögen hätte er wohl auch daran denken können, daß die gesetzestreue jüdische Bevölkerung Palästinas im anderen Falle bei der Durchführung eines solchen Massenfestes schon nach dem Rechten gesehen hätte, ohne erst auf die Ermahnungen eines Wiener „Hortators" angewiesen zu sein. Soweit die Angelegenheit der Zeitschrift, deren Gesamthaltung ich der objektiven Beurteilung der Oeffentlichkeit getrost überlasse. Hiebei will mir gegenüber den Warnungen eines anonymen „Hortators" die Tatsache bedeutungsvoll erscheinen, daß erst vor kurzem Oberrabbiner Dr. Taglicht in einer Sitzung der Unterrichtakommission für das Wesen und Wirken der „Jüdischen Jugend" so schöne Worte der Anerkennung gefunden hat. Und nun noch eine persönliche Bemerkung. Der in Rede stehende Artikel der „Wahrheit" bildete ein entscheidendes, inzwischen aber schon durch neue Denunziationen überholtes Argument in einer Verleumdungskampagne, die seit vielen Monaten gegen mich bei amtlichen Stellen geführt wird. Von Personen, die mich die Gleichartigkeit beruflicher Beschäftigung als „Kollegen" zu bezeichnen zwingt, bin ich der Vaterländischen Front als unreligiös und vaterlandslos angegeben worden. Ich wäre unrdigiös und meine Ansprachen in der Synagoge würden der religiösen Durcharbeitung entbehren. Ich Wüßte nicht, welch schwererer Vorwurf gegen einen Religionslehrer überhaupt noch erhoben werden könnte. Was das Sachliche dieser Anschuldigungen betrifft, so widerstrebt es mir, in eine Entgegnung oder gar Rechtfertigung auch mich hur einzulassen. Wer mich kennt, meine Lebensanschauung und Lebensführung, der weiß wohl darüber genau Bescheid, was von solchen Ausstreuungen zu halten ist. Inwiefern meine Synagogenreden eine religiöse Durchdringung vermissen ließen — dies zu beurteilen muß ich wiederum der Oeffentlichkeit überlassen, vor allem aber den jüdischen Kompetenzen, die dazu berufen sind, über das religiöse Leben' in unserer Gemeinde sowie über die Führung der jüdisch-religiösen Jugenderziehung zu wachen. Hinsichtlich meiner staatsbürgerlichen Haltung kann ich nur erklären, daß ich mich durchderartige Denunziationen von meinem ehrlichen und nicht konjunkturbestimmten Patriotismus nicht abbringen lasse. Für mich ist die unverbrüchliche Treue der jüdischen Menschen zum Staate, zu Oesterreich, eine Selbstverständlichkeit, die, weil sie ehrlich ist, keiner besonderen Betonung bedarf und die sich schon aus der religiösen Forderung des Judentums ergibt, dem Staate mit dem Einsatz aller Kräfte ergeben zu sein. Dieses Vaterlandsgefühl der jüdischen Menschen habe ich unter anderem in einer Rede aus Anlaß des Staatsfeiertages am 1. Mai d. J. im Pazmanitentempel besonders betont und mit allem Nachdruck hiebei hervorgehoben, welch inniger Zusammenhang uns österreichische Juden mit dem Schicksale unseres Staates verknüpft und wie sehr wir allem Wohle und Wehe des Staates verbunden sind und es bleiben. Diesen Worten habe ich nichts Weiteres hinzuzufügen. AUS ALLER WELT Im Juli trifft das erste jüdische Schulschiff der betarischen Marineschule in Civltavecchia, »Sarah I", in «.Saloniki ein. Es wurde ein Empfaiigskomitee unter dem Vorsita des Oberrabbiners Dr. Zwi Koretz gebildet. Dem Komitee gehören zahlreiche jüdische und nichtjüdlsche Persönlichkeiten, unter ihnen der Hafenkommandant Kliris und der stellvertretende Kommandant, Kapitän Pyliaros, an; die Exekutive besteht aus den bedeutendsten jüdischen Schiffahrtsagenten von Saloniki unter dem Vorsitz des japanischen Konsuls, Edwin Saltiel. Die „Sarah I", ein Geschenk von Herrn und Frau Kirschner in Paris, ist Eigentum des Brith Trumpeldor. »Sie ist ein Viermaster von 1000 Tonnen und fährt unter französischer Flagge. Fünfzig jüdische Jugendliche werden auf ihr unter dem Kommando von Kapitän Halpem ausgebildet. * Der Verband der polnischen Luftfahrt- Ingenieure hat in einer Versammlung mit 45 gegen 7 Stimmen bei 9 Stimmenthaltungen beschlossen, daß Juden oder Personen jüdischer Abstammung dem Verband nicht angehören können. Gegen die Einführung des Arierparagraphen sprachen sich in der Debatte mehrere Ingenieure, durchwegs Offiziere, aus. 4 In letzter Zeit haben sich eine Reihe k u t h o l is c h e r Kirchengemeinden in den Vereinigten Staaten der Anti-Nazi-Boykottbewegung angeschlossen. Die große katholische Kirchengomeinde des Hl. Nikolai in New York, die 6000 Mitglieder zählt, hat ihre Anhänger aufgefordert, sich an dem Boykott deutscher Waren und an der Aktion gegen die nationalsozialistische Propaganda in den Vereinigten Staaten zu beteiligen. * Der Generalsekretär des Obersten Arabischen Ausschusses und Führer der Mufti-Partei, Dschemal «1 Hussein!, der die arabische Propagandaaktion in London geführt hat und sich gegenwärtig auf der Rückreise nach Jerusalem befindet, wird in Rom von Mussolini empfangen werden. * Zahlreiche jüdische Institutionen in Warschau, die auf ihren Häusern Aufschriften in polnischer und jiddischer Sprache angebracht hatten, sind von den Behörden aufgefordert worden, die jiddischen Aufschriften zu entfernen. Anläßlich des zweiten Todestages von Cliaim Nachman B i a l i k hat die Leitung des „Brith Iwrit Olamit" einen Aufruf veröffentlicht, in dem alle „Tarbut"« Verbände aufgefordert werden, am 29. Juni, dem Todestage des Dichters, Trauerakademien zu veranstalten, die der hebräischen Kultur und Dichtung gewidmet sein sollen. Neuer jüdischer Abgeordneter im englischen Parlament Aus London: Bei der Nachwahl in Cheltenham ist der Bürgermeister dieser Stadt, Daniel L. Lipson, als Kandidat der Unabhängigen Konservative n ins Unterhaus gewählt worden. Daniel Lipson, der Jude ist, bekleidet clie Würde des Bürgermeisters bereits während der zweiten Amtsperiode. Er wurde 1886 in Sheffield geboren, studierte in seiner Heimatstadt und an dem Corpus Christi College in Cambridge und übte von den Jahren ,1914 bis 1935 den Lehrberuf aus. Dem Stadtrat von Cheltenham gehört er seit 1929, dem Grafschaftsrat von Gloucestershirc seit 1935 an. Er ist der erste Jude, der zum Bürgermeister von Cheltenham gewählt wurde. Abg. Lipson ist auch Vorsitzender der Völkerbundliga von Cheltenham. Verband der Judenstautszionisten, Sektion XIII—XIV EllllSdUIIS zu dem am Samstag, den 8. Juli, stattfindenden G A R T E N F E S T in der Restauration „Grün", Wien XVI, Hellgasse Nr. 7 Als Einlagen: Mundi Hausknecht, H. Lang,M.Polnau usw. Straßenbahnlinien: C, J, 9, 48 Eintritt S 1.20 / Beginn 8 Uhr / Ende 2 Uhr