Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 666 (25.6.1937)
- Date
- 1937-06-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 666 vom 25. Juni 1937 Das Itoik des kadeu SMafes Zum erstenmal wird in dem Roman „Das Volk des harten Schlafes" das Schicksal jenes seltsamen Chazaren Volkes dargestellt, das im 8. Jahrhundert unter einem jüdischen Feldherrn seine gefährlichsten Feinde, die Araber, besiegte und ein Riesenreich im heutigen Süd rußland gründete. Es sind die Chazaren. die zum Juden tum Ubertraten und fast ein Vierteljahrtausend hindurch in glanzvoller Größe lebten und ihr Reich mit vorbild licher Toleranz gegenüber allen religiösen und nationalen Minderheiten verwalteten. Oskar Baum, der bedeutende, in Prag lebende Dichter, baut in diesem Roman die verschiedenen Ge danken- und Gefühlsrichtungen innerhalb des Judentums auf, indem er in den Mittelpunkt der buntbewegten Hand lung den Grundkonfiikt des jüdischen Lebens stellt: Dient man Volk und Gott besser durch Duldung als durch Auf lehnung, besser durch Hoffnung auf Gott als durch eigenes revolutionäres Tun? Großartig ist die Klarheit des Werkes, über raschend der wunderbare Ausklang, der uns in unsere Tage zurückführt. Vision und Tagesschicksal — das sind die Pole, die ein Stück Weltgeschichte in dramatischer Steigerung umspannen. Oskar Baum bewährt sich in seinem jüngsten Roman „Das Volk des harten Schlafes" (Verlag R. Löwit. Wien) als Schriftsteller ersten Ranges Wir veröffentlichen im nachstehenden eines der letzten Kapitel, worin sich nach dem grandiosen Aufstieg der Chasaren der Zusammenbruch ankündigt und die Erzählung bereits aus dem Romanhaften ins Historischbedingte übergeht. Vor dem Zornausbruch Leos III,, genannt der Isaurier, des riesigen Mannes, der immer noch so grob und klug war wie einst als einfacher Soldat, bogen sich und brachen nicht nur die goldenen Tischchen und Stühle um ihn her, an die seine Fäuste gerieten; es erzitterte das weite mächtige römische Reich, ja es brach in Stücke, da der Papst in Rom sich dem Kaiser nicht fügen wollte. Ströme Bluts flössen, Elend, Jammer und Verwüstung gab es, weil der Kaiser es nicht mehr dulden mochte, daß Bilder, überall Bilder und Ge stalten von Stein und Holz göttlich verehrt und an gebetet wurden: Bilder des Kreuzes, des Hirten, des Lammes, des Fisches, der Palme, der Taube, des Phönix, des Schiffes. An den Wänden der Wohnungen, auf den Gräbern, auf den Straßen, auf allen Geräten waren sie zum Schutz gegen böse Mächte gemalt. Er mochte es nicht mehr dulden, daß sich alle vor den Holzgestalten der Heiligen in den Staub warfen, ihnen ihre. Kinder in die Arme legten, um sie gegen Krank heiteri zu feien, das Gold von ihren Sockeln, ihren Rahmen kratzten und aßen, um ihres Segens sicher zu sein, sie in kostbare Gewänder kleideten, mit Zierrat und Geschmeide behängten, ihnen auf Wallfahrten Geschenke darbrachten wie einst ihren Göttern die Opfer. Diesen Kampf für die Macht des Unsichtbaren und die Macht des Kaisers führten nach dem Tode Leos sein Sohn noch gewaltiger und erbitterter und dessen Nachfolger und die Erben immer weiter. Er wütete hundert Jahre mit Folter, Mord, Brand und Bann. Und doch siegte der Papst mit dem weitaus größten Teil der Geistlichkeit, die an dem vom Heidentum Uebernommenen unnachgiebig festhielten. Es war nicht vornehmlich die hellenische Lust am sinnenfrohen schaubaren Erfassen des Gedachten; wenn diese tief im Volk verwurzelten alten Bräuche wegfielen, befürchtete man, würde sich die christliche von der jüdischen Lehre nur durch Erkenntnisse und heilige Vorstellun gen unterscheiden, über die die Gelehrten stritten. Was begriffe der einfache Mann davon? Die Geistlichkeit erkannte die ungeheure Anziehung, die der jüdische Glaube in allen Ländern des verfallenden Heidentums übte, wie ja das chasarische Beispiel nun besonders warnend erwies. Vielleicht konnte es sich von da aus über die Nachbarstaaten verbreiten! Die jüdische Religion war nicht belastet mit der Verantwortung der Macht. Die Regierenden taten nicht ihr Unrecht im Namen dieser Religion. Und die inbrünstige Gottverbundenheit der unterdrückten jüdischen Menschen mit ihrer strengen Gesetzestreue und Sittlichkeit lockte eben durch den Gegensatz die der genußfrohen, leichtfertigen Trieb- und Naturanbetung Entwachsenden. Im unfaßbar groß gewordenen Riesenstaat Rom, fernen unbekannten Gewalten ausgeliefert, wie im immer verwickeiteren Gesellschaftsgefüge abhängig von ungreifbaren und unlenkbaren Bewegungen, fühlte man einen unsichtbaren Gott immer mehr als den rechten Weltlenker. Und besonders wenn er, ganz dem Leben hier zugewandt, Regelung, Lohn und Strafe des immer schwierigeren und ungerechten Alltags nicht in ein nebelreiches Jenseits verschob. In allen Staaten vom Mittelmeer bis zur Nordsee, wo das Christentum durch kluge Anpassung an tiefverwurzeltes Denkgut, an Bräuche und Sitten zur Herrschaft gelangte, sehen wir durch mehr als tausend, ja durch fünfzehnhundert Jahre diese verzweifelte Abwehr aller Werbekraft der vom Heidentum unberührt gebliebenen jüdischen Lehre. Alle vergleichenden und verteidigenden Schriften, alle öffentlichen Diskussionen werden verboten, dann überhaupt alle jüdischen Schriften vernichtet, jeder Umgang mit Juden als Sündeerklärt, mit allen Mitteln der Verleumdung und Verhöhnung werden sie rechtlos und schutzlos gemacht; und als auch das nicht hilft, werden sie vertrieben und verbrannt. Zur gleichen Zeit, als die Söldner des Kaisers von Byzanz in die Flammen angezündeter Klöster zu den Heiligenbildern ihre Anbeter, die Mönche, warfen, als der Kaiser des anderen Römischen Reiches im Westen den tapferen Heiden im Sachsenland die Köpfe abschlagen ließ, weil sie der Taufe widerstanden, gab es in der Hauptstadt des einzigen Reiches, in dem das Judentum herrschte, 30 Moscheen, nicht viel weniger Kirchen, Türme der Feueranbeter, Tengrychan- Tempel... Doch diese überlegene sittliche Haltung inmitten einer Welt der rohen Gewalt war zu sehr von Gefahren umdroht. Trotzdem beschäftigte sich die beste Jugend immer weniger mit dem Kriegshandwerk und immer mehr mit dem Studium der Lehre und ihrer Auslegung, mit den Traktaten der alten Weisen und mit den aufregenden dunklen Zaubervorstellungen in den jungen Schriften, die von den Juden aus den islamitischen Ländern kamen, oder aber mit Verbesserung des Ackerbaues, der Viehzucht und der Handelsstraßen. Auch zersplitterte und bewegte sie sehr der Streit zwischen den Karaim und den Talmud-Getreuen, von fern vergleichbar mit dem siebenhundert Jahre später in der christlichen Kirche ausbrechenden Streit zwischen Katholiken und Protestanten. In das Heer und die Garde stellte man fast nur mehr gemietete Söldner ein. Aus dieser Zeit der Blüte, der Macht und Größe des Reiches, das nachher so lange versunken und vergessen blieb, ist uns ein handschriftliches Zeugnis erhalten. Unter den Juden im fernen Spanien war durch Reisende, die sich überall in der Welt herumgetrieben hatten, die Nachricht aufgetaucht, die verloren geglaubten zehn Stämme Israels oder — wie andere behaupteten — der Stamm Schimeon allein, habe im Osten ein mächtiges Reich aufgerichtet, ein Bollwerk für das verfolgte Judentum der ganzen Welt. Nur eine bange, schüchtern gewagte Hoffnung zitterte durch die oft getäuschten Herzen. Sollte man der Nachricht trauen? Und selbst wenn sie wahr war, wie sollte man in so unendliche Entfernung, über die Gefahren von Meer und Land hinweg, durch unbekannte Gegenden und wilde Völker hindurch, Verbindung mit dem Reich der Brüder anknüpfen? Da fand einer der Vornehmen der Gemeinde einen Weg, ein gottesfürchtiger und gelehrter Mann, der es unter den Großen der Welt zu nicht geringem Ansehen und Einfluß gebracht hatte, der erste Minister Abdul Rahmans des Dritten, des Kalifen von Cordova; Chasdai ibn Schaprut. Der Kalif gestattete ihm, einen Boten als Gesandten des Hofs, mit dem Siegel der Regierung auf seinem Brief, an den Hof des fernen Königs der Chasaren zu senden. Trotz den Schwierigkeiten, die Byzanz dem Boten in. den Weg legte, da man dort ein Bündnis zwischen den Chasaren und dem arabischen Staat befürchtete, kam der Bote, nach drei beschwerlichen Jahren der Reise, in Atel an. Die Antwort des Chakan (Kaiser) Josef an seinen Cfiaubensbruder im maurischen Land, mit der der Bote SIEGM. KORNHEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX.. Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-3* Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für -^"Flegscn unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. <► Kultusgemeiiide Wien 1 _ Autozustellung kostenlo» :: Ix., Berggasse 15 ✓ XVIII., Währlngerstr. »7 { glücklich wieder in Cordova eintraf, dieser Brief voll Herzlichkeit und liebevoller Ausführlichkeit ist es, der, sich erhalten hat. Er gibt Aufschluß über Ausdehnung, Machtfülle und Einrichtungen des Staates, über Beschäftigung und Wohlstand des Volkes, über die Ahnenreihe der Könige und vieles andere in der Klarheit und Gelassenheit eines Mannes und Volkes auf der Höhe gesicherten Erfolgs. Chakan Josef konnte nichts von dem Verhängnis ahnen, das ihn und sein Volk bald darauf erwartete ... # Immer hatten die Reiterheere der Chasaren, aucK zur Zeit des vorletzten Chakan Aharon unter den sieggewohnten, vielgefürchteten Feldherrn Pessach, die Völker ringsum, die Byzanz gegen sie aufhetzte, vernichtend geschlagen. Aber durch die lange Ruhe nach den Siegen kriegsentwöhnt, nur von gemieteten Söldnerheeren verteidigt, unterlag das Reich den junganstürmenden wilden Russenstämmen. Noch dauerte es Jahre, Jahrzehnte, ehe die Horden des Volkes Herr wurden. Und da es sich nicht bekehren lassen wollte, wurde es nicht auf seinem Boden belassen. Die Chasaren weigerten sich, wie andere Völker um der Heimat, der Ruhe, des Wohlergehens willen, sich einen andern Glauben, eine andere Weltanschauung, eine andere Sittlichkeit aufzwingen zu lassen. Sö wurden sie vertrieben und zerstreut wie einst das Volk, mit dessen Glauben, Weltanschauung und sittlichem Ernst sie nun auch sein Schicksal übernommen hatten. Und unter dem Druck der gleichen Verfolgung, Heimatlosigkeit und unverbrüchlichen Gottestreue verschmolzen sie völlig und ununterscheidbar miteinander. Hatte nun Menahem Recht gehabt, als er voraussah, daß diese Zeit von Glanz und Größe der jüdischen Lehre bei einem Volke fremden Blutes vom Schicksal des Judentums abgleiten würde, als wollte man einen1 Becher Oel in einen übervollen Krug Wassers gießen-? Au&steMukp (uMstiueksisthu Uhoias Wie bei den Palästina-Filmen, die bisher hier 'zu sehen waren (dem harten und nüchternen „Avodah", dem sentimentalen „Sot hi Haarez" und dem pathetischen „Land der Verheißung"), so ist auch gegenüber Palästina-Photos unsere Einstellung von Sentiments berührt. Das Gefühl tieferer innerer Verpflichtung zU all dem, was uns die Photographien bringen, klingt mit, ja das Bewußtsein unbegrenzter Verantwortung für; all das, was „dort unten" geschieht. Darum haben die Photographien, die jetzt im Kunstsalon Würthle zu sehen sind, zunächst einmal die Funktion, unsere Vorstellung von Erez Israel zu korrigieren — nach der guten und schlechten Seite hin; unsere Befangenheit gegenüber den täglichen und selbstverständlichen palästinensischen Dingen schwinden zu machen, unser* Urteil allmählich zu objektivieren. Es gibt zwei Aussteller: I. Gal-Ezer und Z. K 1 u g e r. Der erste ist Amateur, der zweite Berufsphotograph. Einen Unterschied zwischen beiden in bezug auf die Güte der Lichtbilder wird man schwerlich finden. Man kann nur sagen, daß I. Gal-Ezer; die Dinge mehr von der improvisatorischen Seite anpackt, während Z. Kluger dem Geheimnis der Bildwirkung bewußt nachgeht. Beide Photographen meiden das Gestellte. Niemals hat man den Eindruck, als fühle sich das Objekt vom Photographen belauscht. Und beide arbeiten im breiten Stil, meiden das Zufällige. Sie wollen das jüdische Palästina einfangen, wie es lebt und schafft und ruht und in der glasigen Sonnenluft atmet: Mensch, Tier, Architektur und das Meer und die Düne... Gal-Ezer lehrt uns u. a. Daganjah und Hule kennen, Z. Kluger bringt die Frau Palästinas in ihrer Vitalität und Unbekümmertheit. Bewunderswert das Verständnis für die Lichtverhältnisse, die den Dingen in der Natur erst ihren Sinn geben, Tel-Aviv und die Haifa-Bucht (Z. Kluger) und der orangenpflückende Jude (Gal-Ezer) sind Blätter, die man nicht so leicht vergißt. Schönheit und Wehmut ruhen auf den Bildern, und man wird für ein paar Augenblicke stolz auf ein Werk, das die schöpferische Kraft des Judentums bezeugt. Darin liegt der propagandistische Wert der Ausstellung. o. r. -X" Montag, den 21. Juni, wurde die Ausstellung der palästinensischen Photos im Kunstsalon Würthle, I., Weihburggasse 9, eröffnet.