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Die neue Welt · 1937-06-22 · Heft 665 (22.6.1937) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 665 (22.6.1937)
Date
1937-06-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 665 vom 22. Juni J937 DIE NEUE WELT Seite 5 Der Mordprozeß in Brest'LilowsIt Der achtzehnjährige Wolf Szczerbowski zum Tode verurteilt Als der Polizeioffizier Kedziora in Brest- Litowsk beim jüdischen Fleischer Szczerbowski rituell geschlachtete Kälber konfiszieren wollte, brach ein Streit aus, in dessen Verlauf Kedziora den Fleischer durch einen Schuß verletzte, worauf der Sohn des Fleischers namens Wolf den Kedziora erstach. Hierauf begann der schreckliche Pogrom. Am 16. Juni fand der Prozeß gegen Wolf Szczerbowski statt. Da im. Prozeß. Chatzkelewicz, welcher eine Woche vorher ia Warschau stattfand, Staatsanwalt und Richter g.egen das Judentum hetzten, befürchtete man in Brest-Litowsk das gleiche. Doch verhielten sich diesmal die Funktionäre politisch einwandfrei. Nachstehend der Bericht: Der Prozeß gegen den achtzehnjährigen Schlächterssohn Wolf Szczerbowski, der wegen Ermordung des Polizeioffiziers Kedziora zum Tode verurteilt wurde; nahm nur einen Tag in Anspruch. Im Gegensatz zu dem Prozeß Chatzkelewicz hatte der Staatsanwalt diesmal nicht versucht, die jüdische Gesamtheit oder einen Teil der jüdischen Bevölkerung für die Tat des Angeklagten Verantwortlich zu machen. Auch die Versuche des Vertreters der Privatbeteiligten, des berüchtigten nationaldemokratischen Anwalts Kowalski, dem Prozeß eine allgemein judenfeindliche Wendung zu geben, blieben erfolglos. Der Gerichtshof ging lediglich auf die persönliche Schuldfrage ein. Ebenso vermied es der Verteidiger, Rechts- . anwait Gabriel L e w i n aus Warschau, das jüdische Moment in die Verhandlungen hineinzutragen. Der nationaldemokratische. Anwalt Kowalski, der eine entgegengesetzte Taktik verfolgte, mußte vom Vorsitzenden wiederholt aufgefordert werden, sich auf den Verhandlungsgegenstand zu beschränken. -Der Staatsanwalt Gozdzik lehnte es ausdrücklich ab, .alle. Juden in diesen Kriminalfall hineinzuziehen. Er versicherte dem Gerichtshof, daß er mit ebensolcher Schärfe gegen die Schuldigen an dem Pogrom vorgehen werde, sobald es dazu kämmen wircl. Für die a u ß e r o r d.e n 11 i c he Erregung, .<3ic unter der jüdischen Bevölkerung anläßlich des Prozesses herrsohte, war es.-bezeichnend, daß ein unbedeutender Zwischenfall bei dem- Eintreffen der \ national demokratischen Anwälte — ein jüdischer ..Emwohncr geriet mit einem Christen in Streit — zu einer allgemeinen Panik führte. Zahlreiche j ü d i s c h e L ä d e n wurden sofort geschlossen. Andererseits verbreitete sich in den späten Nachmittagsstunden das Gerücht, Szczerbowski sei nur z u y i.e r Jahren Gefängnis verurteilt worden. Daraufhinrotteten sich Gruppen in den Straßen Zusammen " und begannen die Schaufenster j ü d i s c h e r G e 's c h äf t e z u z e r t r ü m m e r n. Die Läden wurden sofort geschlossen. Die Polizei stellte die' Ordnung bald wieder her und forderte die jüdischen Geschäftsinhaber auf,. die Läden wieder zu öffnen. Abends herrschte in der Stadt vollkommene Ruhe. ...... Nach Verlesung der Anklageschrift bekannte sich der Angeklagte auf Befragen des Vorsitzenden schuldig. Er machte einen verwirrten Eindruck. Bei ,dem nachfolgenden Verhör wurden sechs Zeugen über den Streit zwischen dem getöteten Polizisten und dem ^Angeklagten (und seinem Vater vernommen. Der national.demokratische Anwalt Kowalski versuchte, -Aron den Zeugen Aussagen herauszubekommen, wonach der Mord an Kedziora schon vor längerer Zeit von mehreren Juden geplant gewesen sein sollte. Diese immer wiederholten Bemühungen des Anwalts blieben vollständig ergebnislos. Der Angeklagte Szczerbowski antwortete auf eine Frage Kowalskis, er habe niemals den Talmud studiert; er habe bloß allgemeine Volkschulbildung genossen .und . nie. eine jüdische Schule besucht. Wie 'es zu der Tat gekommen sei, könne er sich selbst heute nicht mehr erklären. Er habe ohne Ueberlegung zum Mesesr gegriffen und zugestochen. Nach der Tat habe er sich drei Tage lang in einem Keller verborgen gehalten, da er Furcht davor hatte, sich während der Unruhen der Polizei zu stellen. Im Laufe der Verhandlung wurde festgestellt,, daß Szczerbowskis Mutter selbst das Versteck des Mörders angegeben-hat. Aus den Zeugenaussagen ging weiter hervor, daß der Vater des Angeklagten, der durch einen von Kedziora unmittelbar iüNO'PROGRAMME $ <f" Uli! ES nC M Von 10 Uhr vorm. bis 7 Uhr abends DIE LEBENDE ZEITUNG A - 49 - 0 00 NÜr'/t8 Uhr und l/410 Uhr abends ■ Es sescliati zu Silvester nach dem Anschlag abgegebenen Schuß am Bein verletzt wurde und jetzt aus Furcht vor einem Attentat Brest-Litowsk mit unbekanntem Ziel verlassen hat, in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Ermordet-m gestanden hat. Er pflegte ihm selbst vertrauliche Mitteilungen über Fälle illegalen Schächtens zu machen, bei denen kedziora dann eingriff. Zwei höhere Polizeibeamte sagten aus, daß die Familie Szczerbowski in Unterweltskreisen sehr bekannt sei. Es gebe in ihr Zuhälter und auch der Angeklagte habe Beziehungen zu Prostituierten unterhalten. Staatsanwalt Gozdzik begründete seinen Antrag auf Verhängung der Todesstrafe damit, daß eine Besserung des Charakters Szczerbowskis von keiner noch so langen Freiheitsstrafe zu erwarten sei. VERBAND DER JU0ENSTAATSZ10NISTEN Samstag, den 3. Juli 1937 SantHtecpacteHfest atn li&ftdatdUtUüg^l (Hauptallee) Programm: Trude Roth, Hilde Dlliitzkaja Eugen Hoffmann u. a. Tanzkapelle: fuks' wiffy vexers Beginn 9 Uhr abends Reglebeitrafl S 1.50 Wieder eine Hetzrede im polnischen Sejm Aus Warschau: In der Sejm-Debatte über den vom Senat zu den Statuten des „Pilsudski-Kulturfonds" eingebrachten Zusatzantrag, der vorsieht, daß die kulturellen Institutionen der nationalen Minderheiten in Polen durch den Fonds nicht subventioniert werden sollen, hielt General Zieligowski, der Eroberer von Wilna, eine scharfe antisemitische Rede. Zieligowski erklärte, die Juden seien ein Volk mit hochentwickelter eigener Kultur, die sie den anderen Völkern aufzudrängen suchen. Sie hätten das> ganze Kapital des Landes an sich gerafft; man brauche .daher .ihre kulturellen Institutionen nicht zu unterstützen. .Er schlage vor, daß alle Minoritäten in Polen, außer den Juden, aus den Mitteln des Kulturfonds gefördert .werden.. Er erklärte, die Juden, .müßten aus Polen evakuiert werden, weil es für sie im Lande keinen Platz gebe. Er schlug die Schaffung eines Sonderfonds für die Evakuierung der Juden vor. Hiefür sollen spezielle Steuern eingeführt werden. . Der jüdische Abgeordnete Dr. Sommerstein erklärte: Wir vverden uns nicht aus Polen austreiben lassen. Es ist wahr, daß wir eine hochentwickelte und alte Kultur besitzen, aber wir drängen sie niemandem auf. Wir Juden wex'den unter allen Umständen für unsere Rechte kämpfen. Die christliche Abgeordnete Frau Pelczyn.ska yerlangte die Ablehnung des Zusatzantrages. Der „Pil- . sudski-Kulturf onds" müsse das Symbol des friedlichen und harmonischen Zusammenlebens aller National itäten in Polen sein. Schließlich nahm der Sejm den Zu- . satzantrag des Senats, die Kulturinstitutionen der nationalen Minderheiten aus dem „Pilsudski-Fonds" nicht zu unterstützen, mit Stimmenmehrheit an. Untermyer fordert antipolnischen Boykott Aus New York (J. T. A.): Die 20. Tagung des Verbandes der polnischen Juden in Amerika, an der zahlreiche Delegierte teilnahmen, hat eine Resolution angenommen, in der die zivilisierte Welt aufgerufen wird, gegen die Judenverfolgungen in Polen zu protestieren. Der bekannte amerikanische Rechtsanwalt und Präsident der amerikanischen unparteiischen Liga gegen Nationalsozialismus, Samuel Untermyer, erklärte in seiner Rede, daß ein antipolnischer Boykott imstande wäre, den Judenverfolgungen in Polen ein Ende zu machen. Untermyer forderte die Vereinigten Staaten auf, die Beobachtung der Minderheitenverträge bei1 sonstigem Abbruch der diplomatischen und Händelsbeziehungen zu Polen zu verlangen. Er schlug weiter vor, daß die Aktionen des Verbandes der polnischen Juden in Amerika und des Joint Distribution Commlttee koordiniert werden sollen. Die christlichen Redner auf der Konferenz betonten, daß Amerika die Mitverantwortung für Einhaltung der Minderheltenverträge trage. 5po4-j4fe&üf s39.- Stiä^HtanH, Zatotsit. ÜB Pressesfinimeii zum Palästhtaproblem Wer hat den Tellungsplan angeregt? In der „Zionistischen Woche" (der Warschauer jiddischen Zeitschrift der Allgemeinen B-Zionisten) schreibt deren Londoner Korrespondent E; Sosnowitsch u. a.: „Die einzigen Instanzen, die naturgemäß am besten wissen sollten, was hinter den Kulissen vorgeht: Die Leiter der zionistischen Exekutive und die Beamten des Kolonienministeriums, erklärten offiziell, daß sie gar nichts wissen, daß all die Nachrichten nicht von ihnen stammen und daß, solange die Kgl. Kommission nicht ihren Bericht veröffentlicht hat, niemand wissen kann, wie die kommende politische Richtlinie der englichen Regierung bezüglich Palästinas beschaffen sein wird. Allerdings darf man nicht vergessen, daß jede politische Nachricht in einer englischen Zeitung, auch wenn sie sich als falsch erwiesen hat, mit irgend einer Absicht verbunden ist. Man spricht davon, daß die letzten Nachrichten bezüglich der Teilung Palästinas, von den offiziellen Kreisen der zionistischen Exekutive mit voller Zustimmung Prof. Weizmanns inspiriert wurden. Die erste diesbezügliche Nachricht befand sich im Organ der englischen Arbeiterpartei „Daily Herald". Der Redakteur für jüdische Angelegenheiten in dieser Zeitung ist der bekannte jüdische Publizist Eastermann, und es ist ein offenes Geheimnis, daß Eastermann sich bezüglich aller Palästina-Fragen und der zionistischen Politik mit den offiziellen zionistischen Führern in London bespricht und in engem Kontakt mit Prof Weizmann steht. ' Als Grund, warum die offiziellen zionistischen Führer die Nachrichten von der Teilung Palästinas lanciert haben, wird angegeben, daß sie die Öffentliche Meinung gegen das Projekt mobilisieren wollten, bevor noch die Kgl. Kommission in ihrem Bericht die Teilung empfohlen habe. Diese Taktik hat sich, wie es heißt, als zweckmäßig erwiesen. Laut meinen Informationen, wird die Kgl. Kommission die Teilung nicht empfehlen, und •etwaige Bemerkungen, zu dieser Frage werden von'der Regierung nicht berücksichtigt, werden..,. , Zum Schluß heißt es: „Wehn die offiziellen zionistischen Führer wüßten, daß in der Frage der Teilung Palästinas bereits ein Beschluß der englischen Regierung .vorliege, , würdensie keinesfalls solch eine. entschieden negative Stellung hiezu bezogen haben. Die zionistischen Führer wissen aus Erfahrung, daß, falls die englische Regierung sich zu etwas entschlossen hat, keine Proteste nützen und das geschieht, was London will..." Eine Kompromißlösung^ Im offiziellen Organ der österreichischen Regierung, „Wiener Zeitung", wird das Schicksal Palästinas in einem umfangreichen Aufsatz von dem Gesichtspunkt aus behandelt, daß England seine Entscheidung weder vom jüdischen Recht noch von der arabischen Argumentation abhängig machen werde. Es heißt ü. a.: „Die zionistische Weltorganisation hat die jüdischen Massen in der ganzen Welt, für dio große Aufgäbe vorbereitet, in Palästina das National Home, das jüdische Nationalheim, zu errichten. Sowohl die Balfour-iDeklaration als auch das Mandat besagen im wesentlichen nichts anderes als die Rückkehr der Juden in ihre Heimat „kraft Rechtens"' und der Vertrag zwischen der englischen Regierung als der Mandatsmacht und der Jewish Agency als der Vertreterin dea jüdischen Volkes tendiereh nach derselben Richtung. Jede Einschnürung der zionistischen Rechte, betreffs Einwanderung und Massenkolonisation, würde und -wird ' jüdischerseits als Verletzung der Mandatsakteempfunden. Wenn auch eine einheitliche jüdische Opposition gegen die Teilung Palästinas sich noch nicht herauskristallisiert, noch nicht dokumentiert hat, ist aus der Ablehnung der letzten kärglichen Einwanderungszertifikate — 220 an der Zahl — zu ersehen, daß jedo Unterdrückung des zionistischen Aufbauwillens auf eine deutliche Ablehnung stoßen würde ... . '<. ■ Keinesfalls kann man damit rechnen, daß eine Teilung oder Kantonisierung Palästinas . den Wünschen der Bevölkerung entspräche. Das ist die Lage, und keine Sophistik und kein Spiel mit politischen .Formulierungen vermag den in den jüdischen und arabischen Kreisen herrschenden Stimmungen eine andere Richtung geben. Von den Zionisten weiß man, daß sie mit allen legitimen Mitteln eine Teilung Palästinas, beziehungsweise einen jüdischen Zwergstaat bekämpfen würden, sogar auf die Gefahr hin, daß England als Pressionsmittel dio jüdische Einwanderung bis auf weiteres sistieren würde. Die extrem-nationalistische arabische Gruppe rings um den Mufti wiederum droht mit dem Ausbruch neuer Unruhen» wenn London daran denken sollte, seine Mandatspflichten gegenüber den Juden zu erfüllen. So gesehen, gewinnt die Ansicht an Boden, daß die englische Regierung den Plan einer Teilung Palästinas aufgegeben, beziehungsweise a u f g eschoben hat. Andere Mittel sollen in Erwägung gezogen werden."

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