Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 665 (22.6.1937)
- Date
- 1937-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 665 vom 22. Juni 1937 _ DIE NEUE WELT , . Aus der Tschechoslowakei Alle Zuschriften sind ausschließlich an folgende Adresse zu richten: O. A. Fischel, Praha I, U Milosrdnych 10fIII Nr. 2 erscheint vierzehntägig 32. Juni 1937 Die kommende Entscheidung Von Dr. Martin Lichtner (Leitmeritz) In einem Referat eines der führenden Menschen •der linken Zionistischen Parteien in der Tschechoslowakei erfolgte ein sehr merkwürdiges Bekenntnis: „Jetzt ist die Zeit gekommen, die uns zwingt, art. Kongreß eine eindeutige Stellungnahme zur Endzielfrage zu proklamieren." Wie sich der Vertreter des linken Zionismus diese Antwort auf die Endzielfrage vorstellt, ging aus seinen folgenden Worten klar hervor, denn er forderte ein hundertprozentiges, jüdisches Palästina in seinen historischen Grenzen, das heißt, in die* etwas reinere Sprache des Herzischen Zionismus übersetzt: Judenstaat zu beiden Seiten des Jordan. Wer die Dinge der innerzionistischen Entwicklung in.den letzten Monaten aufmerksam verfolgt hat, den wird dieses Bekenntnis nicht überraschen und er wird es zwanglos als das entlarven können, was es ist: Ein taktisches Wahlmanöver. Die Herren der Kongreßmehrheit, die bisher gegen jede Proklamation des Endzieles Sturm gelaufen sind, die am berüchtigten Basler Kongreß über die Judenstaatsresolution zur Tagesordnung übergegangen sind, die tosenden Beifall spendeten, als Dr. Weizmann den Judenstaatsbegriff als nebulose Vorstellung der Nachkriegspsychose herabwürdigte, und die ebenso begeistert hinter ihm standen, als er am Kongreß selbst die Erstrebung einer jüdischen Mehrheit in Erez Israel als unerwünscht und überflüssig erklärte; sie werden nun von der Welt, von dem Ansturm der Araber, von England und von der künftigen Mandatskommission gezwungen, Farbe zu bekennen. Sie wissen, daß angesichts der ungeheuren Gefahren, die heute dank ihrer bisherigen Verschleierungstaktik, dank ihrer Erziehung der öffentlichen Meinung, die ja den Eindruck zwangsläufig gewinnen mußte, daß es der Kongreßmehrheit nur um die Errichtung eines geistigen Zentrums in Palästina, bestenfalls einer Musterkolonie, gehe, dem Zionismus drohen, heute keine andere Möglichkeit besteht, als sich den jahrzehntelangen erfolglosen Forderungen der Judenstaatszionisten scheinbar zu beugen. Täten sie es nicht, dann würde der zionistische Wähler bei den kommenden Kongreßwahlen wohl zweifellos über sie „zur Tagesordnung übergehen". Sie verlassen sich auf die Gedächtnisschwäche der Zionisten und sie verlassen sich auf die zauberhafte Wirkung des Namens Dr. Weizmann, von dem sie immer noch glauben, daß er ihnen die Macht garantieren könne. Indessen gewinnen Nachrichten, die aus London kommen, immer mehr an Gewicht. Immer klarer und eindeutiger künden sie, daß unser Präsident sich nicht nur mit dem Teilungsplane versöhnt habe, sondern daß er sogar einer der Initiatoren dieser Verstümmelung unseres zweitausendjähriges Zieles geworden sei. Es werden bereits Namen führender englischer Persönlichkeiten genannt, die von Dr. Weizmann im Sinne des Teilungsplanes unterrichtet werden, es werden Namen von jüdischen Persönlichkeiten genannt, welche Dr. Weizmann bearbeitet, um sie für den Teilungsplan zu gewinnen. Der Ghettojudenstaat am Ufer des MitteJmeeres, das neue Ghetto am Rande unseres Landes, ohne Jerusalem, ohne Haifa, ohne die Berge Judäas und ohne die Ufer des Jordans, dieses lächerliche, unmögliche, zwecklose und undurchführbare Projekt soll also im Präsidenten der Jewish Agency und der Zionistischen Weltorganisation seinen Propagator gefunden haben? Man spricht bereits davon, daß Herren sogar daran sind, Aemter untereinander zu verteilen. Dr. Nahum Goldmann als Völkerbunddelegierter des neuen Staates, Grünbaum als Gesandter in Warschau und selbstverständlich Dr. Chaim Weizmann als Präsident der Kehilla hinter Ghettomauern, die sich „Judenstaat" nennen wird. Es klingt wie aus den Kapiteln eines Hintertreppenromans. Man soll gegenüber irrsinnig und lächerlich klingenden Gerüchten doppelt vorsichtig sein. Aber hier handelt es sich um mehr als ein bloßes Gerücht. Hier werden bereits von offiziellen Stellen Nachrichten kolportiert, 4ie nichts anderes enthalten als die Behauptung eines Volksverrats, eines Bruches jeglichen Vertrauens und der Verfassung. Trotzdem diese Nachrichten durch Woc.hen durch die Presse gehen, erfolgt kein Dementi, keine Erklärung, keine Abwehr seitens der Exekutive, so daß dieses völlig unbegreifliche Schweigen leider keine andere Deutung zuläßt, als daß es hier wenig zu dementieren gibt. Das Aktionskomitee hat sich klar und eindeutig gegen jeden Teilungsplan ausgesprochen. Es bedarf I weiter keiner Erklärung für die Feststellung, daß der Präsident der Zionistischen Organisation nunmehr zwei Wege offen hat: Ist er tatsächlich der Initiator dieses irrsinnigen Planes oder stimmt er ihm auch nur zu, dann muß er entweder demissionieren oder aber an den Kongreß, als der höchsten Instanz der Bewegung, appellieren, ihm sein Vorhaben zu sanktionieren. Es kann daher ohne Uebertreibung gesagt werden, daß die Wahlen zum Kongreß diesmal, wie nie zuvor, welthistorische Bedeutung haben werden. Gewiß ist es möglich, daß der Kongreß bereits vor einem fait accompli stehen wird, gewiß ist es möglich, daß der Bericht der Kgl. Kommission zusammen mit der Haltung der höchsten Stelle der zionistischen Bewegung eine Regierungserklärung der Mandatarmacht zur Folge haben kann, die ebenfalls Kundgebung de* Am 16. Juni veranstaltete die Prager Judenstaatspartei eine massenhaft besuchte Versammlung, an dem Meir Großmann, der Präsident der Weltexekutive der Judenstaatspartei, Oberbaurat Roberfc Stricker (Wien) und als Gast Stadtrat Dr. FrantiSek Friedmann (Prag) über die Lage im Zionismus sprachen. Den Abend eröffnete der Prager Stadtverordnete Dr. FrantiSek Friedmann, der mit treffenden Worten die Haltung des offiziellen Zionismus zu allen lebenswichtigen palästinensischen Fragen charakterisierte und eine energische Stellungnahme gegen die herrschende Cliquenherrschaft forderte. Meir Großmann begann seine Ausführungen mit der Feststellung, daß die Politik der zionistischen Exekutive die sogenannte Weizirtann-Politik, Schiffbruch erlitten habe und erklärte zu den verschiedenen Projekten, die jetzt im Zusammenhang mit dem Bericht der Kgl. Kommission auftauchen: Die Gefahr einer Teilung Palästinas ist darum so groß, weil sie unser Schicksal und unsere Zukunft berührt. Man hat auf Seiten der Zionisten den Fehler gemacht, die generelle Aussprache mit der Mandatarmacht stets hinauszuschieben. England hat uns dagegen immer wieder eine neue Interpretation des Mandats und der Balfour-Deklaration aufdrängen wollen. Es ist heute klar, daß England nicht beabsichtigt, eich aus Palästina zurückzuziehen. Es braucht Palästina. England sucht nach einer Lösung, um in Palästina Ruhe zu haben. Das würde weder durch eine Einwanderungssperre noch durch Beibehaltung des Status quo möglich, daher der neue Plan der Teilung, die eine doppelte sein soll: Teilung des Landes und zugleich Spaltung des Volkes in „Ja"- und „Nein"-Sager. Indem man den Juden einen „Judenstaat", wenn auch nur in der Karikatur, gebe, würden diese vor keinem Welttribunal eine Anklage gegen England erheben können. Anfangs stand die Kantonisierung auf der Tagesordnung. Dann war die Rede von einem „souveränen Judenstaat" mit einer arabischen Mehrheit und einer arabischen Irredenta im Rücken, einem Staat, getrennt durch drei Korridore, wobei 10 bis 15 Prozent des Bodens des heutigen Palästina in jüdischen und der Rest in arabischen Händen sein würde. Großmann stellte, fest, daß, wenn auch nicht offiziell, Verhandlungen geführt werden und England uns vor vollendete Tatsachen stellen wül. Unter solchen Umständen wären eine vorübergehende Einstellung der Einwanderung und das Beibehalten des Mandats durch England das kleinere Uebel. England hat eine öffentliche Meinung, wir müssen sie durch die Mobilisierung des Weltjudentums für den Kampf gewinnen. Auch der Völkerbund und Amerika haben ein entscheidendes Wort zu sprechen. Das Schweigen der verantwortlichen zionistischen Führer müsse gebrochen werden; eine öffentliche Aussprache sei nötig. Die Lage sei nicht hoffnungslos. Der Kongreß müsse ein entschiedenes „Nein" zu allen Teilungsplänen sagen und der Defaitismus im jüdischen Lager müsse bekämpft werden. Zum Schluß verlangte Großmann den Rücktritt der heutigen verantwortlichen zionistischen Führer, da sie müde und auf Grund ihrer bisherigen politischen Mißerfolge nicht in der Lage seien, den Kampf zu führen. Nach Meir Großmann, dessen Ausführungen wiederholt von stürmischen Beifallskundgebungen unterbrochen wurden, sprach der Vizepräsident des Weltverbandes der Judenstaatszlonisten Robert Stricker, der vor dem Irrtum warnte, ein Land im geheimen, ohne Wissen der andern, aufbauen zu können, kurzum das Endziel verheimlichen zu können. Es sei notwendig, die Jugend zum Staatsgedanken zu erziehen. Voraussetzung hiefür sei die Rückkehr zu Herzls großzionistisxher Konzeption. Jeder Bindestrich-Zionismus, jede einseitige Seite 3 zum Teilungsplan positiv Stellung nimmt. Aber es wurde an dieser Stelle schon einmal gesagt, daß noch viele Stationen bis zur Verwirklichung zu überwinden sein werden. Deshalb kommt der Stellungnahme des Kongresses so große, entscheidende Bedeutung zu und deshalb werden die Wahlen diesmal so ungeheuer viel zu sagen haben. Ein Kongreß, der mit überwältigender Majorität dem Präsidenten, der mit diesem Plan der Vernichtung des Zionismus vor ihn tritt, das Vertrauen verweigern wird, kann nicht nur eine weit hörbare Demonstration für die Welt sein, für den Willen des jüdischen Volkes, unbeirrbar sein Ziel und sein Recht festhalten zu wollen, sondern er kann den Beginn einer neuen Aera des Zionismus überhaupt bedeuten, eines Zionismus, der aktiv, kompromißlos, kämpferisch und zu allen Opfern bereit, sein Ziel erreichen wird. Ein Kongreß der Linken und ihrer allgemeinzionistischen Nachläufer, ein Kongreß mit einer solchen Majorität, wird, wie bisher, auch diesmal nach einigen Scheinmanövern alles schlucken, was der Herr und Meister wünscht. Aber das jesuitische Manöver des Bekenntnisses zum Judenstaat, ausgerechnet jetzt, da der Herr und Meister den letzten Torpedierungöversuch dieses Zieles unternimmt, wird hoffentlich fehlschlagen und der zionistische Wähler, im Bewußtsein seiner Verantwortung, wird hoffentlich diesmal endlich sein Urteil über den Ghettogeist dieser. Gruppen fällen. Prager Jude nstaaf spartet' parteipolitische Betonung sei schädlich. Der Zwischenruf eines in seinem Marxismus getroffenen Versammlungsteilnehmers wurde rasch liquidiert. Die glänzend besuchte Versammlung wurde mit Absingung der „Hatikwah" geschlossen. O. A. F. Meir Großmann in Brünn Am 17. d. M. sprach Meir Großmann in Brünn. Auch hier Massenbesuch wie in Prag. Nach der Eröffnung des Abends durch den Ortsgruppenleiter, Herrn Dr. E. Huller, sprach der als Gast anwesende Vorsitzende der Tschechoslowakischen Judenstaatspartei, Ing. Jakob F r ä n k e 1, einige einleitende Worte, indem er die Anwesenden darauf aufmerksam machte, daß Großmann mit seinem Referat auch informative Zwecke verbinde. Meir Großmann schilderte anschaulich die Gefahren einer Teilung Palästinas. Er wies auch darauf hin, daß die Mutlosigkeit in den eigenen Reihen, der Defaitismus und die Bereitschaft zur Nachgiebigkeit viel Schuld an der gegenwärtigen Lage tragen. Nach seiner ein einhalbstündigen Rede, die oft durch Beifallskundgebungen des Publikums unterbrochen wurde, weilte Großmann noch einige Zeit im Kreise der Brünncr Freunde und besonders der Brünner Barkaim. Der Erfolg des Abends ist ein starker Ansporn zur weiteren Arbeit. F« Neue Wege Von Fritz Kohn (Praha). II. Letzthin haben wir uns mit der Situation der tschechoslowakischen Juden befaßt und es obliegt uns nun, Vorschläge zur Abhilfe der mißlichen Zustände und zur Intensivierung und Vertiefung der zionistischen Arbeit zu unterbreiten. 1. Bildung eines Territorialverbandes, der sämtliche Parteien umfaßt. Jährliche Wahlen in denselben und Heranziehung neuer, von Parteivorurteilen weniger beherrschten Menschen. 2. AdministrativeTeilung der zionistischen Agenda in zwei Organisationsabschnitte zwecks tieferem Eingehen auf die Psyche des Ost- und Westjudentums, Der Westen (Böhmen, Mähren, Schlesien) mit dem Zentrum Prag, der Osten (Slowakei und Karpathorußland) mit dem Zentrum K o s i c e. 3. Intensivste Propaganda. Das Jahr 1937/38 wird der Propaganda gewidmet. Systematisch werden Bezirk für Bezirk und Stadt für Stadt bearbeitet. 380.000 Juden leben in der Republik. 20.000 Schekelzahler werden in den Kongreßjahren ausgewiesen. Hier liegt die Aufgabe. Die Spanne muß auf ein erträgliches Maß verringert werden. 4. Parallel mit der intensiven Tätigkeit des neuen Territorialverbandes läuft die Arbeit der jüdischen Partei. Ortsgruppen werden neu gegründet und reaktiviert. Kulturelle und lokalpolitische Arbeit müssen die jüdischen Massen enger an die Probleme der Lande» Politik binden. Neue Menschen, junge Menschen werden an leitende Stellen berufen. 5. Reinigung im zionistischen Beamte n s t a b. Nur qualifizierte, erfolgreiche Arbeiter werden eingestellt und auf ihren Posten belassen. Dem Protektionismus auf Grund von Parteüegitimatlonen, dieser neuzeitlichen Abart von Korruption, ein Ende bereitet. 6. Die zionistische Presse (Selbstwehr und Zidooske Zprävy) wird demokratisiert und zu einer freien Tribüne der Zionlstenheit ausgebaut. 7. Allseitige Erfassung der Jugend. Nicht nur in Wanderbtinden und Sportvoreinigungen, Jene Jugend, welche abseits der genannten Vereinigungen \