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Die neue Welt · 1937-06-18 · Heft 664 (18.6.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 664 (18.6.1937)
Date
1937-06-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 ME NEUE WELT Nr. 664 vom 18. Juni 1937 Scldoitne, du- HcU$ec Von Georges Clemenceau, Als junger Journalist hat der Führer des französischen Volkes im Weltkriege unter dem Eindrucke einer Reise in Galizien ein Bändchen Novellen verfaßt, die im ostjüdischen Milieu spielen. Nachstehende Erzählung ist der Sammlung, welche den Titel „Am Fuße des Sinai" trägt, entnommen. Die Geschichte, die ich jetzt erzählen will, ist eine wahre Begebenheit. Ich habe sie nach dem Bericht eines Augenzeugen geschrieben, der in der Synagoge war, als sich das Drama Schlojmes, des Kriegers, abspielte. Es scheint mir der Mühe wert zu sein, diese Erzählung zu veröffentlichen, sowohl wegen ihres psychologischen In teresses als auch wegen der uns fremden Sitten, die wir dadurch kennen lernen. Es handelt sich um einen armen polnischen Juden, im langen Kaftan, mit ungepflegtem Bart, mit einem mit- leiderregenden Antlitz, mit merkwürdigen fettglänzenden tioeken, Pajes genannt, die vor den Ohren baumeln, gleichend einem aus dem Straßenkot. gezogenen Pintscher, Schlojme (oder vielmehr Salomon) Fuß war Schneider. Das ist zwar ein sehr nützliches Gewerbe, aber Reichtümer konnte man damit in einem der ärmsten Dörfer Ost » galiziens wohl nicht erwerben. Busk ist ein Dorf, hart an der russischen Grenze, das zweifellos alle Anzeichen des größten Elends trägt. Man darf allerdings den Reichtum der Juden nicht nach ihrem äußeren Anschein beurteilen. Trotz den unbeschreiblichen Hütten, in denen die wimmelnde Judenschaft von Busk zusammengepfercht hauste, gab es darunter, wie man sagte, doch einige „Reiche", die ein Kapital von etwa tausend Franken besessen haben sollen. Das waren die Rothschilds des Ortes. Die übrigen teilten einen Heller noch in acht Teile und frönten keineswegs dem Luxus der Gewandung. Aber man kann schließlich machen, was man will, auch der festeste Stoff wird vom Zahn der Zeit benagt, und wenn darin ein Loch zu groß wurde, so mußte man "wohl oder übel Zuflucht zu Schlojme nehmen, um einen Fleck einsetzen zu lassen. Gewandt in seinem Fach, mit Schere, Nadel und Zwirn die Schäden heilend, gelang es Schlojme, seine Frau und seine fünf Kinder so halbwegs zu ernähren. Zur Zeit, wo unsere Geschichte beginnt, befand sich übrigens Lea wieder.in anderen Umständen. Es war im Jahre 1848. Wie viel Ereignisse spielten sich in diesem denkwürdigen Jahr ab! Ein Sturm von Freiheit und Gerechtigkeit brauste über Berge und Täler des alten" Erdteüs, die Völker erhoben sich, die Throne gerieten ins Wanken. Ein Morgenrot voll der schönsten Hoffnungen erstrahlte am Horizont, jedoch nur um wieder in tiefer Nacht zu versinken!... Man darf nicht glauben, daß von diesen großen Geschehnissen auch nicht die geringste Kunde bis zu den armen Juden von Busk drang. Sie nahmen sehr gut wahr, daß ungewohnte Ereignisse die Welt erschütterten, denn sie wurden in diesem Jahre mit. drei aufeinanderfolgenden Aushebungen von Seiner Majestät dem Kaiser beehrt. Bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1866 zeigte sich der galizische Jude dem edlen iWaffenhandwerk gänzlich abgeneigt. Nicht Feigheit, sondern sein orthodoxer Glaube hielten ihn den Kasernen fern. [War er nämlich einmal Soldat, so mußte er auf das „koschere" Essen verzichten, das heißt auf das Fleisch von Tieren, die nach den rituellen Vorschriften vom Schächter getötet wurden; ein furchtbares Ansinnen an alle, die genau nach dem „Gesetze", den rituellen Satzungen, leben wollen. Aber zu einem noch größeren Verbrechen wurde er dadurch gezwungen, nämlich, am Sabbat zu arbeiten. Ueberdies wußte man ja gar nicht, für wen und weshalb man kämpfen sollte. Sein Leben in die Schanze zu schlagen, um Jerusalem zu verteidigen, das verstand sich von selbst. Aber sein Leben in den Streitigkeiten der Christen untereinander aufs Spiel zu setzen — welcher Blödsinn! Aus allen diesen Gründen bemühten sich die jüdischen Gemeinden Galiziens, ihre Jugend vor dem Militärdienst zu bewahren. Dies gelang ihnen auch durch die Anwendung einer mehr als einfachen List. Was verlangte der Kaiser? Eine bestimmte Anzahl Soldaten, um sie nach, allen Regeln der Kunst töten zu lassen. Man gab ihm, was er forderte. Der Kaiser war damit zufrieden, und Israel auch. Wie wurde nun dieses Wunder vollbracht?, Alle galizischen Ortschaften, in denen Juden in genügender Zahl wohnten, waren damals in eine jüdische und in eine christliche Gemeinde geteilt. Die Volkszählung ergab die Einwohnerzahl eines jeden derartigen Gemeindeteües, und die Zahl der zu stellenden Rekruten wurde dann nach der Bevölkerungsziffer geschätzt. Nun waren in jener Zeit die galizischen Dörfer von Juden aus Russisch-Polen überschwemmt, die sich durch die Flucht über die Grenze den furchtbaren Verfolgungen durch den Zaren Nikolaus entzogen hatten. Diese Flüchtlinge, glücklicherweise gänzlich frei von dem „talmudischen" Wahn ihrer Glaubensgenossen, 'waren überdies aller Mittel entblößt und erhoben nicht die geringsten Schwierigkeiten, die Uniform anzulegen. Da war somit sehr leicht ein Geschäft zu machen. Der Mann, entsprechend dafür bezahlt, erhielt unter Mitwirkung der (bestochenen) Polizei und Gendarmerie eine falsche Staatsbürgerschaft und diente im Heere, Während der orthodoxe Jude sich am „koscherefl" Essen labte, am Sabbat jeder Arbeit enthielt und, still vor sich hinbrütend, von der Wiedereroberung Jerusalems träumte Dieses System bewährte sich zu allgemeiner Zufriedenheit bis zum Jahre 1848. Krieg im Innern, Krieg in Italien, Krieg in Ungarn. Der Kaiser brauchte Schlacht opfer. Wie schon gesagt, trafen nun drei rasch aufeinanderfolgende Aushebungen ebenso die armen Juden von Busk wie die anderen Untertanen des Reiches. Man hatte dasselbe nach dem Jahre 1813. in Frankreich erlebt. Gleich vielen Untertanen, des Kaisers Napoleon, waren auch die Juden Galiziens bereit, ein schönes Stück Geld anzulegen, um dem Ruhm eines Helden aus dem Wege zu gehen. Aber für eine dreifache Anforderung an Menschenfleisch konnte der Geldbeutel so armer Leute nicht aufkommen. Die Busker vermochten wohl vier Leute im Jahr zu kaufen (das war die Zahl, die gewöhnlich gefordert wurde), aber zwölf, das ging einfach nicht mehr. Bei der ersten und zweiten Aushebung gelang es ihnen, sich wie durch ein Wunder zu helfen. Man nahm Hypotheken auf, veräußerte Güter, um die heilige Gemein schaft zu retten, und der Gott Abrahams hatte seine helle Freude, als er alle Schäflein seiner Herde unversehrt um sich geschart sah. Aber bei der dritten Aushebung waren schon alle Hilfsmittel erschöpft. Mangelndes Angebot und größere Nachfrage hatten den Preis für einen Mann vn verhältnismäßig in die Höhe getrieben und da auch alle bisher versteckten Schätze dahingegeben wurden, war guter Rat teuer. Aeußerste Anstrengungen ermöglichten noch den Ankauf von drei Stellvertretern. Den vierten zu stellen, war jedoch ganz unmöglich. Man mußte sich dar ein finden, unter den Israeliten selbst ein Opfer für die blutigen Spiele des christlichen Barbarentums auszu wählen. Fr auen-Berufs-Schulen am // T.~ // Telephon A-48-0-77. Wien, IL, Malzgasse 7 Dreijährige höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe / ZweijährigeFachschule für Kleidermachen und Wäschewarenerzeugung / Zweijährige Kindergärtnerinnen-Bildungsanstalt / Prospekt auf Wunsch / Internat / Streng religiöser Haushalt Natürlich kam niemand auf den Gedanken, daß das Los unter den Einundzwanzigjährigen zu entscheiden hätte, wie es eigentlich durch das Gesetz vorgeschrieben gewesen wäre. Der große Rat, der die jüdische Gemeinde leitete und aus den Frömmsten und Reichsten gebildet wurde, war darin einig, daß man es nicht dem blinden Zufall anheimstellen könnte, wer als Sühnopfer dargebracht werden sollte. Man durfte sich doch nicht der Gefahr aussetzen, gerade einen der „Reichen", die ein Kapital von fünf- bis sechshundert Francs ihr eigen nannten, opfern zu müssen! Findet man nicht sogar im Elend die Vorherrschaft des Geldes, das sich alles dienstbar; macht, wag sich vom Leben erkaufen läßt?, Aber eine noch ernstere Frage tauchte auf. Das religiöse Empfinden, das in seiner ersten Auswirkung die Personen, die in näherer oder weiterer Beziehung zur Gottheit stehen, über die Gesamtheit emporhebt, verbot es, daß ein „Lerner" das Leben der Unbeschnittenen führe. Ein „Lerner" ist ein Mensch, der die hohe jüdische [Wissenschaft betreibt, der sich dem Studium des Talmud und der Kabbala widmet. Das ist der eigentliche Adel Israels, der weiter zurückreicht als die Zerstörung des Tempels durch Titus. Ein „Lerner" — de» niemals Geschäftsmann oder Handwerker ist — wird ohne Schwierigkeit der Gatte auch des reichsten Mädchens, wie auch unsere Adeligen die häßlichen Millionärinnen des jungen Amerika heimführen. Solche Leute schickt man nicht mit dem Rücken durch die Welt. So wurde denn vom Busker Sanhedrin der einstimmige Beschluß gefaßt, Zettel mit dem Namen der Allerärmsten in einen Hut zu werfen und unter diesen sollte das Los entscheiden. Der Käme des Schlojme Fuß wurde gezogen. Nach Eintritt der Dunkelheit dringt die Gendarmerie, der das Ergebnis der Ziehung bekanntgeworden war, bei Schlojme ein, wirft ihn aus dem Bett, fesselt ihn; unter den Tränen und dem Geschrei seiner Angehörigen, und führt den Ueberraschten, ohne ihm irgendwelche Aufklärung zu erteilen, zur Behörde der nahen Stadt Zloczöw, Dort gibt man ihm einen falschen Auswels (unter Mitwissen des Ortsvorstehers), schneidet ihm die teuren Pajes ab, zieht ihm eine schöne, nagelneue Uniform an und er wird sofort auf das Schlachtfeld von Novara befördert, wo Karl Albert, der König von Sardinien, die Kraft seines Armes kennenlernen wird. Wurde nicht auf diese Art auch Candide ein Held der bulgarischen Armee Z Der einzige Unterschied bestand nur darin, daß die schöne Kunigunde keine Nachkommen hatte, während Schlojmes Lea sechs Sprößlinge zu ernähren hatte, mit der schlechten Luft, die die Vorsehung freigebig denen spendet, welche sie genug liebt: sie sollen nur die Widerwärtigkeiten dieser tWelt auskosten und dadurch die künftige Glückseligkeit der Auserkorenen um so mehr genießen. Die Vorsehung liebte scheinbar Lea und ihre Kleinen ganz besonders, denn keine Prüfung, kein Elend blieb ihnen erspart. Ein Wunder war's, daß sie überhaupt am Leben blieben. Merkwürdigerweise gediehen sie sogar vortrefflich. Solches Unkraut geht eben nicht zugrunde. Gibt es etwas Aufreizenderes für die verwöhnte Nachkommenschaft unserer Milliardäre, die Aerzte und Professoren in Atem halten, ohne anderes Ergebnis, als daß in ihren Palästen die Kinder an Skrophulose und Tuberkulose zugrunde gehen? Kurz und gut, Lea und ihre Kinder zitterten vor Kälte, verreckten beinahe vor Hunger, ließen sich aber in der ärgerlichen Gewohnheit zu leben nicht stören. DierGemeinde, die sie anfänglich in der geheimen Hoffnung, daß es sowieso mit ihnen „nicht lange dauern'* werde, unterstützt hatte, fand sich schließlich schlecht und recht auch damit ab. Zwei Jahre später, man schrieb 1850, war der Krieg zu Ende und im Dorfe erschien plötzlich ein strammer Soldat, mit goldenen Tressen, hohen Stiefeln, den Säbel an der Seite und Dekorationen auf der Brust. Ohne jemanden* eines Wortes zu würdigen, geht er geradewegs auf die Hütte des Schlojme zu, tritt ein und bald erhebt sich schallendes Geschrei; in lauten Rufen erzittert die Luffc Männer folgen ihm mit schweren Körben, woraus (vor der Türe) eine unglaubliche Menge von Lebensmitteln ausgepackt wird; und den ganzen Abend, ja, die ganza Nacht hindurch gab es Lachen, Gesang und Küsse. Kein Zweifel: Der mit Ruhm und Tressen bedeckte Soldat, der ordensgeschmückte, ja sogar pensionsberechtigte Unteroffizier, 'war, ich bitte sehr, wirklich Schlojme, der arm« selige Jude, der einst sein Dorf verlassen mußte, an einem Strick von den Herren Gendarmen gezogen. Diese wech* sein heute — welches Wunder! — mit ihm den müitäri<» sehen Gruß und erweisen ihm ihre Ehrenbezeigung. Man umringt ihn, man befragt ihn. Als Antwort läßt er nur die Guldenstücke in seiner Tasche klimpern. Er ist ein Held. Und dazu noch ein bescheidener, denn ohne sich mit seinem Ruhme zu brüsten, bleibt er lieber in seinem eigenen Heim und fühlt sich am wohlsten in Gesellschaft seines Jüngsten, des kleinen David, der erst während seiner Abwesenheit zur Welt gekommen war. Am Sabbat nimmt er seinen Gebetmantel und geht, wie einstens, in die Synagoge, wo er mit gewohntem Eifer an, den religiösen Uebungen seiner Glaubensgenossen teilnimmt. „Schlojme ist ein rechtgläubiger Jude", sagt jeder beim Verlassen des Tempels, „er blieb dem Gotte seiner Väter treu. Er wird dafür auch belohnt werden." Ueber eines mußte man sich allerdings verwun« dem. Wenn einer der Frommen, um für sein gutes Werk Anerkennung zu erlangen, sich dessen rühmte, daß er Lea und die Kinder unterstützt habe, antwortete Schlojme nur mit einem kurzen Worte des Staunens. Niemals fiel es ihm ein, auch nur im geringsten dafür zu danken. Das war sehr auffallend und wurde auf verschiedene Art ausgelegt. Man meinte schließlich: „Schlojme ist zwar ein gute Jude, aber recht un< dankbar." Schlojme war zufällig gerade zum Neujahrsfest (int September) heimgekehrt, dem zehn Tage später „Jonn Kippur", das Versöhnungsfest, folgt. Niemand fastete strenger an diesem Festtage als unser Soldat, an einem Tage, der nicht einmal einen Tropfen Wasser zu schlucken erlaubt. In der Synagoge betete er wie gewöhnlich, mit dem Gebetmantel über der Uniform, da er in der Heimat doch nur auf Urlaub war. (Während des Gebetes ging der Rabbiner zur Bundes« lade, um, wie es das Ritual vorschreibt, die festgesetzter! Sprüche vorzutragen. Da springt zur allgemeinen Ueber« raschung Schlojme auf, kommt dem Rabbiner zuvor, legt seine Hand auf ihn und verwehrt ihm den Weg zur Bundeslade. Ein Aufschrei des Entsetzens, der Empörung, der Wut, ist die Antwort auf diesen Frevel. Wie ein Mann stürzt sich die Menge auf den Gotteslästerer, um für sein Verbrechen Sühne zu fordern. Er wird beschimpft, bedroht; man will ihn zerreißen, massakrieren. Aber Schlojme beherrscht die aufgeregte Menge, er zieht seinen großen Säbel und hält damit auch die Tapfersten in Schach. Ein paar zerrissene Kaftane und einige durch Zufall verursachte Kratzer genügen, um im Gotteshause die Ruhe wiederherzustellen. Dann sagt Schlojme, auf der obersten Stufe, hochaufgerichtet und mit gesenktem Säbel, mit vibrierender Stimme: „Paßt auf, jetzt wiil ich sprechen." Furcht und Entsetzen erfaßten die Menge, lautlose Stille trat ein und der. unerbittliche Krieger sprach grimmig: „Ich, Schlojme Fuß, verbiete euch, die Bundeslada zu öffnen. Ihr seid nicht würdig, in der Heiligen Schrft die Worte Gottes zu lesen, denn ihr seid Bösewichter, Verbrecher, der Abschaum Israels. Ihr habt mich mitten in der Nacht aus dem Bett gerissen. Ihr habt mich verkauft, so wie einst Josef von seinen Brüdern verschachert wurde. Ihr habt meine Frau Lea und meine Kinder, die KINO-PROGRAMME s C H U/E D E N Von 10 uhr vorm'bis 7 Uhr abends DIE LEBENDE ZEITUNG A 49 0 00 Nur V<8 Uhr und 7,10 Uhr abends __ Es geschult zu Silvester

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