Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 664 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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* Kr. 664 vom 18. Juni 1&37 DIE NEUE WELT Seite 7 kh durch meiner Hände Arbeit erhielt, dem bittersten Elend preisgegeben. Und alles dies nur, um feige einen •von euch au retten, Ihr habt gehofft, daß eine Kugel mich treffen werde und daß dann damit der Zeuge eures Verbrechens verschwindet. Aber Gott hat mich beschützt und da bin ich. Als Rächer kehre ich zurük. Und ich erkläre euch, daß ihr heute, am Versöhnungstag, den Gottesdienst, der so bedeutungsvoll ist für Tod und Leben eines jeden Wesens, nicht vollenden, daß ihr nicht Vergebung finden werdet, wenn ihr mir nicht zuvor vollständige Genugtuung für euer schändliches Gehaben verschafft." Da erhob sich eine Stimme: „Holt die Gendarmen!'• Sofort stürzte die Menge mit lautem Geschrei hinaus, Um den Beistand der bewaffneten Macht anzurufen. Aber die Gendarmen waren jetzt Schlojmes Freunde. Ate man ihnen den Vorfall erzählte, machten sie sich über die Sache lustig und' erklärten, daß Sie ohne ausdrücklichen Befehl ihrer Vorgesetzten kein Recht hätten, in die Synagoge einzudringen. Wer konnte nun einen solchen Befehl erteilen? In Busk gab es nämlich kein Gericht. Man wandte sich also an den Vorstand der christlichen Gemeinde, der aber zur Antwort gab, daß ihm kein Verfügungsrechtüber die Synagoge zustehe. Und die Bezirkshauptmannschaft war fünfzehn Meilen weit entfernt. Aiber selbst, wenn sie näher, gelegen wäre, hätte sich doch kein Jude am Tage des Versöhnungsfestes zu Pferd oder zu Wagen dorthin begeben können. TSa blieb also nichts übrig, als zu verhandeln. Sonst wäre es unmöglich gewesen, die Zeremonien zu vollziehen, die durchaus erforderlich sind, um jedem einzelnen die Ver- ' gebung Gottes zu erwirken, deren wir sündige Menschenkinder so dringend bedürfen. Man kehrte also in das Bethaus zurück und da stand Schlojme mit gezogenem Säbel, noch immer vor der Bundeslade wie eine Schildwache. Der Rabbi ging auf ihn zu und sprach voll Demut mit zitternder Stimme: . „Schlojme, was verlangst du eigentlich von uns?" „Kommet morgen «u mir", erwiderte dieser, „und der gesamte hohe Rat muß meine Frau und meine Kinder kniefällig um Verzeihung bitten." „Gut, wir werden es tun", erwiderte kurz entschlossen der Rabbi. „Das .ist aber .nicht alles. Ihr müßt auch eine Buße zahlen. Ich brauche Geld, um während meiner restlichen Dienstzeit die Meinen unterstützen , zu können. Meine zwei .-Kriegsjähre zählen mir für vier. Es bleiben; mir also noch yier Jahre abzudienen, ich habe meine Rechnung bereits; gemacht. Ich verlange dreihundertfünf zig Gulden. Kein Kreuzer wird davon nachgelassen." „Aber, Unglücksmensch, wie können wir einen so ungeheuren Betrag aufbringen? Willst du uns dem Elend überliefern? Willst du an uns dasselbe Verbrechen begehen, das — wie du uns vorwirfst — wir an dir und den Deinen begangen haben sollen?" „Ich muß noch heute die dreihundertfünfzig Gulden haben. Zahlt ihr das nicht, werdet ihr das Versöhnungsfest nicht zu Ende feiern." „Ja, weißt du' denn nicht, daß unsere Hände heute kein Geld berühren dürfen?" „Das macht nichts. Mein Gebetmantel liegt hier vor meinen Füßen. Geht nach Hause; holt euer Silber, den Schmuck eurer Frauen und Töchter. Häuft alles hier auf, so lange, bia ich glaube,. daß es genug sei. Der Doktor, der ein ehrlicher Mann ist, nimmt vorläufig! alles, in seine Obhut. Morgen werdet ihr mir alles in barem Gelde ausbezahlen, aber zuvor müßt ihr euch im Staube vor Lea" und ihren Kindern demütigen." Man versuchte die Sache irgendwie in die Länge zu ziehen, zu verhandeln. „Se,ht, ihr nicht — die Sonne geht langsam unter?" — sagte Schlojme. Wenn ihr noch zaudert, so wird es zu spät sein »Vergebung' zu erlangen." Da häuften sich auf einmal die Schmuckstücke in Schlojmes Mantel, und als er glaubte, seine Rechnung sei nunmehr beglichen, da sagte er einfach: „Genug!'« (j Der Doktor (übrigens war es dessen Sohn, der mir die Geschichte erzählte) nahm die gewonnenen Pfänder in seine Obhut und Schlojme verlangte nur noch zur Thora „vorgerufen" zu werden. ' „Diese Ehre, die nur den Frömmsten, den Vornehmsten-unter-euch zusteht, gebührt heute mir", sagte er zum Schlüsse, „denn ihr seid alle Missetäter und ich bin euer unschuldiges Opfer." Nach diesen Worten versorgte er seinen Säbel, verließ seine Kampfesstellung, hüllte sein Haupt in den erstbesten Gebetmantel und.trug feierlich den. Segensspruch vor, der de rLesung der Heiligen Schrift vorangeht. Die Thora wurde nun aufgerollt. Der Rabbiner beugte sich über ihren frommen Inhalt und las mit lauter Stimme den vorgeschriebenen Vers, ein anderer tat dann das gleiche, und, die hellige Handlung verlief, ohne daß die Andacht der Gläubigen weiterhin gestört' worden wäre.. Als die ersten Sterne aufgingen, konnte die jüdische Gemeinde von Busk, nun versöhnt mit dem Schöpfer, naoh der überständenen Aufregung das strenge Fasten des Versöbnungsfestes in Ruhe beenden. Am nächsten Tage versammelte sich die Vorsehung der jüdischen Gemeinde vor der Hütte Schlojmes, fiel an der Schwelle in die Knie und tat feierlich öffentliche Abbitte. Die dreihundertfünteig Gulden wurden #rlegt, Lea» «He -ein© tüchtige Geschäftsfrau war, nahm zwei Arbeiter auf und eröffnete wieder den Schnelderladen. Als Schlojme, bevor er neuerlich einrückte, genaue Abrechnung pflog, nahm er wahr, daß er hundert Gulden zuviel habe. Er spendete diesen Betrag für die Armen ohne Unterschied des Glaubens. Die Synagoge, darüber höchlichst entrüstet, Heß auch noch diese nachträgliche Buße stillschweigend über sich ergehen. Einige Jahre später kehrte Schlojme zurück und nahm ungesäumt sein Gewerbe wieder auf. Er ließ seine Pajes von neuem wachsen und wurde nach und nach wieder zum alten, galizischen, jüdischen Handwerker, Wenn man ihn nun so ruhig, bescheiden und sanft seines Weges gehen sah, so wäre man, ohne von seiner Geschichte etwas zu wissen, Uber seinen Beinamen: „Schlojme Senner". Schlojme, der Krieger, nicht wenig erstaunt gewesen.- Er hat auch in der Tat tapfer gekämpft, gestritten für sein gutes Recht. Und er hat sogar, was die Hauptsache ist, den Sieg davongetragen ... Ich wünsche euch, liebe Leser, denselben Mut — und dasselbe Glück. Das große Hilfswerk für deutsche Juden Jahresbudget 750.000 Pfund — 120.000 Juden ausgewandert Der „Council for German Jewry" in London hat soeben den ersten zusammenfassenden Bericht über seine Tätigkeit im vergangenen Jahr veröffentlicht. In dem von dem Vorsitzenden des Council, Viscount Herbert Samuel, unterzeichneten Bericht heißt es, daß der Druck, der die Juden zwingt, Deutschland zu verlassen, sich nicht verringert hat; vielmehr droht auch den wenigen in den freien Berufen noch tätigen jüdischen -Intellektuellen restlose A u s s c h a 1tung aus dem wirtschaftlichen Organismus Deutschlands. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland verarmt immer mehr. Während sie aber bestrebt sein muß, ihre bestehenden Institutionen zu erhalten, muß der Council seine Hilfstätigkeit darauf kqn-. zentrieren, die Schulung und Ansiedlung der jungen Generation in außerdeutschen Ländern zu fördern. In dem Bericht wird weiter festgestellt, daß der Council im ersten Jahr seiner Tätigkeit dank der Zusammenarbeit zahlreicher Körperschaften und Einzelpersonen sein Programm, in großen Zügen durchführen korinte. Die Arbeit des Council sei ein Ansporn für die Auswanderung aus. Deutsch- 1 a n d und für die Berufs Schulung innerhalb- und außerhalb Deutschlands gewesen. Aber erst ein Viertel der gestellten Aufgabe sei erfüllt. Die Arbeit werde nach 'den gleichen Richtlinien in diesem. Jahr fortgesetzt werden. Die Berufsausbildung der männlichen und weiblichen Jügend und der Schulentlassenen geht, so wird in dem Bericht' ausgeführt, in Deutschland und anderen Ländern.systematisch weiter. Der Council wird den jüdischen Instanzen in Deutschland behilflich sein, das Berufsausbildungswerk im Hinblick auf die 2 0 0 0 d i e ScHu 1 z e i t b' e endenden Knaben und Mädchen abermals zu erweitern! Die Festig gung der in Palästina1 bestehenden landwirtschaftlichen Gruppen und die Ansiedlung neuer Gruppen Jugendlicher, die ihre Ausbildung vollendet haben, auf dem Lande in Palästina müssen in Angriff genommen werden. Den Auswanderern, die einen Weg nach Süd¬ oder Nordamerika gefunden haben, muß durch Kredit edie Einordnung in die Wirtschaft der Einwanderungsländer erleichtert werden. Die in dem ursprünglichen Projekt vorgesehene Summe von 7 5 0.0 0 0 Pfund jährlich für die Dauer von-vier Jahren wird in dem Bericht als das Minimum dessen bezeichnet, was zur ordentlichen Fortführung der Arbeit des Council notwendig ist. Im Jahre 1936 sind von den in dem Council vertretenen Körperschaften" 655.000 Pfund für die Hilfsarbeit aufgebracht worden, und zwar 302.000 Pfund von der 'britischen'Sektion des Council for German Jewry, 210.000 Pfund vom American Joint Distribution Committee, 50.000 Pfund vom United Palestine Appeal of America und 25.000 Pfund vom Kereri Hajessod. Die Ausgaben verteilen sich folgendermaßen: 176.000 Pfund für Arbeiten in Deutschland, darunter Berufsausbildung und Berufsumschichtung, soziale Wohlfahrt, Auswanderüng nach' allen Ländern und Rückwanderung in, die Heimatländer, sowie Berufsausbildung außerhalb Deutschlands; 275.500 Pfund für die Ansiedlung von Juden aus Deutschland in Paläst in a einschließlich der Beträge für Bodenerwerb durch den Keren Kajemeth; 204.000 Pfund für die 1 Unterstützung Ausgewanderter außerhalb Deutschlands, ihre Berufsausbildung, Umschichtung und Weiterwanderung. Seit dem. Abschluß der Berichtsperiode ist die britische Sektion des Council Verpflichtungen in der Höhe von etwa 194.000 Pfund für das Jahr 1937 eingegangen. Aus dem vergangenen Jahr bestehen noch Verpflichtungen in der Hohe von 169.833 Pfund. Es sind somit 36 3.6 33Pfundfür das laufende Jahr aufzubringen. Der 5f***Mw% s 39.- SekitftHOM*, USctsU.bfS Kassenbestand beträgt rund 100.000 Pfund, so daß noch 250.000 Pfund bar einzuzahlen sind. Die Zahl der aus Deutschland im Jahr6 1936 ausgewanderten Juden wird auf rund 2 4.0 00 geschätzt. Davon gingen 9000 nach Palästina, 10.000 nach anderen überseeischen Ländern, 1500 nach europäischen Ländern zu neuer Seßhaftmachung und 3800 gingen in ihre Heimatländer zurück. Insgesamt sind seit Beginn des1 Jahres 1933 bis Ende 1936 zirka 12 0.000 Juden aus¬ Deutschland ausgewandert, davon 40.000 nach Palästina, 35.000 nach anderen überseeischen Ländern, 25.400 nach westeuropäischen Ländern; 22.000 sind in die osteuropäischen Länder zurückgekehrt, aus denen sie stammen. Die Zähl der nach den Vereinigten Staaten Ausgewanderten war im Jahre 1936 größer als in früheren Jahren. Von den wichtigsten Einwanderungsländern Südamerikas sind besonders zu nennen: Brasilien, Argentinien und Uruguay, ferner, wenn auch in geringerem Maße, Chile, Ecuador und Columbia. Schließlich strömte ein nicht unbeträchtlicher Teil der Auswanderer nach Südafrika ab. Katastrophal gestaltete sich' infolge des spanischen Bürgerkrieges die Lage der dort lebenden 2000 aus Deutschland geflüchteten Juden, von denen Hunderte gezwungen waren, nach' Italien, Frankreich und anderen Ländern auszuwandern. "Npn B est i e n o m m le r i e Küche;, -. "H03 REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UND 2.60 t C H VV t l H a ] fc l< URAL ll,Hammer-Piirgstafl-Gasse 3 (nächst SaWotbröcke) Tel.A-41 -0-25 Festveranstaltung im ©ffefiibach*§aal An der großen Veranstaltung des „II i n g e s. d c r zionistischen Ältherrenverbände"; die. :am Dienstag, den 22. d. M. im Offen bach-Süal stattfinden wird,' werden Vortragsmeisterin Margarethe Bach und Opernsänger Albert F e 11 e r mitwirken. Im Mittelpunkt der Veranstaltung steht die Uraufführung des Festspieles „P all ä. s 11 n a - K ai ende r" von Malkah. Locker (deutsch von M. Kienbein) mit Prolog, von Alfred Werner, das von den „Jüdischen Laienspielern" unter Leitung Professor Jeßners aufgeführt, werden wird. : . - Musikalische Leitung: Wilhelm Grätzer; 1 Jüdi§che Künsti erspiele Der außerordentliche Erfolg von Kobrins „JZurück zum Volk" hat die Direktion der Jüdischen Künstlerspiele veranlaßt, das Stück mit Leo Reuß-Brahdhofer und Jeiiny Lovic für Samstag, den 19. d., wieder auf den Spielplan zu setzen. Sonntag, den 20. d., findet bereits die Premiere des Revue-Lustspiels „Der Moralprediger" statt, in diesem Lustspiel kommt auch ein bunter Teil vor, den Erwin Engel konferiert, und in welchem Leo R e uß-Brandbofer und namhafte Künstler auftreten werden. Die Novität wird sowohl Sonntag, den 20. d., halb 9 Uhr abends, wie auch nachmittags, halb 4 Uhr, bei kleinen Preisen (ebenfals in der Abendbesetzung mit Jenny Lovic und dem kompletten Kabaretteil) gegeben. Musikalische Leitung M. Loubetzky. Montag, den 21. .d„ findet.der an andrer Stelle angekündigte L e o-R euß-Brandhof er- Abend statt. Da die Jüdischen Künstlerspiele:in Kürze auf eine Auslandstournee gehen, findet nur "mehr eine begrenzte Zahl von Aufführungen statt. Herzi-Grab. Die bekannte jüdische Graphikerin Anny Katz-Taussky, deren Ausstellung kürzlich in der Jüdischen Kulturstelle großen Erfolg hatte, hat eine Bleistiftzeichnung von Herzls Grab auf dem Döblinger Friedhof angefertigt. Wir veröffentlichen eine Reproduktion dieses charakteristischen. Blattes auf der ersten Seite unserer heutigen Ausgabe. Ausstellung „Kitiistiihotos uns dem neuen 1'ulitsUii«". Montag, den 21 d., 12 Uhr mittags, wird der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Deslder F v i e d m a n u, in der Galerie WUrthle, Wien, I., Weihburggasse 9, die Auastellung ,.Kunstphotos aus dem neuen Palästina" der bekannten Künstlerphotographen J. G a 1 E z e r (Jerusalem) und Z. Kluge r (Tel- Aviv) eröffnen. Die Ausstellung Ist vom 21. bis 28 d. täglich von 9 bis 18 Uhr allgemein zugänglich. Markus-Herschkonlcz-Abeiui. Samstag, den 26. d.. halb 9 Uhr abends, findet im „payrischen Hof", II., TaborstniHe 30, zu Ehren des verdienstvollen jüdischen Schauspielers und Rezitators M. Herschkowicz ein Bunter Abend s'atl. an dem außer Leo Reuß-Brandhofer eine Reihe jü<lischer Künstler, wie: L. Glucksmann, Weintraub-Graf, M. Preiß, D, Machbar u. a. teilnehmen. Conference: Erwin Engel.