Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 661 (8.6.1937)
- Date
- 1937-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 die neue Welt Nr. 661 vom 8. Juni 1937 geheim, daß niemand etwas von ihr merkt. Am wenigsten die linke Majorität, die sich ins Fäustchen lacht über den Gegner, der davongelaufen ist, wie ein Kind, welches sein Spielzeug fortwirft: „Ich spiel' nicht mehr mit!" Sie lachen sich ins Fäustchen über den Gegner, welcher ihnen kampflosdas Feld überlassen hat und die Ausbeutung aller zionistischen Institutionen, trotzdem diese zum überwiegenden Großteile gerade aus seinen Mitteln geschaffen wurden und sich mit leeren Deklamationen begnügt, die ja doch niemandem schaden. — Ein größeres Glück konnte ja unseren guten Linken gar nicht begegnen, als den stärksten Gegner so rasch und schmerzlos loszuwerden.---- Stille herrscht in und um die N.-Z. 0. — Kein Revisionist und auch kein gewöhnlicher Sterblicher weiß, was der nächste Schritt sein wird. Die Revisionisten machen eine „Fahrt ins Blaue". * Es gibt eine große linke Majorität, die den Zionismus verwässert, zu einem Kolonisationsverein degradiert, nach außen unendlich schwächlich und ohne Rückgrat und nach innen ebenso brutal ist. Es gibt ein großes Reservoir von Menschen, die, beseelt von der richtigen Idee, sich doch auf falschem Wege befinden. Ewig gewaffnet und zum Kampfe bereit, bleiben sie auf diesem Wege dazu verdammt, nie dem Gegner zu begegnen. Es gibt eine Opposition in der Zionistischen Organisation, welche in den Anfängen steckt und daher noch nicht imstande ist, die Z. O. zur Vernunft zu bringen. Dies kann im Hinblick auf die Größe der Unvernunft nur eine auch zahlenmäßig starke Gruppe tun. Drei Tatsachen, die jedem Zionisten so bekannt sind, daß sie bereits fad wirken. Traurig denkt man an die Jahre, welche noch vergehen werden, während diese drei Gruppen ohnmächtig, die Majorität zur Tat, die Minorität zur Operation, verirrt die Dritten, nebeneinander und aneinander vorbeigehen werden. Aber es könnte sein, daß das nationale Judentum erleuchtet wird, und . dann werden die drei Gruppen in einem einzigen Augenblick zusammentreffen und dann — ja dann könnte die Sache aufhören, fad und traurig zu sein! Es könnte ein Nationalfeiertag werden. — Otto A. Fische 1. Aus der Prager Ortsgruppe Am 19. Mai fand in der Prager Ortsgruppe eine Mitgliederversammlung statt, in welcher &er Vorsitzende der. Landesleitung, Ing. J. Fränkel, einen Bericht und Ueberblick über den Verlauf der zweiten Landeskonferenz der tschechoslowakischen Judenstaatepartei in Prostejov am 9. Mai gab, welcher von den Anwesenden mit Interesse, angenommen wurde. Besondere Genugtuung bereitete die bestimmte und unverrückbar ablehnende Stellungnahme unserer Landesorganisation gegenüber allen Tei 1 ungs- und Verkleinerungsabsichten bezüglich Palästinas. Die Prager Ortsgruppe hält jeden Montag Arbeitssitzungen ab und entwickelt sich sehr gut. Auch bei den Prager Zionisten ringt sich langsam aber sicher die Erkenntnis der falschen Politik der heutigen Leitung durch und schafft uns. neue Freunde. F. Eine Bilanz Von Fritz Kohn (Praha) I. Betrachten wir die Organisation des tschechoslowakischen Zionismus und ihre Entwicklung als Volksbewegung, so gelangen wir zu keinem erfreulichen Resultat. Zum Auftrieb einer Bewegung, zur Erfassung breitester Volksteile durch und für eine Idee gehören äußere und innere Momente. Wenn beide Faktoren fehlen, darf man die Verantwortung für Stagnation oder Mißerfolg niemandem anlasten. Prüfen wir also gerecht und ehrlich die Lage des tschechoslowakischen Zionismus. Aeußere Momente zur Stärkung des jüdischnationalen Gedankens und des Palästina-Strebens lassen sich wohl ohne sonderliche Schwierigkeit vorbringen: Der deutsche Nationalsozialismus, der in etwas verschleierter Form auch auf die 6. S. R. übergegriffen hat, in Gestalt der Fa. Henl ein & Co., protokolliert als „Sudetendeutsche Partei". Offenkundiger Antisemitismus in der slowakischen Volkspartei. Judenfeindliche Bestrebungen in Ungarn und Oesterreich. Pogrome in Polen und Rumänien. Ich glaube, das genügt, um jeden Juden zur Selbstbesinnung zu bringen, und auch die Gleichgültigsten, mit welcher Kategorie das jüdische Volk reichlich gesegnet ist, aufhorchen zu lassen. Aufhorchen? Worauf? Auf eine innere Stimme? Innere Stimmen gibt es nur bei Narren und Propheten. Beim jüdischen Volk mit seiner latenten Skepsis werden heute Narren schnell erkannt und sterilisiert. Propheten gibt es nicht mehr. Also kann keine innere Stimme dem jüdischen Menschen, dem erschreckten Bürger, dem Intellektuellen und dem um seine Existenz immer verzweifelter ringenden kleinen Mann den Weg zeigen. Und die Stimme der jüdischnationalen Partei und der Zionistischen Organisation dringt — wenn überhaupt — nur leise und gedämpft an sein Ohr.. Eine der bedeutsamsten und auch traurigsten Erscheinungen des Lehens, ist das Aitern. Ein ehernes Gesetz äer Natur führt alle Lebewesen nach Erreichung eines „Die Neue Welt' — vier Wochen gratis!, „Die Neue Welt" wird Uber Wunsch an Interessenten durch vier Wochen kostenlos zur Ansicht zugeschickt! Bestellungen sind an die Adresse Otto A. Fischel, Praha I, u Milosrdnych 10/111, zu richten. gewissen Abnützungsgrades der Auflösung, dem Nichts zu. Bewegungen, Parteien, Organisationen gleichen aber nicht ganz dem Einzelwesen in der Natur. Junge Leute, frisches Menschenmaterial, neue Ideen schützen eine Bewegung vor dem „A 11 w e r d e n". Dort aber, wo sich das Menschenmaterial nicht erneuert, wo eine leuchtende und gewaltige Idee als dürftiges Minimalprogramm konserviert wird, wo aus unentwegten Propagatoren und freudigen Mitarbeitern „alte'Kämpfer" oder sogenannte „Funktionäre" werden, vollzieht sich der Prozeß des Altwerdens mit unerbittlicher Gesetzmäßigkeit. Das Problem der zionistischen Bewegung in der tschechoslowakischen Republik ist in diesem Sinne ein biologisches. An dieser Bewegung, der wir doch alle mit Lsib und Seele angehören, werden nur allzu deutlich Symptome des Alterns sichtbar. Von der von Herzl in so großer Weise als „Judenstaat unterwegs" konzipierten Zionistischen Organisation ist in der ö. S. R. ein loses System von Vereinen und Ortsgruppen geworden, das nur bei Sammelaktionen anerkennenswert funktioniert und sonst seine volkswirtschaftliche Berechtigung in der Lebenssicherung eines ganzen Stabes von Sekretären und Beamten erschöpft. Gewiß, man muß das einsehen, diese Leute wollen leben. Wenn man aber mit zionistischen Geldern bezahlt wird, muß man auch richtig zionistisch arbeiten. Wie oft werden Beneschau, Klattau, Tabor usw. usw., Städte des inneren Böhmen, bereist? Nur wenn man Geld will. Sonst aber sitzen die Herren in Prag, Mähr.-Ostrau oder sonst wo, schreiben hie und da langatmige Betrachtungen über die Auswirkungen dieses Ereignisses auf jene Lage und vor den Kongressen verfassen sie mehr oder minder glühende Aufrufe an das Volk. Inzwischen erlebt die tschechische Assimilation einen gewaltigen Aufschwung und hat beispielsweise in Prag den wesentlichsten Teil der jüdischen Jugend erfaßt! Und das vier Jahre nach Hitler! Was hier zu sagen ist, ist traurig. Aber es muß, wenn auch mit Selbstüberwindung, im höheren Interesse gesagt werden. Von einer Aktivität der Zionistischen Organisation in der C. S. R. nach außen ist fast gar nichts zu merken. Dafür gibt es eine Aktivität nach „innen", welche ganz fataler Art ist. Man kann sich schwer vorstellen, wie da hinter den Kulissen intrigiert und was da ausgehandelt wird. Da tobt ein schonungsloser Kampf um Posten und Positionen. .Mißtrauisch wird jeder Zionist betrachtet, der wirklich arbeitet. Und hat er Erfolg, ist er tüchtig, dann wittert man in ihm einen unbequemen „Kommenden" und er wird kaltgestellt. Generalversammlungen werden hinter dem Rücken der Mitglieder abgehalten und in Anwesenheit von zwanzig Menschen, fast alle miteinander verwandt, verschwägert oder zumindest voneinander wirtschaftlich abhängig. Selbstlose werden abgedrängt. Nur eine willige Trabantenschar wird zugelassen. Eine Hand wäscht die. andere, woraus man nicht den Schluß ziehen darf, daß die Hände dadurch immer sauber werden. — Da aber wird der Leser ausrufen: „Genug. Das ist doch furchtbar. Ihr habt doch eine Presse. Warum kontrolliert sie nicht die Leitung und Verwaltung? Warum reinigt sie nicht diese Atmosphäre?" Ja, normalerweise hat die Presse als Reinigungsorgan zu dienen. Wie aber, wenn die Presse den „Häuptlingen" gehört, von denen eben die Rede war. Wenn jeder, der diesen Usurpatoren nicht genehm ist, einfach totgeschwiegen wird. Wenn dafür diese Presse bei jedem Räuspern unseres „bewährten Führers X" in begeistertes Vivat und Hosiannah ausbricht, daß man. meinen könnte, die göttliche Offenbarung hätte ihn überkommen oder er hätte zumindest eine neue Art Schießpulver entdeckt. Sehr, sehr spät stellt sich dann heraus, daß kein Schießpulver erfunden wurde. Schreckliche Zustände, sagt der Leser. Was ist denn da zu machen? Darüber soll das nächste Mal gesprochen werden. (Fortsetzung folgt.) Die Bibliothek der Troppauer israelitischen Kultusgemeinde Von Dr. Berthold Huller Die Zeit ist aus den Fugen — kein Volk hat die Wahrheit dieses Satzes an seinem eigenen Leib so schmerzhaft erfahren müssen, wie das jüdische. Von einer Welt von Feinden umdrängt, blickt es sorgenvoll in die Zukunft, aber bereit und gewillt, sich selbst zu helfen. Ueber welche Kräfte aber verfügt das kleine jüdische Volk? Es hat nicht die fürchterlichen Waffen des Krieges, es kann der Gewalt der Materie nichts entgegensetzen als den Geist, vor allem jenen, der in seinen großen Schöpfungen, seinen Büchern, dem Buch der Bücher niedergelegt ist."' Eine jüdische Bibliothek hat gerade heute eine Mission zu erfüllen, all das umfassend, „was die jüdische Seele zu ihrem Aufbau braucht". Dieie Forderung erfüllt die Bibliothek der Troppauer israelitischen Kultusgemeinde in weitestem Umfang. Mit ihren 15.000 Bänden bietet sie dem jüdischen Leser alles, was er zur geistigen Sammlung und Aufrichtung benötigt. Man findet hier neben den modernsten Erscheinungen der schönen Literatur alle wissenschaftlichen Werke von Rang, alle Disziplinen, wie Geschichte, Kulturgeschichte, Memoiren, Reisebeschreibungen. Natürlich ist alles, was die Geschichte des Judentums und des Zionismus betrifft, hinlänglich vertreten. Das Verdienst, diese großartige Kulturinstitution geschaffen zu haben, gebührt dem Troppauer Rabbiner Dr. Simon Friedmann. Vor dem Krieg besaß die Troppauer Kultusgemeinde nur eine kleine Jugendbibliothek. Dr. Friedmann ist ihr geistiger Schöpfer. Er war es, der alle Menschen in der Stadt, die Privatbibliotheken besaßen, veranlaßte, für sein Unternehmen Bücher zu spenden. Aber er fand noch andere Wege, sich die für den Ausbau nötigen Mittel zu beschaffen. Er veranstaltete zahlreiche Vorträge und Rezitationsabend« jüdischen Charakters, deren Reinertrag der Bibliothek zufloß. Zur Feier ihres zehnjährigen Bestandes schuf der Troppauer Maler Leo Haas eine sehr gelungene Radierung von Dr. Friedmann, die an zahlreiche Gönner und Freunde der Bibliothek verschickt, eine ansehnliche Summe einbrachte. Das Werk des Rabbiners Dr. Friedmann dient ausschließlich geistigen, erzieherischen Zwecken. Es hat weitgehendste Resonanz gefunden: alle Bevölkerungsteüe, auch die nichtjüdischen, sind Leser der jüdischen Bibliothek geworden. lut „Uatikwak" An die Prag, den 27. Mai 1937. Redaktion der „Neuen Welt" Wien. In der Nummer vom 26. März 1937 bringen Sie eine Bemerkung „Zur Hatikwah" von Prof. Braslavsky. Ich bedaure sehr, daß Sie dieser Einsendung Raum gegeben haben, und hoffe, daß es noch andere Leser geben wird, die dieses Bedauern teilen. Herr Prof. Braslavsky schreibt: „Für uns Jfusiker war sie (die Musik der „Hatikwah") Immer ein Mißgriff, da sie mit dem Thema der „Moldau" von Smetana übereinstimmt." Das mag musiktheoretisch richtig sein; trotzdem wage ich Herrn Prof. Braslavsky zu widersprechen. Ich bin leidlich musikalisch, kenne klassische Musik und habe immer ein gutes Ohr für Anlehnungen gehabt Ich liebe die „Moldau" von Smetana und kenne sie noch länger als die „Hatikwah". Aber ich Dir. in. mehr als 30 Jahren nie auf den Gedanken gekommen, hier eine Aehnlichkeit zu finden. Erst jetzt fällt mir auf, daß die ersten Takte in der Tonfolge teüweise übereinstimmen. Aber der Rhythmus ist ein ganz anderer. Das breit-getragene „Moldau"-Motiv, das das Strömen des Flusses veranschaulicht, und das feurig anstürmende Thema, der „Hatikwah" haben für das natürliche Mwaikempfinden. nichts Gemeinsames. Aber selbst wenn es anders wäre: Was wäre damit bewiesen? Die Ausdrucksmittel der Musik sind begrenzt und Anklänge sind unvermeidlich. Ja sogar die bewußte Entlehnung von Themen ist in der Musik ganz anders zu bewerten als in anderen Künsten. Dafür gibt es unzählige Beispiele. Beethoven hat das schönste Thema der Siebenten Symphonie einem alten österreichischen Wallfahrerlied entnommen; und Wagners „Siegfried"- Motiv entspricht wieder einem Thema von Beethovens Fünfter Symphonie. Ist damit etwas über den Wert dieser Musik gesagt? Die Sache hat aber eine viel tiefere grundsätzliche Bedeutung. Lieder haben eine stark gemeinschaftsbildende Wirkung. Die Melodie der „Hatikwah" hat mehr für die Bildung eines neuen jüdischen Gemeinschaftsgefühls.getan als unzählige theoretische Aufsätze. Solche Gefühlswerte können aber durch eine absprechende Kritik wieder zerstört werden. Deshalb gehören Bemerkungen, wie die des Herrn Professor Braslavsky, in die Fachliteratur, wo über ihre Berechtigung diskutiert werden mag. Zeitungen, die sich an die breite Oeffentlichkeit wenden, sollten sich hüten, die wenigen echten Ansätze gefühlsmäßigen Erlebens, die heute das ganze Judentum verbinden, durch solche Kritik zu erschüttern. ' Uebrigens ist es Herrn Prof. Braslavsky entgangen, daß sich der Einwand der Anlehnung viel eher gegen den von ihm (mit Recht!) gerühmten Text der „Hatikwah" erheben ließe; Denn die Stelle, die in der deutschen Uebersetzung mit „Noch ist Juda nicht verloren" wiedergegeben wird, ist zweifellos angeregt durch die entsprechenden Worte der polnischen Nationalhymne. Aber die gleiche Lage eines Volkes erzeugt offenbar gleiche Ausdrucksformen und der Wert des Liedes wird auch dadurch nicht gemindert. Nicht ohne Widerspruch darf schließlich die Bemerkung des Herrn Prof. Braslavsky hingenommen * werden, daß die Melodie der „Hatikwah" im Widerspruch zum „chaluzisch-zionistischen Geist" stehe. Eine sehr kühne Behauptung. Aber auch wenn sie richtig wäre: Stehen unsere Chalüzim auf de:ti Standpunkt des primitiven Bolschewismus, der alle Werte verwarf, die nicht der „proletarischen Kultur" entstammten? Schon das Rußland von heute ist über diese Anschauung hinausgewachsen. — Alle Liebe und Achtung unseren Chaluzlm; aber sie sind nicht das ganze jüdische Volk, Und wenn sie es einmal sein werden,' so wird auch ihr Geist ein, anderer sein. Mit zionistischem Gruß A. Fischer, %