Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 661 (8.6.1937)
- Date
- 1937-06-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 661 vom 8. Juni 1937 DIE NEUE WELT Seite 3 Aus der Tschechoslowakei Alle Zuschriften sind ausschließlich an folgende Adresse zu 'richten: O. A. Fischet, Praha I, u Milosrdnych lOjlll Nr- 1 Erscheint vierzehnte Ig__8. Juni 1937 Zum Geleit Die weite Landeskonferenz der Judcnstaatspartci in der C. S. R., welche am 9. Mai 1937 in Prostejov tagte, war ein Meilenstein in der Entwicklung unserer tschechoslowakischen Bewegung. Sie schaffte dio breite Plattform, welche den Erfolg der weiteren Arbeit garantiert. Seit sieben Monaten arbeiten wir planmäßig an der Reorganisierung und dem Ausbau unserer Bewegung. Die Konferenz war unser erstes Ziel. Ihr Erfolg unser erster Sieg. Allein, wir stehen erst am Beginn unserer Arbeit. Das Sekretariat geht nach durchgeführter Uebersiedlung nach Prag energisch an die Ausführung der Beschlüsse der II. Landeskonferenz. Eine der wichtigsten Aufgaben, um deren Erfüllung wir uns jetzt be- Wa§ i§t zu tun? Von Dr. Martin Lichtner. Die Verwirrung in den jüdischen Reihen steigt von Tag zu Tag, die Erregung wegen der umgehenden Gerüchte über eine bevorstehende, staatsrechtliche Aenderung des Palästina-Statuts überbieten einander, aber nirgends zeigt sich eine wirkliche Organisation des jüdischen Willens zum Widerstand und in dieser Zeit der ganz großen Gefahr bleiben unsere leitenden Staatsmänner stumm. Nicht darum geht es, daß' letztere schon jetzt die Pflicht hätten, gegen jede Verkürzung unserer historischen Rechte aufzutreten — das ist eine Selbstverständlichkeit —, sondern es geht darum, daß das Volk selbst ohne Führung belassen wird und eine geistige Sperre zwischen Volk und Führern geschaffen wird, die sich katastrophal auszuwirken beginnt. Das Verhalten der gewählten und berufenen Exekutive der Z. O. ist völlig unverständlich und es fehlt an jeder Paralelle in ähnlichen Situationen bei anderen Völkern. Ueberau dort, wo Gefahren, und seien es auch nur unwirkliche Schreckbilder, ein Volk in Unruhe versetzen, treten die Staatsmänner und Führer dieses Volkes auf, geben ihre Haltung bekannt, beruhigen öder peitschen auf, je nachdem es die Situation erfordert — uns aber bietet man nichts denn Schweigen, außer, wenn man die große Nationalfondsaktion als offizielle Reaktion auf die drohenden Gefahren ansehen will. So sehr diese große Aktion zur Erlösung des Bodens in dem, in jeder Richtung so wichtigen Galil zu begrüßen ist, so sehr muß es abgelehnt werden, <Jaß man sich darauf beschränkt, im dieser Zeit nur mit einer Geldforderung an das Volk heranzutreten, ohne in irgend einer Richtung sozusagen die politische Gegenleistung zu bieten. Die immer zufriedenen, taubstummen, offiziellen Zionisten werden auch darin wieder eine weise Handlung der zionistischen Führung erblicken und sich wahrscheinlich vorstellen, daß dieses Schweigen eine hochwichtige, diplomatische Aktion vermuten läßt, die durch Reden nicht gestört werden darf. Leider wissen wir aus Erfahrung, daß die Entscheidungen der Mandatarmacht zwar bisher immer von den oppositionellen Gruppen vorausgesagt wurden, was gar nicht so schwer war, wenn man nur halbwegs mit offenen Augen zu blicken imstande ist, daß aber die zionistische Exekutive stets überrascht wurde und vor vollendeten Tatsachen stand. Es wird auch diesmal aller Voraussicht nach nicht anders sein. Doch erscheint es mir zu verfrüht, jetzt schon eine wirkliche große Abwehrbewegung des jüdischen Volkes in Aktion treten zu lassen. Man verpufft seine Energie nicht gegenüber unkontrollierbaren Gerüchten und man muß sich bewußt sein, daß die Konklusionen der Königlichen Kommission, wie immer sie aussehen werden, keine Tatsachen schaffen, sondern, daß es bis dorthin noch ein recht weiter Weg über englisches Parlament, amerikanischen Kongreß und Völkerbund gibt. Das, was aber heute schon zu tun wäre, ist eine breitangelegte Propaganda und Bearbeitung der öffentlichen Meinung in allen Ländern der Welt, die von der Judenfrage unmittelbar und mittelbar getroffen werden. Daneben hätten selbstverständlich die dplomatischen Interventionen weiterzulaufen und leider lesen wir immer wieder nur von Besuchen unserer Führer in London, bestenfalls in Genf, aber nichts davon, daß die Fäden bereits die anderen Länder umsponnen hätten. Gewiß, das Radio, das modernste Mittel der Propaganda, steht uns in nur sehr beschränktem Maße, zur Verfügung, die Presse, die größte Großmacht der Welt, ist längst unserem Einfluß, wenn er überhaupt je bestand, entwachsen — es bleibt nur ein Weg, um an die Oeffentlichkeit •heranzukommen und sie für uns zu gewinnen: die Straße. mühen, ist die Schaffung eines eigenen Organ es unserer Bewegung in der C. S. R. Es soll nicht nur unsere Gesinnungsgenossen über unsere Bewegung informieren, sondern darüber hinaus auch die Plattform zur Aussprache bieten und zu den das zionistische sowohl als auch das allgemein jüdische Leben in der C. S. It. tangierenden Fragen Stellung nehmen. Unser Organ erscheint für den Anfang als vierzehntägige Beilage der „Neuen W e 11". An uns allen liegt es, das Blatt auszubauen. Verbreitet euer Organ unter Freunden und Bekannten! Ihr verbreitet so eure Idee und bereitet ihr den Sieg. Arbeitet an eurer Zeitung mit, denn sie betrifft euch in erster Reihe. Die Landesleitung. In diesen Stunden höchster Gefahr und Alarmbereitschaft müßten in allen Hauptstädten der Welt Millionen von Flugzetteln und kleinen Broschüren verbreitet werden, die in kurzen Schlagworten, mit kurzen, aber klug dargestellten Statistiken, vor allem aber mit wirklich informativen Bildern von der unendlichen Not unseres Volkes einerseits und von unseren unendlichen Leistungen andererseits sprechen. Was weiß denn der einfache Bürger und Arbeiter von Prag, Wien und Paris, von New York, London und Rom von unserem Elend? Was weiß er von den Hungerstätten Polens und Karpathorußlands, von jenem stillen, aber um so größeren Heldentum unserer Brüder im Osten? Was weiß er von den Sümpfen und Wüsten Erez Israels, die wir in fruchtbares, gesundes Land gewandelt haben, was weiß er von den Arabern und ihrem elenden Land, das unbearbeitet und brach seit Jahrhunderten daliegt? Er kennt uns nur als häßlichen und ihm fremden Besucher des Kaffeehauses und der Börse, täglich brüllt ihm das Radio ins Ohr, was für minderwertige Rasse wir sind — unsere Leistungen, unsere Opfer, unser Heldentum, unsere Not, unseren Hunger und unser Elend — davon hat er meist keine .bloße Ahnung! Der italienische Staat hat mit allen Machtmitteln eines diktatorischen Regimes die pontinischen Sümpfe Voranzeige! Die Judenstaatspartei in Prag veranstaltet Mitte Juni ein Meeting mit folgenden Rednern: 1. Dr. Franz Friedmann, Stadtrat der Stadt Prag; 2. Oberbaurat Robert Stricker, Vizepräsident der Weltexekutive der Judenstaatspartei (Wien); 3. Meir Großmann, Präsident der Weltexekutive der Judenstaatspartei (Tel-Aviv). IIIIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII1IIIIIIIII1IIIIIIIIIIII1IIIIIIIIIIIIIII1IIII1IIN trocken gelegt — aber alle Welt weiß davon, bestaunt und bewundert dieses Werk und es war die beste Propaganda für das italienische Regime. Wir aber haben mit den Pfennigen der Aermsten unseres Volkes ein Vielfaches dessen teuer gekauft und mit dem Blute und Schweiß unserer Besten der Kultur wieder zurückgegeben. Zeigen wir das einmal unseren Menschenbrüdern der anderen Rasse, zeigen wir ihnen, wie diese Landstriche aussahen, bevor wir kamen, und wie sie jetzt aussehen, zeigen wir ihnen auf der anderen Seite die verkrümmten Greisengestalten unserer verhungernden Kinder in Polen, Karpathorußland, die elenden, zerfallenden Hütten eines Lumpenproletariats von vielen Hunderttausenden, dessen einzige, allerletzte Hoffnung Erez Israel ist. Zeigen wir ihnen, was Gesetze und Verordnungen des Deutschen Reiches aus dem einst blühenden Stamm unseres Volkes gemacht haben, keine „Greuelberichte", sondern» Tatsachen, offizielle Tatsachen, die von niemandem bestritten werden, und dann, dann fragen wir sie, ob sie es dulden wollen, daß unter dem Auge Gottes uns unsere letzte Hoffnung geraubt wird, jenes heilige Land, von dem sie alle in ihren Kindheitstagen gelernt haben, daß es unser Land ist, uns versprochen, uns gegeben in den ersten Kindheitstagen der Menschheit, niedergelegt in einem „Mandatsvertrag", der zur Grundlage der Gerechtigkeit und Sittlichkeit der ganzen Menschheit wurde. In früheren Jahrhunderten haben Könige und Fürsten, Päpste und Heerführer Geschichte gemacht — in unserer Zeit macht dieser kleine Mann der Straße Geschichte und seinem Willen beugen sich alle Regierungen der Welt, mögen sie nach welchem System immer regieren. Es gibt Juden und Zionisten, die die Erwerbung des Hulegebietes für ein Unrecht halten, weil der Boden zu teuer erkauft werden mußte; ich habe auch in der Zeit des schwersten Kampfes gegen diesen Kauf immer erklärt, daß den nationalen Fonds kein Pieckchen Erez Israels zu teuer im Preise sein darf, denn besser, wir erlösen unseren Boden mit dem Vermögen des Volkes, als daß wir gezwungen wären, unsere Freiheit und unseren Staat mit dem Blute und dem Leben unserer Kinder erkaufen zu müssen und mit dem Blute und dem Leben unserer Feinde, so wie es viele andere Völker tun mußten. Der Propagandafeldzug zur Aufpeitschung und Gewinnung der öffentlichen Meinung in allen zivilisierten Staaten der Welt wird auch viel Geld kosten — aber es ist eine gute und notwendige Kapitalsanlage, die sich reichlich verzinsen wird, und — für die, die ewig nur rechnen wollen — es ist nebenbei auch eine sittliche, gute, menschliche Tat, denn, wenn die Menschheit und die Organisation der Staaten der Welt jetzt darangehen wollen, dem ältesten Volk dieser Erde sein Recht und seine letzte Hoffnung auf Leben und Freiheit zu nehmen, so wäre das ein Verbrechen am Geiste ewiger Gerechtigkeit. Von der Landesleitung Es ist der Landesleitung gelungen, den Präsidenten unserer Bewegung, Meir Großmann, zu bewegen, auf seiner Europatournee auch die 6. S. R. zu besuchen. Meir Großmann wird in Prag gleichzeitig mit dem Vizepräsidenten der Bewegung, Oberbaurat Robert Stricker sprechen. Prag wird an diesem Abend das erstemal Gelegenheit haben, die Führer der offiziellen zionistischen Opposition zu hören und ihre Stellungnahme zu den derzeitigen komplizierten Verhältnissen in Palästina und in der zionistischen Politik kennenzulernen. Der Abend gewinnt viel an Interesse durch den jüdischen Stadtrat von Prag, Dr. Franz Friedmann, der über Einladung der Landesleitung ebenfalls sprechen wird. Es ist ohne Zweifel sehr interessant, einmal die Meinung eines Zionisten, der nicht der oppositionellen Partei angehört, über die Situation zu hören. Um so interessanter, wenn es sich um eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Prager Judentums handelt, wie es Dr. Friedmann ist. Einen zweiten Vortrag wird Meir Großmann in Brünn halten, an welchem der Vorsitzende der tschechoslowakischen Landesleitung, Ing. Jakob Frankel, teilnimmt. Meir Großmann, der auf der Durchreise nach Polen ist, soll einige Tage später bei der Rückreise in einem oder zwei großen Orten Karpathorußlands ebenfalls in Massenmeetings sprechen. O. A. F. Die Fahrt ins Blaue So oft ich vom Revisionismus reden höre, erinnere ich mich an einen sehr guten Vergleich, den ich einmal irgendwo gehört habe. Um die Bahnen rentabler zu machen, veranstaltet man die sogenannten „Fahrten ins Blaue". Die Touristen kaufen eine Fahrkarte und steigen in den Zug, ohne das Endziel zu kennen. Erst unterwegs wird dann das Endziel dem Zugsführer bekanntgegeben und die Passagiere erleben die angenehme Ueberraschung. Eine derartige Fahrt ins Ungewisse oder, wie man sagt, „ins Blaue", soll wegen der unzähligen lustigen Szenen, welche mit dem Raten nach dem Ziele der Fahrt verbunden sind, sehr lustig sein. Man sagt weiter, die Bahnen hätten sich mit diesen „Fahrten ins Blaue" saniert. Ob sich auch eine politische Partei so sanieren läßt? Daß sich genügend Menschen finden, die an einem derartigen überraschungsreichen Spiele auch in der Politik ihren Spaß haben, dafür gibt es einen Präzedenzfall. Als der Revisionismus entstand und den Kampf gegen die ewige Verzichts- und Nachgiebigkeitspolitik: der Exekutive aufnahm, da fanden sich viele, die ihn unterstützten, und die revisionistische Bewegung wuchs, kann man sagen, über Nacht. Uebel sah es damals vor dem Prager Kongreß mit unserer linken Majoriät aus. Sehr traurig. Auch der letzte Versuch der propagandistischen Ausschrotung der Leiche Arlosoroffs schlug fehl. Da, knapp vor dem Ziele, setzte Jabotinsky seinen Putsch in Szene. Und nun beginnt die „Fahrt ins Blaue". Endlich hatte man das Joch der „verfaulten" Z, O. abgeworfen und heller Jubel herrschte darob im ganzen Lager. Alle Revisionisten, ohne Ausnahme, verwarfen den Kongreß, zu welchen nie wieder zu gehen man feierlichst proklamierte. Allein erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Kaum hatte sich die Kunde von dem ignorierten und gemiedenen Kongreß unter den Revisionisten herumgesprochen — führte Jabotinsky die revisionistische Delegation zum Kongreß nach Prag. Brav und folgsam gingen seine Mannen mit. Als man so seine Zugehörigkeit zur Z. 0. genügend klar manifestiert hatte — da trat man aus. Abwechslung muß sein! Mau'proklamierte den ewigen Kampf gegen die „alte Z. 0.". Man machte einen Kongreß, denn bekanntlich wird ja der 20. Kongreß der „Alt-Zionisten" nicht mehr zustande kommen. — Kurz, man übersiedelte. Man ließ neues Briefpapier drucken und die Arbeit begann. Aber die Arbeit der „Neuen" Z. O. scheint geheim zu »ein« S,<j