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Die neue Welt · 1937-06-08 · Heft 661 (8.6.1937) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 661 (8.6.1937)
Date
1937-06-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seit« 3 if ■' ' ----------- Zur Tagesordnung Vor einigen Tagen sprach bei einer Versammlung 3es Sundes christlicher Arbeiter und Angestellter Staatsrat Leopold tfunschak über den staatlichen Jhd wirtschaftlichen Aufbau Oesterreichs und benutzte diese Gelegenheit, um die nationalsozialistischen 3törungsversuohe au brandmarken, die seiner Ansicht nach ein System der Sabotage gegen )esterreichdarstellen. Kunschak ging sehr scharf gegen die österreichischen Naais los, Er enthüllte ihre Versuche, das Wirtschaftsleben Oesterreichs su unterminieren und auf den Trümmern des Vaterlands ihr Regime aufzurichten. „Wer einer wirtschaftlichen Gesundung hemmend in den Weg tritt", rief Kunschak aus, „muß ils Verräter, als Verbrecher an dem Interesse hundert« :ausender Volksgenossen und deren Familien belehnet werden." Ueber die Abwehr solcher Angriffe?agte Kunschak: „Bei aller Respektierung der österreichischen Gemütlichkeit muß dem Kampf gegen das Vaterland und den Sabotageakten gegen das Volksinteresae das längst verdiente Ende bereitet werden." [)ftd schließlich über die Ötrafmittel J „Wenn ein Vorschlag gewünscht wird, dann kann ich nur eine fünfzigprozentige Anwendung jener Methoden empfehlen, mit denen im Dritten Reich der Kampf gegen alle jene geführt wird, die sich nicht Vollständiger Ergebenheit Sefieißigen . . ." Zweifellos wird der überwiegende Teil der Österreichischen Bevölkerung sowohl mit der Beurteilung der Lage als auch mit dem Vorschlag des Staatsrats Kunschak einverstanden sein. Aber sowohl seitens Kunschaks als auch seitens der von ihm beeinflußten Kreise wurde oft betont, daß der — Jude der gö* fährliche Feind der österreichischen Wirtschaft sei und daß er deshalb (gelinde gesägt)' ausgeschaltet werden müsse. Wenn irgend einmal ein Unternehmer mit einem jüdisch klingenden Namen gegen den i-Punkt einer Gewerbeordnung verstieß, dann konnte man von Rednertribünen und aus den Spalten kunschakfreundlicher Blätter die Parole empfangen: Weg mit den jüdischen Kaufleuten! Reinigt das deutsch-christliche Wien vbni korrumpierenden jüdischen Geist! Jetzt aber hört man plötzlich, daß die gewiß bodenständigen und artgleichen Nazis die Saboteure sind, mehr noch: Verräter Ufld Verbrecher! Und als Strafe wird die füttfzigprozentige Aflweiidting der Methoden des Dritten Reiches empfohlen. Man kann ohne Uebertreibung Sägen, daß gegen die jüdischen Staatsbürger die fünf zigprözefttige Methode bereits angewendet wird, die Ausschaltung und ExistehÄVeraichtUng auf kaltem Wege, die Diskreditierung Uüd Verdächtigung, Uttd zwar gerade seitens jener FaktorCh, welche zugeben, daß die Nationalsozialisten die österreichische Wirtschaft bewußt und systematisch zu ruinieren versuchen. Wie wäre es, wenn man nach dem gewiß gerechten Vorschlag Kunschaks die fünfzigprozentige Methode gegen die bodenständigen Saboteure anwenden wollte, mit der man in der Wirtschaft gegen die Juden vorgeht? * Ueber die Vernichtung des deutschen Judentums durch das nationalsozialistische Regime ist man sozusagen zur Tagesordnung übergegangen. Zuerst war die Verfemung gekommen, dann die Verfolgung und Ausplünderung; zuerst wurden die. Juden zu Verbrechern gestempelt, damit man sie der allgemeinen Verachtung preisgebe, dann zog das Dritte Reich die Konsequenzen aus dieser Methode. Als Stimmen der Humanität hörbar wurden, die solches verdammten und einsichtig gerecht denkende Kreise, vornehmlich in den Weststaaten, davor warnten, diese Dinge zu bagatellisieren, hieß es u. a. auch bei: uns: es gehe in Deutschland um eine rassisch-w.irtschaftliche(!) Prozedur, die auf andere Bevölkerungsschichten keinen Einfluß habe. Die Wiener deutschchristliche „Reichpost" beispielsweise lehnte strikte die Auffassung ab, daß es sich bei der Behandlung der deutschen Juden auch um eine — kulturelle Auseinandersetzung handle. Plötzlich eine Wendung! Das Christentum ist in Deutschland in Bedrängnis. Der Wiener Kardinal- Erzbischof Dr. Innitzer erklärte bei einer christlichen Feier, es brande in Deutschland ein Kampf gegen die christliche Religion, wie er in der Geschichte fast ohne Beispiel stehe. Die sogenannten Sittlichkeitsprozesse seien in Szene gesetzt worden, nicht um sittliche Verfehlungen einzelner zu strafen, sondern um die Kirche herabzusetzen. Nach einem Bericht der Wiener Presse erklärte der Kardinal- Erzbischof weiter, es sei offen.zugegeben, daß es auch im Priesterstande wie in anderen Ständen einige wenige gebe, die es mit den Übernommenen Pflichten nicht ernst nehmen. Aber es bestehe kein Grund zu Pauschalverdächtigungen . . . 0 diese Pauschalverdächtigungen! Wir Juden kennen sie nur zu gut. Ein großer Teil unserer Leiden geht auf Pauschalverdächtigungen zurück. Für die Verfehlung einzelner wird seit eh und je die ganze Judenheit verantwortlich gemacht. Es macht darum tiefen Eindruck, wenn eine so hervorragende »I» NEU» WELT katholische Persönlichkeit wie Dr. Innitzer Pauschalverdächtigungen gegen einen ganzen Stand zurückweist. Der derseitige kämpf der deutschen Katholiken ist zu einem Kampf gegen die generelle Diffamierung des Klerus geworden, gegen die „Pauschal« Verdächtigung", mit der man alles uns Juden angefügte Unrecht zu motivleren versucht hat. Daß jetzt die christliehe Kirche die Bekanntschaft mit diesem Motiv der Verfolgung und Diffamierung ge* macht hat, beweist, wie weit die moralische Hern* mungslosigkeit im Dritten Reich gediehen ist. „Zuerst kommen die Juden dran, dann die anderen —". Diese Prophezeiung hat jetat schauerliehe Aktualität bekommend 0! r. Judenstaatierf Meldet euch zur Mlt&rbelt für den WaMampf. Anmeldungen: täglich Im Sekretariat, ftmtralheim, li„ Praterstraße 30, von 10 bis 23 Uhr, Telephon IMS-i-eO-Ü. * Die Weltkonferenz der Judenstafttfl« Partei wurde für den 27. Juli d. J. einberufen. Öle Kon* ferenz wird in Paris zusammentreten. HerZl'Gfäbgättg. Sonntag, den 20d. M., findet der diesjährige Heral*Gfäbgäng statt, Näheres wird zeitgereeht bekanntgegeben werden. „Hapag" ohne Bällin In Deutschland wurde dieser Tage die Gründung der ältesten und größten deutschen sehlffahrtsgesellschaft „Hapag" gefeiert, Zwar hat die deutsche Sohifffahrt seit Ausbruch des Dritten Reiches an Umfang bedeutend abgenommen, hauptsächlich durch den antideutsehen Boykott, aber das Gefühl für die Bedeutung des Schiffswesens ist in Deutschland mehr denn je wach, darum ist die Erinnerung an die verflossenen neunzig Jahre der Hapag mit Reden, Glückwünschen, Festschriften verknüpft, Die rfapag steht also im Mittelpunkt des deutschen Interesses, Man weiß, wie stolz das Vorkriegsdeutschland auf die in der ganzen Welt populäre Mamburg-Amerika-Linie („Hapag") war, und man weiß auch, daß in der ganzen Welt der Aufstieg dieser ae= Seilschaft dem genialen Juden Albert B a 11 i n zugesprochen wurde. Ballin war ein internationaler Name, die Hapag die führende Schiff ährtsgesellschaft. Wir sagen „Jude" Albert Bäilin, Er selbst fühlte sich zunächst einmal als Deutscher, — man könnte sagen — Deutschöetonter, Sein Patriotismus war unbestritten. Mehr als einmal sah man in ihm denn „künftigen Hattdeismlnister". Bein Verdienst war es, daß die Häpag den großen Aufstieg nahm. Albert 6 a 11 i ü War das Symbol der deutschen Wirtschaftsmacht zur See, Symbol und Repräsentant zugleich. Zur Auffrischung des Blutes trinken Sie einige Tage hindurch frühmorgens ein Glas natürliches „Franz-Josef "-Bitterwasser! Aerztlich empfohlen. Jetzt, da das offizielle Deutschland des Gründuttgäktes der Hapag gedacht und die Zeitschrift „Der deutsche Seemann" einen Festartikel über die Geschichte der Hapag veröffentlicht hat, wäre Gelegenheit gewesen, sich Albert Ballins zu erinnern, da sich sein Name spontan dem Bewußtsein des deutschen Volkes aufdrängt. „Der deutsche Seemann" schreibt: „Der bis an die Schwelle des Weltkrieges dauernde Aufschwung war so groß, wie er nur selten einem wirtschaftlichen Unternehmen beschieden ist. Die nahezu drei Jahrzehnte umfassede Periode läßt sich kennzeichnen als eine Zeit fast ununterbrochener Betriebsausdehnung, bei gleichzeitiger vorsichtigster Sicherung innerster Solidität und fortschreitender Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Unternehmens gegen Krisen und Konkurrenz." Wem da nicht der Name Albert Ballin in der Feder fließt, der macht sich einer schändlichen Blasphemie schuldig. Denn all die schönen Leistungen und Tugenden („Solidität," „Stärkung," „Sicherung"), gehören dem Konto Albert Ballins an. Allerdings, Ballin war Jude, deutscher Jude. Wilhelm II. flüchtete nach Holland, Ludendorff nach Schweden, Ballinins Jenseits. Ballin, der deutsche Jude, konnte die Niederlage seines geliebten Deutschland nicht überleben. Er jagte sich am 9. November 1918 eine Kugel ins Herz. Weder sein patriotischer Lebensweg noch sein heroischer Tod verpflichten das heutige Deutschland, seiner zu gedenken. Die deutsche Schiffahrtszeitschrift „Hansa" (Hamburg), widmet ein ganzes Heft dem Jubiläum der Hapag. Das Heft enthält auch die Porträts der führenden Generaldirektoren. Nur BallinsBildfehlt. Und das Schiff, das nach seinem Tod seinen Namen über die Meere trug, heißt nicht mehr „Albert Ballin," sondern „Hansa". Der Name des jüdischen Mannes, der sein Leben dem deutschen Volk opferte, wird nicht erwähnt. Nichts gesagt und nichts gesungen wird an seinen Sterbetagen. Die Tragödie des deutschen Juden, der sein Herz dem „deutschen Vaterland" schenkte... Nr. 661 vom 8. Juni 1937 Au§ England Judenfragen im Unterhaus Aus London; In der Unterhausdebattc am 2, Juni richtete Colonel Wedgwood an Kolonienminister Ormsby-Gore die Anfrage, ob Emir Abdullah von Transjordanien mit dem Kolonienministerium Ver* handlungen wegen Zulassung von jüdischen Einwanderern nach Trans,Jordanien geführt habe. Ormsby-Groe erwiderte, daß solche Verliandungen nicht stattgefunden haben. * in derseben Sitzung des Unterhauses kamen dl« jüngsten antisemitischen Ausschreitungen in Polen zur Sprache. Abg. Wedgwood fragte den Außenminister, ob er davon Kenntnis habe, daß die Verfolgungen der Juden in Polen immer stärker werden, Und ob die britische Regierung ihren Einfluß beider polnischen Regierung dahin geltendmache, daß diese den Ausschreitungen Einhalt gebiete und der antisemitischen Propaganda Deutschlands in Polen entgegenwirke. Außenminister Eden antwortete, es sei ihm bekannt, daß es in den letzten Monaten in Polen mehrfach zu ahtijüdischen Demonstrationen gekommen sei, und daß die polnische Regierung die not* WBhdigen Maßnahmen ergriffen habe. Er habe keinen Grund zu der Annahme, daß die Ereignisse auf einen ausländischen Einfluß zurückzuführen seien. Abg. Geoffrey Man der fragte den Außenminister, ob den verfolgten Juden in Polen nicht die Möglichkeit der Einwanderung nach Palästina gegeben werden könnte. Hierauf erfolgte keine Antwort, Ein Araberfreund in der englischen Regierung in einer Besprechung des englischen Kablnettswechsels führt die „Jüdische Rundschau" (Berlin): u. a. aus: „Im neuen Kabinett Chamberlains ist das Amt des Köloniehmirtisters in den Händen Ornisby* Gores geblieben. Der eine Jude, der bisher dem Kabinett angehörte, Höre B e l i s h a, ist von Chambcriain übernommen worden, freilich in einem viel wichtigeren Wirkungskreise, als bisher. Auch das andere jüdische Mitglied der Regierung (nicht des Kabinetts), Sir Philip S ä S s ö o tt, ist auf einen höheren Posten befördert worden. Von Interesse ist ferner der Eintritt LordWirtJiertons in die Regierung, eines ehemaligen UnterstafttsSekretärs für Indien, der in der Palästina-Frage häufig als Wortführer der Sache der palästinesischen Araber im Parlament und außerhalb des Parlaments hervorgetreten ist. Der Eintritt Lord Wintertons gerade in einem Augenblick, wo Palästina so umkämpft ist, ist eine Tatsache, die nicht unbeachtet bleiben kann." Bernard Shaw Uber den Nationalsozialismus In einem Anhang zu seinem „W Cgweiser für die intelligente Frau zum Sozialismüs" befaßt sich Bernard Shaw mit dem Faschismus und Sowjetismus und schreibt u. a.: Die Regel, daß der Faschismus die Reichen nicht plündern kann, hat einige sonderbare Ausnahmen: Der Führer Hitler hat die wohlhabenden Juden geplündert und es zu einem Verbrechen gemacht, in Deutschland ein Jude zu Sein. Allerdings mußte er es zulassen, daß die jüdischen Unternehmen Und Vermögen von deutsehen Kapitalisten in Besitz genommen und ausgebeutet werden, die das schmachtende deutsche Proletariat ebenso räuberisch schinden, wie nur irgendwelche Juden. Indem Hitler sich die Juden und ihre Freunde in der ganzen Welt zu Feinden machte und zugleich versuchte, einen europäischen Feldzug gegen Rußland, das Grab des Ruhmes Napoleons, zu organisieren, ging er ein Risiko ein, das sich als das Verderben des deutschen Faschismus erweisen kann; ein Risiko, das gewiß viel unbesonnener und größer ist, als das der Zerreissung des Vcrsailler Vertrages und de3 Locarno-Paktes. Ausflüchte C Aus Lissabon (J. T. A.): In einem soeben veröffentlichten offiziellen Bericht der Portugiesischen Regierung wird erklärt, daß eine Massenausweisung von Juden aus Portugal nicht erfolgt sei, sondern daß es sich bei den in den letzten Jahren ausgewiesenen Fremden lediglich um unerwünschte Elemente gehandelt habe. Es sei wahr, daß der größte Teil der Ausgewiesenen zufällig (!) jüdischer Abstammung war. In dem Bericht heißt es weiter, daß die ausländischen Juden in Portugal den allgemeinen Gesetzen des Landes unterworfen sind, die auch die Einwanderung und den dauernden Aufenthalt im Lande regeln. Kein Jude brauche zu befürchten, daß seine Lage in Portugal er- . schwert werden würde. Portugal erachte es auch nicht für nötig, sich dem jetzt vom Völkerbund vorgeschlagenen Abkommen anzuschließen, wonach besondere Gesetze für jüdische Flüchtlinge erlassen worden, die Ihnen die gleichen Rechte zuerkennen, wie sie die Landesbevölkerung genießt. Anm. der Red.: Erst versteckt sich die Regierung hinter einen „Zufall". Dann lehnt sie ein Abkommen mit dem Völkerbund, welches den Schutz der Juden garantieren soll, als unnötig ab. Die enge Verbundenheit Portugals mit Hitler-Deutschland bringt Früchte.

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