Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 661 (8.6.1937)
- Date
- 1937-06-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Preis 10 Groschen DIE Dienstag/ den flUJtaiiM937 Tttl. Vni iveritH« Nr. 661 V.b.b. Zeitung vom Verleger rer»ena«* „Journal expGdie par ftditetit« «ELT REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40. vierteljährig 8 4,—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 460; Tschechoslowakei monatlich Ko 6.^ vierteljährig Ko 18.-:; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.—-: Bomänien monatlich Lei SO.—, vierteljährig Lei ISO.—; Deutschland monatlich Mark l:—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa SO.—, vierteljährig Lewa 80.—,* »alten monatlich Lire 5.-. vierteljährig Lire 14.--2 Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweiler Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IXfUniversitätsstr*8,7 el.A~20-2-78 — Erseheint Dienstag u. Freitag RIVIERA Wochen-Arrang. 8 Tage . S 135'- DALMATIEN-SSÄ.<h.'§ 42"- P L E N m Sonderzug, Abfahrt Jeden Sonntag PAR IS" Sonderzug (hin und zurück) . . . . S 8£ M Anmeldungen: REISEBÜRO ORB! S" il I., Kärntnerstraße 41 Telephon: R.21-5-78 Das Rätsel um Helmut Hirsch Ein rätselhaftes Kapitel der neudeutschen Justizgeschichte hat einen Schlußpunkt gefunden: Der neudeutsche Rundfunk meldet, daß der Jude Helmut Hirsch Freitag, den 4. Juni (auf Grund eines Urteils des Berliner Volksgerichtes wegen Hochverrats zum Tode verurteilt), hingerichtet wurde. Diese Meldung kommt für Menschen, die mit den Methoden des Dritten Reiches nicht vertraut sind und dem Regime einen Funken von Rechtsempfinden zusprechen, überraschend. Denn es wurde der Oeffentlichkeit auch nicht die Spur eines Schuldbeweises zu* Lasten des Hingerichteten kundgegeben. Gleich bei Beginn der Affäre verbreitete die deutsche Nachrichtehpresse das Gerücht-, daß Helmut Hirsch ein deutscher Emigrant sei, der sich heimlich nach Deutschland zurückbegeben.habe,,. um^Attentate gegen führende nationalsozialistische Männer auszuführen. In Wirklichkeit wurde Helmut Hirsch als Sohn eines amerikanischen Staatsbürgers in Böhmen geboren und lebte in Prag, von wo er am 20. Dezember 1936 einen Skiausflug unternahm und nicht wiederkehrte. Der Vater erstattete die Abgängigkeitsanzeige. Die tschechoslowakischen Behörden stellten fest, daß der junge Student nach Deutschland abgereist war und die deutsche Grenze ohne jedes Gepäck überschritten habe. Im Dritten Reich ist Helmut Hirsch spurlos verschwunden. Plötzlich wurde von amtlicher, deutscher Stelle mitgeteilt, daß sich im Besitz des Studenten zwei Höllenmaschinen (!) befunden hätten, die für Attentate bestimmt waren. Hier muß noch etwas Außerordentliches vermerkt werden: Helmut Hirsch besaß bei seiner Reise nach Deutschland einen Staatenlosenpaß und dieser Staatenlosenpaß eines Juden wurde von der Prager deutschen Gesandtschaft mit einem Visum versehen. Der ganzen Sachlage nach ist es wahrscheinlich, daß Helmut Hirsch von einem reichsdeutschen Spitzel unter irgend einem Vorwand über die Grenze gelockt wurde, möglicherweise unter dem Vorwand, daß man ihm Gelegenheit geben werde, auf Seiten der Opposition gegen das Naziregime tätig zu sein. Der stille Helmut Hirsch, in dessen Seele vielleicht ein tiefer Haß gegen die Nazis ä la Streicher brannte, konnte wohl unschwer zu solch unüberlegter Handlung verleitet worden sein. Das ist natürlich eine Vermutung. Sie hat aber vieles für sich. Zunächst einmal ist — wie früher angeführt — die Tatsache verdächtig, daß die Prager deutsche Gesandtschaft den Staatenlosenpaß eines Juden mit einem Visum versah. Dieses außerordentlich© Entgegenkommen kann nur auf eine besondere Empfehlung (ein Gestapo-Mann ist der richtige Mann dafür) zurückgeführt werden. Weiter die Geheimhaltung der Untersuchung und des „Prozesses"! Wäre der neudeutschen Polizei solch ein Fang gelungen, wie die .Festnahrae eines Juden, der Attentate gegen Naziführer ausführen will, und hätte die neudeutsche Justiz solch4..einen Fall zur Behandlung bekommen— was alles hätte die Nazipresse der Welt zu erzählen .gehabt: vom semitischen Untermenschentum, das die edle germanische Rasse vernichten, den Aufbruch der deutschen Nation hemmen will! Ein Meer giftigster Propaganda hätte sich vor allem über ganz Deutschland ergossen, jedes Detail der „jüdischen Weltverschwörung" wäre in die Welt hinausgetrommelt worden, Herr Goebbels und seine Hörigen hätten in tausenden Massenversammlungen, durch Presse und Meir Großmann spricht in Wien Montag, am 14. Juni, um halb 9 Uhr im Festsaal dos Hotel Continental, II, Taborstraße, spricht der Präsident der Weltleitung der Judenstaatspartei und Vizepräsident des A. C. Meir Großmann Thema: „Teilung des Landes- Schicksalsfrage des Volkes" Karten zu 1 Schilling und 50 Groschen, — Vorverkauf u. Bestellungen: Administra-- tion „Die Neue Welt", IX, Universitätsstr. 8; Telephon A-20-2-78 Ungewißheit über das Schicksal Palästinas Die letzten Nachrichten über die künftige Palästina-Politik der Mandatsmacht lassen nicht .erkennen, wie weit die Empfehlungen der Kgl. Kommission maßgebend sein werden. Jedenfalls leidet die Kolonisierung des Landes unter der politischen Unsicherheit und es ist verständlich, daß sich das englische Parlament diesbezüglich beunruhigt zeigt. Charakteristisch für die Lage ist eine Anfrage des Abgeordneten Mander an den Kolonienminister O r m s b y - G o r e, ob auch weiterhin die Verwendung von Begierungsmitteln für Straßen- und Hafenbauten in Erwägung gezogen werde. M'nfl, Jeden Bart bezwingen I Die Antwort des Ministers ließ erkennen, daß die britische Regierung für die nächste Zeit sich noch auf keine wesentlichen Entschlüsse festgelegt habe. „Das Programm der öffentlichen Arbeit in Palästina", erklärte Ormsby-Gore, „ist Sache des Oberkommissärs, Mit Rücksicht auf die veränderte Finanzlage Palästinas und auf die bis zur Entgegennähme des Kommissionsberichtes bestehende Ungewißheit über die künftige Politik kann die Regierung zur Inangriffnahme neuer Erchließungspläne nicht ermutigen." Auch aus dem arabischen Lager vernimmt man Stimmen, die besagen, daß seitens Englands noch keine definitiven Pläne vorliegen. Die Tageszeitung „F e 1 e s t i n" veröffentlicht einen Brief des jetzt in Amerika weilenden Mitgliedes der inoffiziellen arabischen Delegation, Dr. Izzat Tannous, in dem er sich mit den Plänen einer Teilung Palästinas befaßt und die Ansicht äußert, daß die englische Regierung die Richtlinien ihrer künftigen Palästina-Politik ohne Rücksicht auf die Empfehlungen der Kg 1. Kommission und die Meinung des Parlaments festlegen werde. Die Frage einer Teilung Palästinas, schreibt Dr. Tannous, ist nach dem Lärm der ersten Zeit in Vergessenheit geraten. Die englische-Presse hat aufgehört, darüber zu schreiben. Obwohl der Bericht der Kgl. Kommission streng geheimgehalten wird, herrscht in den Londoner politischen Kreisen die Meinung, daß die Vorschläge des Berichtes nicht verwi r kl ich t werden würden. Von zuverlässiger Seite hat man der arabischen Delegation mitgeteüt, daß die Regierung ihren Bericht allen Ministern und Unterstaatssekretären vorlegen und ihn dann ins Arabische und Hebräische übersetzen lassen wird. Inzwischen wird die Regierung den künftigen politischen Kurs in Palästina festlegen. Ende Juni oder Anfang Juli wird sie den Bericht veröffentlichen und ihre künftige Politik bekanntgeben. Sowohl der Bericht als auch die Erklärung über die neue Palästina-Politik werden der Mandatskommission übergeben werden. Im Parlament wird eine Debatte über den neuen politischen Kurs stattfinden, doch wird die Regierung, wie die arabische Delegation erfährt, umbekümmert darum ihre Pläne in die Tat umsetzen. Im „Haar etz" ruft Ussis chkin zur Einleitung einer energischen Aktion gegen den Teilungsplan noch vor Erscheinen des Berichtes der Kgl. Kommission auf, „Sollten-die Juden vor die Wahl gestellt werden: Teilung in zwei Staaten oder die Schaffung von Kantonen innerhalb eines Staates", erklärt Ussischkin, „so würde ich die zweite Altei-native wählen. England hat zwar die Macht, uns diese Losung aufzuzwingen; es würde jedoch einen Verrat der jahrtausendealten nationalen Hoffnungen bedeuten, wenn die Durchführung eines solchen Unternehmens mit unserem Einverständnis erfolgte." Im weiteren Verlauf des Aufsatzes erbringt Ussischkin den Beweis für, die Undurchführbarkeit des'Planes, und zwar aus politischen, strategischen sowie wirtschaftlichen Gründen. Aetherwellen, den immer noch kurzsichtigen Völkern erzählt, welches „Verbrechergesindei" unter ihnen wohne. Schließlich muß auch die Tatsache stutzig machen, daß die Intervention der amerikanischen Behörden in Berlin ergebnislos geblieben sind. Da nur der Verführungsversuch von Gestapoleuten vorlag, konnte Berlin den Vertretern Amerikas keinen Einblick in die Akten gewähren. Helmut Hirsch mußte verschwinden, darum die Urteilsvollstreckung nach geheimem Prozeß. „Das Urteil wurde vollstreckt!" Mehr hat man nicht erfahren. Die bekannte •neudeutsche Methode. Für mich besteht kein Zweifel, daß . Helmut Hirsch dem hitleristischen Judenhaß zum Opfer gefallen ist. Ein schuldiger Helmut Hirsch wäre vor die Weltöffentlichkeit ■ gestellt worden. Ein unschuldiger mußte vernichtet werden, wie die Hunderte, die in den Konzentrationslagern gepeinigt werden, bevor man sie killt. Das Wort „Hinrichtung" soll den Anschein erwecken, daß hier ein Akt regulärer Justiz vorlag. o. r.!