Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 660 (4.6.1937)
- Date
- 1937-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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>Nf. 660 vom 4. Juni 103t DIE NtitJE WBLT Seit* t Revisi'om'ilisdie Selbstkritik Vor drei Jahren hat die Majorität der Zionistischtevisionistischen Partei die Zionistische Weltorganisation unter Führung Vladimr Jabotinskys verlassen. Eine Minorität unter Führung von Großmann, Stricker m. a. verblieb als „Judenstaatspartei" in der Weltorga« nisation. Die Judenstaatszionisten waren sich darüber klar, daß ihre Stellung in der Weltorganisation durch die Spaltung überaus geschwächt würde, aber.- sie nahmen es auf sich, den Kampf um die Wiederaufrichtung der Herzischen Judenstaatsidee in der, großen Weltorganisation unter den allerschwersten Bedin* gungcn und unter Verzicht auf Erfolge in n^her Zeit weiterzuführen, gegen den überwuchernden Klassen- Zionismus der Linken und den philanthropischen Kleln- Zionismus der Allgemeinen. Jabotinsky Überließ die Judenstaatszionisten ihrem Schicksal und gründete unter allergrößter Aufmachung die Neu-Zionistische Organisation (N. Z. Oi). Trotz starken Zulaufes aber blieb der N. Z. O. der .große Erfolg versagt. Wie es heute, uni die N. Z. 0. bestellt ist, läßt ein Artikel in der von Di. Leon KBppel, einem der fähigsten Köpfe in der N. Z. 0., redigierten Revue „Die Nation" erkennen. Da heißt es u. a.: „In der revisionistischen Presse werden in den letzten Wochen immer häufiger Stimmen laut, die auf eine tiefe. Unzufriedenheit in der Bewegung hinweisen. Kein Wunder, da doch der Revisionismus von heute — von jungen Menschen vornehmlich getragen — seine frühere Aktivität — das Lebenselixier und Geheimnis der früheren Erfolge — vermissen läßt. Die Unzufriedenheit und Kritik machen auch vor der revisionistischen Weltleitung nicht halt, der versäumte Gelegenheiten und' Desorientierung zum Vorwurf gemacht werden ..." ' „Es ist klar, daß eine- Organisation, wie die N. Z. 0.,.die für sich die Führung der Weltjudenheit arrogiert,. neben sich keine anderen Organisationen mit dem selben Anspruch dulden durfte. Es müßte daher der schärfste Kampf gegen die Alte Zionistische Organisation aufgenommen werden und nicht ein — vom Standpunkt der N. Z. 0. — -verhängnisvolles leidliches Nebeneinander existieren, beider Organisationen. Auch hier war ein vollständiger taktisch-politischer Versager der Leitung der N. Z. 0. zu konstatieren." m', . i.Hiezu kam-, daß die N: Z. O. einem .früher so bekämpften — politischen Imp-.r-ess.ioi-n;S-? raushuldigte. ■ Bei' falscher Einschätzung v der eigenen Kräfte wurden politisch weittragende Aktionen begonnen,' deren Durchsetzung: ungeheure1 Anspannung aller Kräfte und jahrelangen, gut durchdachten, vorbereiteten und systematischen Kampf erfordern. Kein Wunder, daß alle diese Aktionen im Sande verlaufen und mit einem Prestigeverlust der N* Z. O. enden mußten." „Die. oben geschilderten Tatbestände allein genügen, um die Krise der N. Z. O. in der Gegenwart zu erklären. Die N. Z, 0. ist auf einem Scheideweg angelangt. Eine baldige Entscheidung tut dringend not, damit die in ihr enthaltenen wertvollen Kräfte dem Zionismus nicht «verlustig gehen. Das Judentum von heute ist an aktiven Elementen allzu arm, als daß es sioh den Luxus des Verlustes wertvoller Elemente leisten könnte. Die Entscheidung müßte sich auf der Linie der Parole bewegen: Das Judentum geht vor dem Zionism u.s. ..... Der Zionismus geht vor dem Revisionismus. Sapienti sat!"........... 4r AI&k .die Feststellung, daß zwei zionistische Weltorganisationen nebeneinander nicht bestehen können,« und die weitere Feststellung, daß die N. Z. 0. auf den Scheideweg geraten ist und bald eine Entscheidungwird treffen müssen, wenn die in ihr gesammelten Kräfte, vor allem die starke Jugend, dem Zionismusnicht verlorengehen--sollen. Das kann wohl dahin gedeutet werden, daß in Teilen der N. Z, O. die Einsicht dämmert, daß der richtige Platz für alle Judenstaatszionisten in der von Herzi gegründeten alten Weltorganisation zu finden ist und nicht außerhalb. * Umsdudttung Der amerikanischrjüdische Schriftsteller: Daniel Czarni entwirft ein Bild vom Proletarlsicrungsprpzeß, welcher »Ich jetzt unter den Juden in Polen abspielt. , ," Juden mit langen Barten und Schläfenlocken, den Kopf. fromm bedeckt, . stehen mitaufgekrempelten Aermeln und mischen mit Werkzeugen Zement in riesi-i gen Fässern oder sie schwingen schwer© Hämiper mit ihren weißen, welchen, der ^Schwerarbeit ungewohnten* IJänden. Neben diesen frommen, oft bejahrten Juden sieht man weltlich angezogene' junge Leute, von denen viele, eine Mittelschule, einige Universitäten Und' Hoch-! schulen absolviert haben. Alle hantieren mit sob.we)ren Werkzeugen, Drähten und Röhren. Solche Bilder sind •im heutigen jüdischen Leben in Polen häufig, sie fallen nicht mehr wt. Die Gesellschaft nORT" in Wilna .(Verband für Förderung von Landwirtschaft, Handwerk und Industrie unter den Juden, Sitz Paris) hat Kurse für Wasserleitung und Kanalisation, für Zement- und Betonbearbeitung eingerichtet, deren Besucher sich hauptsächlich aus Kreisen der religiösen und der weltlichen Intelligenz zusammensetzen. Diese geistig und geistlich erzogenen Menschen sehen in der Erlernung eines brotgebenden Handwerks die einzige Rettung. Die Kurse werden aber auch von jüdischen Bürgern in fortgeschrittenem Alter, die aus ihren Existenzen hinausgestoßen wurden, fleißig besucht. Man begegnet unter den Kursteilnehmern auch Rabbinern, Schächtbeamten und anderen religiösen Funktionären. Da sieht man zwei Juden Uber einen Zementbottlch gebeugt. Der eine hat ein edel geschnittenes Antlitz, trägt rabblnischen Bart und auf dem Kopfe eine schwarze Samtkappe. Er ist ein Enkel des In der Chassidtmwelt berühmten „Szniplszoker Raw"; er selbst, Rabbi Simon Sch&plro, hat längst das Rabbinerdiplom in der Tasche, er hat auch das Schächthandwerk erlernt. Er hat aber keine Aussicht, sich je in diesen Funktionen betätigen zu können; werden doch Infolge des Schächtverbotes ltf Polen viele Hunderte Schächtbeamte brotlos. Der „Rabbiner und Schächter" Simon Schapiro , ging daher däräh,: sich „umzuschichten" und er bildet sich in den ORT-Kursen zum Zement- und Betonarbeiter aus. Sein Traum ist, seine so erworbenen Kennthisse in Palästina nutzbar zu machen. Der neben ihm arbeitende „Fachkollege", barhäuptig und mit nacktem Oberkörper über den Zementbottich gebeugt, ist geistig-religiös sein Antipode; er träumt von einem anderen „Heiligen Land": Biro-Bidschan, wo seiher Ansicht nach ebenfalls ein jüdisches staatliches Leben im Aufbau ist. Dorthin will er. Die beiden Juden, der Rabbiner und der „Apiköres", zementleren kameradschaftlich und fleißig äri ihrer Zukunft in zwei so verschiedenen jüdischen Zukunftsländern. Der eine beendet seihen schweren Werktag-mit dem Lesen der Psalmen oder dem Lernen von Mischnajot, der andere betreibt bi» Mitternacht mathematische Studien, da er; bevor er nach Blro-Bidschah geht;' noch seine Examina an der Universität machen will.-, ,Solange sie aber gemeinsam .am Zementbottich stehen, sind sie gute Kameraden. Die vom. Wilnaer ORT angestellte. Enquete, ergab, daß. 40 Prozent der KurSb.esucher sich nach Palästina, Jiff Prozent' nach. Biro-Bidschan und .10 Prozent' nach anderen Ländern orientieren. Das ist .ein Bild der Strömungen im polnischen Judentum.."70 Prozent der polnischen' ' Juden-Ii eit sind; Auswandern gr*.k ah d-Td&te n; Es ist darum' kein .«Wunder, daß die[?- Kolonisation«-;* WasseHeitüngs- > und- Betonkurse.des!,-Wilriäer ORT so großön ZuTäüf haben-.daß nürr ein kleiner ^Ceil -der Aspiranten aufgehommen werden 'leanri. Es ist schade;;,däß ORT in Polen, infolge beschränkter Mittel nicht mehrere solcher Kurse in den polnischen Städten und Städtchen errichten kann. Denn die jüdische Jugend, die aus dem Wirtschafts- und Erwerbsleben in Polen ausgeschlossen und zu imfreiwilligem Müßiggang verurteilt ist, sieht verzweifelt in die Zukunft. Erpresser im Dritten Reich: Rechtsanwalt und Lockvogel Aus Prag: Aus. Westdeutschland wird dem „Neuen Vorwärts" u. a, geschrieben: „Englische Blätter hatten Deutschland das Paradies der' Erpresser genannt. Laßt mich einen Fall aus meinem Bekanntenkreis erzählen. Ort der Handlung: Eine Stadt in Westdeutschland. Ein jüdischer Intelligenzler darf dort noch eine schwache Praxis betreiben, weil er ehemaliger Frontkämpfer ist. In seiner Praxis lernt er eine Frau kennen, eine Arierin. Sie kommt wieder und wieder, - bietet ihm ihre Hilfe in seinem frauenlosen- Haushalt an, er weist sie ab, sie drängt sich trotzdem in den Haushalt ein, hilft eine Weile mit. Eine Freundschaftentsteht daraus. Plötzlich verschwindet sie, wird nicht mehr gesehen. Dafür meldetsich nach einem Monat am Telephon ein Rechtsanwalt A. und, macht geltend, die Frau habe sich durch die Freundschaft seelische ..D e p r e s s i o n e n zugezogen, : müsse deshalb, ein Sanatorium aufsuchen* fordere einen S c h ade nersatz von 2000 Mark. Der Erpreßte lehnt ein Gespräch ab, verweist-, alles . weitere ,an seinen Rechtsanwalt (nennen wir ihn B,), Einige Tage später ist das Telephongespräch zwischen A. und B, im Gange. — A.: Aber Herr Kollege, Sie wissen doch um; was es sich handelt, 2000 sind, nicht zuviel!— Bs: Ich weiß nicht mehr als Sie! Wieso müssen, es gerade 2000 sein? — A.:. Aber Sie wissen,doch Bescheid. Nein? Sie wissen nicht mehr als ich? . , S,o gehen sie um den heißen Brei herum, keiner will von Rassen schände sprechen, sonst müßtet ja Anzeige gemacht werden. Der Schluß: Man einigt sich auf vierhundert Mark „Schadenersatz". Der Anwalt meines Freundes hat gleich-; zeitig durch einen' Detektiv feststellen lassen, daß; die Dame in verdächtigen Cafes verkehrt, also den ■ Juden fang gewerbsmäßig betreibt. Als| mein Freund seinem Anwalt das Herz ausschüttet undj meint, das alles sei doch entsetzlich, antwortet der:j „Was wollen Sie? Sie sind üi dieser Woche bei mir! der dritte derartige Fall. Davon leben wir heute", i Das Weitere mag sich jeder selbst ausmalen. Man; kann sich denken, daß sich Rechtsanwälte Zusammentun und weibliche L ö elf v ö g e i ausschicken, auf die sich ihre Praxis auftaut. Neue •'•Berufe* tun sich auf," Hcrxls Ahnen Aus Zagreb meldet die. „Ita": Auf einem alten jüdischen Friedhof 1h Zemün (Semlin) wurde soeben das Grab des Großvaters Theodor Herzls vom jugoslawischen Historiker Dr. Lavoslav Sik gefunden. Nach der Grabsteininschfift hat Herzte Großvater Simon geheißen und ist im-82. Lebensjahre am 7. November. 1879 gestorben. Ferner ist aus der Inschrift zu ersehen, daß Simon Herzl von Jehuda Leib und Frumet Herzl (Herzls Urgroßeltern) abstammt. Durch die Entdeckung Dr. §iks ist die Frage der Voreltern Theodor Herzls geklärt. KINDERPENSION ,AUSTRIA' OLGA KADISCH BAD VÖSLAU, SCHUBERTPLATZ 3 TELEPHON 141 Erstklassige Verplegung, pädugojjischc Leitung, individuelle, liebevolle Behandlung, beste Erfolge bei schlecht essenden Kindern. Hofmeister, Kindergärtnerin, Lehrerin im Hause. Musik. Sport. Kein Massenbetrieb.. Ganzjährig Der Tag der jüdischen Jugend/ der am Sonntag, den 6. Juni auf dem Hak o a h: P1 a t z vom Jüdischen Turn- und Sportverband Oesterreichs durchgeführt wird, vereinigt nach langer Zeit wieder alle jüdischen Sportler und Jugendbünde Oesterreichs zu gemeinsamer Tätigkeit. Als Gäste kommen zahlreiche Makkabi-Sportler aus der Tschechoslowakei und aus Polen. Den jüdischen Sportlern aus Deutschland' war die Reise nicht möglich. In Anbetracht der Bedeutung dieses Festes hat der Präsident des Makkabi-Weltverbarfdes, Lord Melchett, das Ehrenprotektorat übernommen. Ferner 'entsendet der Makkabi-Weltyerband als Sonderdelegierten, Mr. Barnett Janher, nach Wien. Den Ehrenschutz der Veranstaltung hat der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Friedmann, Übernommen,, der auch die Festrede halten wird. Die Veranstaltung, für die sich in weitesten Kreisen der jüdischen Oeffentlichkeit größtes Interesse zeigt, dürfte das bisher größte jüdische Sportfest Wiens werden. Schon am Vormittag finden ab 9 Uhr Vorkämpfe der Leichtathleten und Konkurrenzen der Jugendbünde statt. Das Hauptinteresse wird sich aber auf das Programm des Nachmittags konzentrieren, das um 14 Uhr durch das Spiel zweier kombinierter Handball man nschaft e n eingeleitet wird. Eine Stunde später treten die' alten I n t e r n a t i' o.n a 1 e ä-, der Hakoah gegen die Elf der- Hasmonea an. Das Alte-Herren-Team hat in der letzten Zeit: fleißig trainiert und , ist wieder , in guter Form. Insbesondere an Technik scheinen die ' ehemaligen österreichischen Meister nichts eingebüßt zu haben. In der Mannschaft wirken Halpern im Tor, Scheuer. Grünf^ld in der Verteidigung, Wegner, Kerr in der Deckung und Katz, 'GrüDwa.ld, Fried, Kli e gl e r und Palma.y mit.. An das Spiel schließt. "sich der Aufmarsch aller jüdischen Sportler und aller Jugendbünde 'und Verbände an. Nach den bisherigen Anmeldungen, dürften mindestens 2 5 0 0 J u g e n d liehe vor den Tribünen defilieren. Es folgen Massenfreiübungen der Ma'kkabi- Turner und ein Hockeyspiel der Hakoah; die heuer voraussichtlich die * österreichische r S t■aa t smeisterschaft erringen wird, gegen Blau-Weiß. Anschließend daran treten die Leichtathleten der Hakoah 'gegen die besten tschechischen und polnischen Makkabi- Sportler an. Um 1.8.30 Uhr bringt die M u s t e r. riege der Makkabi-Turner ihre Vorführungen an den Geräten, und zum Abschluß folgen die restlichen Bewerbe der Leichtathleten. Anschließend ah das Sportfest in der.Krieaü findet .im Garten des Hotel Continental ein Tanzabend mit künstlerischen Vorträgen statt, in dessen Rahmen die feierliche Siegerehrung und Preisverteilung vorgenommen werden. (, ' . Eintrittspreise für das Sportfeste Sitzplätze S 1.50, Stehplätze 80 g, Kinderkarten' 30 g. Eintrittspreis zum Gartenfest: S 1.50, •Klndererholungswerk der Israelitischen Wien. Kultusgemeinde \ Die Vorbereitungen für das Kindererholungswerk der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde sind im vollen Gange. Da die in Aussicht genommene Ausgestaltung des Payerbacher Ferienheims, durch -welche der. Belagraum dieses Heims sehr bedeutend htttto erweitert we.rd.en können, mangels Mittel noch nicht durchgeführt werden konnte, mußte ein zweites Heim gemietet werden. Es ist dies ein in der Nähe von Gloggnits gelegenes, sehr geräumiges Objekt, in welchem weitere 300 Kinder in vorzüglicher Weise untergebracht werden können. Die Einrichtung und. Führung dieses Heimes, wie die eines dritten Heimes,, bezüglich dessen noch die Verhandlungen schweben, erfordern namhafte Mittel, deren Deckung durch die im Zuge befindliche Sammlung erhofft wird. In den nächsten Tagen ergeht an die Mitglieder der Wiener Kultusgemeinde der Aufruf, sich an dem für die Zukunft der Jugend so bedeutsamen Werke durch Spenden nach Kräften zu beteiligen. Der Andrang erholungsbedürftiger Kinder ist so groß, daß nur ein, Teil der vorliegenden Ansuchen Berücksichtigung finden kann. Es wird im wesentlichen von dem Ergebnis der Sammlungen abhängen, qb. wenigstens die in sozialer undgesundheitlicher Beziehung bedürftigsten Kinder der Erholung zugeführt werden können. Das Perienwerk der Israelitischen Kultusgemeinde erstreckt sich nicht nur auf die Aufnahme der K*nder in eigenen Heimen, sondern ermöglicht durch entsprechende Beitragslelstung die Unterbringung der Kinder und Jugendlichen in Erholungsheimen, Sommerlagern uud Ferienkolonien.' und umfaßt ungefähr 4000 jüdische Kinder. . faut-fotity s39.- Sthiffmokk, IMoKtt.M