Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 660 (4.6.1937)
- Date
- 1937-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIB NEUE WELT Nr. 660 vom 4. Juni 1937 Die deutschen Juden in Holland . Ueber das leider nicht sehr herzliche Verhältnis zwischen den von Hitler nach Holland getriebenen deutsch -jüdischen Emigranten und der angesessenen holländischen Judenschaft schreibt Dr. Herbert Schwarz (Amsterdam) im „Schweizer Israelitischen Wochenblatt" u. a.: Seit dem furchtbaren Zusammenbruch, den die A s si m i 1 a t i o n s b e s t r e b u n ge n des deutschen Judentums vor vier Jahren erlitten haben, hat das Wort „Assimilation" einen bösen Klang erhalten. Dennoch stellt sich seither ein ähnliches Problem der Anpassung, und zwar diesmal zwischen Juden und Juden, in einer Schärfe, die im Laufe der Zeit nur wenig Milderung erfahren hat. Es ist eine der eigenartigsten Erscheinungen im Bilde der deutsch-jüdischen Emigration, daß sich holländische und deutsche Juden auch heute noch, nach Jahren gemeinschaftlichen Lebens und Arbeitens, geistig und gesellschaftlich in fast vollkommener Fremdheit gegenüberstehen. Diese Fremdheit wirkt um so eigenartiger, weil sie — naturgemäß von keinen Gefühlen des Hasses oder der Feindschaft begleitet — in vielem dem Verhältnis gleicht, das man sonst nur zwischen einander ganz unbekannten Völkern oder Religionsgruppen anzutreffen pflegt. " An Versuchen, diese Fremdheit zu überbrücken, fehlt es nicht und hat es nicht gefehlt, doch sind die Erfolge bisher außerordentlich bescheiden geblieben. Man hat deutsch-holländische Aussprache abende organisiert, gemischte Vereine errichtet usw In den Aussprachen kam jedoch nichts Positives zu stände und die Vereine orientierten sich jeweils bald im holländischen oder im deutschen Sinne, worauf die „Gegenpartei", sich nicht nach ihrem Geschmack fühlend, jedesmal bald das Feld räumte. So besteht bis in den Kultus hinein, in dem sich holländische O rthodoxie und deutscher Liberalismus als ausgesprochen feindliche Pole gegenüberstehen diese gegenseitige Fremdheit, die sowohl um ihrer selbst willen als auch aus praktischen Gründen, darunter nicht zuletzt in Hinblick auf die nichtjüdische Außenwelt, so bald und so gründlich als mög lieh überwunden werden sollte. Fragt man sich nach den Gründen dieser so be daueriiehen anhaltenden Fremdheit zwischen den Juden und nach den Möglichkeiten zu ihrer Abschwächung und endlichen Beseitigung, so muß zuerst .die öffentliche Position des ausländischen Juden in Holland kurz betrachtet werden. Durch eine sehr tolerante Verwaltungspraxis, die das Fremdenregime nicht nur gegen die Juden, sondern im. allgemeinen aufweist und die sich erst in aller letzter Zeit etwas zu versteifen beginnt, sowie durch das völlige Fehlen des Antisemitismus hat sich Holland in zunehmendem Maße nicht als Durchgangs land für auswandernde Juden, sondern als Nieder lassungsland entwickelt, in dem Tausende nach menschlichem Ermessen für lange Zeit, wenn nicht für immer bleiben werden. Damit sind die holländischen Juden zu den deutschen Juden in ein ganz anderes Verhältnis getreten, da letztere nun nicht mehr kurz fristige Gäste, sondern ein — wenn auch in vielem noch fremder — Teil ihrer eigenen Gemeinschaft ge worden sind. Damit aber ist auch das Problem der gegenseitigen Fremdheit erst akut geworden, das sich in einem Durchgangslande, in dem eingesessene und auswandernde Juden nur ganz kurzen Kontakt miteinander halten, erst gar nicht stellt. . Ist eine anfängliche Fremdheit. daher durchaus erklärlich, so sind die Gründe für das nun Jahre dauernde Anhalten dieses „Sich-nicht-Kennens" zwischen den beiden Gruppen keineswegs leicht aufzufinden. Am Materiellen kann es nicht liegen. Gerade die holländischen Juden haben sich, was die leibliche Versorgung anbelangt, mit einem Eifer und einer Hingabe für die ins Unglück geratenen deutschen Brüder und Schwestern eingesetzt, die über jedes Lob erhaben sind. Die Leistungen, die durch das Flüchtlingskomitee wie über ungezählte karitative Einstellungen den deutschen Juden entweder direkt oder indirekt, zum Beispiel durch Garantieleistungen gegenüber Behörden usw., zugeflossen sind, gehen rein zahlenmäßig in die Hunderttausende von Gulden. Auch heute noch wird Hunderten und aber Hunderten so eine — naturgemäß äußerst bescheidene — Existenz gesichert, die ohnedies rettungslos der Verelendung verfallen wären. In dieser Hinsicht tun und haben die holländischen Juden ihr Bestes getan, und auch die deutschen Juden haben dies dankbar anerkannt und mit, gottlob wenigen, unrühmlichen Ausnahmen, auch durch ihr Verhalten zu würdigen gewußt. Ganz anders liegen die Dinge indessen auf geistigem Gebiet. Hier scheidet in mehr als einer Hinsicht ein tiefer Graben deutsch-jüdische und holländisch-jüdische Auffassungen voneinander. In einer Hinsicht spielt hier die Erziehung der beiden Gruppen in staatspolitischer Hinsicht eine Rolle. Der holländische Jude vertritt die ruhige Würde eines Landes, in dem er ohne gesetzliche Beschränkung und in völliger praktischer .Gleichberechtigung großgewprden ist. Pje Persönlichkeit des deutschen Juden ist hingegen in einem Lande fixiert worden, in dem er dauernd (auch vor 1933) vor Rasseninsulten und Zurücksetzung auf der Hut sein mußte. Im deutschen Juden bestehen demgemäß Minderwertigkeitsgefühle und ihre bekannten Gegengewichte, von welch beiden der holländische Jude durch den glücklichen Zufall seiner Geburt jenseits der Grenze frei ist. Hier liegt ein ernster großer charaktermäßiger Unterschied, der die Verständigung zwischen den beiden Gruppen nicht gerade erleichtert. Hinzu kommt, daß die Ungunst der Zeit den deutschen Juden in Holland in die eindeutige Position des Nehmenden gedrängt hat, die ein besonderes Maß von Takt und Zurückhaltung erfordert. Die Beschämung, die der Empfangende so leicht empfindet, bedeutet aber gerade wieder für den deutschen Juden mit seiner besonderen psychischen Veranlagung oft das Haupthindernis, um den angemessenen Ton zu finden. Ein zweiter Grund der Fremdheit, auf den noch unlängst Rabinner Dr. Emil Cohn (Berlin), in einem Amsterdamer Vortrag hinwies, führt noch tiefer ins Psychologische hinein. Von seinen wenigen Südprovinzen abgesehen, ist Holland ein calvinist is c h e s Land mit durch und durch puritanischer^ Weltauffassung. Den holländischen Juden, die hier seit Jahrhunderten in freiem Gedankenaustausch leben, ist, auch diese weltanschauliche Einstellung des holländischen Volkes zum Gemeingut geworden. Der deutsche Jude kommt hingegen aus einem geistig liberalen, lebensbejahenden Milieu, das mit dem in sich gekehrten, jeder Freude ausweichenden Denken des Puritanismus nicht viel anzufangen weiß. Auch hier stoßen, deshalb innerhalb der durch den deutschen Zustrom erweiterten Gemeinschaft im Nichtmateriellen zwei Lebens- und Weltanschauungen auf-. einander, die nur überaus schwer jemals unter einen. Hut zu bringen sein werden. Hotizen von üh&c fafyiscUth, lleUe, Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Berufe Fast in jeder Stadt Belgiens haben die Juden andere Berufe. In Antwerpen sind die Diamanten arbeiter und Diamantenhändler, in Brüssel Leder händler, in Liege (Lüttich) Marktfahrer und in Char leroi Kohlenarbeiter. ■ ' t < Vom Diamanten zum Brillanten Der aus dem Boden von Belgisch-Kongo, Süd afrika, Brasilien und anderen Ländern gehobene- Stein hat vier Wandlungen mitzumachen: 1. Spalten. Es gibt ganz kleine Flecken im Stein, die nur vom geübten Auge eines Fachmannes mit Hilfe eines . Ver größerungsglases entdeckt werden. An diesen Stellen wird der Stein gespalten. 2. Sägen. (Entfernung der Flecke). 3. Schneiden. Man gibt den Stein eine geometrische Form. 4. Schleifen. Der Diamant bekommt den Glanz und wird zum Brillanten. Mas'I un Bruche Bei keinem Handel , ist so viel Vertrauen notwendig wie beim Diamantenhandel. Der Abschluß eines Kaufes oder einer Lieferung wird nicht schriftlich bestätigt. Man sagt einfach „Mas'I un Bruche" (Glück und Segen) und das Geschäft gilt als abgeschlossen. Keine Arbeitslosigkeit Glücklicherweise herrscht unter der jüdischen Jugend keine Arbeitslosigkeit. Kaum ist ein Junge der Schulpflicht entwachsen, ergreift er sofort einen Beruf. Die Mädchen hingegen halten sich von Berufen fern. „Es schickt sich nicht für eine jüdische Tochter, außerhalb des Hauses zu arbeiten." Sie bleiben zu. Hause, helfen bei der Wirtschaft und warten — auf die Chuppe. Jiddisch — die dritte Landessprache Das Judenviertel von Antwerpen ist kein Ghetto, es ist ein jüdischer Stadtteil. Man kann dort ohne Besinnen einen beliebigen Menschen in jiddischer Sprache ansprechen und man würde stutzen, wenn er in flämischer oder französischer Sprache antworten sollte. Selbst das Schüd des Polizeigebäudes führt seine Bezeichnung in drei Sprachen: flämisch, französisch und jiddisch (in hebräischen Buchstaben). — Der Polizeibeamte ist mit der Geographie des neuen jüdischen Palästina so gut vertraut wie in der Geographie jedes anderen Landes. Als ich bei Abgabe meines Nationales nach dem Wohnort meiner Eltern gefragt wurde und zur Antwort gab: „Palästina", fragte mich der Beamte prompt: „Wo? In Tel-Aviv oder Daganiah?" Ich sagte: „In Petach Tikwah." Darauf er: „Ah, bei Jaffa". Die Stadt an der Scheide Wieso kommt es, daß Antwerpen zu einem großen Judenzentrum geworden ist? Schon im sechzehnten Jahrhundert sollen hier Marannen, eine primitive Diamantenfabrik gegründet haben. Die Juden aus Galizien, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nach Amerika fahren wollten, fanden Wohlgefallen am Scheide-Hafen und gaben die weite Seereise auf. Schließlich fuhr nach Ende des Weltkrieges der Bürgermeister von Antwerpen nach Amsterdam und lud die dortigen Juden nach Belgien ein: sie mögen das von den Deutschen zerstörte Land so glücklich machen, wie sie Holland glücklich uM reich gemacht haben. — Die Vorkriegseinwanderer waren Hafenarbeiter, die Kriegseinwanderer Zigarettenhausierer, die Nachkriegseinwanderer Diamantenarbeiter. „Ungarischer*" So wie in unseren Gegenden ein zudringlicher und vorlauter Jude als „Polnischer" bezeichnet wird, mag er nun' aus Polen stammen oder nicht, so nennen die belgischen Juden, die zum größten Teil aus Polen eingewandert sind, ihre vorlauten Glaubensgenossen: „Ungarische". Das hat darin seinen Grund, daß die ungarischen Juden als letzte eingewandert sind — die Ungarn besitzen ein freies Visum nach Belgien — und sich ohne Bedenken in irgend einen Beruf hineinzuzwängen versuchten. Die eingewanderten deutschen Juden werden vorläufig in Ruhe gelassen. Sie heißen sie nicht einmal noch „J e c k e s", da man mit diesen Flüchtlingen Mitleid hat. SataU fotdvtei** Zum erstenmal wird Sarah Goldstein, die anerkannte Inter-pretin des Volksliedes, in Wien zu hören sein. Die jüdische Künstlerin wird im Rahmen der Wiener ■ Festwochen, Donnerstag, den 10. Juni, 8 Uhr abends, im Kleinen Musikvereinssaal (Brahms- Saal) hebräische, italienische, rumänische, russische, französische und Negerlieder singen. Hier geht es nicht um Artistik, sondern um die Tiefe des Ausdrucks,, dem eine wunderbar klangvolle, seelisch beschwingte Stimme dient. Sarah Goldstein war zweimal in Palästina, wo sie Sprache und Melodie des jüdischen Volkes aufnahm. Einzigartig ist ihre Interpretation des jiddischen Volksliedes, das sie in ihrer bessarabischen Heimat empfangen und in den jüdischen Massenzentren der Welt weiter gepflegt hat. Sarah Goldsteins Volksliederabend sieht man nach ihren außerordentlichen Erfolgen in allen Kulturstädten mit gespanntem Interesse entgegen. Jüdisches Kulturtheater. Das Jüdische Kulturtheater hat Dienstag seine diesjährige Spielzeit beendet, da das Ensemble sich auf eine Tournee nach Litauen begibt. Im Herbst wird da3 Jüdische Kulturtheater die neue Saison mit dem Erfolgstück „Jud Süß" wiedereröffnen. Tempel-Konzert. Donnerstag, den 17. Juni 1. J., 8 Uhr abends, findet im Tempel Wien, II., Pazmanitengasse 6, ein großes Tempel-Kon zert statt, bei welchem die Oberkantoren S. Postolow, J. L. Müller, erster Kantor A. Stift, und ein verstärkter Chor unter der Leitung des Chordirigenten B. Herschmann mitwirken werden. Karten zu S 1.— bis 2.— sind in der. Tempelkanzlei zu haben. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes), England: Wien, Wien, nur Du allein! Ungarn: Der kleine Kavalier. Frankreich: Roman eines Schwindlers — Die Perlen der Krone — Der geliebte Vagabund. Amerika: Brutal — Tarzans Flucht — Frisco, Stadt ohne Gesetz — Matura — Tanzende Piraten — Die Glückspuppe — Mord in Sing-Sing — Gier nach Gold — Der geborene Verkäufer — Zwischen Haß und Liebe — Menschen im Hotel — Liebe eines Fremden — Die Polizei greift ein. — Die Insel ohne Sünde — Kopf in der Schlinge — Drei kleine Gangster — Hochverrat — Sonnenmädel — Motiv unbekannt. Filme unter ArierpatMigraph Ernte — Der Herrscher — Die Kreutzersonate Vor Liebe wird gewarnt — Der Hund von Baskerville — Sein Modell — Der verkannte Lebemann — Männer im Dunkel — Man spricht über Jacqueline — Der Scheidungsgrund — Susanne Im Bad — Condottlorl —•* Zurück In die Heimat — Die ganz großen Torhelten — Amtsschimmel — Entführung an der Kiviera — Schwindeln ist keine Sünd'... — Etappenhase — Ich bleib' nicht Junggeselle — Die Göttliche — Das Mädel vom Ballott. KINO'PROtiEffAfvfME 0 $ CHWEDEN . M«»~r Powell IE TUglich von 10,G Uhr Labende Zeitung, \\a ii a li ö i/in Kuufilme und Internationale Wochen- 7,4, Vjö» 7o°. 7»1» »hauen. AUoinauffllh*ung für Wien; ■■■■■■■■■■■■■i M. G. M. Tatsachenberichte