Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 659 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712284--6508-2720269- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit« 2 DIE NÄÜE WELT Nr. 659 vom 1. Juni 193T Defizit int Palästina-Budget 1 Für die Opfer von Brest Li'fowsk Amerikanische und franxösisdie Hilfsbereitschaft Aua Warschau wird gemeldet: Die Direktoren des Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard Kahn und David Schweitzer, sind in Brest-Litowsk eingetroffen, um die Verteilung des vom Joint zur Verfügung gestellten außerordentlichen Hilfsbeitrages von 20.000 Dollar zu überwachen. Im Zusammenhang damit -schreibt der nationaldemokratische „Dziennik Narodowy", die amerikanischen Juden könnten zwar eine Hilfsaktion durchführen, aber das Anwachsen des Antisemitismus nicht hemmen. Nichtjüdischen Kaufleuten wird der Rat erteilt, möglichst schnell nach Brest-Litowsk zu Sehen, um „die gute Gelegenheit auszunutzen". Auch in Polen selbst ist die Hilfsaktion schon in vollem Gange. Mehrere große jüdische Gemeinden aaben größere Summen nach Brest-Litowsk Uberwiesen. * Das New Yorker Jüdische Arbeiterkomitee hat 5000 Dollar für die Pogromopfer von Brest-Litowsk überwiesen. * Das Komitee, des Verbandes der jüdischen Gemeinden Frankreichs hat beschlossen, für die Pogromopfer von Brest-Litowsk eine Summe von 25.000 Francs zu überweisen. * Der Bürgermeister von Brest-Litowsk hat bei der Regierung finanzielle Hilfe für die Stadtgemeinden verlangt, da iiifolge der Unruhen ein Defizit von mindestens 200.000 Zloty zu erwarten sei. Die jüdischen Kaufleute und Hauseigentümer von Biest-Litowsk würden nicht in der Lage sein, die städtischen Steuern zu bezahlen. Bis zum lefpten Hemd Die Direktoren des Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard Kahn und David Schweitzer sind aus Brest- Litowsk zurückgekehrt, wo sie die Verteilung der ersten Hilfsgelder in der Höhe von 20.000 Dollar geleite« hatten. Bei einem Presse-Empfang für die Korrespondenten der amerikanischen Zeitungen in Warschau erklärte Dr. Kahn, daß in Brest-Litowsk mindestens 1200 jüdische Geschäfte und Wohnungen demoliert wurden. „Unsere vornehmste Aufgabe sehen wir darin, die jüdische Bevölkerung von Brest so schnell als möglich wirtschaftlich wieder auf die Beine zu stellen." Dr. Kahn erklärte weiter, daß ihm besonders die Brutalität, mit der die Pogromhelden vorgegangen sind, erschüttert habe. Zahlreichen jüdischen Familien habe man sogar ihr letztes Hemd geraubt. Aus Warschau: Die Jüdische Gemeinde in Tientsien (China) hat der Gesellschaft „ORT" einen Betrag zur Hilfeleistung für die Juden in Brest-Litowsk zur Verfügung gestellt. Die pohlischen antisemitischen .Zeitungen stellen im Zusammenhang mit den Geldsendungen aus Amerika für die Pogromopfer von Brest-Litowsk in zynischer Weise fest, daß als Ergebnis des Brester Pogroms das polnische Finanzministerium einen Zufluß von Devisen erhalte. „Manchester Guardian" zu BrestvLilowsk Aus London: Der „Manchester Guardian" veröffentlicht einen Leitartikel, in dem er die polnische Regierung vor weiteren Pogromen ähnlich dem von Brest- Litowsk warnt. In Polen, heißt es in dem Artikel, ist der Antisemitismus heute an der Tagesordnung, und die R egierung duldet ihn, indem sie die wilden Ausbrüche und die Zerstörung entweder ignoriert oder deren Bekämpfung in frevelhafter Weise vernachlässigt. Ein Ergebnis dieser latenten Unsicherheit ist auch der schreckliche Pogrom von Brest-Litowsk vom 13. Mai. Diese Pogrome nehmen einmal die Form von Angriffen auf das Leben der Juden selbst an (i. J. 1936 wurden in Polen über 1000 Juden überfallen und verwundet), ein anderes Mal äußern sie sich wie in Brest-Litowsk in vollkommener Vernichtung jüdischen Vermögens, um den Juden das Leben unmöglich zu machen. Es ist vielleicht aussichtslos, an die polnische Regierung zu appellieren, wo doch die offizielle Regierungspartei erst kürzlich die Juden aus ihren Reihen ausgeschlossen hat. Wenn die polnische Regierung aber auf Achtung und Freundschaf t im Ausland Wert legt, dann muß sie verhindern, daß man den Juden Leid zufügt und sie ins Elend gestoßen werden. General Smuts für jüdisches Naiionalheim Aus Johannesburg wird berichtet: Anläßlich der Eröffnung der Kampagne des,Kereh Kajemeth in Südafrika, die von Rabbi Meir, Berlin, geleitet wird, veröffentlichte der bekannte Freund des Zionismus, General Smuts, eine Erklärung, in der er zur Unterstützung der Kampagne und zur Hilfe für den Zionismus in seinem Kampf um den Aufbau des Jüdischen Nationalheims in Palästina aufruft. In der Erklärung gibt General Smuts der Hoffnung Ausdruck, daß der Bericht der Kgl. Kommission dem Lande Frieden geben werde, ohne da« Jüdische Nationalhetra zu verkleinern, das das bedeutendste Ergebnis der Friedensverträge von Versailles sei. Südafrika werde weiterhin den jüdisch-nationalen Institutionen, die der Schaffung des Jüdischen Natlonalheims in Palästina dienen, seine Hilfe angedeihen lassen. Am Schluß der Erklärung betont General Smuts, daß die' Politik der Schaffung des Jüdischen Nationalheims besonders Im Hinblick auf die katastrophale Lage der Juden in zahlreichen Ländern Europas befestigt und unterstützt werden müsse. Palästina sei heute mehr denn je die einzige Zuflucht für die jüdischen Massen. Die Erklärung von General Smuts bat in der Südafrikanischen Union großes Aufsehen erregt. :(J. T. A.) Aus London wird gemeldet.' Die aus Palästina kommende Meldung, daß das Kolonienministerium von der Palästina-Regierung eine Reduzierung des Budgets für das Jahr 1037/38 verlangt, gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man die soeben in London halbamtlich ausgegebene Meldung in Betracht zieht. Danach endet das palästinensische Budget, 1. April 1936 bis 31. März 1937, mit einem Fehlbetrag von 1,390.000 Millionen Pfund Sterling. Die Einnahmen sind gegenüber dem Vorjahr um 1,160.000 Pfund gefallen, die Ausgaben haben sich um 1,753.000 Pfund erhöht, was hauptsächlich eine Folge des arabischen Streiks und der Unruhen sowie der mit der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe verbundenen Kosten Ist. * * Zum erstenmal in der Geschichte der Palästina- Verwaltung hat das Budget ein Defizit zu verzeichnen. Alljährlich konnte der Oberkommissär, bzw. die Man- XX« Zionistenlcongreß Eröffnung am 3. August in Zürich Die Zionistische Exekutive hat beschlossen, den diesjährigen Zionlstenkongreß nach Zürich einzuberufen. Das Datum der Eröffnung, 3. August, bleibt unverändert. Das „isr. Wochenblatt für die Schweiz", Zürich, bringt hiezu folgende Informationen: Bekanntlich war zuerst Basel als Kongreßort in Aussicht genommen; aus besonderen Gründen (Nähe der deutschen Grenze) wurde aber in vielen Kreisen dagegen ein Einspruch erhoben, der nicht ignoriert werden konnte. In Frage kamen dann Genf, Bern, Luzern, Lausanne und Montreux. Sehr schwierig war die Frage der Kongreßsäle. Neben dem Tagungsraum mit 2000 bis 3000 Sitzplätzen benötigt der Kongreß für die Fraktionen, das Aktionskomitee und die Kommissionssitzungen etwa dreißig Säle für je 100 bis 300 Personen. Nachdem Luzern, welches Anfang August voll besetzt ist, ausschied, blieben noch Zürich und B e r n in Frage. Genf kam nicht in Betracht, weil die Mandatskommission dort zu gleicher Zeit tagt. Schließlich fiel die Wahl auf Zürich. Die Eröffnungssitzung wird im großen Saal der Tonhalle, die weiteren Tagungen werden im Stadttheater abgehalten werden. Der Kongreß wird das vierzigjährige Jubiläum der Zionistischen Organisation festlich begehen. Das Kongreßbüro hat bereits in Zürich die Arbeit aufgenommen. * Aus New York (J. T. A.): Das Administrative Committee der Zionistischen Organisation Amerikas hat erneut die Abhaltung des nächsten Zionistenkongresses in den Vereinigten Staaten gefordert. Gleichzeitig hat die Leitung der ZOA. Protest dagegen erhoben und es als wertlos bezeichnet, daß der Kongreß erst stattfinden soll, nachdem England die Richtlinien seiner neuen Palästina-Politik veröffentlicht hat. Griedhisdhe Regierung für Gleich» Berechtigung und Zionismus Eine Erklärung des Presseministers Wir brachten kürzlich eine Meldung aus Athen, wonach die neue nationale Regierung des Generals Metaxas den jüdischen Staatsbürgern auch weiterhin alle ihre Rechte zusichert und den zionistischen Bestrebungen volles Interesse und Wohlwollen entgegenbringt. Nun stellt der Minister Nicolaudis in einer der jüdischen Presse übergebenen Erklärung fest, daß die griechische Regierung ihre traditionelle Politik gegenüber den Juden und dem Zionismus fortsetzen werde. Die jüdische Presse verzeichnet diese Erklärung mit großer Genugtuung und benützt die Gelegenheit, um der Ergebenheit der jüdischen Bevölkerung für die nationale Regierung und ihr Oberhaupt, General M a t a x a s, Ausdruck zu geben. Die Erklärung des Ministers Nicolaudis hat folgenden Wortlaut : Die jüdische Welt kann über die Lage und Stellung unserer jüdischen Mitbürger vollkommen ruhig sein. Wir hegen kein rassisches oder nationales Vorurteil. Wir kennen die Juden, bewundern ihre Eigenschaften und sehen in ihnen ein den Gesetzen gehorsames, friedliches, loyales und ihren Wohnländern ergebenes Element. Die griechischen Juden weisen diese Merkmale in Vollkommenheit auf. Mit Zufriedenheit verzeichnen wir ihren Beitrag zu dem Fortschritt Griechenlands. Wir kennen keinen Unterschied zwischen ihnen und den Christen. Wir behandeln sie auf der Grundlage vollständiger Gleichstellung mit den christlichen Bürgern: alle haben die gleichen Pflichten und erfreuen sich der gleichen Rechte. 'Gegenüber dem Z i o n i» m u s halten wir an der traditionellen Politik fest, die Griechenland seit Jahren befolgt hat. Griechenland, ein datarmacht, darauf hinweisen, daß der palästinensisch« Haushalt in Ordnung sei, ja daß große Budgetüberschüsse verzeichnet werden können. Bis zum April 1936 zeigten die Einnahmen eine ünunterbrochene Steigerung, der Budgetüberschuß betrug bereits über 6 Millionen Pfund. Die günstige Finanzlage war einzig und allein der jüdischen Einwanderung und dem mit ihr Hand in Hand gehenden Einströmen von Kapital und Waren zu verdanken — bis plötzlich die, arabische Revolte ausbrach, welcher ein arabischer Streik und ein Rückgang der Wirtschaft folgten. Den entscheidenden Schlag erhielt die Palästina-Regierung dadurch, daß sie die jüdische Einwanderung stoppte und jetzt schließlich gänzlich, eingestellt hat. Unter diesem Gesichtspunkt ist für das erschreckend hohe Defizit von fast l1/« Milionen Pfund vor allem die antijüdische Politik der Palästina-Regierung verantwortlich, welche auch die gewaltigen Ausgaben für Militär und Polizei zur notwendigen Folge hatte. wichtiger Faktor im Mittelmeer, hat durch' den damaligen Außenminister Politis als einer der ersten Staaten die Schaffung des Jüdischen Nationalheims in Palästina anerkannt. Griechenland und Palästina unterhalten kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen und betrachten einander als ausgezeichnete Nachbarn, Wir verfolgen mit größtem Interesse die Entwicklung des Jüdischen Nationalheims und wünschen ihm vollsten Erfolg. Wir sind bestrebt, den Touristenverkehr zwischen Palästina und Griechenland zu verstärken; eine der Maßnahmen hierfür ist die Schaffung einer direkten Schiffsverbindung zwischen Griechenland und Palästina. Mit Vergnügen stelle ich fest, daß die Schaffung einer solchen Linie bereits beschlossen wurde. Ich bin davon überzeugt, daß der Touristenverkehr zwischen Griechenland und Palästina, sobald diese Linie den Betrieb aufgenommen hat, großen Umfang annehmen und so dazu beitragen wird, neue Bande zwischen den beiden Ländern auf allen Lebensgebieten zu knüpfen. * Wettbewerb für die Schaffung der Schiffahrtslinie Griechenland—Palästina. Das Amtsblatt der Kgl. Regierung veröffentlicht eine Verordnung des Marineministeriums, durch die die Schaffung einer regelmäßigen Schiffahrtslinie zwischen Griechenland und Palästina angekündigt und ein Wettbewerb für den Betrieb dieser Linie für den 14. Juni ausgeschrieben wird. Der Wettbewerb steht allen griechischen Schiffahrtsgesellschaften offen. Ausgangspunkt der Linie Wird Saloniki sein. Gegen einen jüdischen Mimaturstaaft Misrachl-Ronferenz in Polen Aus Warschau wird unter dem 25. Mai gemeldet: Hier wurde die Landeskonferenz des polnischen Misrachi eröffnet. An den Beratungen nehmen auch das Mitglied der Zionistischen Exekutive Rabbi G. L. F i s hman, der Ehrenpräsident des Welt-Mlsrachl Heschel Farbstein, das Mitglied des Administrative Committee des Jüdischen Weltkongresses Dr. M. Nu rock, Deputierter Rabbi Rubinstein u. a. teil. Rabbi F1 shman führte in einem Referat über „Die Lage im Zionismus und im Misrachi" aus: „Während es in der Galuth eine Judenfrage gibt, besteht in Palästina eine Araberfrage. Während wir überall auf der Welt fürchten, vertrieben zu werden, sind es in Palästina die Araber, die fürchten, von uns vertrieben zu werden. Es gibt also ein Land, wo man uns fürchtet. Die größte Gefahr aber ist, daß man die Araberfrage aus einer lokalen Palästina-Frage zu einer „panarabischen" machen will. Das Bestreben der Zionistischen Exekutive geht dahin, diese Verschiebung des Problems zu verhindern. Der Misrachi ist entschieden gegen die geplante Teilung Palästinas. Nach dem; englischen Projekt, das die EUminierung der Städte. Jerusalem, Haifa und Jaffa aus dem jüdischen Besitztum, Vorsieht, würde das jüdische Gebiet 250.000 Juden und 320.000 Araber zählen. Demgegenüber ziehe der Misrachi eine vorübergehende Beschränkung der Einwanderung vor, die später sicher erfolgreich bekämpft werden würde« B3s gibt Parteien und Gruppen im Zionismus, die bereit Wären, einem „jüdischen Miniaturstaat" zuzustimmen. Um diese Konzeption zu bekämpfen, muß der, Misrachi am XX. Zionistenkongreß stark vertreten sein. Zum Schluß sprach Rabbi Fishman über die religiösen Fortschritte des Misrachi in Palästina. (Wir verweisen auf die In der heutigen Nummer veröffentlichten Ausführungen des Vorstandes der Judenstaatspartel Meir Großmann („In schicksalsschwerer Stunde"), der in der Ablehnung der geplanten Teilung Palästinas mit der Stellungnahme des Misrachi konform, geht. Anm. der Red.). ,