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Die neue Welt · 1937-06-01 · Heft 659 (1.6.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 659 (1.6.1937)
Date
1937-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 10 Groschen fernlag/ den t*imi 1937 M ♦ Jahrgang Nr« 659 jBeitm «Jou*: V.b^lu DIE NEUE WELT REVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40. vierteljährig S14.-, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty lj60, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Ke 6.-, vierteljährig Kc 18.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertelt Jährig länar 40.-: »tomanlen monaülch Lei 50:~, vierteljahrig Lei 150.-; Deutschland monatlich Mark 1.-. vierteltthr *. Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 30.-. vierteljährig Lewa 80-~; IWhn «wnatllch Lire 5.-. vierteljährig Lire Schwel* und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.60, vierteljährig Schweizer Franc3 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u.Verwaltung: IX,UniversUätssir,8tlel.A-20-2-78 — Erscheint Dienstagu.Freitag Juden müssen Hitler lieben! Schon während des abessinischen Feldzuges hat In 11 a 1 i e n eine bis dahin unbekannte Diskussion der 'Judenfrage eingesetzt, die in den letzten Monaten zur Verdächtigung der Juden als schlechte italienische Patrioten gediehen ist. Wie überall, wo es schwere Sorgen gibt, so hat auch in Italien die Suche nach einem Sündenbock begonnen, und, wie überall, so hat man auch in Italien den Sündenbock im Juden gefunden. Zuerst mußte der Zionismus herhalten. Wohl gehört Italien zu den Signatarmächten der B a 1 f o u r- Deklaration und des P a 1 ä s t i n a - M a n d a t s, d. h. zu jenen Mächten, die sich feierlich zur Förderung des Jüdischen Nationalheims verpflichtet haben. Aber das macht nichts aus. Man ist mit England, der palästinensischen Mandatarmacht, in Konflikt geraten* Also — jetzt kommt ein kühner Gedankensprung — ist Zionismus gleichbedeutend mit Verrat an Italien. Gestern noch waren alle Judengemeinden in Italien zionistisch und erfreuten sich der Patronanz Mussolinis. Heute sind sie „Propagandazellen gegen die Politik der faschistischen Regierung". Der italienische Jude muß die zweitausend Jahre alte Sehnsucht nach Zion aus seinem Herzen reißen, sonst ist er ein schlechter Patriot, ein Feind Italiens.; . Ein Teil der italienischen Juden hat .diese Wen:., dung nicht ungern gesehen. ~ Die Assimilanten; Sie haben die Gelegenheit ergriffen, um gegen den nun-, mehr auch von der Regierung abgelehnten Zionismus als hundertfünfzigprozentige Patrioten zu demonstrieren, so lebhaft zu demostrieren, daß es zur Sprengung des Verbandes der Judengemeinden führte. Diese Menschen glaubten, mit der Preisgabe des ihnen schon früher nicht genehmen Zionismus auf billige Weise einer großen Gefahr entronnen zu sein. Aber sie haben sich zu früh gefreut. EBK tWiMlim jeden Bart bezwingen! . Der totalitäre italienische Staat ist beim Zionis-. mus nicht stehen geblieben. Im „Popolo d'Italia", dem Organ Mussolinis, ist vor wenigen Tagen ein Artikel erschienen, welcher nach neuerlicher Verurteilung des „unpatriotiseheh" Zionismus weiter ins jüdische Leben; vorstößt..Es heißt darin: „Das zweite aktuelle Problem ist der offene Protest der italienischen Juden gegen den deutschen Rassenstandpunkt. Sehen die Juden nicht ein, daß dies unvereinbar ist mit der Freundschaft, die uns mit dem Deutschen Reich verbindet, welche viel festere Grundlagen hat als die Judenfrage?" Der Artikel schließt mit der Aufforderung an die italienischen Juden, sich in diesen Dingen restlos zu fügen, „oder sie mögen auf die Staatsbürgerschaft und den Wohnsitz in Italien verzichten". Das hat mit Zionismus nichts mehr zu tun. Das geht alle Juden an. Nicht nur die heilige Sehnsucht •■ nach der alten Heimat, sondern das letzte Restchen menschlicher Würde muß der italienische Jude preisgeben. Er muß den Nürnberger Rassengesetzen, welche ihn zum abscheulichsten Schädling an der Menschheit stempeln, Anerkennung zollen, er muß so Vater und Mutter und sich selbst als Träger verdorbenen Blutes verfluchen, er muß den Stiefel küssen, der ihn in. den Kot stampft..., sonst ist er ein schlechter Bürger, den man verjagen muß. Wohin ist diese Welt geraten? Italien, das Land höchster Kultur, glaubt nur dann gedeihen zu können, wenn seine jüdischen Bürger aufhören, aufrecht^ gehende'Menschen zu sein und Wesen werden, die auf dem Bauche kriechen und Schmutz fressen. Wenn das die Basis der italienisch-deutschen Freundschaft ist, dann ist sie nicht sicher gegründet. r,. st. ff DetWeltfeind in Judengestalt" Die Spannung zwischen dem Nationalsozialismus und Katholizismus in Deutschland hat durch die Rede des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels in;der Berliner Deutschland-Halle am 28. Mai eine Entladung erfahren, wie sie in solcher Explosivität nicht einmal von den kritischesten Beurteüern erwartet worden war. Auch nur ein Wort über diesen Punkt zu sagen, ist nicht unsere Sache. Die Kirche wird in ihrem Bereich und von ihrer Warte aus zu den Beschuldigungen eines Mannes Stellung nehmen, dessen notorische Lügenhaftigkeit zu den beliebtesten Werbemitteln des Hakenkreuzlertums gehört. Die konfessionelle Auseinandersetzung benützte Dr. Goebbels zu Bemerkungen über die Lebenslage des deutschen Volkes, und dieser Teil seiner Rede ist es, der auch seitens eines jüdischen Blattes Beachtung verdient. Was nämlich Dr. Goebbels über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Dritten Reiches sagte, muß man trotz aller Skepsis gegenüber nazistischen Erklärungen ernst nehmen; denn es wäre absurd, zu glauben, daß ein nationalsozialistischer Führer Vor seinen Gesinnungsgenossen und vor der breiten Oeffentlichkeit die Lage schwärzer malen sollte,'als sie ist» -' - Goebbels bekennt, daß. es Deutschland nicht so gut geht wie anderen Ländern. Deutschland sei nicht im Besitz von Devisen, Rohstoffen und Nahrungsmitteln. Die deutsche Regierung habe Sorgen. Diese Feststellung birgt nichts Neues, man kann sie schon bei .geringer Kenntnis der deutschen Wirtschäftsreflexe selber machen. Aber das Bekenntnis des Propagandaministers enthält noch etwas anderes — nämlich die Tatsache, daß die seit Jahren vom Nationalsozialismus gepredigte Erlösung des deutschen Volkes, von allen Uebeln durch Ausschaltung des Judentum s sich als Bluff erwiesen hat. Die Ent judung ist vollendet, konnte kürzlich ein führender Nationalsozialist sagen. Die Juden sind aus dem deutschen Wirtschaftsleben, auch aus der deutschen Privatwirtschaft, ausgeschaltet, gar nicht zu reden von ihrer völligen Eliminierung aus dem Kultur- und Kunstgebiet, aus dem öffentlichen, staatlichen Leben. Tausende Deutsche sind in die freigewordnenen jüdischen Positionen eingerückt, der „jüdische Eigennutz" ist dem „nationalsozialistischen Gemeinnutz" gewichen. Alle Hemmungen eines artgemäßen, der Struktur des deutschen Volkes entsprechenden Auslebens wurden beseitigt. Das Hitler-Regime gab sich selbst vier Jahre Zeit, v um den Schutt der Novemberrevolution, die „Verbrechen der Weimarer Judenrepublik", zu beseitigen; Man muß zugeben, das deutsche Volk hat in den vier Jahren der nationilsozialistischen Wirtschaft große Anstrengungen gemacht, vorwärtszukommen. Aber es hat sich gezeigt, daß weltpolitische und ökonomische Fragen nicht durch ein Parteidogma reg!?- liert werden können. Und es hat sich für die Deutschen selbst gezeigt, daß es auch extra Germariiam, außerhalb Deutschlands, eine Welt gibt, eine Welt, die man nicht ignorieren kann. Herr Goebbels wußte das, und darum war er bemüht, diese Welt außerhalb Deutschlands für den deutschen: Nationalsozialismus sturmreif zu machen. Alle Verleumdungen und Fälschungen, die der .Mitinitiator der hakenkreuzlerischen Köpenickiade praktizierte, ließ er nicht minder in den anderen Staaten, von Finnland bis Argentinien, an den Mann bringen, wobei auch „artfremde" Völker nicht übergangen wurden. Diesen Ländern und Bewohnern bot Goebbels, der Mephisto des Nazismus, sein Allheilmittel an, das Zaubertränklein, mit dem alle Leiden zu kurieren seien: die Vernichtung des Judentums. Ueberau pfiffen seine Jünger und Agenten das Lied yqm verderblichen Einfluß des jüdischen Volkes, dessen man sich nur durch Ausrottung erwehren könne. Der Ruf „Juda, verrecke!" ist so recht die praktische Formel für die Ideologie des durch Goebbels populär gemachten Hakenkreuzjlertums. Wo dieser; Ruf ertönt, ist er das Echo der Goebbelschen Welt-* Propaganda. , Es gibt da und dort Nachahmer der Goebbelschen Methoden; man versucht, die Juden aus dem Erwerbsleben auszuschalten — oft mit scheinbarem Erfolge An Stelle von Konzentrationslagern gibt es Pogrome, an Stelle der Nürnberger Gesetze den Numerus clausus. Goebbels Gift ist überall, wo es nur ein paar Juden gibt, zu spüren. Aber den von ihm infizierten Ländern hat der Nazismus nichts Gutes gebracht. Die Verfemung des Judentums und dessen wirtschaftliche Unterminierung hat sich im Grunde genommen nicht bezahlt gemacht. Wenn das große, mächtige, von einem unerbittlichen Regime geführte Deutschland nach Ausschaltung des jüdischen Elements bekennen muß, daß es Sorgen, große Sorgen und Nöten habe, würden natürlicherweise die zu gleicher Taktik aüfger rufenen Länder an dem deutschen Beispiel' wohl ■sehen können, wohin die Ratschläge des Herrn Goebbels führen» .....• '• '•-= ' .!<•; Aber so schreckhaft der Anblick auch sein mag, so bescheiden auch der Mißerfolg des nazistischen Regimes Herrn Goebbels machen sollte,— dieser .Propagandaminister setzt hartnäckig die Legende vom jüdischen Verderber fort: „In Moskau sitzt der Weltfeind in Judengestalt. Wir aber wollen den Frieden." Das sind Worte aus der letzten Goebbels-Rede, Der natürliche Verstand und der gerechte Sinn -weri den nicht einsehen, was solche Worte im Zusammenhang mit den Beschuldigungen des katholischen Klerus zu tun haben. Denn daß der Beherrscher Sowjetrußlands, Stalin, der bereits fast alle seine jüdischen Mitarbeiter erschießen ließ, die Judengestalt repräsentiere, wird Goebbels wohl außer ein paar S.-A.-Leuten wohl niemandem einreden wollen. Die Vokabel „Jude" darf eben in keiner seiner Reden fehlen. Aber gerade dieser Umstand; solange er anhält, kann uns mit Genugtuung erfüllen. Der hysterische „Juden"-Schrei, solange er anhält, läßt die Deutung zu, daß die Vernebelung der außerdeutschen Hirne nicht gelungen ist, sondern noch weiter« versucht "wird. . ... .1 Das Dritte Reich steckt in Sorgen und NcVteil*. Die Vernichtung der deutschen Juden hat nicht' den versprochenen Erfolg gebracht. Vom irdischen Paradies ist man weiter denn je entfernt. Nicht wenig hat zu diesem Zustand der antihitleristische Boykott aller freiheitlich denkenden Menschen, vornehmlich in Amerika, Holland, Frankreich, Belgien und den Nordstaaten, beigetragen. Man wehrt sich gegen; das Eindringen des neudeutschen Geistes durch Ablehnung der neudeutschen Waren. Diese Abwehr bedeutet einen Trost in diesen trüben Zeiten, wo so viel Nachrichten von Judensorgen und Judennot zu uns dringen. Die Rede des Dr. Goebbels, so bestürzt man auch über den Mut dieses verlogensten Hitlerianera sein mag, kann zur , Quelle heiterer Genugtuung werden. Denn daß er Sorgen und Nöte hat, d a s wollen wir ihm glauben. o% r« An die Judensf aatsziom'sten! Heute, Dienstag, den 1. Juni, letzter Schekel* Abrechnungtttermin im neuen Heim, II., Praterstraße 80, von 8 bis 10 Uhr abends. ^^^^^^^^SB

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