Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 657 (25.5.1937)
- Date
- 1937-05-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 65T vom 25. Mai 1837, DIE NEUE WELT Seite 3 Ein erfreulidier Erfolg Die „Neue Welt" hatte es sich in den letzten Wochen zur Aufgabe gemacht, hakenkreuzlerischen Vorstößen in den österreichischen Blindenorganisa« tionen zum Zwecke des Boykotts jüdischer Blinder energisch entgegenzutreten. Wir können von einem erfreulichen Erfolge in dieser Angelegenheit berichten. Wie uns mitgeteilt wird, hat der Gesamtverband der Blindenvereine Oesterreich s wie folgt entschieden : „Die Vereinigung der blinden Musiker Oesterreichs wird aufgefordert, bis zum 20. Juni 1937 die Einführung des Arierparagraphen aufzuheben, ansonsten die Vereinigung für aufgelöst erklärt wird." Das. Eingreifen des öesamtverbandes ist nicht nur. im Interesse der jüdischen, sondern im Interesse aller Blinden zu begrüßen. Gegen Ministerpräsidenten Daräny ' In der letzten Zeit hat der ungarische Ministerpräsident zwei Reden gehalten, die als Ermutigung der Antisemiten aufgefaßt wurden. Nachdem der frühere Ministerpräsident Bethlen gegen diese Reden Stellung genommen hatte, ergriff der christliche Demokrat Ruppert im Parlament hiezu das Wort. Durch judenfeindliche Zwischenrufe dauernd unterbrochen, hob er die Leistungen hervor, welche die Juden für das Geistesleben und die Wirtschaft Ungarns vollbracht haben. Als ehrlicher Christ, sagte Abg. Ruppert, sehr er sich genötigt, im Namen der Gerechtigkeit darauf hinzuweisen, daß viele Juden sich große Verdienste um das ungarische Geistesleben erworben haben. Er zählte eine Reihe führender jüdischer Gelehrter auf. Ferner wies er darauf hin, daß eine Reihe der bedeutsamsten ungarischen Industrien, wie die Zuckerindustrie, die Lederindustrie, die Baumwollindustrie, die Forstbewirtschaftung und einige der bedeutendsten ,ungarischen Kohlen- und' Eisenwerke von Juden geschaffen worden sind. Die jüdische Industriellenfamilie Manfred Weiß habe für die ungarische soziale Fürsorge mehr geleistet als der gesamte ungarische Großgrundbesitz. Auch die Glühlampenindustrie, die Brauereien, der Getreidehandel und die ungarische Schiffahrt seien von Juden gegründet und entwickelt Worden. Es müsse einmal die Wahrheit ausgesprochen und darauf hingewiesen werden, daß auch die Juden ihre Pflicht getan haben und daß man an die Beurteilung der jüdisch e n und christlichen Großvermögen mit gleichem Maßstab herangehen müsse. Zum Schluß polemisierte der Abgeordnete gegen den Ministerpräsidenten wegen seiner Haltung. Mit der Aufrollung der Judenfrage werde nur das Ziel verfolgt, die Massen aufzuhetzen. Der tägliche Progrom an Polen Aus [Warschau: In der ostpolnischen Stadt Kamien-Kaszynski ereigneten sich am 17. Mai schwere antisemitische Unruhen, die die Form einer regelrechten' Eroberung der etwa 12.000 Einwohner zählenden Stadt durch die aus der Umgebung kommenden Bauern annahmen. Da Kamien-Kaszynski weder Telephonnoch Telegraphenverbindunghat, sind die näheren Umstände noch nicht bekannt. Ueber den Verlauf der Unruhen steht bisher fest: Dienstag früh zogen große Gruppen von Bauern in die Stadt, deren Bevölkerung zum größten Teil aus Juden besteht. Die Bauern stürmten die jüdischen Läden,, warfen die Waren auf die Straße und zündetensie an. Wie bei den kürzlichen Unruhen in Brest-Litowsk war auch diesmal die Ortspolizei den Bauern gegenüber machtlos, die gegen Abend darangingen, die Stadt in Brand zu stecken. Wie jetzt bekannt wird, haben die Vertreter der jüdischen Bevölkerung von Kamien-Kaszynski bereits vor Ausbruch der Unruhen dem Gouverneur von Lublin mitgeteilt, daß sie Unruhen befürchten und ihn um Hilfe gebeten. Gleichzeitig verständigten sie die jüdischen Sejm-Deputierten in Warschau. Auf Grund dieser Information setzte eich der Abgeordnete Dr. Gottlieb mit dem Innenminister Und dem Polizeipräsidenten in Verbindung und erhielt von beiden Seiten die Zusage, daß sofort die notwendigen Maßnahmen zur Sicherung der Ruhe in Kamien-Kaszynski ergriffen werden würden. Anscheinend wurden die Maßnahmen jedoch nicht ergriffen. Der Gouverneur von Bresl*Li(owsk Aus Brest-Litowsk: Dem nach Brest-Litowsk entsandten Sonderberichterstatter der J. T. A. wurden die Vorgänge in einer Weise geschildert, die das Verhalten des Gouverneurs in einem sehr eigenartigen Lichte erscheinen lassen. Gegen den Wojwoden, der früher dasselbe Amt in dem Kreise Radom zur Zeit des Pogroms von Przytyk bekleidet hat, wird der Vorwurf erhoben, daß die Polizei auf Grund seiner Instruktionen die Exzendettten geradezu ermutigt hat. Die Polizeibeamten haben den Angreifern zugerufen: „Tut nur ganze Arbeit, Jungens. Aber gebt acht, daß keiner getötet wird!" Brest-Litowsk, eines der ältesten Zentren der polnischen Judenheit, sieht wie nach einem Erdbeben aus. Protest -und was dannt Als die Nachricht aus Jerusalem eintraf, daß die Palästina-Regierung für die Zeit vom 1. April bis zum 31. Juli 620 Zertifikate bewilligt habe, wurden alle an Palästina interessierten jüdischen Massen von Empörung ergriffen und die jüdische Presse lehnte einstimmig die Schedule ab. Im Bewußtsein der schweren Verantwortung, die einem zionistischen, judenstaatlerischen Organ in solch einem Augenblick obliegt, schrieben wir („Die Neue Welt" vom 14. Mai 1937): „Wir erwarten einen den Gefühlen des jüdischen Volkes entsprechenden Kampf zur Sicherung unserer Rechte, Insbesondere des Rechtes auf Einwanderung. Mehr soll in dieser schicksalsschweren Stunde nicht gesagt werden." Wie nun aus Jerusalem gemeldet wird, hat die zionistische Exekutive eine Protesterklärung gegen die neuerliche Einschränkung der Einwanderung veröffentlicht, zunächst deswegen, weil nur 400 Zertifikate für Einwanderer aus Deutschland bewilligt wurden, obwohl der Council for German Jewry (Institution für jüdische Deutschlandhilfe) die Mittel zur Ueberwanderung von 700 deutschen Einwanderern zur Verfügung gestellt hatte; weiters deswegen, weil 220 Zertifikate für den ganzen jüdischen Arbeitsmarkt den Sinn der Arbeiterschedule entstellen. Die Exekutive lehnte es ab, die Rolle der Verteilerin einer solchen Zahl von Zertifikaten auf alle jüdischen Arbeitszweige in Palästina und auf vierzig Länder der Galuth zu übernehmen. Kurz gesagt: Die Leitung der Zionistischen Weltorganisation übernimmt, unter dem harten Zwang der Notwendigkeit — um dem tragischen Schicksal der deutschen Juden gerecht zu werden — die 400 Zertifikate für Einwanderer aus Deutschland, weist aber die restlichen 220 Zertifikate zurück. Umsu.Wkkm$e&Me Glas- und Porzellanwaren, Bleikristalle. Komplette Ausstattungen in bester Qualität H. EISNER, Wien VI, Eszterhazygasse 34 In der Praxis wird sich dieser Umstand, falls nicht eine Aenderung. eintreten sollte, dahin auswirken, daß in den nächsten Monaten bis zum 1. August kein Jude auf. Grund eines Zertifikats ins Jüdische Nationalheim gelangen wird. Die von uns in unserer Ausgabe vom 14. Mai charakterisierte „Faktische Einwanderungssperre" ist also Tatsache geworden. * . Bekanntlich hat die Exekutive 11.250 Zertifikate auf Grund einer sorgfältigen, unter Mitwirkung von Regierungsvertretern durchgeführten Erhebung angefordert. Wenn jetzt bloß 220 Zertifikate bewilligt wurden — die 400 Zertifikate für Deutschland wurden wider den Brauch in die allgemeine Quote einbezogen —, so bedeutet das nichts anderes als einen scheinheiligen Akt der Regierung, die zwar die Einwanderung eingestellt, aber nach außenhin Zertifikate bewilligt hat. Der Terror der arabischen Extremisten hat Erfolge gezeitigt. Die 220 Zertifikate sind der Effekt der arabischen Mordtaten, und wenn jetzt die Exekutive angesichts ihres in die Augen springenden politischen Debakels die Geste der Verweigerung der schäbigen 220 Zertifikate macht, so wird sie zwar Zustimmung in allen zionistischen Kreisen finden, zugleich aber auf die Frage stoßen, was dann weiter geschehen soll und warum nicht längst schon, bei früheren analogen Fällen, die Methode der restlosen Ablehnung eines lächerlichen Zertifikatengeschenks angewendet wurde. * ' Die Zertifikate abgelehnt! Das hört sich wie eine ketzerische Kampf parole an, ähnlich der seinerzeit von extremzionistischer Seite ausgegebenen Non Cooperation. Denn bei der bloßen Refüsierung der Schedule kann es nicht bleiben. Vier Monate lang wird kein einziger jüdischer Arbeiter ins Land kommen. Der jüdische Arbeitsmarkt bei der Landwirtschaft, der Industrie, dem Baugewerbe, dem Jüdische Stadtverordnete hatten beabsichtigt, einen Protest gegen die Untätigkeit der Polizei zu veröffentlichen. Der Bürgermeister teilte ihnen jedoch mit, daß der Gouverneur erklärt habe, er übernehme nicht die Verantwortung für weitere Ausschreitungen, wenn ein solcher Protest erfolgt. Sämtliche Briefe und Telegramme, die am ersten Tage der Unruhen aufgegeben wurden, wurden zensuriert, viele von ihnen nicht befördert. Personen, die ihren Verwandten in Amerika Telegramme über ihre Lage senden wollten, wurde im Brester Telegraphenamt offiziell mitgeteilt, daß sie keine beunruhigenden Nachrichten verbreiten, sondern mitteilen sollten, daß sie wohlauf sind und alles in Ordnung sei. Die Stimmung in der Stadt ist noch immer erregt. Die nichtjüdischen Geschäfte bleiben als solche gekennzeichnet. Verkehrswesen, den öffentlichen Arbeiten, den Hafenarbeiten wird brachliegen. Der Aufbau des Landes wird in außerordentlichem Maße gehemmt sein — vom moraliscrren Schaden, vom zionistischen Presüaeverlust in der Welt gar nicht zu reden. Die Feinde des Zionismus werden zweifellos aus der momentanen Haltuhg der Mandatsmacht den Beweis zu erbringen versuchen, daß nun wieder einmal der utopische Charakter der Wiederaufrichtung Zions ans Tageslicht getreten sei und daß stärker als bisher das Problem der jüdischen Wanderung nach den außerpalästinensischen Staaten in Angriff genommen werden müsse. Die Phraseologie des Assimilantentums und der Territorialisten wird natürlich den judenstaatlerischen Teil der zionistischen Organisation nicht von einem weiteren Kampf um das jüdische Recht auf Palästina abhalten — von einem Kampf mit allen Mitteln, die den judenstaatlerischen Elementen zur Verfügung stehen. Aber die Basis des antizionistischen Feldzugs hat sich durch die Niederlage der Exekutive erweitert. Daran ändern nichts die starken Worte, mit welchen die Exekutive die letzte Schedule ablehnt. „Auf diese Weise", heißt es in der Erklärung der Agency, „wird das ganze System der Arbeiter- Schedule zu einer Farce." Das Wort „F a r c e" in diesem Zusammenhang wurde seit eh und je von der zionistischen Opposition gebraucht, von den offiziellen Zionisten allerdings als übertrieben und ungerecht hingestellt. Nun ist endlich auch die offizielle zionistische Leitung zur Erkenntnis gelangt, daß das Wort „Farce", auf das Zertifikatsystem angewendet, berechtigt ist. Aber solch ein Wort und solch eine Ablehnung sind nur aus der Situation heraus geborene Gesten, die keinesfalls genügen. Auch für den Ausdruck der kämpferischen Stimmung ist in der Erklärung der Exekutive gesorgt. „Die Jewish Agency", heißt es nämlich im Schlußpassus dieser Erklärung, „wird die Reduzierung der Einwanderung auf ein solches Maß mit größter Entschlossenheit bekämpfen. Die Agency ist überzeugt, daß das jüdische Vqlk in der ganzen Welt sie in ihrer Stellungnahme unterstützen und sich in der jetzigen schicksalsschweren Stunde mit aller Entschlossenheit den harten Beschränkungen widersetzen wird, die. in der jetzt festgesetzten Schedule zum Ausdruck kommen." Mit größter Entschlossenheit bekämpfen! Welch stolzes Wort! Wie gern hören die Zionisten, soweit sie nicht den Losungen der „Hawlaga" und „Loyalität gegenüber einem ehrenhaften Partner" erlegen sind, solche anspornende' Töne! Solchen " Worten Beifall klatschen, ist kein Kunststück. Aber wie sie in die Tat umsetzen? Dem Partner der zionistischen Exekutive, das ist die Palästina-Regierung, wird die Erklärung der Exekutive nicht imponieren^ wenn es bei der Erklärung bleibt...... Nich die Ueberzähl der Araber in Palästina,'nicht die pänaräbischen Drohungen, nicht die islamische Solidarität waren es, die den arabischen Extremisten (dem Mufti und seinen Anhängern) Erfolge brachten, sondern einzig und'allein die Terroraktionen, die von der Entschlossenheit der Araber in ihrem Kampf gegen die Mandatsmacht zeugten. Die Mordtaten der arabischen Banditen haben die Politik der Engländer mehr beeinflußt als die Unterhandlungen der arabischen gemäßigten Führer mit Wauchope. Die Araber haben den Engländern gezeigt, daß sie es mit ihrem Widerstand ernst meinen. Wer wird der zionistischen Exekutive nach ihrer jahrelangen, bis,zum Selbstmord geübten Nachgiebigkeit den Ernst ihrer Entschossenheit gauben? Die Zurückweisung der Schedule-Provokation genügt nicht. Die zionistischen Massen müssen zu einer Demonstration organisiert werden, die der Palästina' Administration offenkundig macht, daß män mit den Gefühlen des jüdischen Volkes nicht spasseh darf. Es muß eine Methode -tfe's Widerstandes ausfindig gemacht werden, der dem englischen Mandatar den Ernst der Situation vor Augen führt. '■ o. r. Judenstaaftler! Die Sohekelkampagne geht zu Ende. Sichert euch das Wahlrecht! Kauft den Schekel und verbreitet ihn! Schekelhefte und einzelne Schekalim sind anzufordern täglich von 9 bis 15 Uhr im Sekretariat, IX., Universitätsstraße 8, oder Tel. Ar20-2-78. Schekelabrechnung. Alle Gg. werden ersucht, die übernommenen Schekaliru ehestens abzurechnen. Dadurch wird die: Arbeit wesentlich erleichtert. Abrechnung täglich von 9 bis 15 Uhr im Sekretariat, IX.» Universitätsstraße 8. Internes Meeting des Schwimmkiubs Hakoah: Donnerstag, den 27. ds., veranstaltet der Schwimmklub Hakoah im Dianabad ein internes Meeting, welches der Abschluß der diesjährigen Hallenbadsaison sein wird. Außer den sehr interessanten Schwimmbewerben wird ein W a s s e r b a 11 spiel zweier Hakoah-Mannschaf ten durchgeführt werden. Die Eintrittspreise sind so niedrig gehalten (Sitzplätze S 1.—, Stehplätze 50 g), daß ein Besuch dieses schönen Schwimmfestes jedermann möglich ist. Beginn halb 8 Uhr abends.