Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 657 (25.5.1937)
- Date
- 1937-05-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« % ME NEUE WELT Nr. 657 vom 25. Mai 193T Jüdischer Wellkongreß geschlossen Am ld. und 20. Mai tagte in Wien eine Sitzung des Administrativkomitees, der obersten Instanz des Jüdischen Weltkongresses. Den Vorsitz führte Dr. Nahum Gold mann (Genf). An der Sitzung nahmen teil: Die Mitglieder der Exekutive Dr. Goldmann (Genf), Doktor Zuckermann (Paris), Rev. Perlzweig (London), Saly Mayer (Präsident des Schweizer Isr. Gemeindebundes), Dr. H. Nurock (Riga) und Henri de Toledo (Genf); eine polnische Delegation, bestehend aus den Herren Dr. N. Rosmarin, A. Reiß, Dr. A. Tartakower. Dr. J. Hellman, Dr. J. Kleinbaum, Kirschenbaum, N. Prilucki, Dr. Kahane, Oberrabbiner Isak Rubinstein, Jakob Lestschinski, Sindelowicz; eine rumänische Delegation, bestehend aus Dr. M. Krämer, Chefredakteur Rosenthal, Dr. Jos. Fischer, Dr. J. Singer, Horia Carp; aus Oesterreich Oberbaurat Robert Stricker, Dr. S. Sokal, Th. Grubner; ferner R.-A. Dr. George Guggenheim (Vizepräsident der Jüdischen Gemeinde Zürich), Abg. Dr. Angeio Goldstein (Prag) und Oberrabbiner Doktor Alkalay (Belgrad). Ueber die Sitzung ist seitens der Leitung folgender Bericht ausgegeben worden. Am 19. und 20. Mai fand in Wien die erste Sitzung des Administrativkomitees des Jüdischen Weltkongresses statt, der im August 1936 in Genf zum ersten Male zusammentrat. An der Sitzung der Administrative nahmen teü außer 6 Mitgliedern der Exekutive 18 Mitglieder aus 9 Ländern. In der zweitägigen Sitzung wurde die katastrophale Lage der jüdischen Massen in Mittel- und Osteuropa eingehend .geschildert und darauf hingewiesen, daß sich noch niemals MUlionen von Juden in solch tragischer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Notlage befunden haben, wie dies in mittel- und osteuropäischen Ländern der Fall ist. Die antisemitische Agitation in diesen Ländern, von niemandem gehindert, wächst dauernd und führt insbesondere in Polen zu blutigen Exzessen und pogromartigen Ausschreitungen. Den maßgebenden Faktoren fehlt es an gutem Willen und Energie in der Unterdrückung dieser die Existenz der Juden auf das schwerste bedrohenden Agitation. Die Wirtschaftspolitik verschiedener Länder verdrängt die Juden aus einem wirtschaftlichen Berufe nach dem anderen und nimmt Hunderttausenden von Juden die minimalsten Existenzbedingungen. Es wurde eine Reihe von Maßnahmen zur Erhöhung der Aktivität der Instanzen des Weltkongresses zwecks Verteidigung der bedrohten Existenz der Juden in einigen Ländern und ihrer konstitutionell und international zuerkannten bürgerlichen und Minoritätenrechte beschlössen. Die Tagung nahm folgende Reso- * lutionen einstimmig an: L Das A.-C. nimmt mit Zufriedenheit und Anerkendie Exekutive, mit erhöhter Energie ihre Bemühungen, die Judenhelt der Welt in den verschiedenen Ländern demokratisch zu organisieren, fortzusetzen. Das A.-C. des Jüdischen Weltkongresses begrüßt den in P o I e n gefaßten Beschluß, einen demokratisch gewählten Jüdischen Kongreß in Polen einzuberufen. Es erblickt in diesem Beschluß . einen der wichtigsten Schritte auf dem Wege der Organisierung des jüdischen Volkes und appelliert an alle konstruktiven Elemente des jüdischen Volkes, alles zu tun, um den geplanten Jüdischen Kongreß in Polen zu einem vollkommenen Erfolg zu führen. II. Das A.-C. erachtet es für seine Pflicht, dem Gefühl der tiefen Enttäuschung Ausdruck zu geben, welches alle Teile des jüdischen Volkes angesichts der unverständlich kleinen Zahl von Einwanderungszertifikaten nach Palästina beherrscht, die die britische Administration erteüt hat. Angesichts der tragischen Kotlage der großen jüdischen Massen Mittel- und Osteuropas und angesichts der großen ökonomischen Aufnahmemöglichkeiten Palästina« bildet diese kleine Zahl von Zertifikaten eine klare Verletzung des Geistes des Mandats und eine schmerzliche Verkennung der Bedeutung der palästinensischen Einwanderung für das jüdische Volk. Das A.-C. gibt seinem Protest gegen diese, durch keinerlei sachliche Motive entschuldbare Politik der Palästina-Regierung Ausdruck. m. Das A.-C. nimmt mit Zufriedenheit und Anerkennung die Berichte der Exekutive Uber die von Our geleistete politische und organisatorische Arbelt zur Kenntnis. Stephen Wise bei Staatssekretär Hull Aus Washington: Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses Rabbi Stephen S. Wise hatte mit dem amerikanischen Staatssekretär Hull eine längere Unterredung, in deren Verlauf er diesen über die Lage der Juden In Polen informierte und mit ihm die Möglichkeit einer freundschaftlichen Vorstellung der Vereinigten Staaten bei der polnischen Regierung ssugunsten der Juden in Polen erörterte. Imposante Kundgebung der Judenstaatszi'oimten Eine Erklärung des Vertreters der Vaterländischen Front Am 20. Mai fand in dem trotz der sommerlichen Hitze überfüllten Festsaale des Hotel Continental eine von der Ortsgruppe Wien des Verbandes der Judenstaatszionisten Oesterreichs einberufene Kundgebung statt. Der Vorsitzende Herr Fritz Richter begrüßte den erschienenen Vertreter der VaterländischenFront, Herrn Propagandaleiter Weiß, ferner die Herren Oberbaurat Dr. Ing. Weinberger und Hauptmann Tann er vom Reichsbund Jüdischer Legitimisten und andere Abordnungen jüdischer Organisationen. Sodann erstatteten die Herren Rabbiner Dr. Kanner, Theodor Grubner, Dr. Sal. Wolf und Oberbaurat Robert Stricker Referate, welche sich mit der bedrohlichen Situation um das jüdische Palästina befaßten. Die Sperre der Einwanderung ist bereits faktisch erfolgt und Pläne, das kleine Palästina noch weiterhin zu teilen, nehmen immer greifbarere Gestalt an. Das sind die Resultate einer von den Judenstaatszionisten immer heftig bekämpften offiziellen zionistischen Politik, welche der Hauptsache nach in beständigem Verzichten und Verkleinern des zionistischen Zieles bestand und es, trotz selbstmörderischen Opportunismus, nicht verstanden hat, das Vertrauen der britischen Mandatsmacht in die Kraft des jüdischen Volkes zu erhalten und zu vertiefen. Was sich heute vollzieht, fällt vor allem der derzeitigen zionistischen Leitung zur Last, welche b ewußt von den Wegen Theodor Herzls abgewichen ist und darum auf der ganzen politischen Ldnie versagen mußte. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung, insbesondere der in Massen erschienenen Jugend, legten die Sprecher das Gelöbnis der Judenstaatszionisten ab, in der Zeit der Depression und Verzagtheit in, weiten zionistischen Kreisen den Kampf für das hohe und einzige Ziel des Zionismus, den Judenstaat in den historischen Grenzen, mit .vervielfachter Energie weiterzuführen. * Zum Schluß meldete sich der als offizieller Vertreter der VateriändischenFront erschienene Propagandaleiter des IE. Bezirks, Herr Weiß, zum Worte. Er nahm die Gelegenheit war, um einen die österreichische Judenschaft beleidigenden Zwischenfall in einer Kundgebung der V. F., über welchen auch die „Neue Welt'* geschrieben hatte, befriedigend aufzuklären. Ein Redner, der Rat der Stadt Wien, Holoubek, hatte damals die Gelegenheit ergriffen, um die Judenschaft, insbesondere die Judenschaft des II. Bezirkes, in unqualifizierbarer Art zu beleidigen. Herr Propagandaleiter Weiß versicherte, daß dieser Zwischenfall ganz unerwartet kam, daß die Vaterländische Front das Vorgehen dieses Mannes aufs entschiedenste verurteilt und jede Verbindung mit ihm abgebrochen hat. Mit den Worten: „Die Vaterländische Front will keinen Kulturkampf, sie will alle Bürger dieses Staates vereinigen, sie will ein e i n i g e s Oesterreich", schloß der Redner seine Erklärungen, die vom Publikum mit minutenlangem Beifall entgegengenommen wurden. Wer waren die § toter? . Sonntag, den 23. Mai, konnte man in den ersten Nachmittagsstunden in der Richtung Stadion Burschen und Mädchen gehen sehen, die man sonst in dieser Zeit, und Gegend nicht anzutreffen gewöhnt ist. Auch das psychologisch ungeschulte Auge erkannte in diesen Menschen einen bestimmten Typ, wie er vor einigen Jahren bei verschiedenen Gelegenheiten die schönsten Wiener Stadtteile beunruhigte. Und da der Länderkampf im Handballspiel zwischen Oesterreich und Deutschland im Stadion angesagt war, konnte unschwer erraten werden, daß das Ziel dieser „seltenen Gestalten" eben das Stadion war. Sportfachleute behaupten, daß für den Besuch eines Handballkam p f e s in Wien kaum 2000 bis 3000 Zuschauer in Betracht kommen; Handball ist kein attraktiver Sportzweig. Wenn nun diesmal über 40.000 Menschen zu diesem wenig populären Handballspiel pilgerten, galt ihr Eifer und ihr Interesse scheinbar einer anderen Sache als der Freude am Handballsport. Und es war auch so. Wem das Interesse galt, zeigte sich in deutlicher, nicht mißzuverstehender Weise. Es kam zu Demonstrationen österreichischer Staatsbürger zugunsten der deutschen Gäste und zuungunsten der österreichischen Spieler, also der „Heimischen". Man konnte die Rufe hören, welche die österreichische Staatsführung und das österreichische Volk in seiner Mehrheit als sinnwidrig, provokatorisch, unpatriotisch, hochverräterisch empfinden. Unentwegte Radaubrüder wagten, die österreichische Handballmannschaft durch ermunternde Zurufe an die reichsdeutschen Sportler in ihrer Energie zu beeinträchtigen und eine Stimmung zu schaffen, wie sie manchmal „auf fremdem Feld" herrscht. Es gab da und dort Zusammenstöße im Publikum und die Polizei mußte Anhänger eines außerösterreichischen Regimes, welche diese -An-hängersehaft in allzu rüder und den , Geschmack von Kulturmenschen beleidigender Weise kundgaben, verhaften, um sie nach kurzer AmtSihandlung wieder freizugeben. Wer waren die Störer.? Auf Grund der gegebenen Charakteristik — Nazis. Das „Wiener Montagblatt", wohlbewandert in der Behandlung solcher Vorfälle, bedauert in seiner Ausgabe vom 24. Mai die Skandalszenen im Stadion. Es schreibt von unverantwortlichen Elementen, von unösterreichischem Verhalten, von der Gefahr, daß deutsch-österreichische Sportbegegnungen auf öster> reichischem Boden unter derlei Umständen eingeschränkt werden könnten. Es schreibt sogar von einer Verletzung des Abkommens vom 11. Juli. Das Blatt, das den Namen des obskursten Zuckerlhändlers kennt, der sich angeblich der Verletzung der Gewerbeordnung schuldig gemacht hat, allerdings nur des jüdischen Zuckerlhändlers, das über den unbedeutendsten Fall Bescheid weiß, wenn ein jüdisch klingender Name in ihn verwickelt ist, weiß nicht, wer die Ruhestörer sind, bzw. nennt sie nicht beim Namen. Es sind unverantwortliche Elemente; Menschen, die nichts von Sportgeist wissen; Menschen, die wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben einem Handballspiel beigewohnt waren, Menschen, die nur zu demonstrativen Zwecken ins Stadion gekommen sind. Wes Nam' und Art diese unösterreichischen * Oesterreicher sind, verrät das „Wiener Montagblatt" nicht. Wir wollen die ganze Stadionangelegenheit nicht übertreiben. Wir haben nämlich die Herrschaften gesehen, die in die Richtung Stadion marschiert sind, um dort ihre „politische Gesinnung" zu demonstrieren. Der Vorfall wurde durch ein paar Dutzend Anhaltungen liquidiert. Die Erledigung der Affäre war gut Österreichisch. Man machte nicht viel Aufhebens von den demonstrierenden Runenverehrern. Man wußte, mit wem man es da zu tun hat. Ganz Wien weiß es. Nur das „Wiener Montagblatt" war so schamhaft, das Wort „Nationalsozialisten" in seinem Bericht und seinem Leitartikel zu verschweigen.- 37. bis 30. Mal 4 Tage Urlaub, Irholung, Ruh«, auf dem Semmering in der Hakoah-Hütte Batten a S a.- Lager a S 1.20 Senntag. den 30.Mal: Sonderfahrt mit Autobus zur Hütte. S 7.30 tour-retour, Abfahrt 7 Uhr Klubheim, 7 Uhr 10 Min. Caf£ Ritter, Mariahilferstraße Anmeldungen Im Klubheim der Hakoah. Wien I, Wiesingerstraße 11, nur vorm. von 10 bis 12 Uhr, Tel. R-25 0-10 Tragik der jüdischen A§suiuIaiion Die Zeitschrift der Schweizer Jungkathö* liken „DieEntscheidung" bringt einen ersten Auszug des neuen Buches des pazifistischen Professors Wilhelm Förster, das im Vita-Nova-Verlag erscheint. In diesem Beitrag kommt Förster auf die Tragik des deutschen Christen zu sprechen, die der des deutschen Juden gleicht Beide „sind nicht ohne tragische Schuld an ihrem Schicksal: sie haben sich beide verführen lassen ... aus lauter Sympathie für den Machtauftieg des deutschen Volkes und für die großen Eigenschaften, die sich bei diesem Aufstieg bestätigten, die neue deutsche »Realpolitik* allzu kritiklos zu begünstigen und mitzumachen". Förster schreibt weiter: „Wir sehen diese Tragik im Leben eines Ballin und eines Rathenau: Beide waren Männer, die in bezug auf Preisgabe des morali* sehen Urteils gegenüber der deutschen Machtentwick« lung sich fast gänzlich entjudet hatten» beide mußten in der einen oder anderen Weise erleben, daß all ihre Opfer, auch ihr Verrat an ihrer eigenen besseren Ueberzeugung — gänzlich vergeblich waren und daß der Augenblick kam, wo sie den letzten Fußtritt erhielten, und wo offenbar wurde, daß sie ihre Kraft und Intelligenz einem Deutschland ge« weiht hatten, das nichts tat, als ein riesiges geistige sittliches Erbe und eine Unsumme von Idealismus für den elendesten Ungeist und die kurzsich* tigste Gewaltpolitik zu verschleudern. Ganz ähnlich war das Schicksal der deutschen Christen, und es wird dem Los der Juden noch viel ähnlicher werden, als es heute schon ist ..." Zahl de* luden in Frankreich Die Mainummer der „Jiwo-Blätter" der Monatszeitschrift des Jüdischen Wissenschaftlichen Instituts in iWilna veröffentlicht eine Monographie des bekannten jüdischen Historikers und Soziologen A. M e n e s über die Juden in Prankreich. In einer Schätzung der Anzahl der heute in Frankreich lebenden Juden nimmt Menes für Paris und Umgebung die Zahl von ungefähr 170.000 bis 190.000 an (davon 50.000 bis 60.000 angestammte französische, 90.000 bis 100.000 aus Osteuropa eingewanderte, 15.000 bis 20.000 sefardische und 15.000 aus Mittel- und Westeuropa, und zwar Deutschland, Tschechoslowakei* Ungarn, Oesterreich, Holland usw. zugewanderte Juden)'» Die Zahl der Juden in der französischen Provinz schätzt Menes auf rund 80.000 bis 90.000, so daß heute in Frank«' reich insgesamt schätzungsweise 260.000 bis 280.009 Juden leben. Während der 1 etzten zwölf Jahr* wurden in Frankreich 35.000 Juden naturalisiert.