Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 656 (20.5.1937)
- Date
- 1937-05-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 656 vom 20. Mai 1937 Frauentypen in der neuhebrai§dien Literatur Von Schlomo Auerbach Typen und Gestalten in der Literatur sind fast tromer dem wirklichen Leben entnommen; sogar f-'hantasiegebilde, überlebensgroße Gestaltungen der Zukunftsträume sind nur sehnsüchtige Forderungen des wirklichen Lebens; Not und Trübsal des Alltags schaffen diese allmächtigen wie allgerechten Heroen, die die Not lindern, die das Leben beengenden Schranken, entfernen und einer leuchtenden Zukunft zuführen sollen. Stets haften an den Gestalten einer Literatur die Färbung ihrer Zeit, Sitten und Gesetze — nach welchen das Leben einer gewissen Epoche vor sich geht. So treten aus den Gestaltungen der Bibel die Wechselbeziehungen der Menschen jener Zeit zueinander deutlich hervor. Wenn man beispielsweise den Frauentyp der Bibel beobachtet, kann man nicht ohne einen erhebenden Stolz die freie Stellung der Frau bei den Juden, in Vergleich zu den meisten Kulturvölkern der damaligen Zeit, feststellen. Bis auf kleine Ausnahmen wird der biblischen Frau Menschenwürde und Achtung gewährt. Sie konnte sich nach Stand und Eignung mannigfach entfalten, auch wirksam nach Talent und sozialer Stellung in das allgemeine Leben eingreifen. Vielfältig sind daher die Frauentypen der .Bibel: von der Magd — für welche strenge Schutzgesetze vorgesehen sind — bis zur souveränen Herrscherin; von der Sonah (einer Art Hetäre) bis zur Prophetin und Richterin in Israel! — Eine große Zahl aktiver Frauengestalten ist in der Bibel zu beobachten: die meisten Frauen um König David z. B. waren in ihrer Art sehr selbständig . und tatenfreudig, sogar Hofrevolten inszenierten sie und dgl. mehr. Besonders bekannt ist eine aktive selbständige Frau auf einem gewöhnlichen Bauernanwesen, das ist die Mutter des Heros Sampson, die Frau des Manoach; dieser Monoach (zum Mißfallen der frauenfeindlichen Talmudisten, die ihn sogar „Am-Harez" beschimpfen, weil „er ging seiner Frau nach" (Buch d. Richter, das heißt, er geht ihrem Rate nach), läßt sich in allen wichtigen Dingen von ihr belehren. Besonders ausgeprägt aber - in der Bibel . ist der Typus der M u 11 e r, ihre Hingabe und wirkende Liebe. Der erste ungemein sympathische wie traurige Muttertypua tritt uns in der Magd Sarahs, der Agar, entgegen: auf Geheiß ihrer eifersüchtigen Herrin vom Kindesvater Abraham verjagt, schleppte sie sich mühsam mit ihrem Kinde durch die sengende Wüste; — „aber als das Wasser zu Ende ging, da legte sie das Kind unter die Sträuche und entfernte sich selber einen Bogenschuß weit, denn sie sagte: ich will dem Tode des Kindes nicht zusehen"... (Genesis.) Die Mutter war bei den Propheten immer ein Sinnbild des tätigen Mitleids, des Eingreifens in der Not: die Prophetin und Richterin Deborah rühmt sich selber in ihrem bekannten Liede, also: „Alles war durcheinander, dem Ende nahe... bis ich, Deborah, auferstanden bin, stand als Mutter den Israeliten bei!"... (Richter 3.) Beim zweiten Jessaias ist die verwüstete, verlassene Stadt Jerusalem als trauernde, die von ihren Kindern verlassene Mutter dargestellt — untröstlich ist sie wegen ihre Kinder, die vertrieben sind — und erst das poetisch ausgestaltete Bild der Erzmutter Rachel beim Propheten Jeremias: .....bis zu den höchsten Himmelshöhen wird eine Klage, ein "bitteres Weinen gehört — Rachel weint um ihre Kinder — um ihre Söhne, "sie will um diese ihre Kinder, die nicht mehr da sind, keinen Trost annehmen"... Und die sonstigen Frauengestalten der Bibel! Sie alle beweisen, daß zur Bibelszeit die Frau bei den Juden Achtung und Freiheit genoß; denn nur eine freie Frau kann hilfreiche Mutter sein, Fürbitterin,' Königin, ja sogar Prophetin, Künderin von Gottes Wort in Israel! Eine schroffe Wendung zum Schlechteren ist im Ta 1 m u d zu beobachten. Der Gründe und Ursachen sind viele, ich will sie hier nicht erörtern. Aber eines ist doch au bemerken: die Schöpfungen der Bibel sind im eigenen, wenn auch kleinem Lande — entstanden; die Sitten waren daher selbständig, von fremden Einflüssen strengstens bewahrt. Wie anders die äußern Umstände des Talmuds! Unter fremden halbwilden Kulturen, lebend, ohne zentrale geistige Führung, Einflüssen der herrschenden Völker ausgesetzt, einer Verneinung jeder Lebensfreude zugeneigt — das alles bewirkte die verächtliche Beziehung zur Frau, die uns im Talmud unliebsam entgegentritt. Man kann auch darum schon von Frauengestalten in der nachbiblischen Literatur nicht reden, weil es keine eigentliche geformte Literatur im landläufigen Sinne, weil es weder erzählerische noch dramatische Stücke gab. Der jüdische Geist war mit seiner ganzen schöpferischen Kraft ausschließlich dem Talmud und der Talmud-Kommentierung gewidmet; bestenfalls erscheinen von Zeit zu Zeit ethisch-philosophische Abhandlungen über die Seele, ihre Unsterblichkeit u. dgl. Alles war auf die Beziehung des jüdischen Menschen zu seinem Gott gerichtet — von hier aus war erst die Beziehung zum Nebenmenschen deduziert. Erst mit der Mendelsohnschen H a s k a 1 a (Aufklärung) setzt eine hebräische Literatur im modernen Sinne ein. Auch am Anfang d i e s e r Periode, namentlich in den Jahrbüchern „Measphim", gab ea nur eine, Fortsetzimg der rabbinistischen Literatur, wenn auch mit ketzerischeraufklärerischer Tendenz: viel Bibelexegese oder Polemiken mit den Rabbinern. Die Dichtungen sind meistens Uebersetzungen oder — bis auf wenige Ausnahmen — leere Reimübungen im schwungvollen Bibelstil. Ein berühmtes Werk von damals z. B. des Naphtali Herz Weisel heißt: „S c h i r e-t i f eozwech ussesonech, siwrech maawajich ivoldu kirbech itamu tochechi!" Das heißt: Jüdische Frau, wer kennt dein Leben? Aus dem Dunkel gekommen, im Dunkel verblieben! Deine Freuden und dein Bangen, Dein Hoffen und Verlangen In dir geboren, in dir auch verloren!... Erst mit dem Einbruch der sogenannten nationalen Periode fällt Licht auch in dieses Dunkel. (Schluß folgt in der nächsten Freitag-Nummer) Zwei Qedkide ym Amdi HoUh Als in die beiden Tafeln voller Gnade Der feurige Finger Gottes hatV geschrieben, Gebot er. daß die Äxte Föhre hieben, Zu zimmern für die Tafeln eine Lade. Sie sei vergoldet und es seCn gerade Tragstangen durch die Griffe durchzuschieben. Wandelnder Tempel! Wo auch hingetrieben, Trug Juda ihn. Zum Berg und zum Gestade. Führt* je ein Volk zehn schlichte Worte Sitte Als Allerheiligstes in seiner Mitte In goldner Lade fromm durch alle Steppen? O seht! Wie sie durch unbegrenzte Zeiten, Feindselge Wüsten der Unmenschlichheiten Die Lade mit den Worten iveiterschleppen! Wo wäre wohl ein andres Volk geblieben Im staubigen Gelände der Geschichte, Wär es, behangen mit des Spotts Gewichte, Zweitausend Jahr wie Du umhergetrieben? Gepreßt im Ghetto, ächzend unter Hieben, Gemordet unterm Auge der Gerichte, Verleumdet, ausgeliefert jedem Wichte, — Wär es nicht längst verschrotet und zerrieben? Kein Fasten hält' geholfen und kein Beten, Auch Juda wäre-lange schon zertreten, Sein Name Staub, nie wieder zu erwecken, —i i Hält' es nicht Wurzeln, die hinab sidi strecken,; Wo Welloernunft im tiefsten Bogen kreist, Und die der Große Weltgeist selber speist. Aus Arnold Hahns Gediditband „Das Volk Messias' reth" (Ruhmeslieder), mit dem beredten Untertitel, der in schlichtem Deutsch etwa heißen würde: „Achtzehn Gesänge, sämtliche berichten den Ruhm des Herrn, seine Macht und seine Wundertaten, die er an unseren Vorfahren übte, als er sie aus dem Aegyptenlande führte und bis zum heiligen Berge Sinai brachte" ..., eine Art hebräischer Messiade ohne die dichterischen Qualitäten Klopstocks. Das Leben der Juden dieser Zeit, ihre Leiden und Freuden blieben unbeachtet. Es war auch nichts anderes von den streitbaren Maskilin (Aufklärer) zu erwarten, diesen schärfsten Ghettoverneinern, diesen Predigern einer nackten kulturellen Assimlilatiori. Das Ghettoleben, seine Kultur, sein Alltag wollten sie vergessen machen, ausmerzen — nicht etwa gar künstlerisch gestalten — und es im ewigen Gefäß der ewigen Bibelsprache aufzubewahren! Die Sprache verband sie mit dem jüdischen Geistesleben, die erhabene Sprache der Propheten pflegten sie eifervoll — ohne aber deren Natürlichkeit und Volkssinn zu besitzen. Ja, sie vermieden sogar ängstlich Worte, Wendungen im Hebräischen, die sich in der jüdischen Umgangssprache eingebürgert hatten, um nur nicht an das lebendige jüdische Volk, um nur nicht an den Ghettomenschen erinnert zu werden! Es war, wie gesagt, eine polemische Literatur; kein Mittel war schlecht genug, den Gegner: die Rabbiner, die Chassidim, ihren Geist, ihren Glauben, ihre Sitten und Gebräuche zu bekämpfen, zu bekämpfen bis zur gänzlichen Vernichtung. Fern vom pulsierenden Leben, haben sie in ihren Erzeugnissen entweder Tugend und Laster, wie Chemla (Barmherzigkeit) und Mirma (Tücke) usf. behandelt; und wenn schon lebendige Personen mit Eigennamen vorkamen, wurden sie höchst schematisch, in plumper Schwarz-Weiß-Technik vorgeführt: weiße, reine Engel, wenn sie sich gegen das Herkömmliche auflehnen und der Haskala zustreben, Ausgeburten der Hölle, wenn sie zu den Gegnern zählen. Es wurde hiebel viel Unfug bis zur Geschmacklosigkeit getrieben — besonders in den führenden erzählenden Büchern jener Zeit, im „Ayat-zavua" (Färbiger Vogel) von Mapo und dem „Hatoeh" (Der Irrende) des Perez Smolenskin. Auch in dem ersten, besten Roman der neuhebräischen Literatur des sogenannten Mapo „Ahavathzion" (Liebe Zions) erscheinen nur Phantasiegebilde, Visionen einer im Galuth schmachtenden Poetenseele, Traumgebilde aus der Zeit des Königs Chiskia, ausgeschmückt mit einer Pracht, die nur die erhabene Sprache Jessaias und die Liebesausdrücke aus dem „Lied der Lieder" bieten können. Besonders märchenhaft ist die Fraüengestalt in diesen „Ahavat-zlon": sie repräsentiert die verlorene Herrlichkeit, die göttliche Reinheit, vielleicht Zion selber — aber keinen realen Frauentypus. Das ist auch in anderen Büchern verschiedener Erzähler der Fall. Manche Männertypen gelingen ihnen — aber die Frau, die lange Jahrhunderte hindurch nicht beachtet wurde, blieb ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Mit Recht sagt der Nüchterne und Klügste aller MasKllim, der große Dichter der letzten Haskala-Periode — ein Dichter von bleibendem Wert — Jehuda Leb Gordon, zu Beginn seines Poems über ein Frauenschicksal (Alkuzzo schelt jod — um das Tipferl eines Jod: „Ischa ivrla ml jeda chajaich? bachoschech bat uvachoschech telechi! Sensationserfolg in den „Jüdischen Künstlerspielen" Wie uns mitgeteüt wird, findet heute Donnerstag, den 20. Mai, die 25. Vorstellung der jüdischen Tragödie „Die Sendung Semaels" von Arnold Zweig statt. Diese Jubiläumsziffer zu erreichen, bedeutet unter den gegenwärtigen Umständen sehr viel, zumal die Besucher der „Jüdischen I^ünstlerspiele" in der Mehrheit dem leichten Genre zugeneigt waren. Die großartige Aufführung des Werkes (Uebersetzung A. Meiseis, Regte E. H i r s c h f e 1 d), die stimmungsvolle Musik (L o ubetzky), die stilgerechten Dekorationen (SMfrenko) und die Hingabe der Schauspieler an die Dichtung wurden von Publikum und Presse anerkannt. Mit besonderem Beifall wurde Jenny Lovic, die Darstellerin des Knaben Moriz Scharf, ausgezeichnet, ebenso wie Leo Reuß-Brandhofer, der nach seinem Sensationserfolg in Schnitzlers „Fräulein Else" am Theater in der Josefstadt allabendlich mit stürmischer Begeisterung auf der jüdischen Bühne begrüßt wurde. Trotz des unerhörten Erfolges verbleibt „Die Sendung Semaels" nur mehr bis zur nächsten Woche auf dem Spielplan, da die Direktion der „Jüdischen Künstlerspiele" ihre Gäste Leo Reuß-Brandhofer, Jenny Lovic usw. auch noch in anderen Rollen dem Publikum zeigen will. — Sonntag, den 23. Mai, halb 4 Uhr, Nachmittagsvorstellung 2$ ermäßigten Preisen in Premierenbesetzung. Scala. „Der Vizekönig" heißt der neue Schwank, in dem Szöke Szakall in der Titelrolle brilliert. Er könnte sich auch „Witzekönig" nennen, denn alle Lachwirkungen, die das Stück bringt, sind auf sein Konto zu schreiben. Dem Autor, Karl Konrad, sind bestimmt nicht so viele Scherze eingefallen, wie sie Szöke Szakall in ununterbrochener Reihenfolge bringt. Man freut sich seiner blonden Behäbigkeit und lacht zwei Stunden lang. — Annie Rosar, Paul Morgan, Ernst Arndt und Hanne Norbert sind mit viel Elfer bei der Sache, während Hertha Feiler noch besonders durch ihre Schönheit auffällt. Das Publikum spendete viel vergnügten Beifall. e. kr. Jüdische Kulturstclle, I., Kai 3, R-28-2-36. Jüdisches Kulturtheater: Täglich, 20 Uhr: „ J u d Süß", Schauspiel in fünf Bildern (nach Lion Feuchtwanger) von Ashley Dukes. Deutsch von L. Dämmert. Regie: Rudolf Weiß. Sonn- und Feiertage Nachmittagsvorstellung von „Jud Süß" bei kleinen Preisen. Boginn: 15.30 Uhr. — Sektion für bildende Kunst: Sonntag, 23. Mal, 10.30 Uhr: Führung durch die Ausstellung des Malers Erwin Singer in der Jüdischen Kulturstelle. Anschließend: Besprechung der Interessenten für die Pariser Reise. Das Buch Esther in Noten gesetzt» Im Max Schwager Verlag, Wien, II., Zirkusgasse SO, hat der bekannte Londoner Kantor Reverend A. V o r 1 z w e i g ein überaus Interessantes Werk erscheinen lassen, das allüberall die Aufmerksamkeit der Kantorenwelt auf sich lenken dUrfte. Zum erstenmal wurde die Megillah, deren richtiges Vorlesen manchmal auch gewandten Kantoren Schwierigkeiten bereitet, in Noten gesetzt und samt dem punktierten hebräischen Text sowie den Neginos in einem schönen JJand herausgegeben. Ueberilüssig, zu sagen, wie nutzbringend diese einzigartige Ausgabe der Megillah Ksthor für Kantoren, jüdische Musikstudierende, angehende Hantoren usw. sein kann. Denn die vorliegende Fassung bietet dem Interessenten die Möglichkeit einer korrekten Wiedergabe, Itetonung und Phrasierung, überdies die Grundlage für vergleichende Forschungen. Das Werk, das auch technisch in vorzüglicher, gefälliger Ausstattung und vornehmer Form herausgegeben wurde, wird von den maßgebendsten Fachleuten auf das wärmste empfohlen. Bestellungen sind zu richten an Max Schwager, Wien, II., Zirkusgasso 50. Achtung! Für den vom 25. bis 29. August 1937 in Wien stattfindenden Internationalen Frontkämpfer- Friedenskongreß, der in den letzten Jahren 100.000 bis 200.000 Teilnehmer voreinigt hat, worden Privatunterkünfte vom elegantesten Palaiszimmer bis zum einfachsten Kabinett und Schlafsaal benötigt. Es sind fünf Uebornachtungen vorgesehen. Da die bisher aus den Bezirken I bis IX gemeldeten Unterkünfte bei weitem nicht ausreichen, werden nunmehr auch solche aus den Bezirken X bis einschließlich XVIII erbeten. Anmeldungen werden schriftlich erboten unter Benützung der in allen Tabak-Trafiken unentgeltlich erhältlichen Anmoldekarten. — Anmeldungen auch im KongreßbUro, I., Friedrich* straße 7«