Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 655 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712280--6480-2720237- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE NEUE WEXT Nr. 655 vom 14. Mai 1937 Meir Dizengoff; Du IM im Hüft Dieser am 12. Juli 1936 erschienene Aufsatz des verewigten Bürgermeisters von Tel-Aviv wurde aus dem Hebräischen übersetzt von Dr. M. Czernichowski, Jerusalem. Ich wünsche, daß mein Tod im Kuß eintreten möge. Denn es steht geschrieben, daß ein jeder Jude sein kann wie unser Lehrer Moses. Wenn e r im Kuß Gottes verschied, warum sollte nicht auch ich danach streben, eines solchen Kusses zu sterben? Als ich ein Kind war, stellte ich mir die Sache sehr real und einfach vor: Als Moses mit denen, die auszogen aus Aegyten, an den Berg Nebo herankam, stieg der Allmächtige in eigenster Person vom Himmel auf den Berg, rief Moses zu sich und küßte ihn. In diesem Augenblick verhauchte seine Seele. In einer späteren Epoche, als meine frommen Lehrer mich unterwiesen, daß Gott unkörperlich sei und auch kein körperliches Bild habe, stellte ich mir den Tod im Kusse in anderer Weise vor: Auf dem Gipfel des Berges Nebo, von dem aus man Jerusalem erschaut, das Tote Meer und das Jordanland, offenbarte sich Gott dem Moses und sprach zu ihm: Genug, mein Knecht Moses, Großes hast du vollbracht, du hast die Kinder Israels aus Aegypten herausgeführt, du führtest sie durch die Wüste, du gabst ihnen die Thora und brachtest sie an die Schwelle des auserwählten Landes, das ich versprochen hatte, ihnen und ihren Nachkommen als ewiges Erbe zu geben. Siehe das Land, das herrliche Land, das sich ausbreitet vor dir, schau dahin von diesem Berge, denn deine Aufgabe auf Erden ist erfüllt. Geh hinauf! Und so starb Moses, und niemand kennt den Ort seines Grabes bis auf den heutigen Tag. Das war ein Tod im Kuß, denn Gott nahm ihn zu sich. Es gibt in dieser Hinsicht gar manchen Tod, den man „Tod im Kuß" nennen kann. So die letzten Augenblicke im Leben des verewigten Rabbi Kuk und die Art seines Todes. Als er in den letzten Zügen lag und sich seinem Ende näherte, versammelten. sich um sein Bett alle seine Rabbinerfreunde, und sie beteten gemeinsam, indem sie, ohne aufzuhören, das höchste Bekenntnis jedes gläubigen Juden sprachen: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist Einzig!" Der dahinscheidende Rabbi antwortete mit schwacher Stimme, bis seine Seele entschwand. Das war ein Tod im Kuß, denn Rabbi Kuk starb ruhigen Geistes in vollster Zufriedenheit, wie einer, der alle seine Aufgaben auf Erden erfüllt hat. Und im letzten Augenblick drückte er mit einem einzigen Wort seinen ganzen Lebenszweck aus. An diesem Beispiel kann man sagen: Ein Gerechter wird in seinem Glauben leben, und in seinem Glauben wird er sterben. Und ebenso erzählte mir meine selige Mutter über den Tod ihres Vaters, der Rabbiner in einem kleinen Städtchen Rußlands war, der auch den Tod im Kuß empfing. Als sein letzter Tag herangekommen war — er starb mit 95 Jahren —, bat er seine Angehörigen, ihn zu waschen, dann hüllte er sich in seinen Gebetmantel und begann das Bekenntnis zu sprechen und das Sündengebet. Danach schloß er seine Augen und betete im Flüstertone weiter bis zum Mittag. Plötzlich raffte er sich auf, blickte auf seine Angehörigen und die Vornehmen der Stadt, die sein Bett umstanden, und sprach: „Ich bitte euch alle um Verzeihung, wenn ich euch gekränkt haben sollte, und ich vergebe allen, die vielleicht die Thora angetastet haben. Und du sollst sinnen darüber bei Tag und bei Nacht — Ich giaube mit vollster Ueberzeugung", und bei diesen Worten verhauchte seine Seele. Ein solcher Tod ist nicht erzwungen, „denn nicht durch Zwang sollst du ßterben, sondern aus freiem Willen". Der Uebergang aus einem Zustand in den anderen, von einer Welt in die andere — und einen solchen Tod nenne ich den „Tod im Kuß". Und wenn ich an meinen Tod denke, so erregt dieser Gedanke nicht mein Inneres, kein Gefühl des Kummers, von Schmerz oder Trauer, denn dieser ganze Prozeß des Ablegens einer Form im Leben und das Anlegen einer anderen, ist natürlich und normal. Herangekommen ist die Stunde für alle Abrechnungen mit meinem Leben und Schaffen auf Erden, und so stehe ich an der Schwelle einer neuen Epoche und einer neuen Welt, die mir unbegreiflich ist, weil jenseits unseres Erkennens. Die Aufgaben, die ich erfüllte in den Tagen meines Erdendaseins, geben mir volle seelische Befriedigung, denn nicht umsonst vergeudete ich meine Tage. Mein Schaffen in der Oeffentlichkeit geschah zugunsten meiner Brüder, der Söhne meines Volkes und zum Besten unseres geliebten Landes. Ich stelle mir meinen letzten Tag so vor: Hinter meiner Bahre gehen alle Kinder von Tel- Aviv, diese lieblichen Engel und Cherubim, die ich mein Leben lang so liebte. In Reih und Glied, hoch erhobenen Hauptes, setzen die Kinder ihre Reihen hinter meinem Sarge fort. Und ich höre den Mund dieser Kinder-flüstern, als riefen sie: „Verlasse uns nicht, lieber Großvater, wir lieben dich so sehr." Hinter den Kindern schreitet in voller Kraft die Jugend, der unbeschränkte Möglichkeiten offenstehen zum Werke der Befreiung und Erlösung, die stets in ihren Träumen und ihrem idealen Streben lebt. Stets habe ich mich als ein Gefährte dieses Jugendgeschlechts betrachtet, denn stets war zwischen uns die Nähe des Geistes und der Seele. Wenn man mich nach meinem Alter fragte, sagte ich: „Ich weiß nicht genau die Zahl der Jahre, die an mir vorüberzogen, doch fühle ich mich fähig zu allen Torheiten und tollen Einfällen, besonders, wenn uns dies zum Endziel bringt." Diese Jugend wird unseren Platz erben auf der Bühne der öffentlichen Arbeit, sie wird kämpfen unseren Kampf, der sie führen wird zur Verwirklichung unseres nationalen Strebens. Daher soll es mich nicht wundern, wenn sie mich geleitet zu meiner letzten Ruhe und ich mich in meinem Grabe freue, daß auch jenseits des Erkennens die Bindung bestehen bleibt zwischen mir und allen tapferen Vorkämpfern. Dann kommt die große Gemeinde der Frauen, die teilnehmen an meinem Begräbnis: Dies sind die Mütter, die uns das Jugendgeschlecht gebaren und die wachen auf der Kette der Tradition von Vätern auf Söhne. Diese Mütter übertragen mit ihrer Muttermilch und ihren Wiegenliedern, die sie ihren Säuglingen singen, das ganze adlige und erhabene Gut, das sie ererbten von ihren Müttern, auf daß gewahrt bleibt der Schatz der Nation in Treue, im Hoffen und im Wollen zur Wiederbelebung und Fortführung unserer Geschichte. #MMM#MM<MMMMMMMMMMMMMMMMMMMMMfc SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX.. Berggasse 19. Tel. A-17Ö-99 tu A-16-9-3* Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für ■Fleisch Ul "........111 1 unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinate der Isr. Kultusgemeinde Wien Autozustellung kostenlo» IX. Berggasse 15 ✓ XVIII., Währlngerstr. 97 Und fernerhin: rings um den Trauerzug — Menschenmengen. Männer, Frauen und Kinder, aus allen Schichten und allen Kreisen, die geleiten zu seiner letzten Ruhestätte den Mann, den sie 50 Jahre lang gewöhnt waren zu sehen als Arbeiter und Wirker an verschiedenen Kampffronten in der Bewegung zur Erlösung und Besiedlung des Landes. Und wenn man meinen Körper in das kalte, feuchte Grab hinabsenkt und meinen Sarg "bedeckt mit den Schichten Sandes — scheint es mir, daß mitten aus dem großen Schauspiel meines Leichenzuges Lichtstrahlen hervorbrechen und hineindringen in die Erdschollen über mir, um mir den neuen Weg zu erleuchten, den ich gehen muß, und um mir zu sagen, daß ich nicht starb durch ein Muß, sondern im Kuß, MMtta als UkdodeH fidistk&t tttusik Von Julius Chajes (Tel-Aviv) Wie wir kürzlich meldeten, hat der junge, in Palästina wirkende Komponist Julius Chajes beim Preisausschreiben des Reichsverbandes der Jüdischen Kulturbünde (Berlin) für beide eingereichte Werke Preise erhalten. Ueber das Chorwerk schreibt der Vorsitzende des Reichsverbandes Kurt Singer: „Zweifellos werden sich nach diesem Werk die Chordirigenten reißen, denn es zeigt eindrucksvollen und prägnanten Chorsatz, Sicherheit der Arbeit und Schönheit zugleich." Julius Chajes wirkt nicht nur als Komponist, sondern geht auch den ältesten Spuren jüdischen Musikschaffens nach. Der Aufsatz, den wir heute zum Abdruck bringen, zeigt ihn als ernsten Beobachter jüdischer musikalischer Formen. Die heutige jüdische Musik läßt sich in zwei Gruppen teilen: die synagogale und die neupalästinensische Musik. Die synagogale Musik, die uns aus dem askenasischen Kreis bekannt ist, besteht einerseits aus altüberlieferten Motiven, andererseits (zum größten Teil) ist sie von den Nationen beeinflußt, durch die das Judentum nach seiner Vertreibung aus Palästina gegangen ist. Aus dieser synagogalen Musik ging die chassidische, jiddische Musik hervor. Das gesamte jüdische Musikschaffen beruht bereits seit frühesten Zeiten, ebenso wie das Musikschaffen der Inder und Araber, auf .einer siebenstufigen Skala, zum Unterschied von der fünfstufigen (pentatonischen) Skala aller anderen Nationen. Unsere Skala wurde zuerst von den Griechen und dann vom gregorianischen Choral (Kirchenmusik) übernommen. Die Skala der jiddischen Musik weist eine Alteration der vierten und siebenten Stufe auf, die anstatt des Ganztonschrittes die charakteristische übermäßige Sekunde bringt. Es zeugt von Oberflächlichkeit selbst musikalisch Gebildeter, das Vorkommen jener übermäßigen Sekunde in welchem Werk auch immer (selbst bei Beethoven) als „jiddisch" oder „ungarisch" zu bezeichnen. Die übermäßige Sekunde trifft man in der Musik aller nomadisch lebenden Völker an. Sie kommt bei den ungarischen und spanischen Zigeunern ebenso wie bei den nomadisch lebenden Arabern und Indianern vor. Im Verlauf der Zeit, wo die Judenheit durch die Vertreibung aus Palästina zum wandernden Volk wurde, nahm es jenes „charakteristische Zeichen eines nomadisch lebenden Volkes" in seine Melodik auf. Schon jetzt wehrt sich die neue jüdische Generation Palästinas gegen die übermäßige Sekunde und hat bereits die altbeständige, „reine" diatonische Skala wiederhergestellt, auf der sämtliche neupalästinensische Lieder basieren. In Palästina hört unser Nomadentum auf — wir sind kein Wandervolk mehr der übermäßigen Sekunde kommt nur mehr eine historische Bedeutung zu. Die neupalästinensischen Lieder stützen sich heute auf beduinisch-jemenitische Motive. Nun erscheint deren Harmonisation als großes und besonders schwieriges Problem. Viele glauben, daß die Harmonisation dieser Melodien nur Sache des Handwerks ist, das im Ausland, z. B. in Wien oder Paris, zu erlernen Ist. Sie fahren für ein bis zwei Jahre nach Europa. Was lernen sie dort? Sie lernen die Kadenz und deren Teilungen kennen, die im heutigen 12-Ton-System enden —, also die Chromatik, die die einzelnen Töne fremd nebeneinanderstellt und so im Atonalen ihr Ende findet. Wie eine unschuldige jemenitische Melodie sich in solchen „harmonischen Kleidern" ausnimmt, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Beim Harmonisieren solcher Melodien muß die Harmonie aus der Skala der Melodien genommenwerden: nur dann kann beides zu einer Einheit verschmelzen. Auf die Dauer werden wir allerdings einen breiteren Boden als die wenigen jemenitischen Motive brauchen, um auf ihm große Schöpfungen errichten zu können. Die abendländische Musik hatte ihre Quelle im gregorianischen Choral. Unsere Quelle wird der Melos der Bibel sein. Hier muß der bekannte Komponist S. Rosowskyin erster Linie erwähnt werden, der seit Jahren an der Erforschung des Rhythmus und Melos der Bibel arbeitet und dem bereits ausgezeichnete Ergebnisse zu verdanken sind. Wir haben uns in Palästina für die sephardische Aussprache des Hebräischen entschieden, weil der sephardische Kreis zum Teil in Palästina, zum Teil in der Nähe Palästinas geblieben ist und so die wichtigste Aussprache des einstigen Hebräisch beibehalten hat. Ebenso geschah dies in der Musik. Der Sepharde kennt jene früher erwähnte übermäßige Sekunde gar nicht und seine Gebete werden in der reinen diatonischen Skala vorgetragen. Diese Erkenntnis wird eine neue Aufgabe für unsere Musikforscher büden, die Aufgabe: sich mit dem sephardischen Kreis mehr zu befassen. Wichtig ist, daß wir die richtigen Wege bereits erkannt haben; nun bleibt es der nächsten Zukunft vorbehalten, sie zu beschreiten. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes), Ungarn: Der kleine Kavalier. Frank reich: Roman eines Schwindlers — Die Perlen der Krone. Amerika: Brutal — Tarzans Flucht — Frisco, Stadt ohne Gesetz — Matura — Tanzende Piraten — Die Glückspuppe — Mord in Sing-Sing — Gier nach Gold — Der geborene Verkäufer — Zwischen Haß und Liebe — Menschen im Hotel — Liebe eines Fremden — Die Polizei greift ein. Filme unlei AHerparaprapli Ernte — Der Herrscher — Die Kreutzorsonate — Vor Liebe wird gewarnt — Der Hund von Baskerville — Sein Modell — Der verkannte Lebemann — Männer im Dunkel — Man spricht über Jacqueline — Der Scheidungsgrund — Susanne im Bade — Condittieri — Zurück in die Heimat — Die ganz großen Torheiten ■— Amtsschimmel. KINO*PROGRAMME KREUZ-KINO DIE POLIZEI i. Wollzeile I < /ineivv El fei felephon K-24-2-U Vorstellungen: k, «/s8, vm mit Gloria Stuart und Lee Tracy I £ Hilf ED EN Greta Garbo, Joan «rowford ""^ WallaceBeery.lionelBarrymorc A - 49 V.4 V,fc . 0 V* Menschen Im Hotel ValO Englische Originalfassung