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Die neue Welt · 1937-05-14 · Heft 655 (14.5.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 655 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 655 vom 14. Mal 1937 ME NEUE WELT Seite 7 MO SCHE KRASZNIXA SeUnsucUt nach du (jcrfuiU Ich war zu Besuch in der Moschawah. Schon drei Tage lebte ich dort mit jüdischen Bauern zusammen. Ich war glücklich. Ich spürte stündlich: hier ist alles natürlich. Nicht mehr fluchbeladene Galuth, nicht mehr Einnistung in den Poren der Wirtsvölker. Nein. Es war alles einfach und natürlich. Wir sind daheim. Auf unserer Erde, unter unserem Himmel, in unseren Bergen. Und dies Gefühl des Geborgenseins machte uns alle glücklich. Nun brach der Sabbath an. Auch der Sabbath war natürlich. Es war ein Ruhetag. Für alle. Und doch enttäuschte er mich. Es fehlte der Kontrast. Dort draußen in der Galuth macht der Sabbath aus dem Sklaven der Woche einen König. Hier nicht. Dort draußen richtet sich der wochentags gebeugte und geschlagene Jude am Sabbath empor. Hier nicht. Hier ist er auch wochentags selbstbewußt und froh. Sabbath ist für ihn etwas Gewöhnliches, Allzunatürliches. Es fehlt ihm der Prunk, die große Feierlichkeit, die Fülle des Inhalts, die Tiefe des Erlebens. Ich mußte darüber mit Jossef sprechen. Jossef war ein Chaluz aus Deutschland, der vor kurzem ins Land gekommen war und schnurstracks in die Moschawah zog. Ein Prachtkerl. Groß, stark, kluge Augen, fernes Gesicht. Was mögen wohl seine Eltern sein? Was mögen wohl seine Ideale und Pläne gewesen sein, ehe er, mehr gezwungen als freiwillig, hierherkam, um Sümpfe zu trocknen, Straßen zu bauen, Tiere zu züchten? Wer weiß das? Jossef war: der Fleißigste. Er scheute keine Arbeit. Nichts war ihm zu mühevoll. Er arbeitete mit einem Eifer, mit einem Fanatismus, der in Erstaunen versetzte. Als letzter ging er zu Bett, als erster war er auf den Beinen. Und oft, wenn die anderen müde waren, übernahm er auch die Nachtwache. Er war ein Prachtkerl. Wir wurden gleich in den ersten Stunden gute Freunde. Und oft verbrachten wir viele Nachtstunden, im Freien bummelnd, und sprachen über viele Fragen, die uns beschäftigten. Er hatte eine sehr schöne, weiche Stimme, deren Klang Wohltat. Trotz seiner Jugend war er ein Freund aller Phantasien; Schwärmerei war ihm fremd. Trocken, nüchtern, ernst, sachlich — das war Jossef. Nun war es Sabbath abends. Die Dämmerung war hereingebrochen. Die „Familie" der Moschawah saß drinnen in der großen Speisestube und verzehrte das Nachtmahl; Nachmittags waren sie alle weg gewesen, hatten weite Spaziergänge gemacht. So waren sie müde geworden, aßen und gingen zur Ruhe. Jossef war nach der Mahlzeit ins Freie gegangen. Ich schlich mich ihm nach, hinaus. „Jossef, wohin?" „Ah, Mosche, ich möchte den Sonnenuntergang beobachten." „Beobachten? Warum nicht .bewundern'?" „Vielleicht haben Sie recht. Es ist wirklich wundervoll. Wollen Sie mitkommen?" „Mit Vergnügen." Schweigend gingen wir nebeneinander. Die Natur macht schweigsam. Sie will nicht entweiht werden durch dahinflatternde, verhallende Worte. Vor uns die weiten Felder des Emek und dort am Horizont ging die Sonne blutrot unter. Der Himmel brannte. Es war ein prächtiges Feuerwerk, das im Erlöschen begriffen war. Noch einmal warf die Sonne verschwenderisch ihre leuchtenden Strahlen über den Himmel; da sieh, kleine Erde, was ich vermag, und ade!... Ein ergreifender Anblick .. . Jossef begann zu sprechen; schwer, mühsam formte sich Satz um Satz. Es schien in ihm ein seelisches Ringen entschieden zu sein. „Nein! Ich bin nicht ganz glücklich. Es fehlt mir die Alijah„ das Gefühl der völligen Freiheit und Gelöstheit von der Galuth." „Ich verstehe nicht," ,,Mosche, Sie werden mich verstehen. Wollen Sie hören, was sich in der Seele eines jungen Juden abspielt?" „Bitte, sprechen Sie." „Sehen- Sie . diese Nacht. So gewaltig dieses Schauspiel da oben ist, so gewaltig tobt es in meiner Seele. Sie findet keine Ruhe.- Arbeit macht schweigsam und verschlossen. Die Natur macht uns verstummen. Angesichts ihrer gewaltigen Wunder wird der Mensch so klein und seine Sorgen und Probleme so nichtig, daß es Vermessenheit ,zu sein scheint, andere damit zu belästigen. Aber da Sie es mir gestattet haben, so will ich mein Herz ausschütten. Sehen Sie, die alle dort in der Moschawah sind glücklich, restlos. Nur ich nicht. Woher das kommt? Die alle haben Jahre, oft Jahrzehnte von Erez Israel geträumt, haben Jahre für dieses Ideal gekämpft, geopfert, .gelitten. Und dann, ging es in Erfüllung. Es war eine Alijah, ein Aufstieg. Dort in der Galuth, in Polen, in Rumänien, in Bessarabien, dort hatten sie gelitten, physisch, seelisch, materiell. Dort drüben sind wilde, rohe Huligans über sie hergefallen, haben sie geschlagen und gemartert. Dort drüben leerten sie den Kelch der Galuth, der Knechtschaft und Sklaverei bis zur Neige aus. Und dort drüben spannen sie Geschlechter hindurch den Traum von der Erlösung tagtäglich fort. Die Sehnsucht nach dem Heiligen Lande, die Liebe zu Jeruschalajim ließ sie alle Nöten vergössen und richtete sie immer von neüem auf. Und dorthin, in die Winkel der Galuth, drang eines Tages das erlösende Wort von „Schiwath Zion" — Rückkehr nach Zion. Das war das Entscheidende. Mit einem Schlage war die fluchbeladene Galuth vergessen, alle Energien wurden angespannt, alle Opfer freiwillig getragen für dieses eine große, erhabene Ideal, das die Erlösung bedeutete. Und dann kam man ins Lanclt und atmete auf! Der Druck der Galuth wich. Sie kamen vom Schiff und warfen sich nieder, um die Erde unseres Landes zu küssen. Sie erlebten die Erfüllung eines zweitausendjährigen Traumes. Dannv begann die Arbeit. Sie war und ist hart und schwer. Der Boden ist widerspenstig Man muß mit ihm kämpfen, ihn besiegen. Er fordert viel Schweiß und oft Menschenleben. Da sehen Sie, Mosche, diese Bäume dahier... An dieser Stelle erlebte ich vor genau vierzehn Tagen das gewaltigste Drama. Sie erinnern sich gewiß. Es tobte plötzlich nachts ein Sturm über dem Emek. Wir wurden geweckt, eilten hinaus und sahen zu unserem1 Schreck, wie ein erbarmungsloser Sturm über die jungen Bäume hinwegtobte und sie entwurzeln wollte. Die ganze Moschawah; jung und alt, eilte hierher und da standen wir entsetzt gegenüber dem Wüten der Natur. Wer wird siegen? Es v/ar zum Verzweifeln. Schon hatte der Wind mehrere junge Bäume entwurzelt und hoch in die Lüfte davongetragen. Wer da Bäume pflanzt, versteht, was das heißt ... Es war herzzerreißend. Und schon begannen die Frauen der Moschawah in Wehgeheul auszubrechen, da schrie Ruwen — Sie kennen' doch den Alten aus Odessa — mit einer Stimme, die ich dem Alten nie zugetraut hätte: „Chewra; an die Arbeit. Holt Stricke und Latten. Wir müssen die Bäume stützen!" Und allsogleich war alle' Verzweiflung 'gewichen/ Die ganze Nacht arbeiteten. wir. Frühmorgens machten wir Bilanz: 18 Bäume hatten wir zu beklagen ... Bei Dicliielbigke'it' regen -ein bis zwei Glas natürliches „Franz^Josef "-Bitterwasser, während drei-vier Wochen täglich' des- Morgens auf nüchternen Magen getrunken, die Darmtätigkeit kräftigan, vermindern den Fettansatz und machen den Körper schlank. Es wird ärztlich bestens empfohlen. . . B Mosche, ich habe mitgearbeitet, ich habe mitgerettet, ich freute mich — aber glücklich wie alle anderen war ich nicht. Mir fehlt die Galuth! Ich habe nicht die Bitternis der Galuth; ausgekostet, ich habe nicht die Schrecken der Pogrome miterlebt, ich habe nicht die grauenvolle Judennot durchlebt. Ich war nicht so tief versklavt, -um die Freiheit so stark zu empfinden. Und.das nagt an meiner Seele... Mir ging es zu gut. Ich war assimiliert, in unserem Hause verkehrten fast niemals Juden, ich wußte nichts von jüdischer Kultur, jüdischem Brauchtum, jüdischer Philosophie. Ich kannte nicht die jüdischen Helden, Dichter und Denker. Meine Ideale waren andere als die der Juden im Osten. Ich war bloß meinem Geburtsschein nach Jude. Sonst nicht. ' Ich hatte das Judesem nie empfunden. Bis der große Krach kam. ^eine Eltern (Aerzte) verschlug es nach Norwegen. Ich..erlebte in mir den Umschwung, stürzte mich in die zionistische Bewegung, wurde glühender Zionist, brach mit allem, mit Studium und Karriere, und kam hierher. Es ist all-das sq wundervoll, daß ich es gar nicht fassen kann. Es liegen bloß drei Jahre dazwischen. Was die aus einem Menschen machen können! Und doch: ich ertappe mich oft bei einem häßlichen Gedanken: Neid! Ja, Mosche, ich beneide diese armen gemarterten, Juden, die aus Rußland, Rumänien und Polen hierhergekommen sind, um ihre fluchbeladene Vergangenheit. Was ist mein Zionismus? Eine akademische Angelegenheit, das Ergebnis logischen Denkens. Was ist meine Liebe ziu diesem Lande, zu diesem Volk? Besinnung, Stolz, Egoismus, Selbsterhaltungstrieb. Bei denen dort mehr. Wo bei mir nur der. Verstand denkt, arbeitet bei ihnen das Gefühl. Statt meiner kalten Logik, haben jene dort glühende Herzen. Sie erleben den Traum von zwanzig Jahrhunderten, ich die Wandlung infolge einer politischen Entwicklung. Was beglückt mehr? Und noch etwas, Mosche:- In den letzten Monaten habe ich mioh in der freien Zeit,mit der Geschichte des jüdischen Volkes befaßt und eingesehen, wie wenig ich vom Jüdischen weiß.- Ich .schäme mich. Ich fühle mich .noch fremd. Ich fühle mich noch als Außenstehender.. Ich kann die ■Feste nicht mit voller Hingabe mitfeiern, die Gebete nicht zutiefst in der Seele empfinden. Es fehlt mir die Brücke, die Galuth. Ichhänge förmlich in der Luft. Aus dem extremsten Assimilationsmilieu .wurde ich in das Jüdische huiehigeschleudert. ich finde mich noch nicht zurepht. Ic-üa suche mich. So wurde ich schweig- Einzige orthodox -wd Konditorei Eigene Erzeugung unter Aufsicht der ADAS ISROEL (Schiffachui) Abraham Leib Pomcranz En gros: II, Harminengattc Nr. 13, Telephon A-M-7-78 Detail: II, Floftgatta Nr. 7 Für r.'.psiö verschiedene Toptenbäckereien; Torten, Strudel, Ouglhupi la Qualität und zu billigsten Preisen. sam und flüchte in die Einsamkeit. Da suche ich mich. Da finde ich mich. Und in solchen Augenblicken, da empfinde ich drangvoll, Mosche, Ihnen will ich es sagen: Sehnsucht nach der Galuth... Jawohl, ich sehne mich nach dem russischen oder polnischen Dorf, wo Juden in Not und Kummer leben, unter unmenschlichen Bedingungen. Wo man sie martert und mit Füßen tritt. Ich möchte mitleiden, mitgeschlagen werden, mithungern mit ihnen. Ich sehne mich nach dem jüdischen Sabbath und Jomtow bei Chassidim. Da drüben in der finstern Galuth leuchtet noch in den letzten Zuckungen eine Welt, die untergeht: die C h a s s i d i s c h e. Ich kenne sie nur aus Büchern. Ich möchte sie erleben, ich möchte die singenden und tanzenden Chassidim beim heüigen Zaddik sehen, mit ihnen mich vereinen. Darnach habe ich Sehnsucht: hinabzusteigen in die tiefsten Niederungen der Galuth, in die fluchbeladenen Gefilde jüdischer Not und jüdischen Elends, um dann die A1 i j a h, die Erhebung, in ihrer ganzen Größe zu erleben. Eine palästinensische Nacht unter diesem Sternenhimmel macht den nüchternsten Menschen pathetisch. Mosche: Ich sehne mich nach der Galuth!" Es war eisig kalt geworden. Wir knöpften unsere Röcke zu und gingen schweigend, tief ergriffen, zurück ins Haus, wo bereits alles ruhte. Jossef werde ich nicht so leicht vergessen. (Aus dem Hebräischen übertragen von M. S. B raf mann.) JUt&xduc/TUecdee/tttutik | Jüdische Künsllevspiele „Die Sendung Semaels" Die große künstlerische Leistung, die in. der Aufführung der Arnold-Zweig-Tragödie „Die Sendung Semaels" zum Ausdruck kommt, hat einen Erfolg gezeitigt, wie er in den „Jüdischen Künstlerspielen" bisher nicht zu. verzeichnen; war. Die großartigen. Bühnenbilder, die stilechte Inszenierung, der neue dramatische Stückschluß und selbstverständlich die Meisterleistungen der Gästa mit Leo Reuß-Brandhofer und Jenny Lovic an der Spitze finden allabendlich vor dem ausverkauften Haus stürmischen Beifall. Die Direktion hat sich entschlossen, die „Sendung Semaels" in der Premierenbesetzung weiterhin auf dem Spielplan zu halten. Wegen des großen Andranges empfiehlt es sich, rechtzeitig Karten zu bestellen. Tageskasse und Abendkasse Tel. R-45-4-94, Kaffeehaus Tel. R-40-0-94. Jüdische Kulturstelle Wien, I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. lR-28-:*-3G Jüdisches Kultvrtheater: Täglich, 8 Uhr> abends: „J u d Sü ß'', Schauspiel in fünf Bildern (nach dem Roman von Li'on Feuchtwanger) von Ashley Dukes. Deutsch von L. Dämmert. Regie: Rudolf Weiß. Sonn- und feiertags Jfach-i mittagsvorstellung von „J u d SU ß" bei kleinen Freisen. Beginn? '/A Uhr nachm. Sektion für bildende Kunst: Anmeldeschluß für Reise zur AVeltausstcllung: 80. Mal. Jüdische Volkshochschule: .Hebräisch- und Knglischkurse. Vorträge über jüdisches Brauchtum und jüdische Kulturgeschichte. Jüdische Leihbücherei: Neuerscheinungen, Judnicu, Kinderbücher. Jeder Jude zahlt als Stanimitglied der Jüdischen Kulturstclle nur S 1.50 jährlich. Theater in der Josefstadt. Das neue Genre, Lustspiel mit eingelegten Chansons, hat auch dem neuen Benatzky „Pariserinnen" einen ganz großen Erfolg gebracht. Zudem stehen ihm im Josefstädter Theater die besten Künstler zur Verfügung. Eine blasierte Industriellensgattin, von ihrem Mann vernachlässigt, geht auf Abenteuer aus. Sie lernt, als Zofe verkleidet, einen angeblichen Kunstgewerbler kennen, von dem es sich zum Schluß herausstellt, daß er auch aus vornehmer Familie stammt. Es steht also einer Verbindung nichts im Wege. Zwei ganz hervorragende Darsteller werden für dieses junge Paar aufgeboten: Christi Mardayn, die charmanteste aller Salondamen, und Oskar Karlweis, ein Kabinettstück als radebrechender Russe. Frank Fox dirigiert ganz ausgezeichnet, Niederraosers Bühnenbilder sind reizend geraten. Die Aufführung, die neben den Hauptdarstellern noch einer Reihe anderer Schauspieler besonders gute Gelegenheit gibt, sich-hervorzutun, stand unter der Regie Paul Kalbecks und dürfte eine lange Erfolgsserie bringen. e. kr. AVeitzeutrum für jüdische Musik in Erw. i*r»el. (Anschrift: Dr. Sali'i- Levi. Jerusalem, House Hulbreidi. Klus Georg Ave.) Das Initiativkomitee teilt mit: Joachim Stutacliewsky. Darius MiVhaud, Ernest Bloch, Kurt Welli, Karot Rathaus, Jakob Weinberg, Ernst Toch. Heinrich Schallt. Max Ettinger, Hugo Adler, Paul Dessau und Herbert Fromm haben sich als Mitarbeiter zu»' Verfügung gestellt. Die Gründung von .,L ii n d e rkomitees zur Pflege und Förderung der j Ii d sehen Musik" ist in folgenden Ländern in die Wege geleitet: Vereinigte Staaten. England, Frankreich, Do.utf'chNnd. Oesterreich, Polen, Tschechoslowakei, Litauen. ,'Juguölawien. Dänemark,- Schweiz,-Italien. Aegypten, Syrien, Indien. POIcderlandisoh- Indien, Südafrika. Für Deutschland hat Dr. Oskac G u t t m a u u tAnschrift: Charlottenburg, Groimanstraße <)2/43) die Organisation übernommen. Alle in Deutschland lebenden jüdischen Musiker .und. Musikschriftstejler werden gebeten, sich mit ihm in Ver* bindung zu setzen.

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