Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-05-14 · Heft 655 (14.5.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 655 (14.5.1937)
Date
1937-05-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712280--6477-2720234
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 655 vom 14. Mai 1937 DIE NEUE WELT Seite 3 Für Gerechtigkeit, gegen Hitlerismus „DIE NEUE WELT" uh Lektüre der zionistischen Jugend an der Yeshioa College in Neiv York unter der Leitung oon Prof, Sol Liptzin. iNodtekSftkfel Den Binde vorwärts Man kann sich nicht von einer Vergangenheit lösen, wenn man jeden Tag aufs neue wehmutsvoll den Inhalt seines früheren Lebens mit dem Glorienschein der Erinnerung vergoldet. Menschen, die so sich einstellen, werden nur ein Schattendasein führen, ihnen wird die Kraft fehlen, in einer gewandelten Situation Pfade zu finden und andere zu leiten. Was wir bitter nötig brauchen, ist eine Liquidation des früheren Denkens. Rabbiner Joachim Prinz (Berlin). Das hebraisdhe Wort Wir müssen uns lernend verbinden mit dem, woher wir kommen. Das erreicht man aber noch nicht, wenn man sich mit dem Judentum begrifflich befaßt, und auch dann nicht, xoenn man seine Geschichte studiert, so grundwichtig sie ist. Es gilt, zu dem unverfälschten Wort selber vorzudringen, x*vr allem also zu der großen Urkunde unseres Glaubens und unserer Angelobung in ihrer Urschrift. Das lebendige Wort muß man hören in der Sprache, in der es einst gesprochen und gehört worden ist. Martin Buber (Aus einer Ansprache an die Jugend). Empfindliche erlöst die blitzschnelle, glatte, scharf-scharfe Zionismus unbesiegbar Der Zionismus als legitime Gestalt des Judentums kann durch menschliche Unztdänglichkeit nicht in Frage gestellt werden. Oskar Wolfsberg (Jerusalem). Nidift //Freut euch!", sondern //Zitiert!" Früher war der Sinn des Mai-Tages: „Freut euch, bald werden wir euch alle befreien." Jetzt ist es anders: gittert, bald werden wir euch beherrschen!" Vladimir Jabotinsky (1937). Nicht Deklarationen/ sondern Kampf Gewiß sind Verluste möglich; jede politische Bewegimg muß mit ihnen rechnen. Es gibt Situationen, wo es ein Gebot der Klugheit ist, die Pfähle zurückzustecken. Und sicher brauchen wir den Frieden. Aber es nicht wahr, daß seine Erreichung „oberstes Gebot" ist. Ermüdung und Ruhebedürfnis sind politisch schlechte Ratgeber. Es ist kein „Etappenheldentum", xoenn man dies sagt. Die zionistische Staatsräson fördert heute den Kampf für die Erhaltung der großen Perspektive, die sich auf der bisherigen Rechtsgrundlage mit dem Werk des Auf baus verbindet, ihm seine eigentliche Bedeutung verleiht. Nachdem das jüdische Volk in Gestalt des Zionismus sich auf das hohe Meer der Politik hinausgewagt hat, hat es nur eine Aufgabe: sein Schiff richtig zu steuern. Niemand hat für beständig glatte See garantiert. Auch Stürme kommen vor, aber man überwindet sie nicht durch Beschwörungsversucho in Gestalt von Deklarationen, sondern durch entschlossene Fahrt. Dr. Walter Groß (Berlin 1937). Schlanke Linie, meine Dame, erreichen Sie nicht durch Hungern. Kuranstalt Helia, Wien, I., Fleischmarkt 7, erreicht es durch physikalischkosmetische Methode verläßlich. Ein jüdischer Direktor am Königl. Konservatorium im Haag Aus Amsterdam: Der berühmte Komponist Und Musiker Sem Dresden, Direktor am Amsterdamer Konservatorium, wurde zum Direktor des Königl. holländischen Konservatoriums im Haag bestellt, Seit der Rede des ungarischen Ministerpräsidenten Daränyi zur Judenfrage ist diese in Ungarn nicht mehr von der Tagesordnung verschwunden. Dabei gingen die Debatten weit über den lokalen ungarischen Rahmen hinaus. Was gesagt und geschrieben wurde, streifte die Judenfrage schlechthin — darum der Widerhall in den Kreisen außerhalb Ungarns. Schließlich konnte man auch da und dort eine Aenderung in der theoretischen Haltung zum ungarländischen Judentum feststellen. Es galt, die unter hakenkreuzlerischer Flagge betriebene antisemitische Agitation der Pfeil- und Sensenkreuzler ins rechte Licht zu setzen und zu zeigen, in welcher Weise die bestehenden Divergenzen aus der Welt geschafft werden sollen. Man muß objektiverweise anerkennen, daß trotz einzelner Exzesse und gehässiger Polemik die Stimmung in Ungarn, insbesondere im offiziellen Ungarn, Raum läßt für vernünftige Vorschläge und Lösungen. In dieser Hinsicht ist die Rede bemerkenswert, die der Abgeordnete Graf Stephan B e t h 1 e n, langjähriger früherer Ministerpräsident, im ungarischen Abgeordnetenhaus am 11. Mai hielt. Es war eine programmatische, zum offenen Fenster hinausgesprochene Rede; eine Rede, die man zweifellos als BasisfürdieBereinigungaller jüdischungarischen Probleme ansehen darf. Was Graf Bethlen sagte, unterschied sich in vielen Punkten von den Ausführungen des Ministerpräsidenten Daränyi („Die Neue Welt", Nr. 650) und von den Wünschen des Präsidenten der Budapester Israelitio» ^^o*3 £<kd& tkffr°;üs? <^&% * cc MWEPEN-KIN* «^V^^ * f. "JVIoU6INN: *4."ä6'K6**1 im. HOTEL o > Möschen Kultusgemeinde Hof rat Stern („Die Neue Welt", Nr. 652), obwohl alle drei Redner vom Standpunkt ausgingen, daß es auch in Ungarn eine Judenfrage gibt. „Ich teile den Standpunkt des Ministerpräsidenten", erklärte Bethlen zunächst, „daß es eine Judenfrage gibt. Die Gleichheit vor dem Gesetz ist eine absolute Notwendigkeit, und doch gibt es Forderungen und Unzufriedenheit. Das Uebel liegt darin, daß diejenigen, welche darüber sprechen, das Problem so hinstellen, als ob dies die Quelle alles Uebels des ungarischen Lebens wäre. sich einem solchen Versuch sehr bald entgegenstellen." Graf Bethlen malt dann die Folgen solch einer Handlungsweise aus: „Ein Volk von neun Millionen, sckiityt jj\ yhreQäkne | Die bevorzugte Zahnpasta! wie das ungarische, darf sich nicht Dinge erlauben, die sich kaum ein Siebzigmillionenvolk wie das deutsche erlauben kann. Die erste Folge davon wäre, daß Ungarn die schwer errungenen Sympathien der Welt verlieren würde, in erster Reihe die Sympathien des angelsächsischen Volkes. Wir würden uns dadurch dem Weltboykott aussetzen, bei dem wir in kürzester Zeit zusammenbrechen würden. Wir sehen, daß auch Deutschland sehr schwer dagegen ankämpft. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß man gegen die ungarischen Minderheiten dieselben Mittel anwenden würde." Nachdem Bethlen feststellte, daß durch Ausschaltung der Juden aus dem ungarischen Wirtschaftsleben dieses ins Stocken geraten müßte, richtete er an die Regierung zwei Bitten: sie möge ein Programm aufstellen, durch welches die ungarische Gesellschaft allmählich die ihr gebührenden Positionen einnimmt, auf daß der konfessionelle und soziale Friede nicht gestört werde; und sie möge mit starker Hand die antisemitischeHetze, welche schließlich einen Umsturz in Ungarn hervorrufen könne, unmöglich machen. Ungarn habe sich im Kampf zwischen Diktatur und Demokratie für die Verfassung entschieden. Ungarn brauche nicht die von den Extremisten und Nationalsozialisten angestrebte Diktatur, um aller Umsturzbewegungen Herr zu werden. Die Ausführlichkeit, mit der wir die Rede des Grafen Bethlen wiedergeben, hat ihre Ursache in dem Umstand, daß die Lage, wie sie sich uns in Ungarn bietet, auch in anderen Ländern zu verzeichnen ist. Auch in anderen Ländern versuchen antisemitische Hetzer mit den altbekannten Parolen DIE AULWETTER-TERRASSE •wiedereröffnet! CAFE-REST. FETZER GREINER SINGT, BARTOS SPIELT im an der Schwedenbrücke Keine erhöhten Konsumationspreise. an Wochentagen auch keinerlei Zuschlag, an Samstagen. Sonn- und Feiertagen 50 Groschen Diejenigen, die vom Bankwucher, vom Monopol des Kapitalismus, vom Kartellwucher, von liberalistischen Provokationen, von der Abwehr des Bolschewismus immer sprechen, denken nur an die Judenfrage. Hinter dieser Mentalität steht ein g ehässiger Antisemitismus, der ein ausgezeichnetes Schlagwort für die Entfachung gewisser Begierden sein mag, ein ausgezeichnetes Schlagwort für die Aufstellung sozialer, wirtschaftlicher und politischer Theorien." „In einer solchen Atmosphäre des Hasses lassen sich aber die Fragen niemals lösen", setzte Bethlen fort. „Wenn es eine Judenfrage gibt, und es gibt eine solche, dann ist es die Pflicht der Regierung, ein nüchternes, kluges, umsichtiges, die Rechtsgleichheit respektierendes Programm aufzustellen." Graf Bethlen stellte dann fest, daß die Juden durch ihre Geschicklichkeit und wirtschaftliche Fähigkeit in Industrie und Handel Werke geschaffen haben, die dem Lande zum Wohl und Vorteil gereichen, eine Tatsache, die man unbedingt anerkennen müsse, aber da die jüdische Jugend verschiedener Umstände wegen günstiger und wirtschaftlich geschulter in das ökonomische Leben eintrete, habe die christliche Jugend das Gefühl, daß sie zurückgedrängt werde und einer unsicheren Zukunft entgegensehe. „Man kann diesen Umstand nicht durch Bemäntelung verwischen. Da hilft keine Steigerung des Hasses, da hilft auch nicht die Inanspruchnahme hitleristischer Mittel. Das Billigkeitsgefuhl des ungarischen Volkes würde und Verleumdungen Verwirrung zu stiften, um an die Macht zu gelangen. Die Ausführungen Bethlens sind ingewissemSinneein klassisches Beispiel dafür, wie bestehende Spannungen und Mißverständnisse zwischen den jüdischen und nicht jüdischen Staatsbürgern aus der Welt geschafft werden können — im Rahmen der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Gleichheit vor dem Gesetz. Thomas Mann zur deutschen Judenfrage Aus New York (J. T. A.): Der deutsche Schriftsteller und Nobelpreisträger ThomasMänn sprach auf einem von mehr als 4000 Personen besuchten Meeting in der „Free Synagogue" in New York. Er richtete einen Appell an alle freiheitlich Gesinnten, den Kampf, gegen den Antisemitismus als gegen eine der „übelsten und widerwärtigsten Erscheinungen unserer Zeit" aufzunehmen. Es sei die Pflicht aller Christen, ob sie nun „arischen" oder einfach nichtjüdischen Blutes sind, die Juden in ihrem Kampf nicht allein zu lassen. Die Erfahrungen in Deutschland hätten gelehrt, wie tief ein Volk zu sinken vermag, dessen geistige Führer, Männer der Wissenschaft, Dichter und Schriftsteller, sich in den Dienst dieser barbarischen Idee des Judenhasses stellen, das unwissende Volk mit dem Gift des Hasses infizieren und so den freien Geist versklaven. Wegen der Feiertage erscheint die nächste Ausgabe unseres Blattes. Donnerstag, den 20. Mai.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.