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Die neue Welt · 1937-05-11 · Heft 654 (11.5.1937) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 654 (11.5.1937)
Date
1937-05-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUfi WELT Nr. 654, vom 11. Mai 193T -,- RUNDSCHAU Kleine Staaten Im Wirbel der weltpolitischen Entscheidungen haben wir den Maßstab für viele Dinge verloren. Vor uns stehen die Großmächte, die um ihre Machtpositionen ringen, und daneben erscheint uns so vieles klein und unbedeutend, manchmal sogar unser eigenes Schicksal. Was sind wir schon, was ist schon das schwache jüdische Volk und was ist schon das winzige Palästina, daß die Welt sich darüber aufregen sollte? Ein kleines. Fleckchen Erde im Vorderen Orient — und das soll imstande sein, ein Riesenreich, das britische Imperium, nervös zu machen? Es ist aber so: das kleine Fleckchen Erde im Vordem Orient bedeutet einen-wichtigen Posten in der Bilanz Großbritanniens, einen strategischen Stützpunkt nach Indien hin usw., und darum kann es, dieses winzige Palästina, selbst bei den größten Entscheidungen eine wichtige Rolle spielen. Man muß das erwähnen, wenn man erfährt, daß das ferne Mexiko im Begriff ist, seine Stimme für ein jüdisches Palästina zu erheben. Es wird nämlich vom mexikanischen Parlament ein Projekt studiert, welches vorsieht, daß Mexiko die Initiative zur Einberufung einer internationalen Friedenskonferenz ergreife, die eine Aenderung der politischen Geographie der Welt, insbesondere Europas, vornehmen solle. Nach diesem Projekt soll das jüdische Volk als freie und selbständige Nation anerkannt und das Recht der Juden auf Palästina proklamiert werden, zumal ja sämtliche Kulturstaaten Palästina als Land des jüdischen Nationalheims anerkannt haben. Durch die Errichtung des jüdischen Staates in Palästina werde das jüdische Volk imstande sein, der Welt bei Schaffung einer neuen Epoche des Friedens und Fortschritts zu helfen. So phantastisch auch dieses Projekt sein und so wenig Chance der Verwirklichung es haben mag, so ist es doch ein Beweis dafür, daß es in der Welt fruchtbare Ideen zur Judenfrage gibt, die wirksam werden' wollen. Eine zweite Stimme: In Riga empfing der lettländische Außenminister Munters den Direktor des Jerusalemer Keren Hajessod, Leib Jaffe, und ließ sich von ihm über die Lage in Palästina, über das zionisti- sehe Aufbauwerk und die weiteren Entwicklungspläne berichten. Der Minister erklärte, die lettländische Regierung anerkenne die großen" jüdischen Leistungen und werde die zionistischen Ziele und Forderungen unterstützen. Lettland ist ein kleines Land, . im Konzert der, Mächte gewiß ein Nebeninstrument. Und doch kann solch eine Sympathie viel, bedeuten. - Mexiko, Lettland .... Auch Palästina ist ein kleines Land. Aber niemand wird heute zu behaupten wagen, daß man sich über solch ein winziges außereuropäisches Gebiet nicht den Kopf zerbrechen wird. Man muß nur einen richtigen Maßstab für diese Dinge finden. Man muß auch die Stimmungen der kleinen Staaten aufmerksam betrachten und registrieren. Das gehört zu den Grundsätzen einer richtigen, der Herzischen Tradition entsprechenden zionistischen Politik. Leider ist dieser Grundsatz bisher nicht beachtet worden. Eine Selbstverständlichkeit Wie aus London berichtet wird, hielt bei einem Bankett des Ausschusses für jüdische religiöse Erziehungsarbeit der englische Unterrichtsminister Oliver Stanley eine Ansprache, in der er die Leistungen der britischen Juden im Weltkrieg hervorhob und es als selbstverständlich bezeichnete, daß ihnen nun auch im Frieden das Recht zu leben, nicht bestritten werden dürfe. Da in der letzten Zeit auch in England unter dem Einfluß der Nazipropaganda eine judenfeindliche Stimmung erzeugt wird, nahm der Minister die Gelegenheit wahr, die traditionellen Anschauungen des britischen Volkes als gegen jede antidemokratischen Verhetzungsversuche gerichtet zu-betonen, und erklärte, daß man gegen jede Herausforderung an die jahrhundertelange Ueberlieferung , von Freiheit und Toleranz auftreten müsse. „Meine Erinnerung reicht nicht sehr weit zurück", führte der Unterrichtsminister aus, „aber so kurz ist mein Gedächtnis nicht, wie das mancher Leute: es reicht wenigstens zwanzig Jahre bis in die Zeit des Krieges zurück. Damals haben wir den Menschen nicht die Frage gestellt: 'Christ oder Jude? Niemand sagte in jenen trüben Tagen: Du darfst für uns nicht sterben, denn du bist ein Jude. Sollen wir jetzt in den Tagen des Friedens sagen: Weil du ein Jude bist, darfst du mit uns nicht leben? Ich würde dies für den schwärzesten Verrat an den Hunderttausenden von Christen und Juden halten, die auf den Feldern Flanderns und in den Ebenen Palästinas gefallen sind, die , gemeinsam kämpften und gemeinsam starben. Sie haben für die überlieferte Freiheit dieses Landes gekämpft, eine Freiheit, die alle umfaßt und keinen Unterschied der Partei, der Geburt lind des Glaubens kennt. Die Aussichten für die Welt wären, bitter, wenn diese Freiheit nicht einmal hier gefunden werden könnte." Die Ausführung endes Ministers lassen erkennen, daß die nazistische Propaganda in Großbritannien bereits unangenehm fühlbar geworden ist. Auch von kirchlicher Seite wird gegen diese Gefahr die Stimme erhoben. Im demokratischen England ist eine Abwehr des barbarischen Nazismus durch die öffentliche Meinung möglich. Was Herr Ormshy-Gore nicht weiß und was er weiß Das Einwanderungsamt der Palästina-Regierung hat festgestellt, daß sich der durchschnittliche Lebensstandard der Einwohner Palästinas im Jahre 1936 nicht verschlechtert habe. Das Jahr 1936 war ein schlimmes Jahr: Araberrevoltc mit hunderten •Menschenopfern, mit Vernichtung von Werten, ver minderter jüdischer Einwanderung, verringertem Kapitalzufluß — und trotzdem Erhaltung des Lebensstandards! Wie fest müssen die Grundlagen der Palästina-Wirtschaft sein, wenn trotz der angeführten Umstände die Palästinenser ihren Lebensstandard bei behalten konnten. werden It sestern Feinwurstunef Selchwaren erzeugt. In jahrelanger Erfahrung und Verbesserung wurden sie auch für den verwöhntesten Geschmack geschaffen. Reduzierte Preise! Merke wohl: Der Gaumen läßt sich nicht tauschen! Im Zusammenhang mit dem Bericht des Jerusalemer Einwanderungsamtes hat im englischen Unterhaus der Abg. Thomas.Williams den Kolonienminister O r m s b y - G o r e gefragt, ob sich die wirtschaftliche Lage der arabischen und der jüdischen Bevölkerung während derPeriode der jüdischen Einwanderung unter dem englischen Mandat gebessert habe.. Die Frage scheint einen politischen Hintergrund gehabt zu haben, denn über die Entwicklung Palästinas seit Beginn des Mandats, d. h. seit der systematischen Einwanderung von Juden und jüdischem Kapital, hätte sich der Abgeordnete Williams in unzähligen englischen Schriften informieren können. Auch gab es fast jedes Jahr im Unterhaus Debatten über die Wirtschaft Palästinas und das große jüdische Aufbauwerk. Herr Ormsby - Gore ist erst ein Jahr lang Koloniehminister, aber es besteht kein Zweifel, daß er über alle Fragen des Mandatsgebiets genau informiert ist und daß er, wie alle Welt und jeder interessierte Engländer, weiß, welchen Aufschwung Palästina durch die zionistischen Leistungen genommen hat. Herr Ormsby-Gore hätte also, ohne sein Gewissen zu belasten und ohne „Ressortgeheimnisse" ^preiszugeben, erwidern können, daß sich die Wirtschaftslage Palästinas während der Periode der jüdischen Einwanderung in ungeahnter Weise gebessert habe, ja daß zur Zeit tiefster wirtschaftlicher Stagnation Palästina — wiederum kraft jüdischer Leistung — Zeichen bewundernswerter Stabilität gezeigt habe. Ja, mehr noch. Herr Ormsby-Gore hätte auf Grund der Berichte seiner Jerusalemer Stellen sagen müssen, daß jüdische Einwanderung und Prosperität (abgesehen vom Einfluß der Ruhe und Sicherheit!) in Palästina Hand in Hand gehen. Statt dessen antwortete er, wie die J. T. A. aus London berichtet, dem Abgeordneten Williams: „Die Feststellung des Jahresberichtes des Wanderungsdepartements für 1936 ist außerordentlich zurückhaltend in der Beurteilung des wirtschaftlichen Fortschrittes. Das Wanderungsdepartement ist daher der Ansicht, daß diese Frage offen sei und offen bleiben müsse, bis man in der Lage sein wird, eingehende Untersuchungen über die Vielfältigkeit des Lebensstandards und der wahren Einkommensverhältnisse in Palästina anzustellen. Unter den augenblicklichen Umständen bin ich nicht in der Lage, zu dieser Frage . endgültig Stellung zu nehmen. Fürwahr: die Antwort eines Uniformierten, die Antwort eines Ministers, der nichts zu wissen vorgibt. Aber Herr Ormsby-Gore kann auch anders. Ueber den durch die Juden herbeigeführten Fortschritt weiß er nichts zu sagen. Hingegen weiß er „Authentisches" über die Moral der jüdischen Jugend Palästinas zu sagen. Kürzlich besuchte ihn der Oberrabbiner von Palästina, Dr. H e r t z o g, in London. Di« J. T. A. berichtet darüber: „Tief schmerzlich hat es den Oberrabbiner Dr. Hertzog getroffen, als er jüngst bei einem Besuch beim Kolonienminister Ormsby -Gore eine Moralpredigt anhören mußte über den unjttdischen und zersetzenden Geist, der unter der Jugend Palästinas herrsche." Zweifellos wird der zionistische Patriot manches an gewissen sozialen Erscheinungen des jüdischen Lebens in Palästina auszusetzen haben, gewiß wird er mit den klassenkämpferischen und religionsverletzenden Tendenzen vieler Arbeitergruppen nicht einverstanden sein. Daß aber der Kolonienminister übe* die günstigen Folgen der jüdischen Einwanderung nichts auszusagen weiß, hingegen seine Unzufriedenheit über den „zersetzenden Geist" der jüdischen Jugend ausspricht, ohne ihre Verdienste um den Aufbau des Mandatsgebiets auch nur zu erwähnen, läßt bezüglich der Richtlinien der neuen britischen Palästina-Politik nicht gerade Beglückendes erwarten. Vom Jüdfcdhen Weltkongreß Aus Genf: Die Exekutive des Jüdischen Welt« kongresses hat ein Memorandum über die wir tsc haftliche Situation der* Juden in einer Reihe europäischer Länder zwecks Ueberreichung an den Völkerbund fertiggestellt. Das Memorandum hebt hervor, daß eine wirtschaftliche Benachteiligung der jüdischen Bürger auch in solchen Ländern Platz greift, die Mitglieder des Völkerbundes sind und als solche Verpflichtungen betreffend Schutz der nationalen Minderheiten übernommen haben. Die Rolle, die die Juden in den einzelnen Ländern vor dem Kriege und in der Gegenwart in Landwirtschaft, Industrie, Finanzen, Klein- und Großhandel, sowie in den verschiedenen freien Berufen gespielt haben, wird durch Zahlen und Tatsachen belegt. Ein besonderes Kapitel ist dem Anteü der Juden an den staatlichen und städtischen Diensten jedes Landes gewidmet; es werden die neuesten Ziffern über die Zahl der Juden in der Polizei, im Gerichtswesen, im Heer, in den Staatsschulen, im Eisenbahn- und Postwesen mitgeteüt und "mit den einschlägigen Ziffern der jüngst vergangenen Zeit verglichen. Es ergibt sich in allen diesen Gebieten eine rapide Verschlechterung der Position der Juden gegenüber den Nichtjuden. Es wird weiter nachgewiesen, daß auch auf dem Gebiete der staatlichen Kreditgewährung die Juden, insbesondere die jüdischen Kooperativbanken, gegenüber den nichtjüdischen Institutionen gleicher Art scharf zurückgesetzt werden. Das Memorandum behandelt, schließlich auch da3 Problem der jüdischen Wanderung; an Hand von Ziffern und Tatsachen wird nachzuweisen versucht, ob und aus welchem Lande eine jüdische Auswanderung absolut notwendig sei. Auch werden Wege gewiesen, wie Juden, die durch alle Arten Gesetze und Verfügungen ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt worden sind, in neuen Positionen, sei es in den angestammten Ländern oder in neuen Wahlländern, untergebracht werden können. it Donnerstag, den 13. Mai, 17 Uhr 30, spricht im Wizo-Heim,, L, Schottenring 25, Oberbaurating. Robert Stricker über den „ Jü dischen Weltkongre ß". Aus Italien Wieder ein Presscangriff, Aus Rom: Die dieswöchige Ausgabe der Zeit1« schrift „Q u a d r i v i o" hat unter der Ueberschrif t „D i e jüdische Nation" einen heftig judenfeindlichen Artikel veröffentlicht. Der Verfasser Gino Sottochiesa er* klärt, daß die Juden überall nicht nur eine Religionsgemeinschaft, wie dies von Juden in Westeuropa vielfach behauptet werde, sondern eine besondere ethnische Einheit bilden, deren Eigenschaften überall eine Reaktion gegen sie hervorrufen. Sie stünden in einem Gegen* satz zu allen nationalen Staaten und würden, da sie ihrem historischen Schicksal nicht entrinnen können, stets Feinde der europäischen Kultur sein. Dr. Nahum Goldmann bei Graf Giano Aus Rom: Der Bevollmächtigte der Jewish Agency beim Völkerbund in Genf, Dr. Nahum Goldmann, hatte mit dem italienischen Außenminister Graf Ciano eine längere Aussprache, in deren Verlauf er dem Minister die aktuellen zionistischen Probleme auseinandersetzte und dabei auch die Möglichkeiten der zionistischen Tätigkeit in Italien erörterte. Bekanntlich ist es infolge der Angriffe eines Teils der faschistischen Presse auf den Zionismus als einer angeblich unpatriotischen Bewegung zu einer Erschwerung der zionistischen Tätigkeit in Italien und zu einer Spaltung zwischen Zioniaten und Nichtzionisten gekommen, die eine Demission des Präsidiums des Verbandes der jüdischen Gemeinden Italiens im Gefolge hatte. Dr. Goldmann hatte in Rom auch eine längere Unterredung mit dem Vorsitzenden der Mandatskommission Marquis Alberto Theodolit

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