Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 654 (11.5.1937)
- Date
- 1937-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Rmm mm mm mm BEZUGSBEDINGUNG-EN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.60, HH UM Hfl fl*fl vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« ■^Z S n Hfl VMB jährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig ■Ml Hfl fl H 9ffl Mark 3.—; Bulgarien .monatlich Lewa 30.—. vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—,3 BL_ Hfl ^Hflf Hm Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. HERAUSGEBER : ROBERT STRICKER Redaktion u.Verwattun?; lX,Umversitä>sstr.8Jel.A-20-2-78 - Erscheint Dienstaa u. Freitag SA „ORBIS" zu PFINGSTEN POLE^CZERNOWSTZ Abfahrt: 13. Mai 1937 Auskünfte und Anmeldungen: Offfiz. Poln. Reisebüro „ORBIS" I. Kärntnerstrafte 41, R-21-5-78 Oesferrelchisches Verkehrsbüro l. Friedrlchstraße 7. D-J7-500, ». Graben 20. U>a«*0>3S Beleidigung da und dort Die antijüdischen Maßnahmen in Hitler-Deutschland haben nicht nur den Zweck, die Juden wirtschaftlich zu vernichten, sondern auch seelisch zu zer mürben. Der pathologisch gezüchtete Haß hat nichts mehr zu tun mit der sogenannten Abwehr gegen den „Kulturbolschewismus", die „semitische Verseuchung" und so weiter. Wenn man die nationalsozialistische Parteipresse liest, kann man erkennen, daß der darin zum Ausdruck gebrachte Antisemitismus es nicht mehr auf eine unmittelbare physische .Wirkung abgesehen hat, es ist ein Antisemitismus an sich, sozusagen als Sport.- ' Die Reaktion der Juden auf diesen Druck ist im •allgemeinen:- Schweigen, Sichabfinden, Resignieren. Die Juden in Deutschland sind bereits derart ein geschüchtert, daß sie den Zustand moralischer Erpressung und unaufhörlichen Erniedrigtw.erdens. als selbstverständlich empfinden. Nur hie und da gibt es ein Aufbäumen, eine Antwort auf die schändlichen Beleidigungen durch das Hitlertum. Man erfährt aus Düsseldorf:' Der jüdische Kaufmann E. Leßmann war in einer Steuerange.legenheit aufs Finanzamt nach Cleve geladen. Der Jude, der den Weltkrieg als Oberleutnant mitgemacht und das Eiserne Kreuz I. Kl. erworben hat, wurde von einem Beamten in S.-A,-Uniform empfangen und angebrüllt: ,-,Du S-aujud, stell dich mal da in die Ecke!" Leßmann, der gewesene Offizier, in seiner Ehre tief getroffen, rief dem jugendlichen Beamten zu, daß er, der Beamte, noch ein Säugling gewesen sei, als er selbst für Deutschland gekämpft habe, und versetzte . seinem Beleidiger ein , paar Ohrfeigen. Andere Beamte kamen herbei und überwältigten Leßmann. Der S.-A.-Beamte klagte auf „B e i e i d i g u n g der Uniform" und die Nazipartei schloß sich der Klage an. Daß Leßmann sich für die Beleidigung unmittelbar mit ein paar Ohrfeigen revanchierte, ist menschlich durchaus begreiflich. Alle anständigen Menschen werden ihm für diese Tat Dank wissen, denn gegen einen Schahdbuben dieser Art gibt es keine anderen Argumente als Ohrfeigen. Das sollen sich jene gesagt' sein lassen, die immer und überall vom Juden Haw-, Iaga, d. i. Zurückhaltung und Selbstbeherrschung verlangen.; Leider ist der Fall Leßmann vereinzelt. Als kürzlich bei einem Appell der Vaterländischen Front in Wien ein Redner von „Saujuden" sprach, wagte keiner der anwesenden Juden, die zur Feier geladen und gekommen waren, die unerhörte Beschimpfung an Ort und Stelle protestierend zurückzuweisen. Ja, es gab sogar welche, die behaupten, , nichts derartiges gehört zu haben. Nachträglich brachten zwar einige jüdische Versammlungsteilnehmer gegen den antisemitischen Redner. Klage ein, aber unmittelbare Sühne ,wurde nicht gefordert. Wenn man sich vor Augen hält, ' daß im heutigen Deutschland ein Jude sich bei einem ihn beleidigenden S.-A.-Beamten auf der Stelle Satisfaktion holt, so muß der Grad des Eingeschüchtertseins beim Wiener Judentum als katastrophal bezeichnet werden. Die bekannte Kriegserklärung an Oesterreichs jüdische Blinde! PENSION HIHTERBRUHL Gießhüblerstraße Nr. 29/33 wird »m 15. Mal eröffnet und vom Besitzer geleitet. Beste Verpflegung, zeitgemäße Preise. Auskünfte: Brüder Grünfeld, Wien I, Seltenstettengsssse5. Telephon U-2Ö-2-56 * Wie weit die Verrohung geht Wir erhielten folgende Zuschrift: „An die Redaktion der .Neuen Welt':". Ich erlaube mir Ihnen folgendes mitzuteilen: Innerhalb des Verbandes Oesterreichisch e r B1 i n d e n v er ei n e gibt es eine „Interessengemeinschaft blinder Musiker, Klavierstimmer und Musiklehrer". Diese Vereinigung besorgt auch die Stellenvermittlung für die Mitglieder. Bei der am Mittwoch, den 28. April d. J., abgehaltenen Generalversammlung, wurde von einem Mitgliede, dem Musiklehrer Otto Binder, der Antrag auf Einführung des Arierparagraphen gestellt. Der Antrag wurde begründet, daß nach Einführung und Bekanntwerdung des Arierparagraphen, die national betonten Zeitungen die Interessengemeinschaft besonders unterstützen und fördern werden. Der Antrag wurde angenommen und die jüdischen Mitglieder wurden sofort ausgeschlossen. Die jüdischen Mitglieder verlieren dadurch jede Möglichkeit, mit den Arbeitgebern i n K o nt a k t z u k o m m e n.. Bemerken möchte ich noch, " ■ daß wahrhaftig kein Anlaß vorlag, der. die brutale Maßregel begründet hätte. ' '. Indem ich Sie bitte, der OeffentlicbJkeit, vor allem der jüdischen, bekanntzugeben, wie tief das Nazigift eingedrungen ist, zeichne ich hochachtend W. K. # Es wäre sehr schwer und erübrigt sich wohl* die Roheit und Niedertracht dieses Beschlusses, welcher die Aushungerung vom schwersten Schicksal: be-. troffener Juden zum Zwecke hat, mit Worten zu kenn- - zeichnen. Der Beschluß selbst sagt alles. -Aber wir verlangen: Einschreitenderberuf enen Behörden und Stellungnahme der österreichischen Judenschaf t. Denn der Blindenschutz in Oesterreich ist schon seit langem keinePrivatangelegenheit, sondern Gegen* stand der Behandlung durch Staat und Gemeinde. Der Verband österreichischer Blindenvereine wird seitens aller öffentlichen Stellen materiell und moralisch gefördert. Die Subventionen fließen aus Steuergeldern und die Sammlungen innerhalb der Bevölkerung erfolgen unter Patronanz der Regierungsstellen und Gemeindevertretungen. Die Sammeltago für Blinde sind öffentliche Veranstaltungen und die moralische und materielle Teilnahme der v ./schiedenen Vertretungskörper trägt offiziellen Charakter. Die Judenschaft hat immer besonderes Verständnis für die B1 i n d e n an den Tag gelegt und hat wahrlich nie nach Religion und Nation unterschieden.' Die Juden tun ihr Mögliches, wenn es sich ura-Versorgung von Blinden durch Spenden und Arbeitszuteilung handelt. Sie sind daher berechtigt und verpflichtet, Aufklärung und Abstellung dieses unerhörten Angriffes auf' ihre blinden Volks- und Glaubensgeossen zu fordern. Insolange in dieser Richtung nicht restlose Bereinigung, erfolgt, sind sie berechtigt und verpflichtet, alle ihre Kräfte auf den moralischen und materiellen Schutz der verfolgten jüdischen Blinden zu konzentrieren. Hervorzuheben ist die vom Antragsteller' gegebene Begründung :Wenn wird ieJuden aus-■ stoßen, dann Verden uns die National- Betonten", d. h. die Hakenkreuz 1 er, unterstützen! Man sieht also, daß die schändliche Idee nicht dem „Rassegefühl" der „arischen*' Blinden entspringt, sondern daß diese mit Drohungen und Versprechungen seitens der Hakenkreuzler dahin gedrängt wurden, in ihrem eigenen Unglück auch unmenschlich zu werden. Christliche Kirchen m indisches Palästina In der letzten Zeit sind aus Amerika Stimmen zu vernehmen, die sich für die Ehre des Judentums und im Zusammenhang damit für das jüdische Aufbauwerk in Palästina einsetzen. Vielfach handelt es sich um christliche Kreise, deren Sympathien' für den, Zionismus nicht wenig zur Popularität der zionistischen Ideale in der Welt beigetragen. Wie, soeben aus New York gemeldet wird, haben 130 führende Persönlichkeiten der christlichen Kirchen Amerikas sämtlicher Konfessionen ein Manifest veröffentlicht, in dem . die amerikanische Christenheit aufgefordert wird, die zionistische Sache durch Unterstützung des United Palestine Appeal zu fördern. Das Manifest, das von Bischöfen, Rektoren konfessioneller Universitäten, sowie von Leitern sozialer, kultureller und pädagogischer Institute unterzeichnet ist, hat folgenden Wortlaut: „Die Unterzeichneten verfolgen mit Anteilnahme die Bemühungen um die Schaffung einer Freistatt in Palästina für die größtmögliche Anzahl von Juden» die durch Verfolgung heimatlos geworden sind. Der Wiederaufbau der jüdischen Heimstätte ist eine Unternehmung der kulturellen Wiedergeburt, die zugleich eine physische Regeneration für die Zehntausende, die nach Palästina kommen, be- ' deutet. Als solche verdient sie das teilnehmende Interesse der christlichen O e f f e n 11 i c h k e i t. Wir sehen in dem United PalestineAppeal das Instrument, mittels welchen die Juden Amerikas die Mittel aufbringen, um der größtmöglichen Anzahl von Männern, Frauen und Kindern die Niederlassung in Palästina zu ermöglichen, wo sie in Freiheit leben können. .Wir teilen das Mitgefühl, das unsere amerikanischen Mitbürger jüdischen Glaubens bewegt, sich. um die Mobilisierung . von Geldmitteln zu bemühen, um ihren verfolgten Glaubensgenossen zu helfen. Es ist unsere ernste Hoffnung, daß ihr Appell einen Widerhall finden wird im Herzen aller Amerikaner, ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens." Das Manifest der christlichen Kirchen hat, wie amerikanische Blätter berichten, in allen Kreisen des Landes tiefen Eindruck gemacht. Eine Pariser PaIä§finasPredfgt Aus Paris wird geschrieben: In der größten Pariser Synagoge, dem Tempel der rue de la Victoire, hat der Pariser Rabbiner Kaplan eine Predigt über den Zionismus und die Stellung der französischen Juden zum Palästina-Aufbau gehalten. Die Tatsache, daß es möglich geworden ist, in der größten Pariser Synagoge von'der Kanzel her und in positivem Sinne zum Zionismus Stellungzu nehmen, ist ein deutliches Zeichen der inneren Wandlung, die sich allmählich auch im französischen Judentum vollzieht. Bedeutsam ist es auch, daß der Wortlaut dieser Predigt als Leitartikel in der französisch-jüdischen Zeitschrift „Univers Israelite"> die dem Pariser Conslstoire nahesteht, veröffentlicht wird. Rabbiner Kaplan forderte zur Unterstützung aller Palästina-Aktionen durch die französischen Juden auf, wobei er betonte, daß seine Sympathie sich naturgemäß voe allem den religiösen Wei'ken zuwende.