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Die neue Welt · 1937-04-30 · Heft 652 (30.4.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 652 (30.4.1937)
Date
1937-04-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite (, DIB NEUE WELT tUrtluku BitkiäUM f^Wfrf^Vr WVffTIrlfv'r Zu seinem Tode Wer die ersten Kämpfe um die nationaljüdische Idee mitmachte, miterlebte, die ersten Stufen zum Bau der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes entstehen sah, muß unwillkürlich, auch abseits des aktuellen Anlasses — des Todes Dr. Nathan Birnbaums (Matthias Acher) — an diesen Mann denken und sich ihn in seinem geistigen und materiellen Profil vergegenwärtigen. So stark war der Eindruck, den Nathan Birnbaum auf uns, die jüngere Generation, machte, daß wir heute noch, nach einem Vierteljahrhundert, in gewissem Sinn unter dem Bann seiner Persönlichkeit stehen. Vieles wurde anläßlich des Todes Birnbaum über diese singulare Erscheinung geschrieben. Man holte biographisches Material hervor, erzählte von dem Mann, der wie kein zweiter seines „Jahrgangs" die Judenfrage in ihrer tiefsten Wurzel erkannte und zur Diskussion stellte; der mit seinem „Appell an die Guten und Edlen aller Nationen" drei Jahre vor Herzls „Judenstaat" die „Nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes als Mittel zur Lösung der Judenfrage" verlangte; der in seiner Zeitschrift „Selbstemanzipation" (1885) das Wesentliche der zionistischen Ideologie vorwegnahm; der schließlich den Zionismus von der Anomalie des jüdischen Volkstums her begründete, d. h. das gestörte Volksleben als den eigentlichen Grund des Zionismus betrachtete und die Synthese von Ost und West durch sich selbst in die Welt hinausstellte. Wül man etwas Intimeres, Delikateres, Menschlicheres über Nathan Birnbaum sagen, dann versucht man vergeblich, die Feder leicht und sorglos über das Papier gleiten zu lassen. Die Worte fließen nicht rasch; man wird bedächtig und vorsichtig, man wird hart und wählerisch, als sähe er selbst, Nathan Birnbaum, mit seinem tiefen, glänzenden, bebrillten Auge über die Schulter, als spräche der hochgewachsene Mann mit der Adlernase selbst zu dem, was man über ihn sagen möchte. Und das Sagen an sich ist schwer. Denn es gibt im geistigen Bereich des Judentums keine Strömung oder Richtung oder Gruppe, die nicht von Nathan Birnbaum irgendwie beeinflußt worden wäre. Sein Wort war unerbittlich, seine Logik brennend, seine Ueberzeugung leidenschaftlich. Auf welchem Punkt seines Weges auch immer er sich befand, war er echt und fanatisch. Ihm ging es um das Weisen der Richtung, nicht um den persönlichen Erfolg. Er gab Anregungen und Deutungen und verschwand hinter dem, was er gegeben hatte. So kam es oft, daß andere den Erfolg hatten, während ihm die Genugtuung blieb, ihn ermöglicht zu JÜDISCHES KULTURTHEATER I, Franz-Josefs-Kai 3, Tel. R-28-36 Tiglich 8 Uhr in deutscher Sprache Lion Feuchtwangers JUD SÜSS haben.. Und so kam es oft, daß sein Wirken Opposition schien, weil er selbst seinen Standort gewechselt hatte, während die anderen noch an der Stelle festgerannt waren. Birnbaums jüdische Gedanken waren schöpferisch; die Geschichte der jüdischen geistigen und politischen Strömungen ist im Ablauf seiner Gedanken verzeichnet. * Nathan Birnbaum schrieb „Die jüdische Moderne" (1896). Diese Schrift ist heute vergessen; vergessen auch, daß er in vorherzlscher Zeit einen großen Teil der zionistischen Terminologie schuf. Aber wer sich prüft, muß bekennen, daß er seine „zionistische Weisheit" und sein „zionistisches Glaubensbekenntnis" direkt oder indirekt aus dieser Schrift bezog. Der sogenannte politische Zionismus der ersten Herzl-Periode war seinem Temperament zu konstruktiv. Indem er sich immer mehr der kulturellen Erneuerung des jüdischen Volkes zuwandte, erlahmte sein Interesse an der aktiven zionistischen Politik, wie sie sich auf den Kongressen dokumentiert. Auf dem III. Zionistenkongreß war Birnbaum nicht mehr zu sehen. Es war der Augenblick gekommen, wo er der zionozentrischen Galuth- Verneinung eine strikte G a 1 u t h - B e j a h u n g entgegensetzte. Für ihn gab es große Aufgaben in der Galuth, darunter die Propagierung ost jüdischer Kulturwerte unter den Westjuden. Die „Entdeckung" des Ostjudentums (Literatur, Folklore, Sprache) durch Birnbaum, ist eines der interessantesten Kapitel seines arbeitsreichen Lebens. * Mathias Acher konnte aufwühlen, hinreißen. Bezaubern? Bezaubern konnte er nicht. Er glühte immer, war eine glühende, doch keine wärmende Flamme. Dem Zauber von Herzls Persönlichkeit wollte er, der glühende Denker, nicht erliegen. Die Gegensätzlichkeit der beiden stammte nicht tw Ideologe sehen Bezirken. Sie war eine Folge der gegensätzlichen Temperamente. Mathias Acher entfernte sich aus dem Bereich des Zionismus — besser — von der Peripherie des Zionismus, aber der Glaube an die erlösende Kraft der jüdischen Nationalidee war ihm geblieben, auch damals als in ihm das Verlangen nach dem Moschiach übermächtig wurde und er sich der Verlebendigung der Messias-Sehnsucht und der Selbstheiligung des jüdischen Volkes hingab. Der Durchbruch zum religiösen Sein des jüdischen Menschen war bei ihm elementar. Das Landen bei der Orthodoxie war eine natürliche Folge seines religiösen Erlebnisses. Es war ein Glück für den immer um neue Ideen und neue Formulierungen ringenden Mathias Acher, daß er in der strengen Gläubigkeit seinen Zentralpunkt fand. Das Judentum hat durch diese Wendung seines Schicksals nur gewonnen. Er blieb weiter Priester des Wortes, Priester der Gnade Gottes. Nathan Birnbaums Frömmigkeit war die Quintessenz eines strengen, um alle guten Gaben ringenden Lebens. Der Genius des jüdischen Volkes erschöpft sich nicht in Menschen mit dogmatisch-politischen Wünschen und Forderungen. In Nathan Birnbaum war uns ein Mensch beschieden, der sein Volk zu einem „heiligen Volk von Priestern" machen wollte. Gerade im Wirrwarr unserer Tage ist es beglückend zu sehen, daß ein Jude dem inneren Gesetz seines Lebens gefolgt ist. o. r. Die wm tiudtee Stue Dem Bussischen nacherzählt von Hedda Litvvin Sieben Kinder gab es bei Sure Freiberg im Städtel Wirkino, sieben Kinder und keinen Mann. Es war einmal ein Mann dagewesen, er mußte aber wegen irgend einer Sache eine Gefängnisstrafe absitzen, und später — sagte Frau Freiberg und wackelte mit dem Kopf — ist nichts aus ihm geworden, dahin ... Sure unterließ es, für die erlittenen Kränkungen mit dem Himmel zu hadern, und tat nach echter Frauenart: sie begann mit Haarnadeln und Bändern zu handeln, alte Kleider putzsüchtiger Damen von Wirkino zu färben, strickte Socken die Nächte hindurch, bereitete Backwerk, das durch den kleinen Abramka bei den Feinschmeckern des Ortes abgesetzt wurde, und stickte Herrenhemden und Taschentücher. Keinesfalls durfte diese Beschäftigung Sure daran hindern, sich den täglichen Verpflichtungen der Hausfrau und Mutter hinzugeben. Bei Abenddämmerung hieß es nach Hause kommen und die sieben kleinen Geschöpfe zusammenklauben, die sich während des Tages wie die Krebse aus dem Korb dahin und dorthin verlaufen hatten; sie ins Haus zurückzubringen; sie auszuschelten; ihnen Flüche an den Kopf zu werfen, wie es die zärtlichsten Mütter tun; alle der Reihe nach durchzuprügeln; zu baden; zu füttern und schließlich, nachdem sie die Kleinen ans Herz gedrückt, schlafen zu legen, um dann erst, endlich, an das Nähen und Stricken und Färben und Backen zu gehen. Und am Morgen gab es noch mehr zu tun. Die Kinder alle erwachten zur gleichen Zeit und zur gleichen Zeit begann auch ein lustiges Durcheinander von Mißverständnissen wegen der dreizehn Schuhe (dem einen, dem kleinen David, wurde von einem Wagen ein Fuß abgerissen), wegen der dreizehn Strümpfe und wegen eines Berges von Fetzen, bis für die dünnen Beinchen und hageren Schultern der Kinderschar alles verteilt war. Das Sortieren der Schuhe nahm bei Sure so viel Zeit in Anspruch, daß sie nicht mehr dazukam, alle sieben, wie sich's gehört, zu verfluchen, und die Schläge wurden des Morgens nicht gleichmäßig verteilt: mancher hatte das Glück, eine doppelte Portion abzufangen, mancher mußte sich bis zum Abend gedulden. Und, noch den Bissen Brot im Mund, griff Sure rasch nach Umhängtuch und Strickarbeit und' lief hastig aus der Stube. In der Tür stolperte sie über eines der Kinder — Sjomka ist's — und ließ sich eilends hören: „Wann wird endlich der Teufel diesen Rangen von mir nehmen, damit er mir nicht im Weg steht?! . . ." Der arme kleine Sjomka öffnete den Mund — Gott weiß, ob zu einer Antwort oder zu einor Raunzerei, indessen war Sure verschwunden. * Die Flüche schüttete sie, die Mutter Sure, über alle Kinder in gleicher mütterlicher Fürsorge, über alle ohne Ausnahme, wie es ihre Art war. David riß sie am Ohr, Sjomka stieß sie beiseite, den zweijährigen Arontschik nahm sie an sich und brach in ihr gewohnheitsmäßiges Weinen aus. Unter Tränen noch fiel ihr Blick auf das Gesicht des Kleinen, sie schrie auf. „Um Gotteshimmelswillen, was ist das? Das mit deinem Aug'? Mein kleines goldiges Arontschikel, was ist' mit deinem Aug'? Die Erde soll dich verschlingen, daß du deiner Mutter nur Sorge bereitest! Weh' mir! Sein Aug* ist rot, wirklich rot wie eine Mohnblume . . . und es tränt. . . Weh' mir . . ." Und es weinten drei Augen; Zwei der Frau Sure Feinberg und Nr. 652 vom 30. April 1037 eines von Arontechik, ein rotes, vom kranken Augenlid halbgeschlossenes Auge. Und daneben hüpfte David auf einem Bein und die kleine Pejtschke saugte das Blut aus ihrem angeschwollenen Finger. Im Hause der Frau Sure Feinberg ging es sehr lustig zu. * Am nächsten Tag wurde Arontschiks Auge mitsamt seinem Eigentümer, der sich keinen Pfifferling um die ganze Welt kümmerte, aus der Wohnung hinausgeschleppt und dem strengen Gutachten aller lieben Nachbarinnen anheimgegeben. „Junge meiner", fragte Frau Perlmutter, „kannst du mit dem roten Aug' sehen?" „Ujeh", quitschte Arontschik. „Was versteht schon dieser kleine Wurm?" sagte die alte Gitelsohn. „Man muß mit ihm zum Augendoktor, zum Spezialisten." „Ja, zu dem", bestätigte Frau Stillmann, „der die Augen zu kurieren weiß." „Das ist der", ergänzte liebenswürdig Frau Perlmutter, „welcher zehn Stunden weit von hier wohnt." „Zehn Stunden hin, zehn Stunden zurück", erklärte die alte Gitelsohn. „Das Aug' dieses kleinen Bengels", schloß Frau Perlmutter unheilverkündend, aber ruhig, „wird Sie auf 15 Rubel zu stehen kommen." Sure Freiberg, die arme Mutter, preßte die Zähne aufeinander, ihre Züge versteinerten sich und sie sagte gefaßt: „Gut, für mein Kind tu ich es . . . für mein Kind . . ." Und das Kind bei der Hand nehmend, fügte sie hinzu: „Komm nach Hause, daß der Teufel ..." # Sure Freiberg hatte es nunmehr noch eiliger. Sie besaß bloß acht Rubel Bargeld — aber Arontschiks Auge rötete sich wie ein Rubin und die Nachfrage nach Bändern und Haarnadeln wurde lächerlich klein. Darum mußte Abramka die doppelte Portion Backwerk absetzen und Sure konnte nur in den Pausen schlafen, während sie die Kinder wusch, schalt oder umarmte, da sie die Nächte hindurch mit Nähen und Sticken beschäftigt war. Sogar zum Weinen hatte sie nur ein paar Minuten täglich Zeit. Als sie bereits zehn Rubel beisammen hatte, erschienen die Nachbarinnen, Frau Perlmutter, Frau Stillmann und die alte Gitelsohn. „Nehmen Sie doch die restlichen fünf Rubel von uns, Sie brauchen doch jetzt das Geld dringend." Um die paar freien Minuten auszunützen, weinte Sure, während sie das Geld einsteckte. Aber gleich darauf besann sie sich und beschloß, unverzüglich mit dem kranken Arontschik zu reisen . . . s1 Sure kam vom Markt in die Wohnung hereingestürzt, vierzig Minuten vor Abfahrt des Zuges. Da man vierzig Minuten bis zum Bahnhof brauchte, packte Sure eilends ihren Arontschik, wickelte ihn in ein großes Tuch, lief zum Tisch, ergriff das kleine Bündel mit Lebensmitteln, rutschte hinüber zu Pejtschke, versetzte ihr einen Hieb, rief zu David: „Schlag nicht die Kinder, du bist doch der Aelteste", ließ das Bündel mit den Lebensmitteln fallen, klaubte es wieder auf, tastete die Tasche nachten 15 Rubeln ab und los ging's zum Bahnhof. Na, endlich, sprach Sure Freiberg zu sich, kannst du bis zum nächsten Morgen schlafen, du hast es — glaub ich — ehrlich verdient ... Am nächsten Morgen saß sie im Wartezimmer des Arztes. Im Schoß hielt sie das schlafende Kind, das in ein langes Tuch gehüllt war, und wartete nervös auf das Erscheinen des Arztes. „Bitte!" Mit einer tiefen Verbeugung betrat sie das Ordinationszimmer. „Mit dem Aug' ist etwas los, ich weiß nicht . . ." Der Arzt half der Mutter das Kind aus dem Tuch schälen, und indem er die Augen des Kindes öffnete, sagte er nach kurzer Untersuchung: „Hm, ich finde äußerlich nichts, merkwürdig!" Und plötzlich ein heiserer Schreckensschrei der Mutter: „Herr Doktor . .. Ich habe nicht das richtige ..« Kind ... mitgenommen!" # Wenn Gott von seinen Himmelshöhen auf die herbstlich feuchte Erde herabblicken könnte, würde er einen langen schwarzen Wurm dahinkriechen sehen... den Zug, in dem Sure Freiberg mit ihrem Sjomke nach Hause fährt. Sie fährt und denkt: „Mein Herz klopft so stark, daß alle Leute taub würden, wenn es platzte . . . und des Lebens würden sie. überdrüssig werden . . . Och, och, oha . . . Gott sieht alles, er weiß, wie mir zumute ist . . . Gott wird helfen . . ." KINDERPENSION ,AUSTRIA< OLGA KADISOH BAD VÖSLAÜ, SCHUBERTPLATZ 3 TELEPHON 141 Erstklassige Verpflegung, pädagogische Leitung, individuelle, liebevolle Behandlung, beste TQrfolgo bei schlecht essenden Kindern. Hofmeister, Kindergärtnerin. Mehrerin im Hause. Musik. Sport. Kein Masgenbetrieb. Ganzjährig

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