Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 651 (27.4.1937)
- Date
- 1937-04-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIB NEUE WELT Nr. 681 vom 27. Äpril 193T die mit Zionismus, Jüdischem Weltkongreß und ähn liehen Organisationen nichts zu tun haben wollen; die übrigen sind zionistisch gesinnt» allerdings mehr im philanthropischen und kutlurellen Sinne, weil für sie ein Auswanderungsbedürfnis nicht besteht. Trotz ihres zionistischen Bekenntnisses wird an ihrer Treue zum Staat nicht gezweifelt. Sie brachten — und sind auch weiterhin bereit — die größten Opfer für ihr Vaterland. Die Führung des jüdischen Lebens in Italien liegt in zionistischen Händen, schon deswegen, weil die anderen völligesDesinteressement an den Tag legen. Der Faschismus räumte dem jüdi sehen Gemeindeleben neue Freiheiten ein. Im Jahre 1930 wurde ein neues Gemeindegesetz erlassen, welches das seit 1857 existierende annullierte. Während es früher hieß, die Aufgabe der Gemeinde beziehe sich Vif die „Ausübung des Kultus und des Religionsunterrichtes", besagt das neue Gesetz: „Die jüdischen Gemeinden sorgen für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Juden nach dem jüdischen Gesetz und der jüdischen Tradition." Außer ftr den „Kultus und Religionsunterricht" haben sie auch zu sorgen für die „Förderung der jüdischen Kultur, die Verwaltung der jüdischen Hüfs- und Wohltätigkeitsinstitutionen oder die Institutionen jeder anderen Art". Der leider zu früh verstorbene Oberrabbiner von Rom, Dr. Sacerdotti, einer der bedeutendsten Vorkämpfer für das neue Gemeindegesetz von 1930, schreibt darüber in seinem Kommentar: „Es besteht kein Zweifel, daß nach dem neuen Gesetz die jüdische Gemeinde viel breitere und allgemeinere Aufgaben hat als in der Vergangenheit." Dr. Sacerdotti handelte auch demgemäßt. Er war es, der das italienische Judentum dem Gedanken, des Jüdischen Weltkongresses näherbrachte und sich persönlich an den Vorarbeiten des Weltkongresses beteiligte. Nun kehren wir zur „Regime Fascista" zurück. Sein Kommentar zu den Nürnberger Reden und die von ihm gezogene Parallele einer eventuellen Anwendung antisemitischer Ausnahmsgesetze auch in Itaien erregte gewisses Aufsehen. Die jüdischen Führer nahmen Stellung und vertraten, je nach ihrer Auffassung des Judentums, ihren Standpunkt. Hiebei ist der freundschaftliche Ton der Polemik charakteristisch und einzigartig. Farinacci wird von den jüdischen Führern mit „c a r o amico" und „caro Farinacci" angesprochen. Der Präsident .der jüdischen Gemeinde in Mailand, Jarach, erklärt, nachdem er festgestellt hat, daß es „dank der großen Intuition des Duce und dem Patriotismus der .italienischen Juden" ein Judenproblem nicht gibt, folgendes: „So wie es aber irriger Interpretationen wegen möglich ist, diese patriotische Tätigkeit der italienischen Juden in Zweifel zu ziehen, stehe ich Dir als Präsident der jüdischen Gemeinde in Mailand und im Namen zahlreicher Freunde, Vertreter verschiedener jüdischer Gemeinden, zur Verfügung, nicht um zu polemisieren, dies wäre auch zwecklos, da es sich doch um die Feststellung von Tatsachen handelt, sondern um Dir und denen, die ebenso wie Du ein ehrliches Gewissen haben, den Beweis der italienischen, faschistischen und ahtibolschewikischen Seele des italienischen Judentums zu liefern. In Italien zögern die Juden nicht, * an die erste Stelle ihres Herzens die Gefühle fürs Vaterland und die Ergebenheit dem gegenüber zu setzen, der sie vor den Gefahren der Unordnung und des sozialen Umsturzes rettete. Die italienischen Juden oder, besser gesagt, die jüdischen Italiener betrachten das Judentum als eine Religion und halten es gar nicht für möglich, die Religion mit einer politischen Aspiration zu verwechseln, welche nicht Hand in Hand mit den Idealen und Inter- Wü*d des großen gemeinsamen Vaterlandes Italien geht oder ihnen entgegengesetzt ist. Nach all dem, was ich Dir geschrieben habe, ist es absurd, zu glauben, daß die italienischen Juden mit ihren Religionsgenossen anderer Länder, welche, wo immer auch, an provokatorischen Bewegungen der Unordnung und sozialen Umstürzen teilnehmen, solidarisieren könnten." Diese Stellungnahme des Präsidenten Jarach findet die volle Anerkennung der „R. F.", und über Jarach wird auch gesagt, daß er ein „aufrichtiger Kamerad ist, ein Mann, der immer seine eigene Anhänglichkeit an das Regime bewiesen". Weniger Gefallen findet die „R. F." an der Zuschrift des (letztens verstorbenen) Präsidenten des Jüdischen Gemeindeverbandes, Feiice Ravenna. Adv. Ravenna weist die Beschuldigungen der „R. F." als unbegründet zurück und betont wieder einmal die absolute, außer Zweifel stehende Ergebenheit der Juden zum faschistischen Staat und die bekannte Tatasache, daß der Duce es niemals für nötig gefunden habe, Rassen- oder Religionsunterschiede in der lebendigen und geschlossenen Einheit des Volkes zu machen, da doch die italienischen Juden genau wie die anderen Bürger alle ihre Pflichten erfüllt haben. Was den Zionismus betrifft, ist nicht anzunehmen, daß man es den italienischen Juden übelnimmt, wenn sie ihr Interesse und ihre Hilfe dem Schicksal ihrer verfolgten Religionsgenossen widmen; dies erscheint um so.notwendiger, als doch nicht zu erwarten sei, daß dieses Interesse und diese Hilfe von anderer Seite kämen. Dieses Hilfswerk für die verfolgten Juden ist (mit diplomatl- «eher Anerkennung seitens Italiens), im Zionismus öffentlich und international organisiert, mit dem Ziel, den obdach- und heimatlosen Juden ein Asyl zu Sichern. Und weiter betreffend den 3 Ü d i s c h e n W e 11 kongreß in Genf: Der Hauptzweck dieses Kon gresses war es, Mittel und Wege zu suchen, um die Wachsende Plage des Antisemitismus zu bekämpfen; und es ist unwahrscheinlich, daß der Jüdische Gemeindeverband durch die mit der ausdrücklichen Genehmi gung der italienischen Regierung versehene Teilnahme an diesem Kongreß, über dessen Stellungnahme dortselbst später offiziell Bericht erstattet wurde, sich irgendwie gegen die Pflicht der vollen Loyalität und Ergebenheit Italien gegenüber vergangen hätte. Und Adv. Ravenna schließt: „Ge statten Sie mir, geehrter Herr Direktor, zum Schluß zu sagen, daß es für uns besonders peinlich ist, wenn man bei jeder Gelegenheit glaubt, von uns neue Er klarungen und neue Beweise unserer Loyalität und Treue Italien Und seinem Regime gegenüber fordern zu können, eine Forderung, die wir als schimpflich zu betrachten das Recht haben und die unser tiefstes italienisches Empfinden verletzt." Die „R. F." gibt sich mit dieser Zuschrift nicht zufrieden. Sie stellt fest, daß Ravenna im Namen der italienischen Juden und nicht der jüdischen Italiener spreche, und fährt fort: „Es stimmt wohl, daß der Duce bisnun nicht das Bedürfnis hatte, in Italien Rassen- oder Religionsunterschiede zu machen, aber es gibt einige italienische Juden, denen es daran gelegen ist, sich von den Italfenern anderer Religionen zu unterscheiden, indem sie an Aktionen zugunsten des Zionismus teilnehmen und sich an Zuammenkünften des Jüdischen Weltkongresses beteüigen. Für die anderen Italiener, Katholiken und Protestanten, gibt es bloß einen Staat und ein Parlament, aber für einige italienische Juden scheinen zwei Staaten und zwei Parlamente zu existieren." Die „R. F." fordert also den Abbruch jeden Kontakts mit den Juden im Ausland, weil sich diese politisch betätigen und „um sich davon zu überzeugen, daß diese internationale jüdische, Politik wesentlich umstürzlerischer Natur ist, genügt, sich die neue Geschichte Europas vor Augen zu führen: vom Monopol in der jüdischen Diktatur des bolschewikischen Rußland, bis zum erreichten Uebergewicht in der bolschewikischen Regierung Blums ist der umstürzierische Einfluß der Juden eine ganz evidente Ursache der gegenwärtigen Unordnung." Die „R. F." schließt die Polemik mit folgender Warnung: „Was wir sagen wollten, haben wir klar und offen getan; nicht nur das: wir haben auch den anderen gestattet, ihre Haltung klarzulegen. Wenn es nicht allen gelungen ist, unsere Haltung zu verstehen, um so schlimmer für sie. Wir möchten nicht, daß man eines Tages bereuen müßte, eine so großmütig angebotene Gelegenheit unbenützt gelassen zu haben. * Das heutige Italien gilt allgemein als nichtantisemitisch, ja es kann gewissermaßen sogar als judenfreundlich angesprochen werden. Den Juden in Italien geht es nicht schlecht, und auch den nach dem Umsturz in Deutschland hieher eingewanderten paar tausend Juden ist es meistens gelungen, sich einzuordnen. Es dürfte auch für die Zukunft, mit der Entwicklung des italienischen Imperiums, mit einer kleinen jüdischen (natürlich nur kapitalskräftigen) Einwanderung zu rechnen sein. All diese Juden sind an einem ruhigen Leben im Lande interessiert und, die antisemitischen Länder verlassend, möchten sie nun ihres Judentums wegen keinen Sonderverfolgungen ausgesetzt sein. Es entsteht die Frage: Ist in absehbarer Zeit mit einem auch nur leichten antisemitischen Kurs zu rechnen? Der Italiener ist gutmütig und unbedingt menschenfreundlich; vom Juden weiß er weiter nichts oder nur sehr wenig zu erzählen. Jeder Ausländer hat für ihn einen bestimmten Reiz, und er kennt bloß Oesterreicher, Polen, Engländer usw., keinesfalls aber „Juden", Würden wir hier nicht in einem Führerstaat leben, bestünde ganz bestimmt eine antisemitische Bewegung, wenn auch die jüdische Bevölkerung ganz minimal ist. Antisemitismus gehört nun heute einmal zum „guten Ton", und man vergesse nicht, daß Italien kein schlechter Boden für antisemitische Hetzereien wäre: Der Italiener ist gutmütig — aber auch leichtgläubig, menschenfreundlich — aber auch fanatisch, genügsam — aber auch arm. Leichtgläubigkeit, Fanatismus und Armut, was braucht man denn noch, um verschiedenen Blutmärchen Gehör zu schenken, um einen Sündenbock zu suchen und um ihn schließlich in dem von aller Welt hiezu erkorenen Juden zu finden? Es wäre jedoch unangebracht, mit einem praktischen Antisemitismus auch in Italien zu rechnen. Solange der Duce die Geschicke dieses Staates leitet, werden keine Rassen- oder Religionsunterschiede gemacht werden, denn „der Antisemitismus ist der Ideologie und Praxis des< Faschismus fremd", auch wenn hie und da judenfeindliche Bemerkungen zu lesen sind. Maßgebend ist einzig und allein der Wille des Regierungsschefs, der schön öfters und letztens auch in Trlpoli seine Sympathie für die Juden in Italien tadgab. P. N. Groß. Anffjudisdie Propaganda in der italienischen Presse wird unterbunden AUS Paris: Von der italienischen Botschaft in Paris wurde der Jüdischen Tele« graphen-Agentur erklärt, daß. der judenfeindlieh Ton, der von einigen Zeitungen in Italien angeschlagen wurde, nicht der Stimmung der italieni* sehen Regierung entspricht. In den italienisch-diplomatischen Kreisen von. Paris wird es unangenehm empfunden, daß die französische Presse jetzt beginnt, den judenfeindlichen Aeußerungen in italienischen Zeitungen be« sondere Aufmerksamkeit zu schenken. Man befürchtet, daß nun auch die englische und amerikanische Presse die antijüdische Propaganda in Italien zum Anlaß nehmen könnte, gegen die gegenwärtige Politik des Faschismus Front zu machen. Man hat deshalb den Auslandskorrespondenten zu verstehen gegeben, daß das italienische Ministerium für Presse und Propaganda in Zukunft die judenfeindliche Propaganda in einzelnen italienischen Zeitungen unterbinden werde. A* C. gegen Teilungspläne Aus Jerusalem: Vor Abschluß der Debatte über die politischen Exposes von Ben Gurion, Shertok und Nahum Goldmann schlug der Vorsitzende des A. C. Ussischkin den Text einer Resolution vor, in der gegen jeden Plan einer Teilung Palästinas, sei es in der Form der Schaffung eines jüdischen und eines arabischen Staates, sei es in der Form der Bildung von Kantonen oder in welcher anderen Form immer, in der schärfsten Weise protestiert wird. Zu der Resolution äußerten sich in der wiederaufgenommenen Debatte Ben Gurion, Rubaschow (Arbeiterpartei), Rabbi Goldbloom (Weltvereinigung -der Allgemeinen Zionisten), Rabbi Ber* lin (Misrachi), Dr. Schwarzbart (Weltverband der Allgemeinen Zionisten), Elijahn Berligne (Weltvereinigung) und Richard Lichtheim (Judenstaatspartei). Sämtliche Redner sprachen sich gegen jede Teilung des Landes und gegen jeden Versuch, die jüdischen Rechte in und auf Palästina und den Umfang des jüdischen Aufbauwerkes zu schmälern, aus. Hingegen rieten Ben Gurion, Rubaschow und Goldbloom von einer Abstimmung über die Resolution ab. Dieser. Ansicht schlössen sich nachträglich auch die übrigen Redner an. Nur der Juden* staatler Lichtheim setzte sich für die Abstimmung über die Ussischkin-Resolution und Annahme derselben ein. Ueber die Resolution wurde nicht abgestimmt. Baldwin über den Bericht der Königlichen Kommission. Aus London: In der Unterhaussitzung vom 20. April gab Premierminister Stanley Baldwin auf eine Anfrage bekannt, daß der Bericht der Königlichen Kommission voraussichtlich dem Parlament zugänglich gemacht werden wird, bevor die Regierung ihre Entscheidung trifft. Der Abgeordnete Geoffrey M a n d e r hatte vom Ministerpräsidenten die Zusicherung verlangt, daß der Bericht den Mitgliedern des Hauses früher zur Verfügung gestellt werden wird als allen sonsonstigen Körperschaften und Personen außerhalb der Regierung. Demgegenüber erklärte Baldwin, der Bericht werde, sobald er vorliegt, nicht nur den Mitgliedern des Kabinetts, sondern auch verschiedenen Beamten streng vertraulich zur Kenntnis gebracht werden müssen. Er könne aber, fügte der Ministerpräsident hinzu, dem Fragesteller versichern, daß der Bericht gepflogenheitsgemäß den Mitgliedern des Hauses sofort nach seiner Veröffentlichung überreicht werden wird. Auf die Frage des Abg. Williams, old Exemplare des Berichtes zur Verfügung stehen würden, bevor die Regierung zu einer endgültigen Stellungnahme gelangt sei, antwortete Baldwin: »Ich würde mich freuen, wenn diese Frage schriftlich angemeldet werden würde; ich glaube aber, daß die Antwort bejahend ist. Vielleicht hat der Abgeordnete die Freundlichkeit, später eine Anfrage einzubringen. Der Bericht wird nicht sofort veröffentlicht werden." Sympathie-Erklärung des arabisch* katholischen Bischofs Aus Jerusalem: Der arabische Bischof Mu* barrek, Oberhaupt der Katholisch-Maronitischen Kirche in Beiruth, der sich demnächst auf eine Europareise begibt, war der Redner bei einem Empfang, den die jüdische Gemeinde von Beiruth für den maronitischen Patriarchen Arida veranstaltete. Der Bischof erklärte, daß die Maroniten an den Leiden der Juden tiefen Anteil nehmen. Die Juden hätten nach Palästina Wohlstand und Kultur gebracht. Ihr Werk werde jedoch von Vandalen bedroht, die es zu zerstören versuchen. Seine Gemeinde verfolge mit lebhaftem Interesse die Tätigkeit der Zionisten in Palästina und wünsche ihren Bestrebungen vollen Erfolg. Der Veranstaltung wohnten führendekatholischeGeistliche und arabische Journalisten bei. Die Rede des Bischofs wird als eine öffentliche Erklärung der Sympathie der Republik Libanon mit dem Zionismus; angesehen. .(Palcor.),