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Die neue Welt · 1937-04-27 · Heft 651 (27.4.1937) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 651 (27.4.1937)
Date
1937-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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186 Preis 10 droschen Dienstag, den 97« April 1937 IU Iaht Mtl. Universität wrilUUf. V. b« b* Iii Verleger versende! xptdle par l'feditear" R E VU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGENi Oesterreich monatlich S 1.4U, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.--; Polen monatlich Zloty 1.80, vlerteHähri* Zloty 4.B0: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, viertel« Jährle Dinar 40 —: Bnxninlen monatlich Lei 60.-, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1—, vierteljährt« Mark 3 — Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.--s Schwei« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.60, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung t IX, Universitä*sstr. 8, Tel. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag RegalmaQigar Ralsedlanst dar „Ciarn. Allg. Ztg.* nach POLEN und CZERNOWITZ Nächste Abfahrten: 2.Mai und 13. Mai 1937 , Rückfahrt: 25. Mai Anmeldungen aussctilleQllch im Reisebüro ~ Rotanturmstr. 2«, R-24-2-80 87 ..Marlanbrücke", Kommentare Wien, 26. April. Die interessierte Welt hätte sich nach der venetianischen Reise des österreichischen Bundeskanzlers mit dem Kommunique begnügt, das den Inhalt und die Bedeutung der Gespräche mit Mussolini umriß, würde nioht der als vorlaut und eigenwillig bekannte Chefredakteur des „Giornale d'Italia'', Virginio G a y d a, seine privaten Wünsche an diese Gespräche geknüpft haben. Die Bilanz der Unterredungen der beiden Regierungschefs ließ, wenn man die Entwicklung der österreichisch-italienischen Freundschaft verfolgte, keine Ueberraschung zu. Experimente von irgend einer Seite konnten nicht erwartet werden, da der außenpolitische Kurs durch vorhergegangene und längst bewährte Vereinbarungen festgelegt war, Gaydas Extratour erfolgte in;den Stunden vor der Abreise Dr. Schuschniggs, und obwohl man schon einigemal ./im „Giornale d'Italia" ' Sensationen in bezug auf Oesterreich lesen konnte, erfolgte diesmal das Echo des. Gayda-Kommentars zur; Kanzler . Stellung nehmen rmiißte,. und zwar ui der'Weise,' daß das offizielle Kommunique durch eine Erklärung ergänzt wurde : das Prinzip der Unabhängigkeit Oester.reichs habe weiter Geltung b e ha 11 e n u n d Italien h abe nieiha ls eine Einmengung in innerösterreichische Verhältnisse versucht. ' Signpre Gayda hatte nämlich in seinem Blatte erklärt, daß nunmehr N a t i o n a 1 s o z i a 1 i s t e n in die österreichische Regierung aufgenommen würden, und zwar auf Wünsch des italienischen Regierungschefs, der die Bindung Oesterreichs ah die Achse Rom- Berlin damit betont wissen wollte. ' Die Widerlegung dieser Behauptung erfolgte im Nu. Es war, hieß es im Kommentar, des Bundeskanzlers, niemals die Berufung eines N a t i o n a 1 s o z i a 1 i s t e n geplant, vielmehr bestand seit jeher das Bemühen, einen Vertreter des „ri a t i o n a 1 e n" Lagers heranzuziehen. Die Differenzierung von „nationalsozialistisch" und „national", bzw. „betont national" ist den Massen der Zeitungsleser nicht sehr geläufig. In den zahlreichen Ausführungen und Polemiken der Presse wurde oft genug der Verdacht geäußert, daß die sogenannten betont nationalen Kreise nur eine' begriffliche, aber nicht' inhaltliche Umschreibung für ~~ nationalsozialistische Kreise bedeuten und daher Vorsicht am Plätze sei.; Nicht nur. die Juden waren besorgt, insbesondere die einflußreiche, das neue Oesterreich'vertretende k a t h oliäche Presse wehrte sich gegen dieses Namen-: spiel und konnte mit Recht darauf hinweisen, daß in einem §taatr mit deutsch-christlichern Kurs die Betonung nationaler Belange keinen Sinn habe. Wenn trotzdem plötzlich von Persönlichkeiten aus dem nationalen Lager die Rede ist, so kann dies beim durchschnittlichen Zeitungsleser, nur Zweifel erwecken- Die Nervosität entstand zunächst durch den Passus ^es.V^nedlgrKpmniiuniques, worin es hieß, daß ohne Deutschland keine wirtschaf^politischen Aktionen im Donauraum möglich seien; weiters durch die Betonung der Achse Berlin — Rom,, worunter sich die wenigsten et was, Bestimmtes vorstellen können; schließlich durch die Kommentare der Weltpresse, von denen der eine Teil behauptete, Oesterreich sei zum O.bjekt der deutsch-italienischen Freundschaft geworden und daher in seinen eigenen Entschlüssen be-. engt, während der andere Teil von Oesterreich Widerstand gegen gefährliche-Bindungen verlangte. Die Sprache der Diplomatie ging mit den Empfindungen der österreichischen Zeitungsleser nicht konform. Diese dachten im ersten Ueberraschungsaugenblick nicht daran, daß Taten und nicht Kommuniques Gegen ■ ■ ■ . Gegen Kranke!... Gegen Greise! Die Jüdische Telegraphen-Agentur meldet aus Berlin: Am dritten Tage nach Bekanntgabe der Auflösung der 103 Bne-Brith-Logen in Deutschland und der Beschlagnahme ihres Vermögens schritt die Gestapo zur Besitzergreifung der Bne Brith-Gebäude, in denen die Krankenanstalten, Greisenasyle und Kinderheime untergebracht waren. Viele hunderte jüdische Greise, Kranke und Kinder wurden aus den Heimen getrieben und sind ohneObdach. Die jüdischen Gemeinden stehen der neuen Lage hilflos gegenüber, da sie selbst über keine Räumlichkeiten verfügen, um die Hinausgetriebenen unterzubringen. Beamte der Jüdischen Gemeinde Berlin sind ununterbrochen auf der Suche nach Möglichkeiten der Unterbringung der obdachlosen etwa 2 00 Greise der Berliner Altersheime der Bne Brith. Die meisten dieser Greise waren einst wohlhabende Bürger und hatten die, Reste ihres Vermögens, oft viele tausende Mark, den Bne-Brith-Logen eingehändigt gegen die kontraktliche Verpflichtung, daß für ihr Lebensende gesorgt werden wird. Die Beschlagnahme des Bne-Brith-Eigentums erfolgte gleichzeitig in Berlin, Dresden, Köln, Dortmund, Nürnberg und in anderen Städten Deutschlands. In gewissen Teilen Bayerns waren die Bne-Brith-Institutionen bereits vor zwei Jahren durch die Gestapo liquidiert worden. Verhaftet wurden im ganzen Reiche 10 5 führende Mitglieder der Bne Brith. Die meisten wurden wieder in Freiheit gesetzt, unter ihnen der Großpräsident Rabbiner Dr. Leo Baeck. Eine Reihe Bne-Brith-Funküonäre der Provinzlogen ist noch in Haft. In den jüdischen Kreisen Deutschlands herrscht die große Befürchtung, daß dieser umfassenden Liquidation jüdischer sozialer, kultureller und philanthropischer Institutionen weit er e f o 1 g en wer den. Wie die Lage sich weiter gestalten wird, läßt sich nicht voraussehen. Man hat nur die eine Empfindung: Entsetzen. Die. verarmten jüdischen Gemeinden sind durchaus nicht in.der Lage, für die aufgelösten Bne-Britli-Institutionen auch nur annähernd einen Ersatz zu schaffen. Eigene Gebäude stehen ihnen nicht 1 zur. iVerfügung, die auch nur mLe t w.eile Ueberllassung von Gebäuden . an jüdisidu^^jjas.tltutiiQnen c ist .untersagt. . . '"''" — --' .-. Die beschlagnahmten Bhe-Brith-Gebäude pflegten ihre Gemeinschaftsräume für jüdische öffentliche Veranstaltung en und V e r s a m m 1 u n gen zur Verfügung zu stellen. Selbst wenn in absehbarer Zeit das Verbot jüdischer Versammlungen und Veranstaltungen aufgehoben werden sollte, wird es an Versammlungssälen fehlen, da andere als jüdische Gebäude für keinerlei jüdische Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden dürfen. Antisemitismus auch in Italien t Von unserem römischen Korrespondenten. Rom, 22. April. Es war bis vor kurzem üblich, Italien als ein Land hinzustellen, dem der Antisemitismus fremd ist, als eine Insel in Europa, die von der „Judenfrage" nicht berührt wird. Es hat sich erwiesen, daß dem nicht so ist,, zumindest in der Theorie. In Italien ist der Antisemitismus existent, aber — glücklicherweise und im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern nicht in der Praxis, sondern bloß in der Diskussion. '". In Rom erscheint eine Tageszeitung „II Tey er e'', welche ausgesprochen antisemitischen Charakter trägt und deren beliebteste Nachrichtenquelle der berüchtigte „Weltäienst" des vom Berner Prozeß her bekannten Obersten F leischhauer ist. Ein von: der „Tevere" herausgegebenes Wochenblatt „Quä-; drivio" hat es in seiner letzten Nummer sogar für „nützlich" gefunden, die Familiennamen der in Italien wohnenden Juden bekanntzugeben. Wir wissen allzu gut, wonach das riecht ... Eine dritte, zweimal wpcfrtenlich erscheinende und im Volke stark verbreitete humoristische Zeitschrift, „MarcAu re 1 i o", tut entscheidend sind. Die Besorgnis über die nächsten Wege der österreichischen Politik erfaßte nicht weniger die j ü d i s c h e n S t a a t s b ü r g e r, als sie lasen, daß an der Regierung auch Nationalsozialisten teilnehmen würden. Nach all dem, was der Nationalsozialismus im Dritten Reich den Juden antat, war die jüdische Nervosität begründet, gar im Zusammenhang mit den antisemitischen Tönen, die in letzter Zeit auch von verantwortlichen Faktoren in Stadt und Land zu vernehmen sind. Prognosen haben nur zweifelhaften Wert. Sie Werden allzu leicht durch Tatsachen widerlegt und überholt, Man muß abwarten, wie sich die Politik Oesterreichs . an der Achse Berlin—Rom in Zukunft entwickeln wird. io, r. ebenfalls gern im Antisemitisums. Es erscheinen hier oft Witze und Artikelchen, die sehr gut ihren' Platz in den Presseerzeugnissen des heutigen Deutschland einnehmen könnten. Besondere Beachtung verdient aber die in C r e m o n a erscheinende „Regime F aseist a", die wegen der hervorragenden Bedeutung ihres Chefredakteurs besonders ernst zu nehmenist. Roberto Farinacci, der schon bei der Entstehung des Faschismus zu den engeren Mitarbeitern Mussolinis gehörte, hat sich um diese Bewegung große Verdienste erworben. Er war bereits Generalsekretär der Faschistischen Partei und gehört heute dem Obersten Faschistenrat an. In bezug auf die Judenfrage weicht Farinacci insofern von seinen Parteikollegen ab, als er mehr oder weniger dem Antisemitismus zuneigt. Eine vor mehreren Monaten in dieser Zeitung erschienene Polemik wirft ein Licht auf die pn> und kontra jüdischen Anschauungen. Im Anschluß an die antisemitischen Reden von Goebbels und Rosenberg auf dem Nürnberger Kongreß der nationalsozialistischen Partei rollte die „Regime Fascista" wieder einmal das Judenproblem auf und forderte die Juden Italiens auf, ihre Vertreter vom Jüdisch en W eltkongreß zurückzuziehen und die Beziehungen mit den Juden außerhalb Italiens aufzugeben. „Wir wollten" — schreibt die „R, F," -r~ „dem „Jüdischen Gemeindeverband Italiens" eine günstige Gelegenheit geben, klarzulegen, daß die italienischen Juden mit der jüdischen Internationale nichts gemein haben und daß sie die Geschehnisse in Rußland, Spanien und Frankreich bedauern." Die „R. F." glaubt auch nicht an den vollen Patriotismus der Zionisten in Italien, nimmt daher gegen sie und ihr Organ „Israel" („dessen Feldzug zugunsten der Zionisten wir noch nicht vergessen haben", schreibt „R. F.")J Stellung. Zum Verständnis der Situation sei folgendes gesagt. Die rund 60.000 Juden Italiens sind in ihrer Mehrheit assimiliert^ d. h. „Italiener jüdischen Glaubens14,

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