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Die neue Welt · 1937-04-23 · Heft 650 (23.4.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 650 (23.4.1937)
Date
1937-04-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 650 vom 23. April 1Ö37 Jta$ Bemee, ein müomUs fest Von Rabb. Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Seit einigen Jahren bin ich bemüht, alles auf Lag Beomer Bezügliche zu sammeln und zu sichten, und beschäftige mich mit der Deutung dieses Festes nicht erst in den Tagen der Sefirah, sondern buchstäblich das ganze Jahr; während man im allgemeinen erst vom zweiten Pessachabend an Omer zu zählen beginnt, zähle ich die Zeit von Lag Beomer bis Lag Beome/, immer etwas Neues zulernend. Welcher Lektüre auch immer ich mich hingebe, schweben vor meinen Augen die Zahlen 33, 18 (Ijar) und das Wörtchen „Lag". Seit dem letzten Lag Beomer ist es mir gelungen, weiteres ausfindig zu machen. Neben Agnon schildert Schülern Alechem in seiner Erzählung „Lag Beomer" die richtige Festesstimmung. Im Hof eines Kameraden kommen Knaben verschiedener Chedarim zusammen. Sie haben Kuchen, Eier, Früchte und auch Geld mitgebracht — der eine viel, der andere wenig. Damit veranstalten sie eine große Suda, die von einer äußerst gelungenen, possenreißerischen Kiddusch-Parodie eingeleitet wird. Lag Beomer, das uns in den Ländern der Galuth hauptsächlich als ein Fest der Kinder erscheint, ist im Grunde ein nationales Fest, denn R. Akiba und sein Schüler R. Simon standen beide im Vordergrund des Kampfes gegen Rom, des Kampfes für das Judentum. Daran soll das Bogenspiel erinnern. Aber in diesem Bogenspiel geht es nicht etwa nur um knabenhaftes Kriegsspiel, nicht um eine politische Reminiszenz, sondern um die Symbolisierung eines Vorganges, der im Bogen seinen Ausdruck findet : Das Buch S o h a r, das der Sage nach auf R. Simon zurückgeht, enthält nämlich den Ausspruch, daß vor dem Erscheinen des Messias ein Regenbogen in bunten Farben aufleuchten werde. Derart also kommt das Spiel mit dem Bogen einem Gebet um das Erscheinen des Messias gleich. Das Bogenspiel bringt man auch in Zusammenhang mit der angeblichen Beziehung Simon ben Jochais zum Regenbogen: 1. In seiner Jugend haßte er den Regenbogen, weil er ihn an die Sünden der Sintflut-Generation erinnerte. In seinem Alter aber erkannte er die wohltätige Wirkung dieses Naturphänomens. Eine andere Fassung: Als Rabbi Simon starb, wurde die Quelle vor seiner Höhle zu einer Wolke, und damals sah man zum erstenmal nach 26 Jahren den Regenbogen, 2. In b. Ketuwoth 77 b sowie in Jeruschalmi Brachoth und in zahlreichen Midrasch-Quellen bezeichnet R. Simon es als das Kennzeichen einer großen Persönlichkeit, daß sich in ihren Tagen das Bundeszeichen des Regenbogens nicht zeigt. Denn der Gerechte erhält die Welt durch sein Verdienst, so daß sie einer Mahnung an die Sintflut oder an die Gnade des Bundes nicht bedarf. An diese tiefe Symbolik erinnert das Bogenschießen der Jugend. Wahrhaft ein tiefer Sinn im kindlichen Spiel! Das läßt erkennen, wie sich geistige Werte in der Völkssitte vererben. R. Simon b. L u r j a gibt als Erster an, daß die Kabbalisten den 18. Ijar (33. Omer) für den Todestag Simon b. Jochais halten. Nach der kabbalistischen Lehre ist der Tod nicht als Anlaß zur Trauer, sondern als Aufstieg in eine höhere Sphäre aufzufassen. Der Todestag gilt daher als Freudentag und dementsprechend feiern die Kabbalisten den Tod des Rabbi Simon ben Jochai. Er selbst war heiter am- Tag seines Todes und deklarierte ihn als Freudentag (vgl. Sohar „Adra Sutta" zu Haasinu). * Lag Beomer ist der Tag, an dem das Massensterben der Schüler R. Akibas aufhörte, gleichzeitig aber ist er als Tag der Weihe (Autorisation) der am Leben gebliebenen fünf großen Schüler, von denen Rabbi Simon b. Jochai der bedeutendste war, für immer denkwürdig. Am Tage des Lag Beomer herrscht im Oberen Galil folgende Sitte: Man führt Kinder, die drei Jahre alt geworden sind, zum Grab Simon b. Jochais. Hier vollziehen alte fromme Leute an ihnen die „C h a 1 a k a h" — d. h. sie schneiden ihnen die Haare. Die abgeschnittenen Haare werden auf eine Waage gelegt und mit silbernen Münzen gewogen. Das Geld wird dann an arme Leute verteilt. Wer erinnert sich da nicht an die Opferung Isaaks, wenn er die kleinen Kinder mit ihren geschlossenen Augen sieht, angetan in feiertägige Kleider, getragen von den Händen ihrer Väter oder Mütter?! Schon streckt man das Messer nach ihrem Kopfe aus; aber nur das Haar fällt und ihre Seele wird durch Almosen ausgelöst, so wie einst, statt Jizchaks ein Widder geopfert wurde. -* Ein großer Teil der polnischen JudenJheit feiert am Lag Beomer den Todestag des bekannten Lehrers und Meister R. Moses Isseries (R M A), der auf dem alten Friedhof in Krakau begraben liegt. Dieser berühmte Glossator des „Schulchan Aruch", der im 16. Jahrhundert in Krakau lebte, soll 33 Bücher verfaßt haben und am 33. Tage der Sefirah dort im Alter von 33 Jahren gestorben sein. 33 Tugenden sagte man ihm nach. Viele Tausende von Frommen und Gläubigen besuchen an diesem Tage das Grab des „BMA", wo sie in Andacht und Gebet lange Zeit ver* bleiben. Die Zahl 33 ist gewählt, damit durch Heranziehung der 7 Tage Pessach die auch sonst mannigfach bedeutsame Zahl 40 gewonnen werde. •X Lag Beomer führt auch den Namen „Hillula derabbi Schimon bar Jochai" (Hochzeitsfest des Rabbi Simon Sohn Jochais). Da das Verdienstliche im Hochzeitshause im Absingen von Liedern zur Belustigung der Brautleute besteht, weist das jüdische Gesangsbuch zwei Lieder auf, die zu Lag Beomer am Grabe Simon b. Jochais gesungen werden. Die Alten singen: „Bar Jochai, bar Jochai, bar Jochai, heil dir. Mit gutem Oel, mit Oel der Freude wurdest du gesalbt, vor allen deinen Freunden. Bauen wird Galil der höchste Gott, der sich der Elenden und Armen erbarmet, wegen des Verdienstes Rabbi Simons bar Jochais in Meron." Die Jungen aber singen: „Wer wird Galil bauen? — Der Chaluz wird Galil bauen! Der Chaluz für Galil, Galil für den Chaluz. Bau Galil, bau! Der Chaluz wird Galil bauen." Diese Lieder sind heute bei der neuen „Hagalila"- Aktion von besonders aktueller Bedeutung. Im vorigen Jahr beweinten wir nicht nur die Toten, die Schüler R. Akibas, die vor zweitausend Jahren auf dem Berge Zion gefallen sind, sondern auch die neuen Opfer, die in Jaffa, Haifa und Jerusalem fielen. In den stürmischen Maitagen ließ sich die Jugend trotz des Polizeiverbotes und trotz des Ersuchens des Waad Leumi, auf die gegenwärtige Lage Rücksicht zu nehmen, nicht abhalten, Feuergarben zu Ehren des „Hillula" zu entfachen. Der Polizei blieb nichts anderes übrig, als mit Hilfe der Feuerwehr die Flamme sofort zu vernichten. (Der armen jüdischen Bevölkerung von Safed wurde durch die Verschiebung der Volksfeste in Meron, durch die Unterbrechung des Touristen-, Besucher- und * Ausflüglerstromes zu den heiligen Gräbern ein Schaden' von'zirka 6000 Pfund zugefügt. Diese Summe strömte Jahr für Jahr nach Safed an den Festtagen in Meron.) Der traditionelle Besuch am Grab Simon Hazadiks in Jerusalem fand ebenfalls nicht statt. Auch in Polen wurden die herkömmlichen Prozessionen nicht abgehalten. Die Uebung des Brauches unterließ man, um Zusammenstöße mit den Hooligans zu vermeiden, - die die Jugend und die Schulkinder überfallen wollten. # Am Lag Beomer verbringen die Kinder in Palästina den Tag im Wäldchen, jedes Kind mit der Schaufel bei dem Baum, den es am 15. Schwat (Chamischa Assar) gepflanzt hat, und benennen die Bäume nach den Namen der Großen des Judentums und der Frommen der anderen Völker. Am Chamischa Assar haben die Bäume Geburtstag und drei Monate später, am Lag Beomer, erhalten sie ihren Namen. An . diesem Tage stellt sich die Jugend auch dem Keren Kajemeth zur Verfügung. Dieser Tag ist ein öffentlicher Sammeltag für den Jüdischen Nationalfonds. In der Liturgie hat der Lag b'Ömer insofern Berücksichtigung gefunden, als an ihm kein Tachanun (Bußgebet) gesagt wird. Man lernt einen Abschnitt aus dem heiligen Sohar und andere geziemende Lesestücke. — Die Sefirah, in die Lag Beomer fällt, führt den Namen Hod scheba hod (Pracht in der Pracht). In manchen Synagogen der Gola zündet man Lichter an. Die Blutgruppen der Juden In der von Dr. med. 5. Wulman redigierten, in Warschau erscheinenden Zeitschrift „Soziale Medizin", berichtet Dr. Julius Brutzkus (Paris) über den Stand der Untersuchungen, betreffend die Blutgruppen bei Juden der verschiedenen Länder. Er bringt eine Tabelle dieser Blutgruppen, aus der zu ersehen ist: Der Unterschied zwischen den Blutgruppen der osteuropäischen und der westeuropäischen Juden ist ein minimaler, der Index ist bei beiden viel höher als 1,5. Die ost- und die westeuropäischen Juden gehören demnach dem europäischen Zwischentyp an. Die Blutgruppenuntersuchung hat sogar erwiesen, daß die Berliner Juden in einem weit höheren Maße Europäer sind als die Berliner Deutschen, die meist slawischer Abstammung sind und darum zu einem höheren Prozentsatz der Gruppe A/B angehören. Im Jahre 1925 haben die Rassisten in Berlin eine Gesellschaft für Biutforschung gegründet, sie sahen sich aber genötigt, sie bald wieder aufzulösen, nachdem die ersten Resultate den Wahnsinn des Rassismus erwiesen haben. Die russischen Juden unterscheiden sich nicht wesentlich von den deutschen Juden, ihr Durchschnittsindex Ist 1,92, der Index der Russen beträgt 1,50, der der Ungarn 1,62. Den russischen Juden nahe sind die grusinischen Juden, die, obwohl sie seit 2000 Jahren vom übrigen Judentum ganz abgesondert leben, dennoch fast den gleichen Blutindex haben, nämlich 1,83. Nach dem prozentuellen Blutbestand unterscheiden sie sich wenig von den sephardischen Juden Nordafrikas oder den Juden auf dem Balkan. Vergleicht man aber die Blutgruppe der grusinischen Juden mit jener der nichtjüdischen grusinischen ANNY KATZ-TAUSSKY: „Sitzendes Mädchen" Ausstellung. In der „Jüdischen KuHurstelle", I.. Franz- Joaefs-Kai 3, -wird Samstag, den 24. April, 7 Uhr abends (nach Sabbatausgang), eine Ausstellung graphischer Werke (Bleistift-, Rötel-, Kreidezeichnungen und Heliographien) der Malerin Anny Katz-Taussky eröffnet und ist bis zum 8. Mal für das Publikum frei zugänglich. Stämme, so stellt man sofort einen großen Unterschied fest. Das beweist, daß die grusinischen Juden Semiten und nicht judalslerte Grusinier sind. Zu ganz anderen Resultaten kommt man bei den Untersuchungen, die an zahlreichen eingeborenen Juden in der Krim und in Buchara gemacht wurden. Bei diesen ist der Prozentsatz der Gruppe B weit höher als bei den anderen Judengruppen und erreicht 25 bis 32 Prozent. Der Index fällt auf 1,04 bei den Krim-Juden, auf 1,10 bei den Buchara-Juden und auf 1,14 bei den Karaimen. Die Juden , von Buchara gehören derselben Blutgruppe an, wie ihre Nachbarn, die Usbeken und Kirgisen. Die tartarisch sprechenden Krim-Juden stehen ihrer Blutgruppe nach den türkischen Völkern näher als den Karaimen. Man glaubt darum, daß die Krim-Juden viel mehr Chasarenblut geerbt haben, als die aus Kon3tantinopel und Persien eingewanderten Karaimen. Die echt mongolische Blutzusammensetzung der Juden Bucharas ist wahrscheinlich auf eine Mischung mit Zugewanderten aus der vormohamoiedanischen Zeit zurückzuführen. Nicht erforscht wurde bisher die Blutzusammensetzung der Daghestaner Bergjuden; man könne aber auf Grund ihrer Geschichte annehmen, daß ihre Blutzusammensetzung der der Chasaren verwandt ist. 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