Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 650 (23.4.1937)
- Date
- 1937-04-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 650 vom 23. April 1937 DIE NEUE WELT I Hill III ■ üm I Iii Ii Ii Hl I HWMHitt Seite 7 Südamerika als Ei'nwanderungsland für Juden Der Anteil der jüdischen Bevölkerung — Auswanderung aus Deutschland — Wer hat Aussichten? — Die Wanderung geht weiter In der Berliner „C.-V.-Zcitung" gibt Dr. Bruno Weil die Eindrücke seiner Reise wieder, die ihn unter anderem nach Südamerika geführt hat, und teilt zum Schluß eine Reihe von Tatsachen bezüglich der jüdischen Einwanderungsmöglichkeiten mit. Wir geben Im nachstehenden einzelne Teile seiner Aufsätze wieder. Das Judentum in Südamerika hat eine Geschichte hinter sich, die in dem gleichen Augenblick beginnt, in dem die spanischen Eroberer . und die portugiesischen Entdecker der Weltkarte den amerikanischen Erdteil einverleibt haben. Diese jüdischsüdamerikanische Frühgeschichte beschäftigt gerade in letzter Zeit Juden und Nichtjuden. Das Judentum in seiner jetzigen Form ist verhältnismäßig jung; wie sich schon aus der im ganzen nur vierhundertjährigen Geschichte seit der Entstehung ergibt, viel jünger als die verschiedenen jüdischen Gemeinschaften in Europa. Zum erheblichen Teil handelt es sich sogar um eine Einwanderung des letzten halben Jahrhunderts, die in verschiedenen Wellen gekommen ist. Die Zahlen stellen zum Teil nur Schätzungen dar. Nur für Argentinien liegt die ausgezeichnete Arbeit des Direktors der I. C. A„ Simon Weil, vor, deren Weiterführung angesichts der genauen Aufzeichnungen, die die Hilfsorganisationen über die Zuwanderung machen, keine Schwierigkeiten macht. Danach kann die Zahl der jetzt in Argentinien lebenden Juden mit 260.000 angenommen werden. Es folgt das räumlich um so viel größere Brasilien, dessen jüdische Bevölkerung heute zwischen 55.000 und 60.000 beträgt. Dem Prozentsatz nach ist die jüdische Einwohnerzahl etwas höher in Uruguay, das 30.000 Juden zählt. Die drei Länder an der atlantischen Küste bergen mit etwa 350.000 Juden den ganz überwiegenden Anteil der jüdischen Bevölkerung in sich. Die Länder an der entgegengesetzten, westlichen Seite treten demgegenüber ganz zurück. Chile mag 15.000, Peru 1500, Ecuador 750, Co 1 um b i e n höchstens 2500, Bolivien noch nicht einmal 100 Juden haben. Das ergibt für die •von uns besuchten Länder 350.000 in den drei östlichen und rund 20.000 in den übrigen Ländern. Nicht besucht haben wir Paraguay, dessen jüdische Einwohnerzahl man mit 1200 angibt. Die Regierung von Paraguay hat Zugewanderte ausgewiesen; viele, sind auchfreiwillig abgewandert, weil sie in dem Lande eine Existenz nicht finden konnten. Venezuela zählt etwa 1000 Juden. Die südamerikanischen Republiken erreichen also insgesamt nicht einmal 375.000 Juden. Ihre Gesamtbevölkerung mag um 90 Millionen liegen. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung beträgt also wenig mehr als ein Drittel Prozent. Es interessieren natürlich in diesem Zusammenhang besonders die Einwanderungsziffern aus Deutschland seit 1933. Nach den mir von den örtlichen Komitees gegebenen Zahlen hat Südamerika mit 21.000 Einwanderern etwa 20 Prozent der Gesamteinwanderung aus Deutschland aufgenommen. Das ist ein überraschend hoher Prozentsatz. Die nordamerikanischen Ziffern bleiben weit zurück, auch kein europäisches Land hat heute eine so große Zahl; von jüdischen Auswanderern aus Deutschland. Nur Palästina übertrifft noch erheblich Südamerika. Dr. Bruno Weil umreißt die Grundlagen der Wirtschaft in Südamerika und kommt zu dem Schluß, daß diese Grundlagen fast überall zu einseitig, häufig aucli zu schwach sind. Die Aussichten für die f r e i e n Berufe sind nicht sehr günstig. Das güt besonders für A e r z t e. Ingenieure und Techniker können eher Verwendung finden. Am schlimmsten ist die Lage der Juristen. Eine erfreuliche Ausnahme ist es, wenn ein Mann wie Dr. Mauritio Hochschild einigen Dutzend junger Juristen Arbeit und ausreichende Verdienstmöglichkeit gegeben hat. Im allgemeinen muß der Jürist eine völlige Berufsumstellung vornehmen. ,,L'eute mit Geld" sind in den kapitalsarmen Ländern willkommen. Der Umstand, daß so viele Einwanderer untergebracht werden konnten, ist der ansteigenden Konjunktur in allen Ländern Südamerikas zu danken. Es herrscht überall das Empfinden, daß die große Krise der letzten sechs Jahre überwunden ist. In allen Staaten wird der landwirtschaftlichen Einwanderung keine Schwierigkeit gemacht. Die J. C. A. hat ihr großes Werk bisher auf Argentinien und Brasilien beschränkt; es besteht aber die Notwendigkeit, daß auch die Länder an der pazifischen Küste in den Kreis jüdischer landwirtschaftlicher Siedlung gezogen werden. Handwerker und qualifizierte Industriearbeiter sind in allen Ländern willkommen. Die weitere Einwanderung ist in vielen Staaten davon abhängig, - daß sie nicht auf die großen Städte beschränkt bleibt. Ausschlaggebend ist das Vorhandensein von Familienangehörigen. Es herrscht im allgemeinen Toleranz. Die Lebensformen sind von einer angenehmen Demokratie. Alles ist leichtbeschwingt, großzügig, frei von ererbten und erworbenen Vorurteilen. Viele ausgewanderte Juden klagten, daß es ihnen unmöglich sei, für ihre religiösen Bedürfnisse Befriedigung zu finden; die Bildung von Gemeinden ist vielfach noch nicht in Angriff genommen, andere sind finanziell so schwach, daß sie nicht einen Rabbiner anstellen können. Auf;einer jüngst abgehaltenen Tagung des Völkerbundatisschusses, die sich mit der Frage der Einwanderung nach Südamerika beschäftigte, ist von südamerikanischer Seite zum Ausdruck gebrächt worden, daß es notwendig sei, finanzielle Mittel für eine solche Wanderung bereitzustellen. Eine Reihe jüdischer Organisationen beschäftigt sich mit der Aufbringung der erforderlichen Mittel. Es ist wahrscheinlich, daß in naher Zeit weit größere Massen, ais sie aus Deutschland ausgewandert sind, in Bewegung geraten werden. Der Appell an die Opferwilligkeit der jüdischen Kreise, die zu helfen in der Lage sind, wird nicht aufhören, sondern eher dringender werden. Es besteht Wehig Aussicht, daß in den nächsten Jahren die jüdische Wanderbewegung abnimmt. Vieles spricht leider für eine V e r m e h t u ngderEmigration. Was insbesondere die Auswanderung aus Deutschland angeht, so kommt es hier nicht auf die grundsätzliche Auffassung der Dinge an. Es ist bei unserer gänzen Betrachtung von der Notwendigkeit der Fortsetzung der Auswanderung aus Deutschland ausgegangen worden. Nimmt man diese Voraussetzung als gegeben an, so ist Südamerika bestimmt, eine nicht unwichtige Rolle zu spielen. '• * ' •; . Aus aller Weif Erhöhung der Einwariderungskaution für Kuba Aus Havanna (J. T. A.): Die Kaution, die Einwanderer zu hinterlegen nahen, damit verhindert werde, daß sie der Öffentlichkeit zur Last fallen, ist von 3 0 0 auf 500 Dollar erhöht worden. Ferner wird die Kaution in Zukunft vollständig bar hinterlegt werden müssen, während bisher" für die Hälfte des Betrages Schuldscheine zulässig waren. . Aufenthaltserlaubnis in Südafrika wird nicht erteilt;..Aus K a p a.t ä dt:,, yDie;. südafrikanische .Buhdesregierung hat neue Bestimmungen für die Zulassung von Ausländem erlassen. Ausländern, die die Reise nach Südafrika, nach dem. 31. März angetreten haben, wird nach ihrem .Eintreffen auch die Erlaubnis zu vorüberg eh e nd e m, Aufenthalt nicht mehr e r t e il.t. Künftighin müssen Ausländer sich die Genehmigung zum Betreten südafrikanischen Gebietes' schon vor der Abreise beschaffen.; Diese neuen Bestimmungen stellen eine Durchführungsverordnung zu dem neuen Einwanderungsgesetz;dar, das bekanntlich die Regelung der gesamten Einwanderung einem eigenen, Einwanderungs-Ausschuß (Im- -migrants' Selection Board) übertragen hat. Die spauiolische Sprache in der Türkei nicht verboten Aus Istanbul: Die vor kurzem von den „Times" veröffentlichte Nachricht, daß der Gebrauch fremder Sprachen in der Türkei verboten und Verstöße dagegen bestraft werden vsolleh, wird von der türkischen Presse, insbesondere von dem halboffiziellen „Tan", entschieden in Abrede gestellt. „Tan" erklärt, das Innenministerium habe nicht nur keine derartige Anordnung getroffen, sondern vielmehr die Gouverneure aller Provinzen angewiesen, eine derartige Maßnahme nicht in Betracht zu ziehen. Die Verhängung von Strafen wegen des Gebrauchs einer nichttürkischen Sprache wäre, so erklärt das Blatt, durchaus gesetzwidrig. Die türkischen Zeitungen wenden sich besonders dagegen, daß .durch den Bericht des englischen Blattes der Eindruck erweckt wird, als ob von den türkischen Behörden beabsichtigt werde, Juden, Griechen und Armeniern Härten zuzufügen. In einem Lande, schreibt „Tan", in dem alle den Gesetzen gehorsamen Bürger ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens gleiche Rechte genießen, kann von einer solchen Verordnung keine Rede sein. Richtig ist es, daß unter den Juden eine Bewegung für den allgemeinen Gebrauch der türkischen Sprache im öffentlichen Leben entstanden ist, doch geschah dies zum Teil auf eigene Initiative der Juden, Sprachenstreit um die „Jüdische Stunde" des ägyptischen Rundfunks Aus Kairo (J. T. A.): Seit vier Jahren veranstaltete der ägyptische Rundfunk regelmäßig eine „J ü d is c h e Stund e", in der Sendungen in jiddischer Sprache verbreitet werden. Die Einrichtung der Jüdischen Stunde hat großen Anklang gefunden. In der letzten Zeit ist jedoch ein Sprachenkampf um diese Sendungen entbrannt, der hauptsächlich zwischen der zionistischen Zeitung „Israel" und dem revisionistischen Blatt „Kadlmä" äusgefochten wird. „Kadima"" verlangt, daß an Stelle des Jiddischen Hebräisch für die Jüdische Stunde eingeführt werde. KINDERPENSION »AUSTRIA' OLGA KAÖISCH BAD VÖSLAÜ, SCHUBEHTPLATZ 3 iELEPÄOS 141 Erstklassige Verpflegung, pädagogische Leitung, individuelle, liebevolle Behandlung, beste Erfolge bei schlecht essenden Kindern. Hofmeister, Kindergärtnerin, Lehrerin!«t Hatise» Musik. Sport. Kein Massenbetrieb. Ganzjährig JjjJbw^ Jüdische Könstierspiele Für Freit««, den 33., Samstag, den 24., und Sonntag, de« 25. d. (Nachmittag), wurde die Komödie mit Musik „Der Seh Je mihi" angettcUt. Sonntag, den "25. d. (Abend), uüd Montag, den 26. d., geht das Lustspiel „Chanen auf AV © e U e n d" mit den Gästen Jenny L » v i c und Heim! L c w i h in Szene. Gastspiel Leo Keuli-lirandhuter in den „Jüdischen KünstlerHplelen". Wie wir erfahren, wird Leo JReuß- Brandhofer, der in, Sch'nitzlera „Fräulein JSlse" am Joscfstädter Theater außerordentlichen Krfolg: hatte, voraussichtlich am 1. Mal ein kurzes Gastspiel in einem jüdischen Stück absolvieren. X.eo Bcuß-Brandhofer hat nach langen Schicksalswirren «len Wcjr zur Jüdischen Gemeinschaft zurückgefunden und wird vom jüdischen Theater und Publikum mit großer Freude aufgenommen werden. Jüdische Kuhurstelle Alien, I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. JJ-28-2-3G JUdlsches Kulturtheater: Täglich, 20 Uhr: Juschkewitsch' Groteskkomödie „Sonkin und der Haupttreffer". Sonntag, 15 Uhr 30 Min.: „Schwer zu sein ein .lud"*'von Scholem Älejchem, deutsch von Jakob Rosenthal, bei kleinen Preisen. Aus Anlaß des 10. Todestages von Semen Juschkewitsch, Freitag, den 23. d.,,20 Uhr: Gedenkvorsteilung von „Sonkin und der Haupttreffer". Sektion für bildende Kunst: Sonntag, den 25. d., Vorbesprechung Uber die geplante Geselischafts-Studlenreise zur Weltausstellung nach Paris in. der Jüdischen Kulturatelle. Beginn: 11 Uhr vormittags. Interessenten an dieser Gesellschaftsreise werden gebeten, an dieser Besprechung teilzunehmen. Leihbücherei: Neuerscheinungen. Allgemeine Belletristik und Judalca. Neue jüdische Kinderbücher. Kunststclle: Ermäßigte Karten für sämtliche Privat-, Bundestheater und Konzerte. "''Jüdische Volkshochschule: Hebräisch- und lSnglischkurse. Vorträge über jüdisches Brauchtum und jüdlsohe Kulturgeschichte. „Jud Süß" im Jüdischen Kulturtheater Das Jüdische Kulturtheater hat die Dramatisierung des Feuchtwangerschen Romans „.T.ud Süß" von Ashley Dukes zur Aufführung genommen. Die Erstaufführung findet Dienstag, 271. April, 20 Uhr, statt. Regie:'Rudolf Weiß. Zangwill'Abend Leon Schalit, der bekannte Schriftsteller und Uebersetzer englischer Autoren, spricht Samstag, den 24. April, in der Jüdischen Kulturatelle (I., Kai 3) über den englisch-jüdischen Dichter Israel Zangwill. D a Schalit mit Israel Zangwill eine langjährige Freundschaft verband, dürften seine Ausführungen für die jüdische Oeffentlichkeit von besonderem Interesse sein. Anschließend liest Leon Schalit aus den Werken des Dichters. Beginn: 18 Uhr. karten im Vorverkauf in der Jüdischen Kulturstelle, I., Kai 3, R-28-2-36, und bei Gronner, I.,, Graben 28, U-22-4-45. Deutsches Volkstheater „Die Fürstin", Schauspiel von Josef W enter und Fritz Gottwald Es geht um die russische Aristokratie und die neue Zeit, durch den Volkskommissär vertreten. Es gibt einen Kampf, der damit endigt, daß die stolze Fürstin mit ihren Kindern nach Sibirien verschickt wird. Ein ernstes Stück, das mancherlei Probleme aufrollt. Als Fürstin Maria Fein, soigniert und hoheitsvoll. Hans Frank leiht dem Volkskommissär sein scharfes Profil, von zartester Innigkeit die HTürstentochter Margarete Fries. Der neue Schauspieler Viktor von B u r e n, Annemarie Hegen er, Hans Hom ma. Eugen Jensen, Karl Ehmann sind gleichfalls ausgezeichnet am Platz. Volksoper. Die Antwort auf die bekannte Frage „Herr Doktor, haben Sie zu essen?" geben Grün bäum und Behrendt. Sie lassen den jungen Doktor, der auf die Dozentur wartet, bei einem der Tyrannei sämtlicher Hausgenossen ausgesetzten Professor als Diener eintreten \md mit viel Charme, Takt und Verstand den Haushalt in die richtigen Bahnen lenken. Zum Schluß bekommt er nicht nur die Dozentur, sondern auch die reizende Haustochter dazu. Die Texte der eingestreuten Lieder sind von Tisch und L e n g s f e 1 d e r, die ins Ohr gehende Musik vom Schlagerkomponisten Paul Weiß. Hier heißt es aber nicht: Viele Köche verderben den Brei. Im Gegenteil, man lacht herzhaft und viel. Was noch verständlicher wird, wenn man sieht, daß eine ganze Reihe crfolggewohnter Komiker versammelt sind: Fritz Grünbaum, Fritz Schulz und Franz Engel sind mit ungewöhnlicher Laune bei der Sache. Paula P f 1 u g e r und Lola von Hübner sind die charmanten Vertreterinnen des weiblichen Elements. Das Publikum unterhielt sich ganz ausgezeichnet. e. kr. Elisabeth Bergncr in „Mt>lo". Im Opern-, Elite-, Stafa- und Votivpark-Kino läuft, jetzt der Film „Melo". Elisabeth Bergner spielt in diesem Großfilm, der von ihrem Gatten und ständigen Regisseur Paul Czinner nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Henri Bernstein inszeniert wurde, eine moderne sensible junge Frau, die zwischen zwei Männern steht und sich für keinen entscheiden kann, weil sie beide aufrichtig liebt. Diese beiden Männer sind Raymond Massey, der bei uns schon aus ,,Scharlachrote Blume", „Die Welt in 100 Jahren'* und „Sturm über England" - bekannt ist, und der neue Liebhaber Romney Bre,nt. Besonders sehenswert ist auch die luxuriöse Ausstattung des Films, dessen musikalischer Teil von dem berühmten Londoner Symphonie- Orchester betreut wurde.