Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 649 (20.4.1937)
- Date
- 1937-04-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712245-2712274--6434-2720185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seit« 2 DflÖ NEUE WELT Nr. 640 vom 20. April 18ST ,/Der Antisemitismus sieht zur Debatte" tlne «hriitlldie Arbeiterstintme Das Wiener Arbeiter- und Angestelltenblatt „Freie Arbeiterstimme" setzt sich unter obigem Titel mit dem österreichischen „Antisemitenbund"» der als getarnte Nazi-Organisation charakterisiert wird, in einem Leitartikel auseinander. Es heißt darin: „Wir debattieren! Wir geben die nachprüfbare Meinung der überwältigenden Mehrheit der Arbeiter und Angestellten wieder, und keineswegs die Ansicht eines engen Kreises von Intellektuellen... fD«g«imaafg«r neis«di«nst <s«r .,«*«rn. Aiig. xtji"! n„h POLEN und CZERNOWITZ I Niehsfe Abführtenj 2. Mal und 13. Mal 1937 / Rückfahrt: 25. Mal I __. AnmerdunB-n ausschlleOHcH Im Reisebüro I mMMarlenbrack«". i, ROtenturmstr. 26. R-24-2-88 87 3 ^mm*n*n^**BBmmmmmBmammammw Der Arbeiter forscht nicht in den Tauf- oder Geburtsmatriken nach der „rassischen Herkunft" seines Mitmenschen, er beurteilt seinen Nächsten nach der Behandlung, die er ihm angedeihen läßt; die Arbeiter haben tausendfältig erfahren, daß die Konfession oder Nation der Arbeitgeber etwa bei den Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen in der Regel von sehr untergeordneter Bedeutung ist. Im Blickfeld des Weltanschaulichen ist bei der Arbeiterschaft keine Spur von Antisemitismus zu finden. Und doch wäre es falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß dem Arbeiter bestimmte Auswüchse jüdischen Geistes unbekannt wären. Die zweitausendjährige Unstetigkeit der Juden hat bei dem einzelnen eine überspitzte oppositionelle und kritische, auf den Volksorganismüs oft nachteilig einwirkende Einstellung zu allem Positiven geschaffen, das im Schwanken zwischen Ueberheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühl sichtbaren Ausdruck findet. Der Arbeiter kennt die Auswüchse jüdischen Geistes, er will sie bekämpft wissen, er wird aber nie seine Hand Bestrebungen , leihen, die-mit dem Bade das Kind ausschütten wollen. Auch für den Arbeiter gibt es eine Judenfrage und er verlangt, daß die unbedingte Gerechtigkeit das Richteramt ausübe gegenüber den jüdischen Mitmenschen, die im Guten wie im Bösen groß sind. Es gibt zwei Lösungen in der Judenfrage: Zionismus, das heißt Gründung eines Judenstaates, und Assimilation, das heißt Aufgehen des Juden im Volke. Beide Wege setzen die verständnisvolle Mithüfe der Nichtjuden voraus. Keineswegs aber kann äas Problem dadurch gelöst werden, daß man die Juden nach dem Rezept Streichers und seiner geistigen Väter ganz einfach durch Ausnahmsgesetze zu Parias stempelt, daß man die niedrigste» Instinkte aufputscht und so die Menschenrechte schändet. Die Judenfrage kann mit Beziehung^ auf den Zionismus nur international gelöst werden, kein Land kann sie selbständig lösen. Wohl aber ist es jedem Lande unbenommen, den Auswüchsen des jüdischen Geistes durch entsprechende Maßnahmen Einhalt zu gebieten, ohne dabei Menschen minderer Güte zu schaffen. Man muß den negativen Geist treffen nicht durch Ausnahmsgesetze gegen jüdische Mitmenschen, sondern durch eine eindeutige Abgrenzung des Ungeistes und Bestrafung jener, die sich schuldig machen. Man sagt, daß die meisten Devisenschieber, Rauschgifthändler und derlei dunkle Plusmacher jüdischer Herkunft wären. Man bestrafe diese Verbrecher mit schwerem Zuchthaus und konfisziere ihr Vermögen zugunsten der Arbeitsbeschaffung. Für diesen Antisemitismus wären 99 Prozent aller Oesterreicher mit Begeisterung zu haben. Ein enger Kreis von Intellektuellen will an die niedrigen Instinkte der Straße appellieren: Der Jud ist schuld, kreuziget ihn! Der Geist Luegers wird zitiert (Lueger sagte, daß er bestimme, wer ein Jude sei!) und der Rassenwahn des Dritten Reiches wird gemeint! Wir dürfen in Oesterreich zu allem Leide nicht noch in einen Kulturkampf verstrickt werden und auf keinen Fall dürfen wir den Naziwind durch das Kellerloch hereinwehen lassen. Für diese Art betonter Befriedung darf es keine Betätigung geben, denn hinter ihr reiten die Landsknechte Streichers und Ludendorffs. Oesterreich wül ein christlicher Staat sein und da kann es keinen Platz geben für die Wortführer des Hasses gegen das Alte Testament, die vor der Bergpredigt nicht halt machten. Das sollen besonders alle jene beherzigen, die in vollständiger Unkenntnis der Auswirkungen des Antisemitismus in ein Horn blasen, dessen Echo sie dank ihrer geistig tauben Ohren nicht vernehmen. Zu einer. geduldeten antisemitischen „Volksbewegung" dieser Art darf und wird es nicht kommen. Die Arbeiter werden sich jedenfalls den .engen Kreis von Intellektuellen' sehr ansehen.' RUNDSCHAU Ein Jahr blutigen Terrors Genau ein Jahr ist seit der arabischen Revolte in Jaffa vergangen, die zum Ausgangspunkt blutiger, Menschen und Siedlungen verwüstender Terrorakte werden sollte. Was innerhalb dieser zwölf Monate geschah, ist von uns in allen Einzelheiten registriert worden, und mehr als einmal haben wir die Frage gestellt, was denn die Palästina-Regierung eigentlich beabsichtige, wenn sie den Schandtaten der arabischen Mordbanditen nicht mehr entgegenzusetzen habe, als ein paar Verhaftungen und ein paar Ermahnungen, brav zu sein. Es ist das ein trauriges Kapitel der Mandatsverwaltung, ja fast das Eingeständnis der Ohnmacht oder des bösenWillens, wenn nach , so viel Morden und Räubereien die Maßnahmen des verantwortlichen Oberkommissärs sich nicht durchsetzen konnten, bzw. die Vernichtungswut der Terroristen nicht einzudämmen vermochten. Und geradezu grotesk nimmt sich der Rat eines Distriktskommissärs an die bedrohten jüdischen Siedler aus: sich nicht blicken zu lassen, wenn man die arabischen Gewehre und Bomben fürchte. Die Geschichte der Kolonialregime kennt kein krasseres und zynischeres Gehaben als dieses. Unter solchen Umständen ist die Dreistigkeit, mit der die arabischen Banditen kürzlich den Stellvertreter des Polizeichefß von Haifa, einen ägyptischen A r a b e r, am hellichten Tag ermordeten, nicht zu verwundern. Dieser Polizeibeamte nahm sonderbarerweise seine Aufgabe, ,den arabischen Mordterror zu unterdrücken, ernst und darum mußte er beseitigt werden. Die arabischen Blätter, soweit sie unter moralischer Assistenz des Obersten Arabischen Komitees mit den Verbrechern sympathisieren, schreiben offen, daß die Tendenz der Attentäter dahinginge, durch die Anschläge die Beamten der Palästina- Regierung zu demoralisieren und sie der Widerstandskraft gegen den Aufruhr zu berauben, um schließlich zu triumphieren. Es ist also schon so weit gekommen, daß trotz der Polizei- und Militärkräfte und trotz der Anwesenheit des Generals Dill und der Mahnungen des Generals Wauchope der arabische Uebermut sich schrankenlos austoben darf. Wie die Dinge jetzt stehen, werden die Juden Palästinas sich ausschließlich ihrer eigenen Kräfte gegen Mord und Brand und Vertrustung bedienen können. Ein arabischer Polizeioftfzier ermorde! Aus Jerusalem, 16. April: Halim Basta, Assistent des Polizeichefs von Haifa, wurde heute, als er sein Haus verließ, um ins Amt zu gehen, von drei Arabern, die neun Revolverschüsse auf ihn abgaben, erschossen. Ein arabischer Polizist, der ihn begleitete, wurde ebenfalls getroffen und starb bald darauf im Krankenhaus. Ein arabischer Knabe, der in der Nähe stand, wurde verwundet. Die Täter entkamen. Das arabische Viertel von Haifa wurde sofort abgesperrt und sämtliche Häuser wurden durchsucht. Als Leiter der Haifaer Kriminalpolizei, wurde Halim Basta wiederholt von Terroristen bedroht. Im Oktober 1936 wurde er verwundet und konnte erst vor kurzem seinen Dienst wieder aufnehmen, erklärte aber, daß er sich von den Drohungen nicht einschüchtern lassen werde. Die hebräische Presse bedauert den Tod Bastas und erklärt, daß dieser mutige Mann als neues unschuldiges Opfer der Gesetzlosigkeit gefallen ist. Brennende Fackeln Die letzte Pikanterie, die man über die Schwarzhemden M o s 1 e y s in London hörte, war das Schleudern brennender Fackeln gegen Fenster und Türen im Osten Londons (im jüdischen Viertel Whitechapel) anläßlich einer Demonstration, die bezeugen sollte, daß die antisemitisch-faschistische Partei Englands noch am Leben sei. Ein kraftvolles blühendes Leben kann man der Gruppe Mosleya wohl nicht zusprechen, denn bei den letzten Gemeindewahlen erhielt Mosley von rund 3/* Millionen Stimmen knappe 15.000 — ein Debakel, das zweifellos noch größer ist als das seines belgischen Kollegen Degrelle. Wie die Bläter melden, haben sich die zwei, wichtigsten Persönlichkeiten des englischen Faschismus von Mosley losgesagt, weil sie — und das wird aus* drücklich hervorgehoben — mit den Methoden nicht einverstanden sind, die Mosley zur Erringung der Macht anwendet. Es sind dies, erklären die zwei Führer, aus Italien und Deutschland geholte Methoden, die auf englischem Boden keine Früchte tragen. Schon glaubte man, die Goebbelsche Weltpropaganda habe sich auch in Großbritannien eingefressen, als man erfährt, daß dem nicht so ist. Zwar drängen, und wir konnten die Fälle verzeichnen, auch in gewissen Kreisen Englands antijüdische Strömungen an dl« Oberfläche, aber vom hakenkreuzlerischen Verfemttngsfeldzug ist matt weit entfernt Nichtsdestoweniger wellen wir in unserer Beurteilung vorsichtig sein und die Dinge lieber skeptisch betrachten als plötzlich einer Enttäuschung gegenüberstehen. Die mit Mosleys nazistischem Klimbim unzufriedenen und zurückgetretenen Führer werden eine eigene Schwarzhemdenpartei gründen und als neue Firma „die Macht zu erringen" versuchen. An Atjtacken gegen das Judentum wird es wahrscheinlich auch hier nicht fehlen, wo ein freies und demokratisch fühlendes Volk in einzelnen seiner Teile bereits die Jüdenf rage verspüren zu müssen glaubt. Hakenkreuxlerisdie Juden« forsdiung Seitdem es eine wissenschaftliche Forschung gibt, wird auch das Judentum in das Gebiet der Wissenschaft einbezogen. Bieten doch die Bibel als ein Stück geschilderter Menschheitsgeschichte und das Wunder der jüdischen Volkserhaltung inmitten der anderen Völker trotz der Zerstreuung und nicht zuletzt die mosaische Lehre als Basis des Christentums, bilden doch — kurz gesagt — „die Kinder Israels" einen großen Teil des geschichtlichen Stoffes als Stamm und Eeligionsträger und daher seit jeher einen Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung. Die neuere Zeit hat diesen soziologisch und politisch aktualisierten Stoff — „J u d e n f r a g e" genannt. Das neue Deutschland, das diese „Judenfrage" in seinem Wesenskern erfaßt zu haben vorgibt, hat in seinem „Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland" nun zum zweiten Male eine Tagung der „Forschungsabteilung Judenfrage" einberufen. Man weiß, in welcher Weise bisher die Judenfrage in Deutschland behandelt wurde. Die wissenschaftlichen Grundlagen waren die „ProtokollederWeisen von Zion", der „Stürmer" und die antisemitische Literatur aus der Küche der antisemitischen Weltzentrale in Erfurt. Was das für Grundlagen sind und wozu sie dienen, braucht nicht erst erörtert zu werden. Einen Niederschlag dieser Forschung bildeten die Nürnberger Gesetze. Da nun aber dieser Gesetzesunfug von der ganzen Kulturwelt eben als solcher erkannt wurde, bemüht sich der neudeutsche Geist immer wieder, sich selbst wissenschaftlich zu fundieren. Darum wiederum Vorträge über das Judentum... Die Themen dieser Vorträge sind bereits festgelegt. Sie haben — wie nicht anders zu . erwarten — den Zweck, das Judentum zu diffamieren und die gegen die deutschen Juden ergriffenen Maßnahmen zu rechtfertigen. Auf der Liste der Vortragenden steht auch Adolf Hitlers Busenfreund Julius Streicher, wohl der berüchtigste „Wissenschaftler" des Dritten Reiches. Mit ihm als dozierendem Gelehrten hat sich die Tagung des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland selbst entlarvt. Man weiß, was man. an „wissenschaftlichen Ergebnissen" zu erwarten hat. Da aber die Bewertung des Judentums, weder die moralische noch geistige, vom Urteil der Streicher und Genossen abhängig ist, können wir die bevorstehenden Vorträge mit mitleidigem Lächeln begleiten. Eine deutliche Antwort Wiener Zeitungen brachten aus München die Meldung, daß auf einer der „Erforschung der Judenfrage" gewidmeten Tagung neben Julius Streicher, dem „Stürmer"-Herausgeber, auch der österreichische Generalstaatsarchivar Professor Dr. Ludwig Bittner, ein Gelehrter von hohem Range, einen Vortrag „Die' Judenfrage und die Archive" halten wird. Die Nachricht hat begreiflicherweise Aufsehen erregt. Nun schreibt der Wiener „Der Morgen": „Wir haben uns an Generalstaatsarchivar Professor! Dr. Bittner persönlich gewendet, der uns wörtlich folgen« des erklärte: „Die Behauptung, daß ich in München über das Thema »Die Judenfrage und die Archive' im Rahmen einer Sonderveranstaltung sprechen werde, ist völlig un« wahr. Ich habe mit Gauleiter Julius Streicher niohts zu tun, kenne ihn auch gar nicht und das Thema meines Vortrages, das absolut unpolitisch Ist, steht fest und lautet: .Archivarienschutz in Oesterreich'. Wir haben in Oesterreich ein in das Denkmal-* Schutzgesetz eingebautes Archivarlenschutzgesetz, und da man in Deutschland die Schaffung eines ähnlichen Gesetzes beabsichtigt, hat das Reichsinstitut mich ersucht, Uber dieses Thema einen Vortrag zu halten. Weder in der diesbezüglichen Korrespondenz mit dem Reichsinstitut,, noch auch in meinem Vortrag wird die Frage des Judentums in irgend einer Welse gestreift und sohon gar nicht kann meine Person mit der des Gauleiters Streicher in irgend eine Verbindung ge« bracht werden." As§i'inUantensdiB'd€saI Um das Deutsche Theater in Brünn (Ö. S. R.) ist eine Debatte, besser gesagt — ein heftiger Streit ausgebrochen. Das gute alte jüdische Sprich-* wort „Dalles schlägt sich" hat sich nämlich auch hier bewahrheitet. Dem Theater geht eB finanziell schlecht, und da werden plötzlich Rezepte für den Patienten ausgegeben. Brünn war einst eine „deutsche" Stadt, deutsch in seinem äußeren kulturellen Geheiben, und da nun einmal in der Habsburger*Monarchie die Jude**