Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 649 (20.4.1937)
- Date
- 1937-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen DienstAg, den SO« April 1937 11« Jahrgang Nr« 649 V*b* b. Zeitung vom Verleger versendet «Journal expMle par VMlteax" DIE NEUE WELT R EVU E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.80, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Ko 18.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—..vierteljährig Dinar 40.—; Bnmänien monatlich Lei 50.—. vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Balgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—j Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.60. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung.• IX, Universitätssir. 8, 7eL A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitati Ein Erfolg des iüdischen Weltkongrestes Rassengesetze in Danzig zurückgestellt ' Aus Berlin wird gemeldet: Der „Völkische Beobachter" veröffentlicht einen Bericht aus Danzig über eine Veranstaltung der Mitglieder der Industrie- und Handelskammer, die sich mit der Neuordung der Danz i g e r V e r h ä 11 n i s s e befaßt. Im Rahmen dieses Berichtes wird u. a. folgendes mitgeteilt: „In Danzig ist bekanntgeworden, daß die Jüdische Weltorganisation in Genf eine Petition an die Mitglieder des vom Völkerbund eingesetzten Dreierausschusses für Danzig, also an die Außenminister Englands, Frankreichs und Schwedens, ferner auch an den Außenminister Polens, an den Generalsekretär des Völkerbundes und an den Völkerbundkommissär in Danzig, gesandt hat. In dieser Petition sollen sie die Behauptung aufgestellt haben, daß die Einführung der deutschen Rassegesetzgebung in Danzig unmittelbar bevorstehe. Nach unseren Erkundigungen bei deju zuständigen Stellen der Danziger Regierung erfahren wir, daß diese Behauptungen imz«tref f en d sind und einen Versuch.. .jüdischer ^ÜnrpfaoHl^ die erreichte beruhigte Stimmung in Danzig systematisch zu stören." * Das Blatt Hitlers tut — ganz gegen seine sonstige Gepflogenheit — zurückhaltend, noch dazu in einer jüdischen Frage. Das blutrünstige Hetzblatt schlägt beschwichtigende Töne an. Ein Rückzug auf der ganzen Linie, welcher dem entschlossenen Einschreiten der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses zu danken ist. Sie hat verhindert, daß wieder einmal die Hitler-Leute die Welt vor eine „vollzogene Tatsache*' gestellt haben. Bis auf weiteres sind die Danziger Juden vor einem entsetzlichen Schicksal und die Welt vor einem neuen Schandfleck bewahrt. Der Fall beweist, wie töricht und sündhaft es ist, sich der Verzweiflung und Resignation hinzugeben, wie dies in vielen jüdischen Kreisen der Fall. ist. Der Kampf gegen die Hakenkreuzbarbarei und . für, das jüdische Recht darf nicht ruhen, trotz der Rück' schlage und Niederlagen, die man in diesem Kampfe erleidet. Der Jüdische Weltkongreß ist der Ausdruck des Willens des jüdischen Volkes, immer auf Posten zu stehen. Deshalb erwächst jedem Juden die Pflicht, den Jüdischen^el^ong^'^-'t^VBea: Am Grabe des „arischen" Oesterreich-Films §r Wien, 19. April. Die Betrachtungen über den österreichischen Film lassen den Eindruck aufkommen, als würde es sich um etwas Gewesenes handeln. Eine „Es war einmal"-Elegiestimmung ist bezeihnend für alle Berichte, die sich mit dem österreichischen Film bei uns befassen. Die jüngsten Erklärungen des Leiters des amtlichen Fümdepartements beziehen sich auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der österreichischen Filmprodüktiön, wobei man erfährt, daß im abgelaufenen Jahr durchschnittlich 3000 Personen beschäftigt waren und der Umsatz der Filmleihanstalten in Oesterreich rund 13 Millionen, der der Kinos rund 50 Millionen Schüling betrug, nicht eingerechnet die gewichtigen Ausfuhrinteressen der österreichischen Filmwirtschaft. Es geht also hier um -—■ für ein kleines Land — verhältnismäßig große Ziffern. Wenn man noch bedenkt, daß Oesterreich dank seiner landschaftlichen Reize, seiner künstlerischen Begabungen und Ueberüeferungen alle Voraussetzungen für eine großzügige und erfolgreiche Filmproduktion mitbringt, müß' man die Stillegung dieser Industrie um so schmerzlicher empfinden. lieber die Ursachen dieser Stillegung wurde viel Gegensätzliches gesagt und geschrieben. Aber; in etilem Punkt treffen einander die Beobachter: daß nämlich die Unterwerfung unter das reichs- . de u t s c b e Diktat die Todesursache des österreichischen1 Films war. Es. wurde die These propagiert, daß die5 in Oesterreich erzeugte deutschsprachige Filmproduktion nur dann rentabel1 sein könne, wenn sie den reichsdeutschen Markt gesichert habe. Diese mit iZahlen belegte These hatte all die Schwierigkeiten zur. Folge, an denen schließlich die österreichische , Filmindustrie zugrundeging. Zunächst und tiefstgehend: Goebbels Arierp;a r a.'g r a p h! Die reichsdeütsche; FUmprüfstelle verlangte den. Ausschluß aller , ,nichtärischen" •". Filmschaffenden bis zum Techniker, Statisten, Kostümeur usw./ so daß man sagen kann: In bezug auf die Mitwirkenden gab es zwischen!dem österreichischen und hakenkreuzlerischen Film k'eineii Unterschied. (Mit Ausnahme natürlich der wenigen Wiener Filme, die ohne Rücksicht auf den deutschen Markt mit zum Teil"„nichtarischen" Kunst-" lern, Regisseuren usw. gedreht wurden.) Die völlige Gleichschaltung war vollzogen. „Aber," schreibt bei Behandlung der österreichischen'Filmfrage das „Neue Wiener Tagblatt", „nicht nur in persönlicher Hinsicht, sondern auch s ach lieh ist die. Filmausfuhr nach Deutschland ohne zustimmende. Vorzensur unmöglich." Praktisch ausgedrückt: Pas dem Wiener Film. zugrundeliegende Sujet wird zuerst' in Berlin geprüft, begutachtet, bzw. dem reichsdeutschen Markt angepaßt. Es steht also der österreichische Film, bevor er das Licht der Jupiterlampe erblickt hat, unter Eeriins Kuratel. . Das ist sozusagen die ästhetisch-kulturelle Seite der Angelegenheit. „Die Abhängigkeit von Deutschland," schreibt das „Neue Wiener Tagblatt", „wird noch dadurch verstärkt, daß unsere Filmindustrie unter dem schweren Druck der. Transferschwierigkeiten zwischen Oesterreich und Deutschland steht. Die deutschen Bezieher österreichischer FÜme sind nämlich seit Jahr und Tag mit den Zahlungen an die Erzeuger im Rückstand. Zu Jahresbeginn betrugen die in Deutschland eingefrorenen Guthaben der österreichischen Filmwirtschaft rund drei Millionen Schilling." Da nun der Transfer von Filmguthaben aus Deutschland nach Oesterreich aus dem allgemeinen Zahiungsmechariismus des Österreichisch-deutschen Warenverkehrs ausgenommen wurde, sind die österreichischen Fümindustriellen auch in bezug auf ihre Güthaben vom Wohlwollen Berlins abhängig. Wahrlich, ein trauriger, ein beschämender Zustand! Wenn die Faktoren, die diesen Zustand verschuldet, bzw. mitverschuldet haben, schon gar nichts zu sagen wissen, dann fabeln sie von der Sympathie, der sich der österreichische Film als Produkt der österreichischen Kultur in der Welt erfreut. Mag, sejn,. daß dies der Fall war, als es noch einen unabhängigen österreichischen Film gab, als der Film-, Produzent,. bzw. Filmregisseur ausschließlich nach künstlerischen Prinzipien das Sujet und die Schauspieler wählte und jene Künstler und sonstigen Mitwirkenden heranzog, deren Name allein schon die Qualität des Films verbürgte. Heute haben sich diese Künstler verlaufen und arbeiten irgendwo im. Ausland, in Paris, London, Hollywood..., wo sie der Filmwirtsohaft.der einzelnen Länder zu Erfolg und Ruhm verhelfen. Oesterreich hat sich einem Phantom zuliebe dieser Chance begeben. Man weiß das überall und. schätzt darum den österreichischen Film genau so ein wie den reichsdeutschen, nazistischen. Dort, wo eine Animosität gegen den flachen, propagandistisch unterfütterten, neudeutschen FÜm existiert, steht es um die Beurteüung des österreichischen nicht besser. Unzählige Verleihfirmen des Auslands lehnen a priori den in Wien produzierten deutschsprachigen Film ab, soweit er gleichgeschaltet ist. Sie sowohl wie ihr Kinopublikum durchschauen den Versuch, die Berlinerische Marke durch Wiener Aufputz genießbar machen zu wollen. Paula Wesselys Lächeln etwa mit Gustav Fröhlichs nordischer Männlichkeit vermählen wollen — führt zur Schaffung eines Bastards, an dem kein Mensch von Geschmack und künstlerischen Ansprüchen Freude haben kann. Wachau und Wannsee vertragen sich nicht, und sie werden auch nicht goutiert. Den Faktoren,-welche aus dem derzeitigen Debakel der österreichisch-reichsdeutscheh Fümverbrüderung noch immer' nicht gelernt haben und den österreichischen Film-noch immer dem K o m m a n d o des Herrn Dr. G o eb'b eT.s.-unterstellen wollen, wird man mit deutlichem Fingerzeig . zu verstehen geben müssen, daß der Traumeiner österreichisch-nazistischen Film-Entente für immer . ausgeträumt ist—es sei denn, daß die österreichische Fümindustrie nQclj_ejnmal' das gefährliche und kostspielige Experiment wagen will. . Denn im Ausland weiß man heute ebenso gut wie hierzulande, in Tel-Aviv ebenso gut wie in Riga und Amsterdam, daß der echte österreichische Film vom Hakenkreuz zu Grabe getragen wurde. Der Weg vom Arierparagraphen bis zum Einfrieren des Kapitals in Hitler-Deutschland war mit zahlreichen Demütigungen für den österreichischen Filmproduzenten gepflastert. Man ist diesen Weg gegangen, ohne Rücksicht-auf cü> eindringlichen Mahnungen kulturbeflis'sener österreichischer Menschen. . Auch die „nichtarischen." Fmanciers dieser . Produktion, die jüdischen Filriikapitalisten, haben mitgetan. Auch sie hat ihr Schicksal erreicht. Wir weinen nicht um sie. Wir finden bloß in ihrem Debakel eine Bestätigung für unsere These, daß sich die Preisgabe jüdischer Ehre. und Würde weder moralisch noch finanziell bezahlt macht. Diesmal haben allerdings, - in bezug auf die österreichischen Belange, die Herren Arier unseren Nichtariern nichts vorzuwerfen. o. r* Zur Judenfrage in Ungarn Aus Budapest wird berichtet: Der ungarische Ministerpräsident Daränyi hielt in Szegedin eine Rede, in der er sich sowohl mit der Außenals auch Innenpolitik Ungarns beschäftigte. Schließlich kam Daränyi auch auf die Judenfrage zu sprechen. Er erklärte, das Problem könne nicht mit Gewalt, Straßenkrawallen und Schlägereien gelöst werden. Gegen derartige Methoden werde man die Gesetze in ihrer ganzen Strenge anwenden. Eine Judenfrage gehe es. Die Zahl der Juden in Ungarn sei viel zu groß im Vergleich zu allen anderen Landern und-dieses Mißverhältnis werde durch einen ständigen Rauoigewinn der Juden in Ungarns Wirtschaft noch gesteigert. Die Judenfrage und besonders die Gewinnsucht der. aus Galizien eingewanderten Juden irritiere natürlicherweise das ungarische Volk. Bs liege daher vor allem im Interesse des bodenständigen und höher kultivierten ungarischen Judentums, sich nicht mit den eingewanderten Juden zu identifizieren. Man werde der Einwanderung Riegel vorschieben und auch die Tätigkeit der Neueingewanderten auf den gesetzmäßigen Rahmen beschränken. Obwohl die Ausführungen des ungarischen Ministerpräsidenten sich von der Form des nazistischen Antisemitismus wesentlich unterscheiden, zeigen sie dennoch Zügei einer schablonenhaften Betrachtungsweise, über die noch, einiges zu sagen sein wird.'