Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 648 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 648 vom 16. April 1937 Vor 105 Jahren Macaulay zur Judenfrage Im Jahre 1831 brachte ein Abgeordneter den Antrag auf Zulassung der Juden ins englische Parlament ein. Der Antrag entfesselte eine leidenschaftliche Diskussion, in welche der berühmteste englische Historiker, Macaulay, zugunsten der Juden eingriff. Er veröffentlichte eine umfangreiche Flugschrift „Die Juden", aus welcher wir nachstehend einige Teile bringen. Die Frage der Emanzipation der Juden steht heute in vielen Ländern wieder zur Diskussion. Es ist gut, in Erinnerung zu bringen, was einer der Größten im Reiche des Geistes zu dieser Frage zu sagen hatte. Daß man Katholiken-Ausschließungen und Juden-Ausschließungen so lange hat bestehen lassen, kommt daher, daß die Menschen nicht zu bedenken pflegen, was der Zweck der Regierung ist. Wir hören von protestantischen Regierungen und christlichen Regierungen, Worte, die gerade ebensoviel Sinn haben, wie protestantische Kochkunst oder protestantische Reitkunst. Die Regierung besteht zu dem Zweck, den Frieden zu wahren, zu dem Zweck, uns zu nötigen, daß wir unsere Streitigkeiten durch Schiedsgericht abmachen, statt sie durch Schläge abzumachen; zu dem Zweck, uns zu nötigen, daß wir unseren Bedürfnissen durch Betriebsamkeit abhelfen, statt ihnen durch Raub abzuhelfen. Das ist die einzige Verrichtung, wofür die Maschinerie der Regierung ganz besonders eingerichtet ist, die einzige Verrichtung, die weise Regierungen sich jemals als ihre Hauptaufgabe vorsetzen. Wenn es irgend eine Klasse des Volkes gibt, die an der Sicherheit des Eigentums und der Aufrechterhaltung der Ordnung kein Interesse hat oder keines daran zu haben glaubt, so soll diese Klasse keinen Anteil an den Gewalten haben, die zu dem Zwecke der Sicherung des Eigentums und der Aufrechterhaltung der Ordnung bestehen. Warum aber jemand weniger geeignet ist, diese Gewalten zu üben, weil er einen Bart trägt, weil er keinen Schinken ißt, weil er Sonnabends in die Synagoge geht statt Sonntags in die Kirche, können wir nicht begreifen. Die Differenzpunkte zwischen Christentum und Judentum haben sehr viel mit der Tauglichkeit eines Mannes zu tun, Bischof oder Rabbiner zu sein. Aber mit seiner Tauglichkeit, Magistratsperson oder Gesetzgeber oder Finanzminister zu sein, haben sie nicht mehr zu tun, als mit seiner Tauglichkeit, ein SchuhfIicker zu sein. Niemand hat jemals daran gedacht, die Schuhflicker zu nötigen, irgend eine Erklärung über den wahren Christenglauben abzugeben. Jedermann ließe seine Schuhe lieber von einem ketzerischen Schuhflicker ausbessern, als von einer Person, die die ganzen 39 Artikel unterschrieben, aber niemals eine Ahle gehandhabt hat Die Menschen verfahren so, nicht weil sie gleichgültig gegen Religion wären, sondern weil sie nicht einsehen, was die Religion mit dem Ausbessern ihrer Schuhe zu tun hat. Gleichwohl hat die Religion mit dem Ausbessern der Schuhe ebensoviel zu tun wie mit dem Budget und den Armeeanschlägen. Wir haben sicherlich innerhalb der letzten zwanzig Jahre verschiedene deutliche Proben erhalten, daß ein sehr guter Christ ein sehr schlechter Kanzler der Schatzkammer sein kann. Aber es wäre monströs, sagen die Verfolger, daß Juden für eine christliche Gemeinschaft Gesetze gäben. Das ist eine handgreifliche Verdrehung. Der Antrag geht nicht dahin, daß die Juden für eine christliche Gemeinschaft Gesetze geben sollen, sondern daß eine aus Christen und Juden zusammengesetzte Legislatur für eine aus Christen und Juden zusammengesetzte Gemeinschaft Gesetze geben solle. Bei 999 Fragen unter 1000, bei allen Fragen der Polizei, des Finanzwesens, des bürgerlichen und peinlichen Rechtes, der auswärtigen Politik hat der Jude als Jude kein dem des Christen oder selbst dem des Hochkirchenmannes feindliches Interesse. Bei Fragen, die sich auf die kirchliche Einrichtung beziehen, können Jude und Hochkirchenmann verschiedener Meinung sein. Aber sie können nicht weiter auseinander sein als Katholik und Hochkirchenmann, als Independent und Hochkirchenmann. Der Grundsatz, daß Hochkirchenmänner die ganze Gewalt des Staates monopolisieren sollten, hätte wenigstens einen begreifbaren Sinn. Der Grundsatz, daß Christen ihn monopolisieren sollten, hat ganz und gar keinen Sinn, Denn keine mit den kirchlichen Einrichtungen des Landes zusammenhängende Frage kann möglicherweise vor das Parlament kommen, in betreff deren nicht eine ebenso weite Verschiedenheit zwischen Christen bestände, wie zwischen einem Christen und einem Juden. # Man sagt, die englischen Juden sind keine Engländer. Sie sind ein besonderes Volk, das örtlich auf dieser Insel, moralisch und politisch aber in Gemeinschaft mit seinen über die ganze Welt verstreuten Brüdern lebt. Ein englischer Jude sieht einen holländischen oder portugiesischen Juden als seinen t Landsmann an» und einen englischen Christen als j einen Fremden. Dieser Mangel an patriotischem Gefühl, heißt es, macht einen Juden untauglich, politische Funktionen auszuüben. Der Grund hat etwas Plausibles; allein eine genaue Prüfung zeigt, daß er ganz unhaltbar ist. Selbst wenn die angeführten Fakta zugegeben werden, sind die Juden immer noch nicht das einzige Volk, das seine Sekte seinem Vaterlande vorgezogen. Wenn die Gesellschaft in gesundem Zustande ist, entspringt das Gefühl der Vaterlandsliebe, durch eine natürliche und unausweichliche Ideenverbindung, in den Gemütern von Bürgern, die wissen, daß sie all ihre Behaglichkeiten und Genüsse dem Lande verdanken, das sie in Eine Gemeinschaft vereinigt. Unter einer parteiischen und bedrückenden Regierung aber können diese Ideenverbindungen nicht die Kraft erlangen, die sie in einem besseren Stande der Dinge haben. Die Menschen sind dann genötigt, bei ihrer Partei den Schutz zu suchen, den sie von ihrem Lande empfangen sollten, und, nach einer natürlichen Folge, wenden sie ihrer Partei die Neigung zu, die sie sonst für ihr Vaterland empfunden hätten. Die französischen Hugenotten riefen die Hilfe Englands gegen ihre katholischen Könige herbei. Die französischen Katholiken riefen die Hilfe Spaniens gegen einen hugenottischen König herbei. Nichts ist so verletzend für jemand, der irgend etwas von Geschichte oder von Menschennatur weiß, als durch die, welche die Befugnisse der Regierung ausüben, irgend eine Sekte der Anhänglichkeit ans Ausland beschuldigt zu hören. Wenn es irgend einen überall wahren Satz in der Politik gibt, so ist es der, daß Anhänglichkeit ans Ausland die Frucht innerer Mißregierung ist. Es ist immer ein Kniff der Heuchler gewesen, ihre Untertanen daheim unglücklich zu machen, und dann zu klagen, daß sie sich auswärts nach Hilfe umsehen; die Gesellschaft zu spalten und sich zu wundern, daß sie nicht eins ist; zu regieren, wie wenn ein Teil des Staates das Ganze wäre, und die anderen Teile des Staates wegen ihres Mangels an patriotischem Sinn zu tadeln. Wenn die Juden nicht kindliche Gefühle für England gehejrt haben, so KINOERPENSION ,AUSTRIA< OLGA KADISCH BAD VÖSLAÜ, SCHUBERTPLATZ 3 TELEPHON 141 Erstklassige Verpflegung, pädagogische Leitung, individuelle, liebevolle Behandlung, beste Erfolge bei schlecht essenden Kindern. Hofmeister, Kindergärtnerin, Lehrerin im Hause. Musik. Sport. Kein Massenbetrieb. Ganzjährig kommt das daher, daß es sie wie eine Stiefmutter behandelt hat. Es gibt kein Gefühl, das sich sicherer in den Gemütern von Menschen entwickelt, die unter leidlich guter Regierung leben, als das Gefühl der Vaterlandsliebe. Seit dem Anfang der Welt hat es niemals irgend eine Nation oder irgendeinen großen Teil irgend einer Nation gegeben, die, ohne grausam bedrückt zu sein, jenes Gefühles gänzlich ermangelt hätten. Es daher zum Anklagegrund gegen eine Menschenklasse zu machen, daß sie nicht patriotisch sei,, ist das gemeinste Gaukelspiel der, Sophisterei. Es ist die Logik, die der Wolf gegen das Lamm gebraucht. Es heißt dieMündungdes Stromes beschuldigen, daß sie die Quelle vergifte. # Man muß Regenten nicht in dieser Weise ihrer feierlichen Verantwortlichkeit entbinden lassen. Es paßt sich nicht in ihren Mund, zu sagen, eine Sekte sei nicht patriotisch. Es ist ihre Sache, sie patriotisch zu machen. Geschichte und Vernunft zeigen deutlich die Mittel an. Die englischen Juden sind, soweit wir sehen können, genau, wozu unsere Regierung sie gemacht hat. Sie sind genau, was jede Sekte, was jede Klasse von Menschen gewesen wäre bei einer Behandlung, wie sie sie erfahren haben. Wenn alle rothaarigen Leute in Europa, jahrhundertelang, mißhandelt und bedrückt, aus diesem Platze verbannt, in jenem ins Gefängnis gesetzt, ihres Geldes beraubt, ihrer Zähne beraubt, der unwahrscheinlichsten Verbrechen auf den schwächsten Beweis hin für überführt erklärt, an Pferdeschweifen geschleift, gehenkt, gefoltert, lebendig verbrannt worden, wenn sie, als die Sitten milder wurden, immer noch erniedrigenden Beschränkungen unterworfen und gemeinen Insulten ausgesetzt gewesen wären, in einigen Ländern in besondere Straßen eingeschlossen, in anderen vom Pöbel beworfen und untergetaucht, überall von Aemtern und Ehren ausgeschlossen, wie stünde es mit dem Patriotismus von Gentleraen mit rotem Haar? Und wenn unter solchen Umständen ein Vorschlag gemacht würde, rothaarige Männer ins Amt zu lassen, was für eine treffende Rede; könnte ein beredter Bewunderer unserer alten Institutionen gegen eine so revolutionäre Maßregel loslassen! MDte06 Menschen'^ könnte e? sagen,., „betrachten sich kaum als Engländer. Sie halten einen rothaarigen Franzosen oder einen rothaarigen Deutschen für ihnen näherstehend als einen Mann mit braunem; Haar, der in ihrem eigenen Kirchspiel geboren ist. Wenn ein fremder Souverän rotes Haar begünstigt, so lieben sie ihn mehr als ihren eigenen heimischen König. Sie sind keine Engländer, sie können keinei Engländer sein; die Natur hat es verboten; die Erfahrung beweist, daß es unmöglich ist. Ein Recht auf politische Gewalt haben sie nicht; denn niemand hat ein Recht auf politische Gewalt. Mögen sie persona liehe Sicherheit genießen, möge ihr Eigentum unter dem Schutz des Gesetzes stehen. Aber wenn sie um Erlaubnis bitten, Gewalt über eine Gemeinschaft zu üben, in der sie nur halbe Mitglieder sind, eine Ge* meinschaft, deren Verfassung wesentlich schwarz« haarig ist, so wollen wir ihnen mit den Worten unserer Altvorderen antworten: „Wir wollen nicht, daß die* Gesetze Englands geändert werden." Erlebnis in der Synagoge Kürzlich starb der deutsche Theologe Rudolfl Otto, an dessen Sarg sein Marburger Kollege Heinrich; Fr ick eine Rede hielt. In dieser Rede (abgedruckt in der Berliner Zeitschrift „Die christliche Welt"), fia«« det sich u. a. folgende Stelle: „Das erste, woran ich denken muß, ist Rudolfi Ottos eigene Schilderung davon, wie er unter merkwürdigen Umständen die Macht des Heiligen einmal ganz klar verspürt hat. Das war auf jener Reise durch Nordafrika, als er in Marokko am Versöhnungsfest der Juden in eine armselige Synagoge geriet, wo gerade der Höhepunkt des Festes gefeiert wurde. Was für ein Kontrast! Hier dieses jämmerliche Notbauwerk mit einem kleinen Häuflein eben3Q jämmerlicher Existenzen — aber da der aufflammende Hymnus des Dreimal-Heilig, der seraphische Lobgesang aus dem Propheten Jesaia: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.' Und im flackernden Glanz der Kerzen schien die ganze Majestät des Herrn über Himmel und Erde mitten in unserer Armseligkeit und Nichtigkeit gegenwärtig zu sein. Rudolf Otto hat danach auch in anderen Religionen, an prunkvolleren heiligen Stätten, in höheren Kulturen das Heilige wieder erkannt. Aber jener eine Eindruck erschien ihm wegen des Kontrastes immer als der erschütterndste. Er hat späterhin dieses Erlebnis geradezu als die Entdeckungsreise seines Verständnisses vom Heiligen bezeichnet und mit rührenden Worten beschrieben." Diese Stelle verdient festgehalten zu werden;; nicht allein deshalb, weil sie zeigt, zu welchen Gefühlshöhen sich gläubige Menschen auch noch im heutigen Deutschland emporzuschwingen vermögen — sondern auch um jener Juden willen, die sich ihr Leben mechanisieren lassen und nicht wissen, welche seelischen Kräfte in der Erhebung zum Heiligen, liegen. Die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland kann sich eben auch in einer „armseligen. Synagoge" vollziehen. Spanoolisdi verschwindet in der Türkei Aus Saloniki (J. T. A.): Nachdem in der letzten Zeit in der türkischen Presse eine lebhafte Propaganda dafür entfaltet worden war, daß der öffentliche Gebrauch nichttürkischer Umgangssprachen aufgegeben werde, haben die Juden von Ismir (Smyrna); in allen Synagogen der Stadt Versammlungen abgehalten, in denen beschlossen wurde, fortan nur noch die türtürkischc Sprache öffentlich zu gebrauchen. Damit werden die spanische Sprache und Kultur, die die türkischen Juden jahrhundertelang bewahrt haben, weiter zurückgedrängt. Der Jüdische Klub der Jungen (J. K. J.) veranstaltet im Rahmen des Makkabikrejses Oesterreich Samstag, den 24. d.. 11 Uhr abends im Imperial-Kino, I., Rothgasse, eine Festkinovorstellung, Programm: David Golder, der Spitzanfilm mit Harry Baur. Palästina-Bilderreportage Februar-März 1937 (den Begleitt<ext liest Martin Miller), die neueste Wochenschau und Silly* Symphonie. Das Reinerträgnis fließt dem Kfar Hamaltkabl zu. Karten von S 1.20 aufwärts im Klubhelm des J. K. J„ I.. Goldschmiedgasse 9, Jüdische Kulturstelle, I„ Franz-Josefs-Kai 3 (R-28-2-36), Gronner. I., Graben 28, an der Kinokassa wie bei allen Mitgliedern des J. K. J. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Frankreich: Schlafwagen Paris — Toulon — Samson. Amerika: Romeo und Julia — Swing Time -~> Drei süße Mädels — Rausch einer Nacht — Maria Stuart — Weltmeister der Dummheit — König des Lachens Süßer kleiner Fratz — Zum Tanzen geboren — Guillotine — Wir marschieren um Mitternacht — Brutal — Tarzans Flucht — Frisco, Stadt ohne Gesetz — Matura —■ Tanaende Piraten. Filme unter Arierparagraph Ernte — Der Mann, von dem man spricht —• Premiere — Sein größter Erfolg — Truxa — Frauenliebe» Frauenleid — Ball Im Metropol — Das schöne Fräulein Schragg — Kinderarzt Dr. Engel — Der Mitternachts« könig -— Das Veilchen vom Potsdamer Platz — Sein bester Freund — Der Herrscher — Die Kreutzersonate — Vor t-lebe wird gewarnt — Der Hund von Baskerville — Sein Modell — Der verkannte Lebemann — Männer im Dunkel — Man spricht über Jacqueline -~ De« Scheidungsgrund,