Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 648 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 643 vom 16. April 1837 DIE NEUE WELT Seite 5 Politischer Bilderbogen (Von unserem Palästina-Korrespondenten) Waudiopc ist zurückgekehrt Wauchope, der „brave" Oberkommissär, ist wieder im Land. Sollte er uns — verschiedene Gerüchte erzählen nämlich, daß wir bald mit einem neuen Ober- Itommissär beglückt werden — wieder mit seinem Regieren e»Treuen (zumal böse Zungen seit langem behaupten, daß das Land schon ein Jahr lang vom arabischen Obersten Komitee regiert werde), so ist es klar, daß bewußt oder unbewußt die alte judenfeindliche Linie fortgesetzt wird, die Linie des böswilligen, spottsüchtigen Schikanierens. Die diesbezüglichen Tatsachen braucht man nicht anzuführen, jeder, der eine Zeitung liest, wird sie an den Fingern abzählen können: Als Wauchope ins Land zurückkam — es war einige Tage, nachdem fünf Opfer arabischer Mörderhände mit ihrem Blut die Erde des Unteren Galil getränkt hatten —. fand er es notwendig, arabische Mörder, welche für ihre „edlen Taten" zum Tod verurteilt waren, zu begnadigen. Das war wahrscheinlich eine Dankesgeste gegenüber dem Arabischen Obersten Komitee, das eingewilligt hatte, sich an die Pogromisten zu wenden, sie mögen bis zum Erscheinen des Berichtes der Königlichen Kommission ruhig sein. Das zweite, das Wauchope zu tun nötig fand, war: seine Freunde, die Mitglieder des Arabischen Obersten Komitees, zu sich auf einen Plausch einzuladen, aber nicht, um ihnen Vorwürfe zu machen, sondern um ihnen die Ueberzeugung beizubringen, wie notwendig ein L egislative Council (Parlament) mit arabischer Majorität für das heilige Land sei. Und kaum ist das Wort dem Mund entflohen, erreicht uns eine weitere Neuigkeit: daß nämlich Wauchope einen Betrag von 150.000 Pfund für öffentliche Arbeiten bestimmt habe, von denen die Araber 130.000, die Juden 20.000 Pfund zugewiesen erhalten. Auf welcher Basis man die Summe so eingeteilt hat, braucht man nicht zu fragen. Keine Rede mehr davon, daß 60 Prozent der Regierungseinnahmen aus jüdischen Taschen stammen, keine Rede mehr vom Macdonald-Brief an Dr. Weizmann (auf ihn haben unsere Führer in den letzten Jahren ihre Politik gebaut), wonach bei öffentlichen Arbeiten die Juden ihren Anteil entsprechend dem Prozentsatz der jüdischen Einwohner im Land bekommen werden. Daran, daß die englische Administration die großen Schäden zu berücksichtigen hat, welche die arabischen Terroristen und Pogromisten den Juden vom April 1936 bis zum April 1937 zugefügt haben und woran sie nicht wenig Schuld hat, darf man sich nicht erinnern. So wird die feindliche Politik der englischen Administration auch nach dem Urlaub des Herrn Wauchope fortgesetzt, nach den Instruktionen, die er während seines Londoner Aufenthaltes erhalten hat — eine ganz und gar nicht erfreuliche Angelegenheit. In Spannung und Erwartung Eine sonderbare Stimmung beherrscht den Jischuw. Man ist im Zweifel, man tappt im Dunkel, und der politische Morgen ist vernebelt. Es ist das Gefühl vorhanden, daß die alten Lords der Königlichen Kommission uns entscheidende Ueberraschungen vorbereiten, und leider herrscht bei allen die Ueberzeugung, daß diese für uns nicht günstig sein werden. Die Presse, zuerst die arabische und jetzt die englische, verbreiten das Gerücht, daß die Kommission bereits zur Lösung des so schweren Palästina-Problems gelangt sei, nämlich: Kantonisierung oder Teilung des Landes in zwei Gebiete, ein arabisches und ein jüdisches. Mag dieses Gerücht nur ein Manöver der englischen Politiker sein, um die Stimmung der jüdischen und arabischen Kreise kennenzulernen, oder vielleicht eine substantielle Basis haben — jedenfalls zeigt das keine günstigen Perspektiven. Und dazu noch eine betrübende Erscheinung: Trotz des Gefühles, daß wir schicksalsschwere Tage erleben, spürt man nicht die erforderliche Wachsamkeit des Jischuws, und es ist auch keine große Gespanntheit bei den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung zu verspüren ... als würde der Jischuw sich der ganzen Sache gegenüber kühl verhalten. Manche wollen das mit der Verwurzelung des Jischuws im Land erklären, die ihm sagt, daß keine Kraft der Welt mehr ihn vom Ort wegbringen könne und er daher nicht nervös zu sein brauche. Das ist aber eine Erklärung, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Es liegt am zurückgedrängten politischen Trieb. Nicht wenig Schuld an der Kälte wird dem Mangel politischer Empfindlichkeit trägt unsere politische Leitung, welche an den schicksalsschweren Tagen die jüdischen Massen nicht auf den Weg politischer Aktivität führt; es werden nicht jene Gefühle des Jischuws gepflegt, die stürmisch auf jeden Angriff gegen uns reagieren. Man läßt den dynamischen Protest des jüdischen Jischuws gegen die verbrecherische Haltung der Palästina-Regierung gegenüber den arabischen Mordbanden nicht zum Ausdruck kommen, man läßt den Schmerzensruf in sich ersticken. Es war kurz nach der Ermordung der fünf Juden im Unteren Galil. Schmerz und Empörung zugleich beherrschten alle, der Jischuw sehnte sich nach einem Tag, wo er seinen Gefühlen kraftvollen Ausdruck geben könnte, und auf vielen Lippen stand schon das Wort „P r oteststreik" — Einstellung des ganzen Verkehrs auf vierundzwanzig Stunden, Demonstration gegen die Schutzlosigkeit des Jischuws, gegen die Administration, welche die Hetzer und Mörder ungestraft läßt, aber das Wort blieb in der Luft hängen. Die Führer und die Tagung des Waad Leumi vermochten nicht, die starke politische Bedeutung solch einer Demonstration richtig einzuschätzen, gestattete den Massen nicht, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Und es ist kein Wunder, daß der Jischuw die Gefahr, die ihm droht, nicht allzu sehr empfindet. Man hat seine Gefühle abgedämpft. „Hakikat el Amr" Die sozialistische Gewerkschaft Histadruth hat der Linken Poale-Zion ein Geschenk dargeboten — eine arabische Wochenschrift mit dem Namen „Hakikat el Amr" (Die Wahrheit der Sache). Die Leser dieser Zeilen sollen über die Worte „der Linken Poale-Zion ein Geschenk" nicht lachen, denn einen anderen Wert und eine andere Bedeutung hat das Blatt nicht. Pension Attentate, Smmem^ HOCHSTRASSE / TEL. Nr. 109 Fließendes Kalt- und Warmwasser Daß die Führer der Histadruth wirklich glauben, die Zeitung würde irgend einen kleinen Leserkreis und ein klein wenig Einfluß haben, ist nicht anzunehmen. Sie sehen selbst schon die Früchte ihres Irgun Meschutaf (gemeinsame jüdisch-arabische Gewerkschaft) und deren Resultate. Ben Gurion hat bekanntlich auf der letzten Tagung des Histadruth- Rates seinen sündhaften Irrtum eingesehen und erklärt, er glaube nicht daran, daß jetzt eine arabische Partei eine freundschaftliche Haltung gegenüber den Juden öffentlich dokumentieren werde. Wozu daher jetzt eine arabische Zeitung? Der Grund hiezu besteht darin, daß die Histadruth ihren linken Flügel besänftigen wollte, der ihr ununterbrochen vorwirft, warum sie so wenig an der arabischen Front tue, und so wurde „Hakikat. el Amur" geboren. Noch ein weiteres Motiv hat wahrscheinlich die Histadruth bewogen, die arabische Zeitung herauszugeben — das Schicksal der Histadruth-Kampagne (Sammelaktion) in Amerika. Der Arbeiterführer Josef Baratz, der zur Zeit diese Kampagne in Amerika leitet, hat sich dort vor den sozialistischen und halbkommunistischen Arbeitern gegen die Angriffe des linken Poale-Zion-Flügels zu verteidigen, welcher der Histadruth vorwirft, daß sie nichts für die Verbreitung des Sozialismus unter den Arabern tut. Und Josef Baratz ist sehr erschrocken und verantwortet sich schwächlich in einem Artikel gegen diese Beschuldigung, indem er darauf hinweist, daß die Histadruth schon ihr möglichstes in dieser Hinsicht getan habe . . . Wenn eine Sammelaktion in Gefahr ist, kann man doch nichts anderes sagen. A. Klaus. Arabisdiakommunfeiisdie Terrororganisation Aus London meldet die J. T. A. unter dem 12. April: Die heutigen Zeitungen bringen telegraphische Meldungen aus Palästina, wonach es der Palästina- Polizei gelungen ist, eine geheime arabische Terroristenorganisation zu entdecken, welche mehr als hundert Mitglieder zählt. Die Dokumente, welche aufgefunden wurden, beweisen, daß die arabischen Terroristen in engen Beziehungen zu den Kommunisten stehen. Neue Polizeiverorünung 1937 Aus Jerusalem: Auf Grund der Palestine (Defence) Order in Council 1937 hat der High Commissioner eine Verordnung erlassen, durch die die Distriktkommissäre oder ihre Stellvertreter ermächtigt werden, Polizeiabteilungen in Gebiete zu .senden, deren Einwohner die Unterstützung der Polizei oder der Behörden bei der Unterdrückung von Unruhen verweigert haben. Diesen Polizeiabteilungen sind von der Bevölkerung Unterkünfte und Verpflegung zur Verfügung zu stellen. Geschieht dies nicht, dann ist die Polizei berechtigt, Unterkünfte und Nahrungsmittel zu requirieren. PARKSANATORIUM SAUERRRUNH Burgonland, Dr.-Hotfmann-StrafU 3 ganzjährig geöffnet, waldige Höhenlage; für innere, nervöse und Stoffwecbselerkrankungen. Hastu. Entfettungskuren, jedwede diätetische Behandlung. Zeitgemäße Preise Leitende Aerzte: Dr. Friedrich W«ls», Dr. Obbzü Stttintr PROSPEKTE IN DEJt REP AKTION 9000 Juden im letzten Jahr in Palästina eingebürgert Aus Jerusalem: Im abgelaufenen Jahr war unter den Einwanderern eine starke Tendenz, die palästinensische Landesbürgerschaft zu erwerben, festzustellen. Ueber 9000 Einbürgerungen wurden im letzten Jahre durchgeführt. Nach der amtlichen Statistik wurden in den ersten elf Monaten 8769, davon 8607 Juden, eingebürgert. Von diesen besaßen 1202 früher die deutsche Staatsangehörigkeit. Im vergangenen Monat sind allein 10.000 neue Anträge auf Einbürgerung von Juden gestellt worden. Neugründungen in der Lebensmittelindustrie Aus Jerusalem: In den letzten Monaten sind in der Lebensmittelindustrie Palästinas erhebliche Veränderungen, Neugründungen und Erweiterungen erfolgt. Eine Reihe neuer Mühlen wurde gegründet. Die Jaffa Orange Products Cooperative Society in Rechoboth stellt durch Konservierungsmittel haltbargemachtcn reinen Zitrussaft her. Die Fruchtsaftfabrik „Assis" in Ramat Gan erweitert ihre Anlagen. Die Jcrusalemer Schokoladenfabrik Nephct. 1934 gegründet, wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Elite Chocolate and Sweets Factory in Ramat Gan beschäftigt jetzt 200 Arbeiter. Neuerdings wird auch Kunsthonig erzeugt. Die Konservenfabrik Primason hat in ihrem Produktionsprogramm acht Sorten Fisch- und 17 Sorten Gemüsekonserven. In Tel-Aviv hat eine Butter-Einfuhr-Firma ein Kühlkaus mit Eisfabrik errichtet. Neue jüdische Siedlungen im Norden Palästinas Aus Jerusalem: Am Freitag, den 9. April, wurden zwischen Meschek Hagesher und Beisan, also an einem der gefährdetsten Punkte Palästinas, zwei neue Kwuzoth mit Namen „Irgunej Hazafon" eingeweiht. Die neuen Siedler wurden in Planierung und Häuserbau, sowie in der Brunnenbohrung von den benachbarten Emek-Arbeitern stark unterstützt. In den beiden Siedlungen leben bereits vierzig jüdische Familien und eine Reihe Einzelpersonen aus Polen, der Tschechoslowakei und Deutschland. Für die Doppelkolonie wurde eine eigene Bahnstation unter dem Namen Bet Joseph, zum Andenken an den unlängst verstorbenen Arbeiterführer Joseph Aronowitz, errichtet. Weitere zwei landwirtschaftliche Kleinsiedlungen wurden in der Nähe der Siedlungen Tcl- Amal und Hasade auf Beisan-Boden errichtet, sie tragen die Namen „Nesher David" (nach dem verstorbenen ehemaligen Präsidenten der Zionistischen Organisation, David .Wolfsohn) und „Sede-Nachum" (nach dem verstorbenen Ehrenpräsidenten der Zionistischen Organisation Nachum Sokolow). SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUERE! Zentrale; U-, Berggasse 19, Tel. A-17-5-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für nty>rieisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinate der Isr. Kultusgemeinde Wien Autosusteilung kostenlo» <X. Berggasse 15 / XVIII., Währ Ingersir. 9? Transferabkommen Polen-Palästina Aus Jerusalem: Das Abkommen zwischen der polnischen Regierung und der Jewish Agency, das im einzelnen den Waren- und Geldtransfer von Polen nach Palästina auf ein neue Grundlage stellt, hat in palästinensischen Wirtschaftskreisen lebhaftes Interesse gefunden. Es wird erwartet, daß das Abkommen der polnischen Warenauf uhr nach. Palästina, die zwischen 1935 und 1936 um 44,9 Prozent, von rund 780.000 Pfund auf 430.000 Pfund zurückgegangen ist, einen neuen Auftrieb verleihen wird. Der Ueberschuß Polens aus dem Warenverkehr mit Palästina stellte sich 1936 auf 292.000 Pfund. Wie groß demgegenüber die Kapitalisteneinwanderung aus Polen gewesen ist, ist noch nicht bekannt. Unter der Annahme, daß der Anteil der Kapitalisten an der polnischen Einwanderung nach Palästina genau so hoch ist wie im Jahre 1935, würden im Jahre 1936 mindestens 40 0.0 00 Pfund KapltalausPolen gekommen sein. Soll die Kapitalisteneinwanderung nicht weiter nachlassen, so wird Palästina in Polen mehr als bisher einkaufen müssen oder seinen Export nach Polen zu vermindern haben. Handelsabkommen zwischen Frankreich und Palästina? Aus Jerusalem (J. T. A.): Im Anschluß an den kürzlich erfolgten Besuch einer französischen Handelsabordnung in Palästina heißt es, daß die französische Regierung sich zum Abschluß eines gleichen Abkommens bereit erklärt haben soll, wie es zwischen Palästina und der Schweiz besteht. Danach würde sich Frankreich verpflichten,, zur Verringerung der passiven Handelsbilanz für Palästina von dort miMestena ein Drittel der Waren zu kaufen, die es nach Palästina liefert. Die französischen Warenlieferungen nach Palästina stellten sich im Jahre 1936 auf 214.000 Pfund, seine Besüge dagegen auf nur 47.500 Pfund.