Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 648 (16.4.1937)
- Date
- 1937-04-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 648 vom 16. April 1937 DIE NEUE WELT Seite 3 Meir Großmann warnt In letzter Stunde Aus Lo n d o n wird uns berichtet: Im Anglo-Palestine-Club in London, welchem führende englische Parlamentarier^|jä jüdische Persönlichkeiten angehören, hielt der VoÄSföende der Judenstaatpartei, Meir Großmann, einen Vortrag über die politische Lage in Palästina. Nach einem Ueberblick über die Geschehnisse in den letzten zwölf Monaten erklärte Großmann, er wisse nicht, wie lange die Unruhen fortdauern würden; es wäre aber ein großer Irrtum, auh nur einen Augenblick lang zu glauben, daß es sich hier um zufällige Ereignisse handele. Man müsse auf einen dauernden Kampf gefaßt sein. Die Ereignisse des letzten Jahres hätten gezeigt, daß kein Angriff auf die jüdischen Positionen imstande sei, das jüdische Gemeinwesen in Palästina zu vernichten. Es sei der Beweis erbracht Worden, daß die Juden imstande sind, jedem Angriff standzuhalten und trotz Mord und Provokation das Aufbauwerk fortzuführen. Aber es hat sich auch erwiesen, daß die öffentliche Sicherheit in Palästina ungenügend ist. Es sei ein Ergebnis der jüngsten Unruhen, daß die Juden heute für den Selbstschutz besser gerüstet sind als früher. Teilung oder Kantonisierung Der Redner wandte sich dann den Plänen einer Teilung oder Kantonisierung Palästinas zu. Es sei Unsinn, in Palästina eine Kantonisierung durchführen zu wollen. Man könne die Geschichte der Schweiz, ihre Verfassung und die Einrichtung der Kantone nicht mit der Lage in Palästina vergleichen. In der Schweiz hätten die verschiedenen nationalen Gruppen seit altersher bestanden. Sie wurden durch die Kantonalverfassung zu einer Einheit verbunden. Diese Verfassung habe die Schweiz zu der Schaffung eines Einheitsstaates, nicht aber zur Zerreißung politischer und geographischer Einheiten geführt. Eine Kantonisierung Palästinas würde weder den Juden noch den Arabern Nutzen bringen; es sei daher selbstverständlich, daß sie in der zionistischen Bewegung allgemein verworfen wird. Was würde unter religiösem Gesichtspunkt aus Jerusalem und anderen Stätten, was aus Haifa werden? Wie könne man heute H ai f a und Jerusalem mit ihren jüdischen Mehrheiten dem jüdischen Volk nehmen? Ein sogenannter Staat im Taschenformat würde nur Schlechtes bringen. Er wäre ein kleiner Raum, in dem Juden abgeschlossen leben. Die Welt brauche keine neuen Ghettos, weder in White chapel noch in Warschau noch in Palästina. Warnung vor zionistischem Kleinmut Bedauerlicherweise, erklärte Großmann, habe es den Anschein, als ob manche Zionisten mit dem Gedanken der Kantonisierung spielten. Es seien vielleicht dieselben Zionisten, die stets davor gewarnt hatten, von einem Juden Staat zu sprechen, dieselben vielleicht, die gesagt haben, sie -glauben nicht an einen Judenstaat oder an eine jüdische Mehrheit. Auf einmal sei für sie die Idee einer Kantonisierung anziehend geworden. Man stehe aufs neue vor einem Kampf in der zionistischen Bewegung, einem Kampf zwischen dem politischen Zionismus und dem sogenannten praktischen Zionismus. Man müsse den geplanten Vorschlag einer Teilung oder Kantonisierung Palästinas schon jetzt bekämpfen, bevor noch die Entscheidungen der Kgl. Kommission bekannt sind. Warnung vor sozialistischer Partelherrschatt u. revisionistischem Separatismus Groß:, lann stellte fest, daß die Grundlagen des wirtschaftlichen Organismus Palästinas gesund seien und daß die Entwicklung des Landes durch die Unruhen nicht zum Stillstand gekommen ist. Es seien Anzeichen für die Fortdauer der wirtschaftlichen Entfaltung vorhanden. Wenn aber auch die wirtschaftliche Lage Zuversicht einflöße und man die Schwankungen der britischen Politik und die Araber nicht zu. sehr zu fürchten brauche, so sei doch Anlaß zur Beunruhigung gegeben angesichts der innerjüdischen Fragen, der geistigen Verfassung der Judenheit, der Kämpfe in Palästina und in der zionistischen Bewegung. Zwei gefährliche Tendenzen machen sich bemerkbar: Auf der einen Seite versuche ein Teil der palästinensischen Judenheit und der zionistischen Bewegung, den Jischuw zu b eherrschen, auf der anderen Seite drohe Separat i s m u s die Grundlagen zionistischer Einheit und geschlossener Aktion zu zerstören. Die palästinensischeArbeiter Schaft habe für das Land viel geleistet. Aber jetzt störe sie das Gleichgewicht der Kräfte. Sie beherrsche den Arbeitsmarkt, die zionistische Organisation und werde bald auch die finanziellen Einrichtungen der jnonistischenBewegung. beherrschen. Der Herrschaft einer Klasse Uber die andere müsse ein Ende gemacht werden. In Palästina solle jeder Arbeiter und jeder Jude gleiche Möglichkeiten haben. Man brauche ein Einwanderungssystem, das es j e d e m Juden ermöglicht, in du» Land zu kommen, unparteiische Arbeitsvermittlungsämter, ein Gleichgewicht der Kraft«. Gefährlich sei es, Parallelinstitutionen zu schaffen und eine im Laufe einer Generation gesicherte Autorität brechen zu wollen. Ein Sieg solcher Bestrebungen dürfe nicht zugelassen werden. Wenn man es jeder zionistischen Partei erlaubt, die Zionistische Organisation zu verlassen und eine neue zionistische Organisation zu gründen, dann werden die bisherigen Errungenschaften verlorengehen. Der Terror hall an Gegen Juden und gemäßigte Araber Aus Jerusalem wird gemeldet: Der Araberterror hat am Sonnabend wieder ein jüdisches Todesopfer gefordert. In der am Jarkonfluß gelegenen Siedlung Jarkona, nördlich von Petach Tikwa, wurde die 38jährige Kolonistenfrau Mali Engelhardt, als sie in den Stall ging, um das Vieh zu füttern, von Terroristen angeschossen. Sie wurde durch eine Kugel schwer verletzt. Wie später im Kranken haus von Petach Tikwa festgestellt wurde, hat es sich um ein Dum-Dum-Geschoß gehandelt. Nach wenigen Stunden erlag Frau Engelhardt,. die aus Deutschland eingewandert war, ihren Verletzungen. Sie hinterläßt einen Mann und zwei Kinder. Der Mord hat ungeheure Erregung hervorgerufen. Die Nachforschung nach den Tätern wurde von der Polizei sofort aufgenommen. Man vermutet, daß sie unter den Bewohnern der benachbarten arabischen Dörfer zu suchen sind. Auch der Terror gegen den gemäßigten Teil der arabischen Bevölkerung Palästinas hält unvermindert an. Am Sonnabend wurde um Mitternacht der Vizebürgermeister von Tibe rias, Ibrahim Jussuf, auf dem Rückwege von einer Hochzeit in dem arabischen Dorf Schafram erschossen. Jussuf, der von Beruf Rechtsanwalt war, hatte sich geweigert, an dem Streik der arabischen Stadtverwaltungen teüzunehmen. — Ein zweiter Araber wurde am Sonntag zwischen den Siedlungen Jarkona und Petach Tikwä-t o t aufgefunden. — Vier Ar aber, unter ihnen zwei Führer von Streikkomitees in Dörfern bei Jerusalem, wurden beim Verlassen der Oma r-M oschee angeschossen. Zwei wurden schwer verletzt. Der Feuerüberfall kam aus drei Richtungen. Einer der Angreifer benutzte eine Repetierpistole. Sämtliche Angreifer entkamen. * In verschiedenen Kolonien im Süden Palästinas wurde die Zahl der jüdischen Hilfspolizisten erhöht; die Polizisten erhielten bereits CJniformen und Gewehre. In Ekron wurden 24, in Hulda 40, in Beer-Tuwia 50 jüdische Hüfspolizisten neu eingestellt. Eine Terroristenbande beschoß die Kolonie Sedjera in Galiläa. Die jüdischen Hilfspolizisten vertrieben die Angreifer. Eine Patrouüle jüdischer Hüfspolizisten wurde bei Chedera im Emek Chef er (Wadi Hawarit) beschossen. Die Polizisten erwiderten das Feuer und vertrieben die Angreifer. Das historische Recht auf Palästina bleibt Aus London: In einer Zuschrift an die „Times' antwortet der konservative Abgeordnete Vyvyan Adams auf die an derselben Stelle vor einiger Zeit veröffentlichten Vorschläge Lord Lamingtons, den Juden statt Palästina andere un terbevölkerte Gebiete im britischen Reich zur Verfügung zu stellen, die mit Hilfe der jüdischen Organisationen erschlossen werden sollen. In der Zuschrift erklärt Vyvyan Adams, daß die Unruhen in Palästina innerhalb weniger Tage unterdrückt worden wären, wenn man mit der gleichen Entschlossenheit vorgegangen wäre, wie bei ähnlichen Gelegenheiten in anderen Teilen des Reiches. Daß die Mandatarmacht es unterlassen hat, die Ordnung wiederherzustellen, sei kein Grund dafür, daß die Juden ihre historischen Rechte auf Palästina aufgeben. Nur Palästina gebe den Juden die nötige moralische Grundlage für ihre nationale Wiederherstellung. Das Land bedeute für sie weit mehr als eine bloße Zufluchtsstätte. Möglicherweise, schreibt Vyvyan Adams, kann Palästina nicht alle Juden aufnehmen, die gezwungen sind, auszuwandern; und es sei zugegeben, daß viele nicht nach Palästina gehen wollen. Lord Lamington schlägt vor, daß sie die „gegenwärtig gefährlich unterbevölkerten Gebiete des Empire" kolonisieren sollen. Wenn er mit seiner großen Kenntnis ein geeignetes Gebiet angeben und wenn er mit seinem Prestige und seinem Einfluß einen solchen Plan aktiv unterstützen würde, dann, glaube ich, würde er sich die d a u e rn d e Dankbarkeit der Weltjudenheit erwerben. Aber ein solches Gebiet wäre etwas Zusätzlicheszu Pa 1 ä s t i n a, nicht aber ein Ersatz dafür. Die richtige Zahnpasta! I^<ukeksfue^ Behobener Anstoß „Daß neuerdings Bittners einaktiges deutsches Singspiel ,Das höllische Oöld1 nicht mehr gegeben wird, liegt unstreitig nur daran, daß darin die Figur eines edlen, jungen Juden vorkommt, dem die Wuchergeschäfte seines Vaters ein Greuel sind; man braucht aus dem Juden nur einen nach Deutschland verschlagenen Armenier oder Griechen zu machen, um den Anstoß zu beheben." Prof. W. Altmann (Berlin, 1937), Hoffentlich berechtigte Zuversicht „Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verschärfung der antisemitischen Aktion im Ausland auch ungünstig auf die Lage der französischen Juden zurückgewirkt hat. In einem Teil der französischen Bourgeoisie war, stets eine gefühlsmäßige Abneigung gegen die Juden vorhanden und dieser latente Antisemitismus hat durch die Vorgänge in anderen Ländern neue Nahrung erhalten. Aber ich glaube nicht, daß diese Bewegung in Frankreich Fuß fassen toird: Der Antisemitismus ist der Mentalität des französischen Volkes fremd." Der jüdische Gelehrte Lucien L6vy-Brühl (Paris, 1937). Die Urquelle der Sprachen „Die hebräische Sprache ist tinverfälscht und rein, kurz und heilig. Sie ist die Sprache, in der Gott mit den Menschen, die Menschen mit den Engeln geredet, von Angesicht zu Angesicht... Alt ist sie wie keine andere; außer den in ihr geschriebenen gibt es keine Denkmäler, Cipfc! der Stahle: der Schweden-Stahl, Gipfel der Klingen die schwedische vor dem Trojanischen Kriege; erst 150 Jahre nach diesem singen Homer und Hesiod. Und trotz ihres Alters ist sie die reichste der Sprachen, die anderen, arm und dürftig, schöpfen aus ihr als ihrer Urquelle." Johann Reuchlin '» („De arte praedicandi", 1518).'< \ Weil sie Schwierigkeiten machten««« „Es entsteht die paradoxale Lage, daß die Araber, gerade weil sie England seit Beginn seiner Herrschaft in Palästina Schwierigkeiten machten, einen Trumpf in der, Hand halten und Aussicht haben, etwas von England zu bekommen, während die Juden, gerade weil sie der Mandatsmacht keine ernsthaften Schwierigkeiten machten, in die Gefahr geraten sind, von ihr politische7i Einschränkungen unterworfen zu werden." Ernst Davis (Jerusalem, April 1937)> ■ Die „kleine" Schweix ,Jn der Schweiz und in der Tschechoslowakei sind Demokratie und Toleranz keine leeren Schlagworte, Die. Schweiz ist freilich nicht mehr das Dorado politischen Freisinns. Die nach deutschem Muster auftretenden Frontisten machen wilde antisemitische Propaganda, ohne aber den eidgenössischen Geist durchbrechen zu können* Der Fall Frankfurter hat dies gezeigt. Die Ermordung des Schweizer Gauleiters der NSDAP., Gustloff, durch den jungen jugoslawischen Juden war für die deutsche Presse ein Signal, über die kleine Schweiz mit Schmähungen und Drohungen herzufallen. Aber die ,kleincc Schweiz hat sich, würdevoller benommen als mancher größere Staat: sie hat Deutschland durch eine schaffe und eindeutige Abfuhr zu verstehen gegeben, daß in der Schweizer Justiz nicht das Recht sei, was dem Schweizer Volke nützt — und umgekehrt. Die Methoden des Dritten Reiches haben hier nicht Eingang gefunden." Josef Wechsberg (Prag)'< Elisabeth Bergaer spielt Henri Bernstein. Henri Bern« stein, zählt zu den erfolgreichsten Pariser Dramatikern der Gegem wart. Seine Erfolge sind vielleicht hauptsächlich darauf zurück-, zuführen, daß die Gestalten seiner Dramen und Komödien aus dem Heute gegriffen sind, daß es Menschen sind, die neben und um uns leben. Eines seiner erfolgreichsten Stücke, „Melo", die Geschichte einer jungen, modernen Frau, die sich zwischen zwei Männern nicht entscheiden kann, well sie beide liebt, wurde jetzt mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle in London verfilmt und gelangt bereits nächste Woche bei uns zur Uraufführung1* ^_ -