Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 647 (13.4.1937)
- Date
- 1937-04-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 647 *6ä IS. Ajpril 10S7 DIE tffcM WiBLf Seitfe 3 Aus aller Well Antijüdische und antifranzösische Propaganda in Tonis Aus Paris: „Temps" macht auf die Gefahren der antifranzösiachen und antijüdischen Propaganda der arabischen nationalistischen Gruppe „Destou r" in Tunis aufmerksam und empfiehlt der Regierung, eine „feste Hand" zu zeigen, da man „in moslemitisehen Ländern niemals Schwäche «eigen dürfe". Die Zeitung meldet, daß die Gruppe „Destour" die Unruhe in Palästina zum Vorwand nimmt, um das bei den Arabern eingewurzelte antijüdische Gefühl zu wecken; es sei zu befürchten, daß, wenn, aus welchem Anlaß immer, in Tunis Unruhen auebrechen sollten, die Juden die ersten Opfer seih werden. In entlegenen Orten Werden an Markttagen die Araber von Mitgliedern der „Destour" dazu aufgereizt, jüdische Geschäfte und Warenstähde zu plündern. (J. T. A.) Jüdisches Nationalheim und italienische Mittelmeer- Politik Aus Horn: Der Rektor der Universität Perugia, Abgeordneter Paolo Örano, einer der führenden faschistischen Politiker, hat cht Buch über „Juden in Italien" (GH Ebrei In ItaÜa) veröffentlicht, in dem er U> a. die Ansicht äußert, daß die Idee der Schaffung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina im Gegensatz zu den italienischen Staatsinteressen stehe. Deshalb sei die Unterstützung der zionistischen Bestrebungen durch italienische Juden nicht vereinbar mit italienlsch-vatcriän/Uscher Haltung (!). Den italienischen Juden, schreibt der Verfasser, muß die Synagoge für das Gebet genügen; dort Wird sie niemand stören, ebenso wie sie niemand in der Ausübung ihrer Berufe und in ihren Stellungen st&ren wird. Die Behauptung des angesehenen faschistischen Politikers hat zu vielfachen Kommentaren Anlaß gegeben und in den italienisch-jüdischen Kreisen, insbesondere bei den italienischen Z i o n 1 s t e n, Beunruhigung hervorgerufen. (J. T. A.) * Aua Rom: Das römische Blatt „Tevere" veröffentlicht auf einer ganzen Seite ein ausführliches Verzeichnis von ungefähr 1500 in Italien vorkommender jüdischer Namen. Das Blatt bemerkt, daß es die Veröffentlichung dieses von dem Israeliten Schaert im Jahre 1925 ausgearbeiteten Verzeichnisses für opportun hält. Das Vorgehen des „Tevere" wird in Rom als eine antiaemiiiißiciie Kundgebung angesehen. Das Erstarken der ähtijüdischen Propaganda in Italien wird damit erklärt, daß die Italiener den Juden die Verantwortung für die antiitalienische Kampagne im Ausland, namentlich in England, zuschreiben. Insbesondere zeige die Londoner City antiitalicnische Tendenzen. Der Frankfurter Qberrabbiner Hoffmann ausgebürgert Aus Budapest: (J. T. A.) Der Oberrabbiner der Frankfurter Kultusgemeinde, Dr. Jakob Hoffmann, ein hervorragender Gelehrter, der nach Intervention des leitenden Oberrabbiners der Bester Kultusgemeinde, Dr. Simon Hevesi, auf Betreiben des ungarischen Außemministeriums aus der Haft der Gestapo entlassen worden ist, traf in Budapest ein, wo er von den Führern des ungarischen Judentums herzlich begrüßt wurde. „Egyenlöseg" meldet, daß Rabbiner Hoff mann die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt wurde, doch wurde iiim die ungarische Staatsbürgerschaft zuerkannt. Dr. Hoffmann enthält sich jeder Aeußerung über seine Erlebnisse im Dritten Reich. „Tragödie des Menschen" Aus Budapest: Am 15. April wird in Hamburg unter Leitung des Direktors des Ungarischen Natlonaltheatera, Dr. Anton Nemeth, das berühmte Bühnenwerk Imre Madachs „Die Tragödie des Menschen" in der Uebersetzung des jüdisch-ungarischen Schriftstellers Jene' Monaesi aufgeführt. Auf dem Theaterzettel figuriert der Name des Uebersetzers nicht, da im Sinne einer Bestimmung des Arierparagraphen auf den Theaterzetteln nur arische Namen stehen dürfen. Mohaosi erklärt in der Budapester jüdischen Presse, er habe im voraus diesem Vorgehen zugestimmt, da für ihn nur das eine Ziel wichtig war, daß das klassische Werk Madachs auf den deutschen Bühnen gespielt werden könne. * Anm. der Red. Es wäre viel reinlicher gewesen, wenn Herr Mohäesi erklärt hätte, daß er auf die Tantiemen nicht verzichten will oder kann. Es ist oft widerlich, wenn man aus der Not eine Tugend macht. Hier liegt ein solcher Fall vor. Hitlers Wort — Gottes Gesetz Aus Berlin: Die „Reformierten-Zeitung" bringt folgende von den „Deutschen Christen" auf einer Tagung in Oberhausen, Rheinland, angenommene Resolution: „Hitlers Wort ist Gottes Gesetz und hat als solches in Gestalt der Verordnungen, und Gesetze g ött Ii Ohe Autorität." Darüber hinaus erklärt die Resolution, daß sich der Kampf der „Deutschen Christen" in erster Linie gegen das „jüdische Buch", die Bibel, richtet, und weiter: „Der Kampf gegen das 'Judentum fordert, daß das Alte Testament verworfen werde." Diese Ablnehnung ist jedoch nicht auf das Alte Testament in kanonischem Sinne beschränkt, sondern erstreckt sich auch auf Teile des Neuen Testaments. Wer immer das Alte Testament nicht ablehnt oder es überfcau.pt anerkennt, igt schon von den luden „verschlungen Vom Jüdischen Weifkongreß Englische Bischöfe Aus London: Die britische Sektion des Jüdischen Weltkongresses veranstaltete in London eine Konferenz, um zu dem Vernich«- tungsfeldzug Stellung zu nehmen, der in Polen gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird. Prominente englisöhe Staatsmänner und Geistliche hatten Sympathiebotschaften geschickt. Der ehemalige Ministerpräsident David Lloyd George erklärt in seiner Botschaft: Die Polnische Republik verdankt ihre Existenz und Unabhängigkeit dem Sieg der Alliierten Mächte und ihrer Verbündeten im Weltkrieg. Nachdem diese Mächte für die Wiederherstellung internationalen Rechtes in diesen furchtbaren Kampf eingetreten sind, waren sie besorgt, daß nicht die Schaffung neuer Staaten zu neuen rassischen und religiösen Bedrücktingen Anlaß gebe, und ihre Staatsmänner bestanden darauf, daß in die Friedensverträge, welche die Unabhängigkeit Polens verkünden, Klauseln eingefügt werden, die die Rechte der Minderheiten schützen. Es kann uns deshab nicht gleichgültig sein, wenn die jüdische Minderheit in Polen infolge Versagens der Regierung, ihre Vertragsverpflichtungen zu erfüllen, in ihrem Status degradiert oder fortgesetzten barbarischen Ueberfällen, bei denen viele unschuldige Bürger getötet werden, ausgesetzt wird. In der Botschaft des Bischofs von Durham, Dr. Hensley Henson, heißt es: Ich stehe in einer Reihe mit allen jenen, denen das Recht am Herzen liegt, und ich sende Ihnen die Versicherung der Sympathie, die ich für den Gegenstand Ihrer Konferenz empfinde. Die Unterdrückung der Juden in Polen und in anderen Ländern erfüllt mich mit Abscheu. Es ist ebenso erstaunlich wie beklagenswert, daß wir in zivilisierten Gemeinschaften des 20. Jahrhunderts Szenen fanatischer Gewalttätigkeit und rassischer Bigotterie erleben müssen, die die bösestens Zeiten der halbzivilisierten Gesellschaft Europas im 14. Jahrhundert Wiederaufleben lassen. Ich kann dem Abscheu, den ich über die Verfolgung der Juden in Deutschland und in Polen empfinde, kaum Ausdruck verleihen. und Staatsmänner Der Erzbischof von York, Dr. William Tempi e, schreibt4. Mit wachsender Bestürzung habe ich, wie viele andere, die Ausbreitung antisemitischer Stimmung in vielen Teilen Europas und sogar einige Anzeichen von ihr in unserem eigenen Lande beobachtet. Es wird immer mein Wunsch sein, auf jede mögliche Weise Verständnis und Freundschaft zwischen christlichen und jüdischen Menschen zu fördern. Sympathiebotschaften gingen ferner ein von, dem Führer der Opposition im englischen Parlament, H. Rk A 111 e e, dem Führer der Liberalert Partei, Sir Archibald Sinclair, den Parlamentsmitgliedern George Lansbury, Hugh D ä 11 o n, Miß Eleanof Rathböne, James Maxton, sowie von anderen hervorragenden Mitgliedern des Parlamente und geistlichen Würdenträgern. Für die Juden in Danärtg Aus Genf: Die Exekutive des J ü d isehen Weltkongresses hat auf telegraphischem Wege an den Oberkommissär des Völker-; bundes für Danzig, Professor Karl Burckhardt, einen Protest gegen die von derDanzigerRegier u n g beabsichtigte und in der Praxis zum Teil bjtfeltä geübte Anwendung von Rassengesetzen fegen die Juden nach dem Muster der Nürnberger Gesetz gerichtet. In dem Protesttelegramm wird darauf hingewiesen, daß der Freistaat D a n z i g ein vom Völkerbund kontrolliertes Gemeinwesen sei, und daß. Gesetze, die eine Minderheit diffamieren und entrechten, gegendasVölkerbundsstatüt verstoßen und somit ungültig seien. Aehnliche Memoranden wurden auch an die Regierungen der dem Völkerbund angehörenden Staaten gerichtet, so u. a. an den britischen Außenminister Anthony E d e n, an den französischen Außen«! minister Delbös, an den schwedischen Außenminister Sandler, der Vorsitzender des Völkerbündsausächusses für Danzig ist, und an den polnischen Außenminister Oberst Beck. Abschriften der Memoranden wurden an den Generalsekretär des Völkerbundes gesandt. worden". Die Resolution der Deutschen Christen erklärt weiter, daß sie Ludendorffs und Streichers Ablehnung des Alten Testaments begrüßen. Hakenkreuze in London Aus London (J. T. A.): Auf den Rasenflächen des Potters Bar Golf-Klub bei London wurden mit einer Säure große Hakenkreuze in das Gras gebrannt. Man fand auch antisemitische Literatur über die Fläche gestreut. — Es handelt sich um einen unter jüdischer Leitung stehenden privaten Klub, dessen Mitglieder zum größten Teil Juden sind. Die Polizei untersucht den Vorfall. Sechs Wochen strengen Arrests Aus London (J. T. A.): Das Bezirksgericht in Südwest-London verurteilte den 23jährigen Arbeiter John Herbert Dean wegen Einschlagens der Fenster des Ladens von Elezer Karsberg in Lavender Hill, Battersea, zu sechs Wochen strengen Arrests. Der Angeklagte erwiderte auf die Frage, weshalb er diese Tat begangen habe, daß ihm der N.amc des Geschäftsinhabers nicht gefallen habe und .daß er überhaupt die Juden nicht leiden könne. Dean war arbeitslos und vorübergehend Verkäufer faschistischer Zeitungen. In seiner Urteilsbegründung erklärte der Richter, Ronald Powell: „Solche Handlungen können keinesfalls geduldet werden." Ein hebräischer Lehrstuhl in Irland Aus Dublin: Der Senat des Trinity College in Dublin hat einen eigenen Lehrstuhl für Hebräisch er: richtet und ihn dem Professor Dr. Jacob Weingreen verliehen. Bisher gab es an dieser Hochschule, die die drittälteste Universität auf den britischen Inseln ist und deren Stellung derjenigen der Universitäten Oxford und Cambridge gleichkommt, keinen Lehrstuhl für Hebräisch, obwohl bereits seit Jahrhunderten Hebräisch in den Lehrplan aufgenommen ist. Der Inhaber des neuen Lehrstuhls, Dr. Weingreen, ist der erste Jude, der eine ordentliche Professur in Irland erhält. Er gehört der strenggläubigen Richtung an. Einhaltung der Sabbatruhe in England Aus London: Unter dem Vorsitz des Lord Mayor von London hat ein Ausschuß der Londoner Stadtvertretung darüber beraten, Wie es nach dem Inkrafttreten der neuen Sonntagsruhebestimmungen jüdischen Kaufleuten im Bast End ermöglicht werden könnte, ihre Geschäfte Unter der Voraussetzung, daß diese am Sohnabend geschlossen bleiben, am Sonntag bis 2 Uhr mittags offenzuhalten. Der Stadtrat ist ermächtigt, Auanahmen von den Bestimmungen des Sohntagsruhegesetzes zuzugestehen. Es wird erwartet, daß der Stadtrat von dieser Ermächtigung Gebrauch machen und die betreffenden Ausnahmebestimmungen in seinen nächsten Sitzungen festlegen wird. (J, T. A.) Aus Polen Schwere Exzesse in Ostg&lizien Im Dörfe Zurawno gab es am 7. April ernste antijüdischfe Unruhen. Antisemitische Agitatoren benützten den Markttag im Dorf, um eine Menge Bauern zu einem Pogrom gegen die Juden aufzuhetzen. Um 1 Uhr begann eine Plünderung der jüdischen Läden und Märktstände. Viele Juden wurden schwer verwundet. Ein Beamter des Dorfrates nahm einen der Angreifer fest Und übergab ihn der Polizei. Daraufhin sammelten sich Bauern, welche den Gefangenen befreiten und den Beamten und einen Polizisten durch Messerstiche schwer verletzten. Die Polizei sah sich genötigt, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Zwei Bauern wurden getötet« acht verletzt und 50 verhaftet. Milde Strafen . Zwei Nationaldemokraten, die am 17. September v. J. in Stuczyn (Kreis Lomza) den jüdischen Händler Chaim Landsmann getötet hatten, wurden vom Warschauer Kreisgericht zu 2 Jahren, bzw. 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der Staatsanwalt hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Offenhaltung jüdischer Gasthäuser am Sabbat Laut Verordnung des Finanzamtes in Lubliit müssen die jüdischen Inhaber von Schankstätten und Gastwirtschaften ihx*e Läden am Sabbat offenhalten. Der Erlaß wird damit begründet, daß die Monopolverwaltung durch Schließung der jüdischen Läden am Sabbat Verluste erleide. Die politische Entwicklung in Rumänien und t die luden Aus Bukarest: Entgegen der bisherigen Gepflogenheit wurde anläßlich der bevorstehenden Geraeindewahlen in Bukarest von keiner rumänischen Partei ein jüdischer Kandidat in die Kandidatenliste aufgenommen. Die Jüdische Partei hat daher beschlossen, selbständig in den Wahlkarapf zu gehen. Der Präsident des Zohträlirats der Juden Rumäniens und der Union rumänischer Juden, Dr. Wilhelm Filderman, wurde zur Erörterung aktueller Fragen, die die jüdische Bevölkerung betreffen, von dem Kultusminister Iamandi und dem Unterstaatssekretär Im Justizministerium, Bentolu, in Audienz empfangen. * Aus Genf: Das Exekutivkomitee des Jüdischen Weltkongresses hat im Zusammenhang mit dem in Rumänien geplanten Gesetz „zum Schutzeder rumänischen; Arbeit" bei den Regierungen, die da« Abkommen mit Rumänien betreffs den Minderheit«*? schütz getroffen haben, sowie beim Sekretariat dfli Völkerbundes interveniert und auf die Gefahr hingewiesen« die den fünf Millionen Angehörigen der Minderheiten/