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Die neue Welt · 1937-04-09 · Heft 646 (9.4.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 646 (9.4.1937)
Date
1937-04-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 646 vom 9. April 1937 Jüdistkes BaueeututH HU uol Von Dr. Nathan Birnbaum (s. A.) Nach längerer Krankheit ist Dr. Nathan Birnbaum (Matthias Acher) im Alter von 73 Jahren gestorben. Mit ihm ist eine der führenden Persönlichkeiten des modernen Judentums dahingegangen. Ein Führer der Jugend, ein Gestalter der nationaljüdischen und religiösen Gedanken seiner Zeit, ein großer Schriftsteller, ein blendender Geist, das stellt Dr. Nathan Birnbaum dar. In der Geschichte der nationaljüdischen, zionistischen Bewegung und des jüdischen Schrifttums bleibt sein Name unvergessen. Vielumstritten und viel streitend, ging Dr. Birnbaum kompromißlos seinen Weg, der ihn schließlich zum religiösorthodoxen Judentum führte. Wir werden dem Wirken dieses großen Mannes in einer unserer nächsten Ausgaben gerecht werden. Wenn Juden einen Weg zu ihrem Heile gehen sollen, dann lachen sie seiner zunächst. Und erst, bis ihnen das Lachen vergeht, wird er eine Angelegenheit, die sie einigermaßen beschäftigt. Gehen tun sie ihn deshalb noch lange nicht . . . So haben sie es auch mit der Berufsumschichtung gehalten, und so halten sie es mit ihr bis zur Stunde. Im Grunde hätten sie mit ihr beginnen sollen, als sie der Emanzipation teilhaftig wurden. Statt sich bis zur Unglaublichkeit zu intellektualisieren, statt in die Presse und in alles, was mit der Oeffentlichkeit zusammenhängt, einzuströmen, statt die freien Berufe und den kaufmännischen zu überfluten, hätten sie sich stillere und gesichertere Existenzen aufbauen müssen. Nun, sie haben das nicht getan/und wenn man in Betracht zieht, daß sie einerseits weltblind, andererseits lebenshungrig aus der tausendjährigen einzigartigen Behandlung durch die Völker gekommen waren, — so kann man sie wahrlich nicht verdammen. Aber, daß sie die Richtung nicht änderten, als die gemachten Fehler immer mehr als solche erkennbar wurden, das ist ihnen nur schwer zu verzeihen. Sie offenbarten damit nicht nur ein Manko an Verständnis, sondern auch ein solches an Lebensinstinkt, an instinktiver Sehnsucht nach Erneuerung, zu der sich Gelegenheit bot, ein Manko, das in solchem Umfange doch nicht zu vermuten gewesen wäre. Vom rein wirtschaftlichen Standpunkt besehen, handelt es sich bei der jüdischen Berufsumschichtung um die Lösung eines jüdisch-wirtschaftlichen Problems. Wer durch die fortschreitende Industrialisierung der Landwirtschaft, um die es sich ja in erster Linie handelt, das Bauerntum für demnächst erledigt und damit das Streben nach einem jüdischen Bauerntum für überholt hält — mag sich in seinen allermodernsten geradlinigen Aberglauben einspinnen, das Bauerntum wird doch bleiben. Und wer die Verländlichung durch den Hinweis auf die gegenwärtige prekäre Lage der Landwirtschaft in allen Ländern abtun will, übersieht, daß ein vorübergehendes Uebel nicht entscheidend sein darf, wenn es darum geht, sich von den besonderen verheerenden Wirkungen eines Dauerunheils, der jüdischen Berufsmonotonie, zu befreien. Dabei ist die Beseitigung dieses Unheils noch nach einer anderen Richtung von ganz besonderem Werte. Selbst in den Ländern der bisherigen Diaspora, wo sie ganz konsequent nie durchgeführt werden kann, würde sie ein gewisses Abebben des sehr beträchtlichen Eindringens in Kultur- und Wirtschaftspositionen der umgebenden Völker bedeuten. Auf eigenen jüdischen Gebieten massenweise durchgeführt ■— wie sie ja der Hauptsache nach gemeint ist — würde sie diesem mit, wie sie genugsam gezeigt hat, sehr gefährlichen Selbsttäuschungen und Täuschungen verbundenen Eindringen ganz vorbeugen. Im übrigen gilt es bei der Verländlichung noch mehr, weit mehr als die Lösung eines wirtschaftlichen oder eines Problems der eigenen Volkswürde und der Beziehung zu den Völkern, es gilt in erster Linie einen Beitrag zur Erlösung Israels, — zur Erlösung im tiefsten und erhabensten Sinne des Wortes. Leider ist diese Erkenntnis noch wenig verbreitet oder doch zumindest zu wenig in ihrer ganzen Bedeutung zum Durchbruch gelangt. Sonst könnte man nicht so wohlfeile Einwände hören, wie etwa, wenn darauf hingewiesen wird, daß die Bauern keine Engel, sondern mit allerlei Untugenden behaftete Menschen sind und daß zu diesen Untugenden nicht an letzter Stelle lockere Sitten und Habsucht gehören. Oder ein anderer Einwand, der von jüngeren, mit dem tauro-imderech-erez-Prinzip überfütterten Orthodoxen und von alten, an die „gebildete" Stadt gewohnten Aufklärungsleuten erhoben wird: Daß nämlich die Berufsumschichtung, wenn sie durchgeführt wird, bildungsfeindlich sei, weil sie die Judenheit von ihrer jetzigen hohen Intelligenzstufe auf die Bildungsstufe der Dorfschule zurückwerfen wolle. Wieder anders hört man es zuweilen von orthodoxer Seite: Wie, Bauern sollen die Juden werden, — Bauern, die den ganzen Tag schwer arbeiten und sich dann abends müde ina Bett fallen lassen? Wo bleibt das „Lernen'^ Wo bleibt das jüdische Wesen als Basis der gelebten Jüdischkeit? Nun, der letzte Einwand erledigt sich am leichtesten auf echt jüdische Weise durch eine Gegenfrage: Hat es etwa im biblischen oder auch nur im talmudischen Zeitalter keine jüdischen Bauern gegeben? Oder muß man sich vorstellen, daß die Bauern des jüdischen Altertums weniger arbeiteten als heutige Bauern und daher die Möglichkeit hatten, lauter bnej thauro zu sein und es waren? Oder haben etwa unsere Weisen den Bauernstand, weil er eben nicht auf der Höhe des Thaurowissens stand, verboten? . . . Soviel ich weiß, nichts von alledem. Wieder die bedrohte Bildung: Wohl ist wahr, daß das jüdische Volk nicht sein soll wie die anderen Völker alle. Aber daß dieses Anderssein just für die Bildung gelten soll, d. h., daß, während bei allen anderen Völkern die Gebildeten eine Schicht des Volkes darstellen, bei den Juden alles gebildet sein muß, das ist sicherlich nicht gemeint. Und der Versuch, den die Juden mancher Länder im letzten Jahrhundert nach dieser Richtung gemacht haben, ist ihnen teuer zu stehen gekommen. Wenn sie eine Anzahl hervorragender wissenschaftlicher und künstlerischer Persönlichkeiten zu verzeichnen hatten — nun, die hätten sie auch als Bauernvolk, und dann in weit natur- und gottechterer Prägung, hervorbringen können. Oder wollen sie sich gar etwas auf die Massenhaftigkeit der jüdischen Intelligenzler einbilden? Von allen äußeren Folgen — Ueberfüllung der freien Berufe und des Kaufmannsstandes, gesteigerte Gehässigkeit seitens der Völker usw. — abgesehen, was hat ihnen denn diese Intelligenz auf der geistigen Habenseite zu buchen gegeben? Nichts, rein nichts, wenn man nicht schreiende Oberflächlichkeit, stupiden Radikalismus, dummes Dreinreden in alles, was man nicht versteht, widerwärtige Anmaßung als Aktivposten betrachten will. So ist ja auch der Einwand, daß Bauern auch keine Engel sind und daß sie namentlich an Gelockertheit der Sitten und Habsucht auch nichts zu wünschen übrig lassen, eine würdige Leistung dieser Intelligenz. Zunächst mutet er denjenigen, die Berufsumschichtung nicht bloß aus ökonomisch-politischen, sondern auch aus Gründen ideeller Natur fordern, etwas zu, was gar nicht in ihren Intentionen liegt, gar nicht liegen kann. Wer will denn die Juden zu fehlerlosen Menschen heranzüchten? Wer will sich denn an eine Leistung heranwagen, die jenseits menschlichen Könnens liegt? Und dann: Es gibt gewisse Elemente im Wesen des Bauern, die seine Untugenden sympathischer erscheinen lassen als die entsprechenden des Nichtbauern. Seine Verderbtheit ist sozusagen harmloser, weil sie nicht wie die des anderen durch den Schlamm Sündenbabels sich gewälzt hat, sondern der ersten Sünde im Paradies verwandt ist. Seine Habsucht ist erträglicher und verhältnismäßig weniger schädlich als die der Nichtbauern, weil sie kein durch allerlei Finessen und Abenteuer hindurchgegangenes Bösesein am Ursprung, sozusagen am Scheideweg des Volkswerdens ist. Zudem ist die Hoffnung berechtigt, daß auf Grund seiner Volksvorgeschichte der jüdische Bauer, was das Verhältnis der Geschlechter zueinander betrifft, tausendmal reiner, in Sachen des Erwerbs zumindest nicht schlimmer sein wird als der Bauer der anderen Völker. Doch hängt die Bedeutung des Bauern für das Volk überhaupt nicht von der Art ab, wie er sündigt oder nicht sündigt, vielmehr liegt sie darin, daß er so etwas wie ein Vorstadium der Volksgemeinschaft darstellt, in dem ihre höheren Kräfte noch ungeschieden und unscheidbar schlummern, bis sie in ihr in Gemeinsamkeiten und Persönlichkeiten unterscheidbar, wirksam, frei werden. Im Bauer bereitet sich das elementare Gegengift gegen das später im Volke wirkende Gift der intellektuellen Entartung vor. Weil aber im jüdischen Volke eben wegen seines seit zwei Jahrtausenden fast vollständigen Mangels an Bauerntum die intellektuelle Schichtung besonders groß ist, eben darum braucht es den Bauern wie der Hungernde einen Bissen Brot. Weil es zum großen Teil von schädigendem Unglauben angefressen ist und auch in seinen noch religiösen Teilen das Religiöse vielfach empfindungslose Uebung geworden ist, hat es das Bauerntum — das sich noch niemals und nirgends vom religiösen Grundgefühl emanzipiert hat — zu seiner religiösen Wiedergeburt so nötig. Weil diese, im Sinne des Judentums vollzogen, ohne Auswirkungen auf die praktische Ethik, auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch, nicht denkbar ist und weil der Bauer immer und überall in seinem sittlichen Gebaren wohl nicht einwandfrei, aber doch elementar von der Selbstverständlichkeit der Tugend erfüllt ist, bedeutet jüdisches Bauerntum eine unumgängliche Vorbedingung für das Gelingen einer DurchsittlichungderjüdischenGesellschaft. Und weil der Bauer durch seine Gott- und Naturnähe sozusagen automatisch jene ästhetischen Impulse gewinnt, in seiner ursprünglichen Weise verarbeitet und an die Volksgesamtheit zur weiteren Entwicklung weitergibt, ist ein jüdisches Bauerntum notwendig, damit das jüdische Volk den reinen Blick für Gottes Weltenpracht und den Trieb zur Mitarbeit an ihr wiedergewinne. Mit einem Wort: Kein Aufstieg Israels zur Moschiachwürdigkeit ohne die Abkehr eines wesentlichen Volksteiles von der Stadt und dessen Rückkehr zum Bauerntum. Bauerntum ist uns not — rufe ich immer wieder —, natürlich, worauf ich schon hindeutete, nicht bloß in zerstreuten, unter nichtjüdischen Bevölkerungen verlorenen Einzelsiedlungen, denen der Hintergrund des jüdischen Volkstums fehlen müßte, sondern hauptsächlich in gebietsweiser, autonomer Massensiedlung als dem Räume für eine Volksgestaltung im ältestjüdischen Sinne welterschlossener Geistlichkeit. Bauerntum tut not, jüdisches Bauerntum. Gelingt es, es zu schaffen, dann wird darin ein großes Stück Lösung und Erlösung zugleich beschlossen sein. Der Dichter Joseph Roth las im „Ring der Altherren-Verbände" (Wien), aus eigenen Schriften. Der Vortrag begann mit Schilderungen aus ostjüdischem Umkreis; die Kraft der dichterischen Intuition, mit welcher die Seele des ostjüdlschen Menschen erfaßt und dargestellt ist, vermag mit selten gehörter Wucht dem einzigartigen verwickelten Problem jüdischer Lebensformen nach der individuellen wie nach der allgemein-menschlichen Seite hin gerecht zu werden. In der Abhandlung „Ueber den Aberglauben an den Fortschritt" entwickelte der Dichter seine Stellung zu den Fragen der Gegenwart. All die Verwirrungen unserer Zeit gehen auf die unberechtigte Ueberschätzung der menschlichen Vernunft zurück, die sich Überheblich als selbständig wirkender Faktor gebärdet und vergessen hat, daß sie nur als Teil der göttlichen Vernunft schöpferisch tätig sein kann. Der Fortschritt von Wissenschaft und Technik bedeutet nichts anderes als eine Ausbreitung der menschlichen Intelligenz in horizontaler Richtung, der gottgläubige Mensch aber ersehnt seine Vervollkommnung aus einer Entwicklung in die Tiefe und in die Höhe, er strebt nach einer Welt, in der „Gott über uns, aber nicht fern von uns ist". Die schlichte, jeden rhetorischen Effekt meidende Sprechweise des Dichters ließ die edle Architektur seines Stils in reinstem Glänze leuchten und bezwang die Zuhörer, die mit begeistertem Beifall dankten. E. Huttrer, „lüdasdie Künsf lerspiele" I., Franz-Josefs-Kai 3, Tel. B-38-2-36 Jubiläumsvorstellung- Dieser Tage konnten die „Jüdischen Künstlerspiele" ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Es war eine Kundgebung für das stabile jüdische Theater, das Jakob Goldflios aus eigener Initiative geschaffen und trotz der Ungunst der Verhältnisse bewahrt und zu einer Stätte des jiddischen Wortes und Liedes ausgestaltet hat. Ein überaus reiches Programm, das zum TeU vom Hausensembio (mit den Gästen Jenny Lovic und Heirai Löwin), zum Teil von Mitgliedern anderer Bühnen bestritten wurde, fesselte das ausverkaufte Haus bis weit über Mitternacht. Otto Wa 11 b u r g, Fritz G r ü n b a u ni, Trude Rot h, Hilde D u- 111 z k a j a wurden stürmisch akklamlert. Nach Conferencen von Dr. Oskar Bosenfeld und Dr. Sem W o 1 f dankte Dir. Goldflies für die ihm erwiesenen Ehren. Die Jublläumsvorstellung mit der Komödie „Chasen auf Weekend" und den erstklassigen Solis (Otto WaUburs usw.) wird Dienstag, den 13. April, wiederholt. Die kommende Premiere Die nächste Premiere findet Samstag, den 10. April, statt. Zur Aufführung gelangt die musikalische Komödie „D e r M am e s Geliebter" mit Jenny Lovic, Freitag, den 9., und Sonntag, den 11. April, %4 Uhr nachmittags: „Chasen auf W o e k e n d". Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Frankreich: Schlafwagen Paris — Toulon — Samson. Amerika: Romeo und Julia — Swing Time — Drei süße Mädels — Rausch einer Nacht — Maria Stuart — Weltmeister der Dummheit — König des Lachens — Süßer kleiner Fratz — Zum Tanzen geboren — Guillotine — Wir marschieren um Mitternacht -~ Brutal — Tarzans Flucht — Frisco, Stadt ohne Gesetz. Filme unter Arierparagraph Ernte — Der Mann, von dem man spricht — Premiere — Sein größter Erfolg — Truxa — Frauenliebe- Frauenleid — Ball im Metropol — Das schöne Fräulein Schragg — Kinderarzt Dr. Engel — Der Mitternachtskönig — Das Veilchen vom Potsdamer Platz — Sein bester Freund — Der Herrscher — Die Kreutzersonate — Vor I/iebe ivird gewarnt — Der Hund von Baskerville — Sein Modell — Der verkannte Lebemann — Männer Im Dunkel. KINO*PROGRAMME KREUZ-KINO I, Wollzeile 17 Telephon W-24-2-16 Vorstellungen: 4, Vh6, V»9, V*10 Wirmarschieren um Mitternacht Frederic March, Warner Baxter VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-Ö6 Beginn; %f,%iO Frisco — Stadt ohne Ge§etj James Casney, Uly Damita

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