Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 645 (6.4.1937)
- Date
- 1937-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Njr. 645 vom «. A$rtl 1637 ÖÖE NEüß WüXv SeiU t RUNDSCHAU Sportgeist Im Verlauf der Ringkämpfe, die kürzlich in Wien ausgetragen wurden, erregte der jüdische Ringkämpfer Max Krauser aus Stanislau Aufsehen. Er errang nämlich einen Sieg nach dem anderen — trotz der hohen Klasse seiner Gegner, und als er schließlich den Weltmeister Leskinowitsch besiegte, mußte ihm der Meistertitel zufallen. Bei jedem Kampf, zu dem Krauser antrat, gab es in der Ringarena höhnische Zurufe, antisemitische Bemerkungen und das Gebrüll, das für stänkernde Störer bezeichnend ist. Natürlich war all das nicht am Platz. Denn Krauser machte gute Figur und siegte in einwandfreiem Stil. Der antisemitische Spektakel hatte nur den Zweck, Krauser nervös zu machen, aus dem Gleichgewicht und endlich um den Sieg zu bringen. Aber Krauser, der jüdische Sportsmann aus dem verpönten Osten, tat den nationalbetonten „Sportfreunden" den Gefallen nicht. Er siegte wie zum Trotz weiter und regte die noblen antisemitischen Gesellen schließlich so sehr auf, daß sie versuchten, ßich auf ihn zu stürzen. Jetzt ging sogar dem nervenstarken Krauser die Geduld aus und er sagte seine weitere Teilnahme an der Ringkampf-Konkurrenz ab. Die antisemitischen Störer scheinen ihr Ziel erreicht zu haben. Denn es kam nicht mehr zum entscheidenden Kampf zwischen Krauser und dem deutschen Ringmeister, den dieser nach dem Stand der Dinge zweifellos verloren hätte. Und die Niederlage wollten die nationalbetonten Ritter ihrem deutschen Bruder ersparen. Bravo! Der arme Mengelberg Von Mengelberg, dem holländischen Dirigenten, konnten wir kürzlich erzählen, daß er sich den Deutschen gegenüber wehrte, ein Judenfreund, bzw. Judenknecht zu sein. Das deutsche „Musik-ABC" führte ihn als „Freund des Juden Mahler" an, eine Bezeichnung, die der von Mahlerschem Geist inspirierte Dirigent als Beleidigung empfand und deren Tilgung aus dem Musikbuch er verlangte. Diese Ablehnung des Jüdischen hinderte — wie man jetzt aus Amsterdam erfährt — Mengeiberg nicht, sich jüdischer Kräfte zu bedienen. Mengelberg, der Dirigent des bekannten Amsterdamer Konzertgebouw-Orchesters, erhielt , eine Einladung, in Deutschland eine Tournee zu absolvieren. Er wäre auch gerne gefahren, um dem Dritten Reich, das ihn der Judenintimität bezichtigte, seine Reverenz zu erweisen. Aber die Tournee kam nicht zustande. Von den 48 Mitgliedern seines Orchesters sind 20 Juden, und diese weigern sich kategorisch, an dem Gastspiel im braunen Deutschland teilzunehmen; und da, wie es heißt, Mengelberg der Ansicht ist, daß sein Orchester ohne die 20 Juden ein Torso sei und keine guten Konzerte geben könne, muß er zu Hause bleiben. Mengelberg ist also ein Judenknecht: Seine zwanzig jüdischen Orchestermitglieder hindern ihn daran, seine Hand nicht nur beim Dirigieren, sondern auch beim Grüßen hochzustrecken... Es ist eine Schande ♦ ♦ ♦ Aus Glasgow (J. T. A.): Der Parteitag der Unabhängigen Arbeiterpartei Großbritanniens hat auf seiner in Glasgow abgehaltenen Tagung, am 30. März die Lage in Palästina erörtert. Auf Antrag der Exekutive wurde eine Resolution angenommen, in der dem Bedauern über den neuerlichen Ausbruch blutiger Unruhen in Palästina Ausdruck gegeben wird. Es wird erklärt, daß das Blutvergießen von Terroristengruppen ausgeht, die von den arabischen Feudalherren aufgereizt werden. Die jüdischen und arabischen Arbeiter und Bauern werden aufgefordert, allen Versuchen reaktionärer Elemente im jüdischen und im arabischen Volk, Feindschaft zwischen Juden und Arabern zu erregen, sowie den angeblich von Zeit zu Zeit auch von englischen Behörden ausgehenden derartigen Versuchen Widerstand zu leisten. Die Konferenz sandte ihre Grüße den Juden und Arabern, die versuchen, auf der Basis eines gemeinsamen Kampfes gegen britischen Imperialismus, arabischen Feudalismus und jüdischen Kapitalismus eine Einheit zu errichten. Den in diesem Kampf führenden radikalen Gruppen der jüdischen und der arabischen Arbeiterschaft gilt dieser Gruß besonders. In der Debatte wurde von einigen Rednern gegen Teile der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas der Vorwurf erhoben, daß sie mit dem britischen Imperialismus verbündet seien. Die Resolution wurde dann mit einer kleinen Mehrheit angenommen. Der Vorsitzende, Abg. Maxton, sprach sein Bedauern darüber aus, daß die Entschließung keine stärkere Unterstützung gefunden habe. Er sagte: „Diese Menschen in Palästina kämpfen für den Sozialismus genau so wie die Männer in den spanischen Schützengräben. EsisteineSchande, daß wir ihnen nicht eine starke einmütige Botschaft Üer. Unterstützung zukommen lassen," Terri'fori'alistisdie Illusionen Von Dr. J. Schechtmann (London) Aus einer vom Verband staatszionistiieher Akademiker „Jawneh we Jodefcth" herausgegebenen Sammelschrift Über die Bestrebungen, außerhalb Palästinas große jüdische Siedlungen zu errichten. . Wir erleben in letzter Zeit eine eigenartige ».Wiedergeburt" des Territorialismus. Und das merkwürdigste ist die paradoxe Tatsache, daß territorialistische Illusionen nicht so sehr unter den Juden selbst, als in nichtjüdischen Kreisen entstehen. Gerade diejenigen Staaten, die ein reges Interesse und wohlwollendes Verständnis für die historische und internationale Bedeutung des jüdischen Emigrationsproblems bekundet haben, beginnen immer öfter und hartnäckiger — bei voller Anerkennung der Bedeutung Palästinas als eines national-jüdischen Emigrations-Zentrums — mit dem Begriff „andere Territorien" für die jüdische Einwanderung zu operieren. Dieser hebelhafte Begriff „andere Territorien" wird selten konkretisiert. Man zieht es vor, auf dem bequemen Gebiet der Abstraktion zu bleiben. Und dieser Umstand macht selbstverständlich jede sachliche Auseinandersetzung mit den Trägern dieser territorialistischen Trugbilder außerordentlich schwer. Wir werden nachstehend versuchen, die bisherigen Ergebnisse und Lehren jüdischer Kolonisationspläne und Versuche in den wichtigsten Ländern kurz und sachlich zusammenzufassen. Argentinien Ein klassisches Schulbeispiel für die Möglichkeiten und Aussichten einer außerpalästinensischen jüdischen Kolonisation großen Stils bildet Argentinien. Am Ausgang des XIX. Jahrhunderts faßte der große jüdische Philantrop und Patriot Baron Hirsch den großzügigen Plan, in Argentinien eine jüdische Massen Siedlung auf landwirtschaftlicher Grundlage zu schaffen. Er stellte in den' Dienst dieses seines Gedankens sein Riesenvermögen, erwarb in Argentinien über 6 0 0.000 Hektar Böden und sparte nicht mit dem Geld für die Einordnung jüdischer Kolonisten. Nach seinem Tode (1896) übernahm die von ihm 1891 gegründete und mit einem Kapital von 2 Millionen G o 1 d p f u n d, das seine Witwe nachträglich noch um weitere 8 Millionen G-o 1 dpf und erhöhte, ausgestattete Jewish. . Colonisation Association (J. C. A.) die Weiterführung dieses Kolonisationswerkes. Jetzt, nach 45 Jahren, sind die Resultate die folgenden: 1. Von den 260.000 Juden in Argentinien leben nur 3106 Familien (17.742 Seelen) in den 15 J. C. A.¬ Kolonien von der Landwirtschaft; hinzu kommen 1435 jüdische Familien mit über 8000 Seelen, die zwar in diesen Kolonien, aber nicht von der Landwirtschaft leben. Die gesamte Bevölkerung der J. C. A.-Kolonien wird auf 31.000 Seelen geschätzt. " 2. Lebendes und totes Inventar sowie die Gebäude der Kolonisten haben einen Schätzungswert von zirka 23,5 Millionen Dollar. Das alles kommt einer kleinen Gruppe von rund über 3000 Familien zugute. Dabei ist zu berücksichtigen, daß a) Die landwirtschaftliche Bevölkerung dieser J. C. A.-Kolonien nicht wächst, sondern sich vermindert. 1927 zählten die Kolonien 3563 jüdische Kolonistenfamilien, 1936 dagegen nur 3106; auch die allgemeine Bevölkerungszahl dieser Kolonien sank von 33.135 Seelen 1925 auf zirka 31.000 Seelen 1935. b) Von den 617.468 Hektar Boden, die die J. C. A. besitzt, werden nur 384.000 Hektar von jüdischen Kolonisten bearbeitet; der Rest, zirka 230.000 Hektar, bildet bis heute eine nicht ausgenützte Bodenreserve, für die keine jüdischen Bewerbe'r zu finden sind. Mit großer Mühe gelang es, von den unzähligen jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland neunzehn Familien ausfindig zu machen, die sich auf Parzellen von 50 bis 75 Hektar angesiedelt haben, indem sie auch fertige Zweizimmerhäuser mit Küche, das lebende und tote Inventar und Wirtschaftsberatung vorgestreckt bekommen haben. Das ist das Fazit des großen argentinischen Experiments. Ueberdies hat die Regierung Argentiniens vor kurzem ein neues Dekret veröffentlicht, das am 1. Jänner 1939 in Kraft tritt und die Einwanderungsmöglichkeiten wesentlich begrenzt. Brasilien. Sehr oft wird in Verbindung mit den Plänen, Territorien für eine jüdische Massensiedlung zu finden, Brasilien genannt. Das ist auch natürlich. Das Land ist fast so groß wie ganz Europa KINO.PROC.RAMME VOTIVPARK Drllva| IX, Währingerstraße 12 | ||| Ql Telephon A-18-3-96 Begloa; **, *, Vrt, MO Victor Mckafllan (8,511.000 Quadratkilometer), und da seine Bevölkerung etwa 47,705.000 zählt, beträgt seine durchschnittliche Bevölkerungsdichte nur etwa 5,6 pro Quadratkilometer; es ist noch „ein Land ohne V o 1 k". Und doch hatte die Einwanderung der Süden gerade in dieses Land kein bedeutendes Ausmaß angenommen. Während Argentinien bei einer Bevölkerung von 12,4 Millionen über eine Viertelmillion Judori zählt, hat das ungleich größere und volkreichere Brasilien bloß 50.000 bis 60.000 Juden unter 17 Millionen Einwohner, also nicht viel mehr, als 0,1 Prozent' aufzuweisen. Und das ungeachtet dessen, daß die von! Baron Hirsch geschaffene J. C. A. auch in Brasilien* große Investitionen machte, um hier Juden auf landwirtschaftlicher Basis anzusiedeln! heute sind das 2000 bis 3000 Seelen. Die Zeitschrift: „Jüdische Auswanderung" stellt mit Bedauern fest: „Leider hat sich auch hier (wie in Argentinien)'* insbesondere unter dir zweiten Kolonistengeneration, gezeigt, daß das Stadtleben die jungen Leute vom Lande wegzieht; es setzte eine gewisse Landflucht ein und man ließ seine Ländereien vielfach von nichtjüdischen Pächtern und Ländarbeitern bewirtschaften.4' Neue, große Ansiedlungspläne werden jetzt in Verbindung mit dem Staat Parana einerseits und dem Staate Mato-Grosse andererseits geschmiedet. Der zweite Plan ist bereits gescheitert. Wie der J. T. Aam 17. November 1936 aus Sao Paolo gedrahtet wurde, „hat die brasilianische Bundesregierung den durch die großen Landeigentümer mit Unterstützung der Provinziälregieruhg des Staates Mato-Grosse ausgearbeiteten Plan der Seßhäftmachung von ,19.000 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland an den Ufern des San-Lorenzo- Stromes abgelehnt, mit der Begründung, daß der Boden sich für die Ansiedlung europäischer Kolonisten nicht eignet." Es muß festgestellt werden, daß die Regierung Brasiliens jetzt ihre Einstellung in Bezug auf Heranziehung fremder, darunter auch jüdischer landwirtschaftlicher Kräfte aus Europa bedeutend geändert hat. Noch im Juli 1936 berichtete die Presse, „die Regierung des Staates'Sao Paolo in Brasilien plant die Entsendung, einer Abordnung ins Ausland zwecks Heranziehung von landwirtschaftlichen Arbeitern, an weichen es in diesem Staate fehlt. Im Zusammenhang damit wird die Frage einfer dichteren jüdischen Kolonisation in Sao Paolo diskutiert." Jetzt aber meldete die J. T. A. vom 17. November 1936 aus Warschau: „Der brasilianische Konsul in Warschau erhielt von seiner Regierung die telegraphische Weisung, an Juden, die sich als landwirtschaftliche Arbeiter nach Brasilien begeben wollen, keine Visa zu erteilen." Paraguay Auch Paraguay ist in einem gewissen Sinne „einLandohne Volk": auf 753.000 Quadratkilometer leben zirka: 872.000 Seelen. Die mit dieser Tatsache verbundenen Hoffnungen auf eine große jüdische Kolonisation im Südosten des Landes, der als „Garten Südamerikas" bezeichnet wird, werden in der „Jüdischen Auswanderung" folgendermaßen beurteilt: „Die Regierung wünscht nur die Einwanderung von Landwirten ... Hier werden sich nur Naturen durchsetzen, die keine Mühe und Entbehrung scheuen, über eine robuste Gesundheit verfügen und nicht nur reine Landwirte im europäischen Sinne, sondern auch handwerklich geschickt und unabhängig genug sind, um sich in jeder. Situation beim H ä u s e r b a u, bei der Möbeltischlerei, beim Bott- oder Wegebau zurechtzufinden." Derartige Kolonisten können damit rechnen, daß sie in etwa ein bis zwei Jahren vom Ertrag ihrer Ai'beit leben können. Mindestens so lange müssen ihre Geldmittel reichen, um sich bescheiden ernähren und um Werkzeuge, Samen, Haustiere usw. kaufen zu können. Für diese Arbeiten kommt aber nur allerbestes Menschenmaterial in Frage." Es kann sich dabei also nur um eine wirk* liehe Menschenauslese, um Idealisten und Pioniere im besten Sinne des Wortes — wie es Palästina in den ersten Zeiten seines Wiederaufbaues brauchte und erhielt — handeln. Es ist kaum anzunehmen, daß - die Kolonisation von Paraguay oder irgend eines anderen Landes außer Palästina solchen Pioniergeist erzeugen könnte. Es ist noch hervorzuheben, daß die jetzige Regierung von Paraguay speziell in bezug auf jüdische Kolonisation sehr feindlich eingestelt ist, Die neue Militärregierung mit Oberst Frankoan der Spitze, die am 17. Februar 1936 die liberale Regierung von Dr. E. Ayala stürzte, ist ausgesprochen fremdenfeindlich und nationalistisch orientiert. Im November 1936 wurde die Einwanderung von Juden nach Paraguay ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit und Klasse verboten; dieses Einwanderungsverbot gilt sogar für diejenigen, die im Besitz des Visums sind und die Reise bereits angetreten haben,