Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 644 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seited DIE NEüE WELT Ui vom 1 Äpril 1937 J. L. Perez: Der //Litwak // ♦ ♦ ♦ In den Sliches-Tagen verschwand jeden Frühmorgen der Nemirower Rabbi, der heilige Zaddik, aus dem Städtel... Man suchte ihn, fand ihn aber nirgends: nicht daheim, nicht in dem Beth Midrasch, nicht in der großen Schul'... Kam man in sein Haus, stand Tür und Tor offen; wer Lust verspürte, konnte eintreten, ungestört umhergehen ... Gestohlen wurde bei ihm — nicht, aber man fand auch kein lebendes Wesen bei ihm ... Verschwunden!... Wo kann der Zaddik sein? Wo soll er sein? Ohne Zweifel: Oben! Wenig Besorgungen obliegen dort einem Zaddik vor den Hohen Feiertagen. Jüdische Familien benötigen Unterhalt, Frieden, gute Partien, versprechen, gut und fromm zu sein — und die Sünden sind so groß, und der Satan mit seinen tausend feurigen Augen blickt von einem Ende der Welt bis zum andern ... Er, der Satan, der große Widersacher, sieht alles und erscheint oben mit Bergen von Anklagen, gestützt auf blutige, schreiende Beweise ... Und wer soll da helfen, wer — wenn nicht der Zaddik?!... So dachte man im Städtel. Einmal, an einem schönen frühen Morgen, bescherte uns der Ewige einen „Litwak" — der uns natürlich auslacht!... Ihr kennt doch die „Litwakes": von ,Misse-Sfurim" halten sie nichts, über Rabbis machen sie sich lustig, ein Chossid ist für sie ein Narr — aber ein ,,Daf Gemure"! — Ein schwerer „Rambam"! — eine komplizierte Rechtsfrage! — Ha! Da lebt ein „Litwak" auf, da ist er in seinem Element... „Eiserne Köpfe" — so nennen wir sie... Kommt so ein „Litwak", schlägt im Beth-Midrasch eine Gemarrah auf, beweist haarscharf mit blendender Logik: daß Er, unser Zaddik, nicht im Himmel sein kann... „Mosche Rabenu hat nicht beim Ewigen erreichen können, in den Himmel eingelassen zu werden, sondern mußte zehn Handbreiten unter dem Himmel haltmachen — und euer Rabbi ja? Hahaha.. Disputier' mit einem „Litwak"! „Wohin denn verschwindet jeden Morgen unser Rabbi?" „Meine Sorge!" — antwortet er ironisch, zuckt mit den Achseln und — das ist echt „litwakisch" — faßt bei sich den Entschluß, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen ... Am gleichen Abend, nach dem Maariw-Gebet, schleicht sich der „Litwak" in das Zimmer des Rabbi, kriecht unter dessen Bett und bleibt dort liegen. Er muß hier die Nacht verbringen und sehen, wohin der Rabbi verschwindet, was er in der Zeit, da man im Beth-Midrasch Sliches sagt, treibt. Bei einem anderen könnte es leicht geschehen, daß er einschliefe; ein „Litwak" weiß ein Mittel dagegen: er wiederholt im Gedächtnis eine ganze Gemure... ich weiß nicht sicher: ob „berachoth" oder „nedarim" ... Beim Morgengrauen hört er Hammerschläge am Tor. Der Schammes Jechiel geht von Tür zu Tür, schlägt dreimal mit einem kleinen Hammer und ruft mit seiner krächzenden Stimme: „Ins Beth-Midrasch! ... Ins Beth-Midrasch!... Auf zu Sliches!" Der Rabbi ist schon eine Weile wach. Fast eine Stunde lang seufzt und krächzt er. Wer ihn, den Zaddik, krächzen hörte, dem schnitt es ins Herz: der ganze Schmerz des gemarterten Volkes lag darin... Es waren Seufzer, dem Leiden der Gemeinschaft entsprungen... Die Seele wurde erschüttert, hörte man ihn so. Ein „Litwak" — der hat ein eisernes Herz, eine granit'ne Seele. Er läßt sich nicht unterkriegen. So liegt er also, hört den Rabbi seufzen und bleibt ruhig weiter liegen... Der Rabbi auf dem Bett, er darunter ... # Etwas später kommt ins ganze Haus Leben. Betten knarren, Türen werden geöffnet und lärmend geschlossen, von da und dort hört man Gebete murmeln... In allen Zimmern Bewegung — im Zimmer des Rabbi Ruhe... Das Gesinde verläßt das Haus, begibt sich ins Beth-Midrasch — beim Rabbi rührt sich nichts ... Spärlich dringt durch die geschlossenen Fensterläden das matte Licht des Mondes... Den „Litwak" befällt Angst. Mit dem Rabbi — allein! Niemand im ganzen Haus! Es überläuft ihn kalt... Sliches-Tage, allein mit ihm!... Aber ein „Litwak" hat Nerven aus Stahl, einen Willen aus Stein... Er zittert wie ein Fisch auf dem Trockenen — aber er liegt weiter... # Endlich. Der Rabbi steht auf ... wäscht sich ... spricht ein Gebet... geht mehrmals auf und ab, dann entschlossen zum Kleiderschrank und zieht ein großes Bündel hervor: dicke, bäuerische Stiefel, leinerne gebauchte Hosen, ein dunkles Hemd, dann eine kurze Jacke, einen breiten, abgegriffenen Hut, einen ledernen Gürtel mit Mesaingverschluß... Eine Bauerntracht ganz und gar,.. Und der Rabbi legt sie an... Aus einer Tasche lugt das Ende eines dicken Strickes hervor . * » ein echter Bauernsfcrkfci......... Der Rabbi geht — der „Litwak" ihm nach... Im Vorraum bleibt der Rabbi stehen, holt aus einem Winkel eine große Hacke, zieht den Strick aus der Tasche, bindet sich ihn um, die Hacke daran und verläßt das Haus ... Den „Litwak" packt ein Schrecken... Er bereut schon . . . aber dann packt ihn die Neugier, er läßt nicht locker: er zittert — aber er geht mit zusammengebissenen Zähnen hinten nach ... # Still ist es in den Gäßchen des Städteis. Der Mond wirft sein mattes Licht herab. Es ist noch dunkel... Manchmal dringt aus dem Beth-Midrasch ein Stimmengewirr herüber: vom Sliches-Gebet . . . manchmal wird die Ruhe von einem Seufzer eines Kranken aus irgend einer Stube durchschnitten... Es verliert sich bald alles... Der Rabbi geht, fast an die Mauern gedrückt, durch die dunklen stillen Seitengassen ... Er hält sich im Schatten, geht geradeaus, ohne sich umzuwenden, mit festen raschen Schritten ... Der „Litwak" ihm in einiger Entfernung nach ... Sein Herz poltert... Aber er geht... Bald haben sie das Städtel hinter sich gelassen. # Gleich hinter dem Städtel steht ein Wald. Der Rabbi schlägt den Weg dorthin ein. Sie sind im Wald. Beide... Noch dreißig, vierzig Schritte. Haltgemacht. Der Rabbi sucht nach einem Baum. Findet ihn, bleibt dort stehen ... Dem „Litwak" erstarrt das Herz. Kalt läuft es ihm über den Rücken. Er reißt die Augen auf, verbirgt sich hinter einem breiten Baumstamm und nun: Der Rabbi krempelt die Aermel herauf, löst die Hacke vom Strick und schlägt auf den Baum kraftvoll ein. Immer stärker... Der Baum krächzt und stöhnt unter den Hieben und — krach — fällt er um... Da liegt er, der junge Baum ... Und der Rabbi hackt weiter, zerschlägt ihn auf Scheite, zerkleinert diese auf ganz kurze Stücke, legt sie geordnet zusammen, holt den Strick, bindet ein großes Bündel, schwingt es sich auf den Rücken, steckt die Hacke ein und — geht denselben Weg zurück... Die ersten Häuschen des Städteis. In einer finstern Seitengasse bleibt er vor einem kleinen, fast zusammengestürzten Holzhäuschen stehen. Er klopft ans Fenster. „Wer da?" fragt aus dem Häuschen eine erschrockene Stimme. Der „Litwak" merkt, daß es die Stimme einer alten, kranken Jüdin ist. „Ja!" antwortet der Rabbi im Bauerndialekt auf russisch. „Wer ist der ,Ja'?" fragt die Stimme der kranken Alten weiter. Und der Rabbi antwortet, im kernigen harten Russisch der Bauern: „Wassili Wassil!" „Welcher Wassil? Und was will Wassil?" „Holz! — Holz verkaufen ... sehr billig ... halb umsonst!" Ohne auf eine Antwort zu warten, geht er ins Haus. Der „Litwak" nach ihm. Beim fahlen Licht des frühen Morgens bieten sich ihm eine arme Stube, alte, zerbrochene Stühle um einen wackeligen Tisch dar... Trockenes Brot und Salz, der Rest einer Mahlzeit, stehen darauf... Sonst nichts... In einem Winkel ein eisernes Bett, darin eine kranke Alte, eingewickelt in alte Lumpen... Bitter sagt sie zu „Wassil": „Kaufen? ... Womit soll ich kaufen? ... He? Wassil? Womit? ... Wo habe ich, eine alte, kranke Witwe, Geld?..." „Macht nichts ... ich borge dir! . . . Alles in allem: nur sechs Groschen!..." „Woher soll ich das nehmen, um es dir zurückzusablen.?" Die harte, knorrige Stimme wird weich, gütig: „Narrchen . . . Sieh' doch! ... Du bist eine kranke Aalte und ich — ich armer Wassil hab' zu dir Vertrauen und borge dir das Bündel Holz und bin ganz sicher, daß du es bezahlen wirst... Und du? ... Du hast einen so großen, allmächtigen Gott — und hast zu ihm kein Vertrauen . . . Für dumme sechs Groschen willst du nicht auf ,Ihn' hoffen?!..." „Wer wird mir einheizen?... (Sie seufzt und Tränen kommen.) Elend ... verlassen ... allein ... der einzige Sohn: weit weg... in Tageslohn.. 4 ach..." „Ich, Wassil, heize dir ein!" Die Stimme klang jetzt schon fest und hart. * Das Holz in den Ofen legend, das Feuer anfachend, sagt der Rabbi mit strahlenden Augen das erste Sliches-Kapitel... Und als er das ganze Bündel hinter dem nun Wärme spendenden Ofen aufschlichtet, sagt er voll Inbrunst das zweite... Und: wenn im Beth-Midrasch gedeutet wurde, der Rabbi steige in den Sliches-Tagen in den Himmel auf, um für das geplagte Volk sein Verteidigungswort einzulegen, da sagte der „Litwak" demütig gesenkten Hauptes: „Chassidim! Brüder! In den Himmel? Vielleicht noch höhe r!" (Uebersetzt von M. S. Brafmann.) (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Männer sind keine Götter. Frankreich: Schlafwagen Paris — Toulon — Heimatlos — Samson. Amerika: Skandal in der Oper — Amigo — Fury — Fünflinge geboren — Herrin der Dschungel — Romeo und Julia — Gefährliche Fracht — Die lieben Verwandten — Mordende Augen — Swing Time — Sturm über England — Drei süße Mädels — Rausch einer Nacht — Razzia im Südexpreß — Maria Stuart — Hinter der Maske — Weltmeister der Dummheit — König des Lachens — Süßer kleiner Fratz — Geborene Verbrecher — Zum Tanzen geboren — Guillotine — Wir marschieren um Mitternacht — Brutal. Filme unter Araerparaqraph Burgtheator — Ernte — Das Geheimnis eines alten Hauses — Letzte Grüße von Marie — Der Jäger von Fall — Das Hofkonzert — Die Nacht mit dem Kaiser — Diener lassen bitten — Ritt in die Freiheit — Es geht um mein Leben — Der Mann, von dem man spricht — Premiere — Panzerkreuzer Sebastopol — Frldoricus — Sein größter Erfolg — Truxa — Stadt Anatol — Donner, Blitz und Sonnenschein — Frauenliebe-Frauenleid — Ball im Mctropol — Das schöne Fräulein Schragg — Kinderarzt Dr. Engel — Der Mitternachtskönig; — Das Veilchen vom Postdamer Platz — Sein bester Freund — Die gläserne Kugel — Der Herrscher — Die Kreutzersonate — Die Schorfheide — Vor Liebe wird gewarnt — Der Hund von Baskerville. KINOsPROGRAMME KREUZ-KINO Wirmarschieren Teupho„''Kwt-tle um Mitternacht Vorstellungen: 4, 'A6, Vis, K10 Frederic March, Warner Baxter VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-Q6 Beginn: 'A4, 6, V»8, VnlO STAFA, VII Marian! Iferstrafle 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: 'M, 5, 7 u.: Victor Nc Lasten