Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 644 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 644 vom 1. April 193f. DIE NEUE WELT Seite 5 Noch immer Assimilation? In Deutschland ist er nach vier Jahren jüdischer Einkehr seitens der dem Judentum Entfremdeten wieder zu einer Diskussion gekommen, in dessen Mittelpunkt die Frage der Assimilation steht. Die „C. V. Zeitung", das Organ des liberal-religiösen, Jiichtzionistischen Judentums Deutschlands, bringt durch ihren Vorsitzenden Dr. Herzfeld eine Diskussion :in Fluß, von der man annehmen konnte, daß sie durch die Macht der Wirklichkeit überholt und überflüssig geworden sei. Die Th&se des Dr. Herzfeld geht dahin, daß dort, wo ein Organismus sich veränderten Verhältnissen anpaßt, Assimilation entsteht, und zwar eine solche, die von. den betreffenden Menschen nicht gewollt wird. D/ese Assimilation ist das Resultat von Landschaft, Klima und Milieu und vollzieht sich unbewußt und fast zwangsläufig, hauptsächlich bei Juden, die in Weiner Zahl innerhalb einer nicht jüdischen Umgebung leben. Gegen solch eine Angleichung läßt sich mit politischen und sittlichen Argumenten nicht kämpfen, .ßs ist das Los der Minorität, außerhalb des nationalen Rahmens sich selbst aufgeben zu müssen, ein Dogma des Zionismus, daß nur eine geschlossene, festgegründete Majorität die Zukunft des jüdischen Wesens •gewährleistet. Es handelt sich um die gewollte und die ungewollte Assimilation. Darüber müssen klare Worte gesagt werden. Bei der Mehrheit der deutschen Juden war die Lage so, daß ihnen starkes Selbstbewußtsein und die Ueberzeugung vom eigenen Wert fehlte und sie in. der Assimilation an das Deutsche eine Rangerhöhung sahen, die honoriert werden müsse. Bekämpft hat der Zionismus nur die gewollte, entwürdigende Assimilation. Seine Auseindersetzung mit den Menschen, welche sich „Deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" nannten, betraf ausschließlich die Frage der gewollten Assimilation, die schließlich zu völligem Indifferentismus in jüdischen Dingen führte. Wie .schrecklich war das Erwachen, als der deutsche Nationalsozialismus diesen C.-V.-Juden daran erinnerte, daß er kein deutscher Stamm sei, wie etwa die Bayern, Sachsen, Preußen usw., sondern ein jüdischer Stamm, jüdisch der Abstammung, der Herkunft, der Kasse, der Religion nach ... Die Stunde der gewollten Assimilation hatte geschlagen, es kam die fürchterliche Erschütterung, die einer Tragödie nicht unähnlich war. Der Zionismus war in Deutschland auf Juden gestoßen, die einen Entjudungsprozeß mitgemacht hatten, „in dessen Gefolge schwere Beeinträchtigungen des Charakters" standen. Der Zionismus erkannte mit fürchterlicher Deutlichkeit, daß ein Teil der Judenheit bereits am äußersten Rande des Judeseins stand, fern von jüdisch-historischen Bindungen, von jüdischer Solidarität. Der Zionismus sah sich vor die beschämende Erscheinung des jüdischen Selbsthasses gestellt, der geradezu antisemitische Allüren angenommen hatte. Man erinnert sich noch an den publizistischen Feldzug, den die nationaltreue jüdische Presse gegen die gewollte Assimilation des C.-V.-Judentums in Deutschland (und ihrer analogen Vereine in den anderen Ländern) zu führen hatte. Am äußersten Punkt standen die nationaldeutschen Juden des berüchtigten Dr. Naumann, die es als Beleidigung empfanden, wenn man mit jüdischen Dingen an sie herantrat, die den jüdischen Palästina-Aufbau verspotteten, die ihr Judentum kraß verleugneten . . . Ein großer Teil der deutschen Judenheit — wenn man von den Naumann-Juden absieht — beschritt den Weg zur Einkehr. Seine Organisation war der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C. V.), der in gewissem Sinne für die Haltung jener Juden verantwortlich ist, die nicht ins zionistische Lager fanden. Und nun beginnt wieder die alte Diskussion . . . Dr. Herzfcld, der Vertreter des C. V., bewegt sich immer noch in den alten Anschauungen, die Schiffbruch gelitten haben. Die nationalen Grundlagen des Zionismus erscheinen ihm — „g e s c h i c h t swidrig!" Er hat also aus den Irrtümern der deutschen Judengeschichte nichts gelernt und ist scheinbar der Meinung, daß der Irrweg von einst in irgend einer neuen Fasson fortgesetzt werden kann. Die d. outscheAssimilation ist mißlungen, weil sie geschichtswidrig war. Und was in Deutschland mißlang, nämlich die Synthese Deutschtum-Judentum, wird naturnotwendig überall mißlingen. Das Judentum aufrechterhalten wollen und gleichzeitig sich dem anderen (deutschen, polnischen, ungarischen usw.) Volkstum gleichschalten wollen, ist absurd. Nach vier Jahren jüdisch-deutscher Wanderung nach Palästina versucht Dr. Herzfeld das Palästina-Problem bloß nach dem Maß der Aufnahmsfähigkeit Palästinas für deutsche Emigranten zu behandeln. Er bleibt also auf halbem Weg stehen. Man hoffte, eine völlige Umkehr bei den Juden des C. V. feststellen zu können, bemerkt aber, daß sich diese noch immer im Stadium der Assimilation befinden. Der Zionismus empfindet Genugtuung über Zusammenarbeit mit jedem Juden, der sich für die Gestaltung des gemeinsamen Schicksals bereitstellt. Er weiß, daß es eine Galuth gibt, aber daß diese nur dann einen Sinn hat, wenn sie national ist. Zu dieser Erkenntnis muß sich auch das deutsche Judentum durchdringen^ wenn es nicht untergehen will. „Nationaler Block" Zusammenschloß zionistischer Parteien In Kowno (Litauen) hat am 6. und 7. März eine Konferenz der Allgemeinen Ztonlsten (Gruppe B), der Judenstaatspartei und des Mlsrachi stattgefunden, welche einen engen Zusammenschluß dieser Parteien in Litauen hergestellt hat, mit dem weiteren Ziele, diesen Zusammenschluß innerhalb der Zionistischen .Weltorganisation durchzusetzen. In Litauen wurde die Vereinigung unter dem Titel „Nationaler Block" bereits geschaffen. Sie wird ihren ersten Ausdruck darin finden, daß die vereinigten Parteien bei den im Frühsommer stattfindenden Wahlen zu dem im heurigen Jahre stattfindenden 2 0. Zionlstenkongreß eine Einheitsliste aufstellen werden. Darüber hinaus hat die Konferenz Resolutionen angenommen, in welchen gegenüber der Vorherrschaft der Arbeiterpartei Poale Zion in der Zionistischen Weltorganisation gleiches Recht für alle Gruppen im Zionismus und gleiches Recht auf Zertifikate und Arbeit in Palästina gefordert wird. Zu diesem Zwecke wird eine durchgreifende Reform des Schekels und des Wahlrechtes zun* Kongreß verlangt, ferner der Zusammenschluß aller, nicht auf dem Boden des Klassenkampfes stehenden Arbeitergewerkschaften (Allgemeine, Judenstaatlcr, Revisionisten, Misrachi in, Palästina). In einer Resolution wurde beauftragt, Bedingungen zu schaffen, welche die Rückkehr der Zionisten - Revisionisten in die Weltorganisation ermöglichen sollen, und dem ,,Betar" wieder das Kollektivrecht für die Erlangung von Einwanderungs-Zertifikaten zu geben. Schließlich wurde die Einberufung einer Weltkonferenz der für den „Nationalen Block" in Betracht kommenden Parteien aller Länder angeregt. Out passende HERRENHEMDEN nach Maß in allen Preislagen FISCHER/ VIII, FELDGASSE 1 a i/ s i* Spezial-Herrenwäsche-Erzeugung Leiste Nachrichten aus Palästina Petach Tikwah — Stadt Petach Tikwah wurde heute offiziell als Munizipalität anerkannt und ist somit die zweite reinjüdische Stadt Palästinas geworden. Die Stadtverwaltung besteht au3 einem Bürgermeister und 15 Räten; das Wahlystem ist das gleiche wie in Tel-Aviv und schließt Wahlrecht für Frauen ein. Toscaninis Geburtstag Die Exekutive hat an T o s c a n i n i, der am 25. März seinen 70. Geburtstag feierte, ein warmes Glückwunschtelegramm gerichtet, in dem auch seiner Palästina-Reise gedacht wird. Die Lage in Jaffa Sämtliche arabische Zeitungen behandeln in längeren Aufsätzen die prekäre Lage des Hafens von Jaffa. Es wird darauf hingewiesen, daß seit fast einem Jahr kein einziger Passagierdampfer in Jaffa vor Anker gegangen ist. Die arabische Presse meldet, daß eine Anzahl der jüdischen Viertel von Jaffa demnächst in das Verwaltungsgebiet von Tel-Aviv übergehen werden. Von der Universität An der Hebräischen Universität soll demnächst ein Museum jüdischer Altert Um e r gegründet wer- Rlchtige Einkaufstclle für: Bar-Mizwah-Goschenke J Jadalca u. Hebraica Modern« Literatur, SCHULBUCHER (weh antiquarisch) Sehr mäflige Preise / Verzeichnis günstiger Gelegenheitskäufe umsonst) Hermann Tuchner Buchhandlung — Antiquariat Wien II, ecke TaborstraBe 52, Tel. R-«1-<J-20 den. Die Mittel werden dem vom südafrikanischen Juden Kutcher vermachten Legat von 45.000 Pfund entnommen werden. Der Tod Beikinds In Jerusalem ist Shimshon B e 1 k i n d, der Gründer der Kolonie Rischon le Zion (bekannt durch die Rothschildschen Weingärten), im Alter von 73 Jahren gestorben. Belklnd gehörte zu den populärsten Persönlichkeiten des Landes. Unsichtbare Kühe Aus Jerusalem wird geschrieben: „Man fragt sich nach den letzten Vorfällen, ob die palästinensische Polizei überhaupt noch Augen hat. Schließlich haben sich die bewaffneten Bänden in den letzten Tagen Dinge geleistet, die man mit einer Mischung von Erbitterung und Amüsement mitansieht. Daß man eine Herde von 96 Kühen bei hellem Tageslicht wegtreiben kann, wenn man die nötige Anzahl von Menschen und Gewehren zur Verfügung hat, läßt flieh noch begreifen. Daß man aber diese Kühe — und es sind Rassekühe, wie sie nur die Juden in Palästina haben und wie sie inkeinem arabiachonDorfe zu finden sind — mit Hilfe der Polizei und der Aeroplane (!) nicht wiederfinden kann, daß sie verschwunden sind wie eine Stecknadel in einem Heuhaufen, daß geht über das Verständnis eines normalen Menschen. Es ist ja geradezu, als wäre jemand im Frack unter einer Beduinenrotte verschwunden und unter keinen Umständen mehr au.? ihr heraiwzuerkennen. Wenn diese 96 Kühe von Mizpah nicht die gesamte Habe des Ortes darstellten und der Raub, nis&fc ein unabjjreis.Uches. Zeichen wäre für: die Unfähigkeit der Regierungsorgane, könnte er als einer der besten Witze der letzten Zeit gelten. Und wenn man die Möglichkeit hat, ohne jede Gefahr sich die schönen Rassekühe 2ti holen, warum soll man es eigentlich nicht tun?" („Jüdische Rundschau.") . 20. Jahrestag der Jüdischen Legion Aus Jerusalem: Anläßlich des 2 0. Jahrestages derJüdischen Legion haben Oberrabbiner Amiel von Tel-Aviv und Rabbi Uzi e 1, der sephardische Oberrabbiner von Palästina, anColonel Patte rson, den Kommandeur der Jüdischen Legion, der jetzt in Palästina weilt, Begrüßungen gesandt. In seiner Antwort rühmt Colonel Patterson den Heroismus der Jüdischen Legion und fordert zu innerer Einigkeit unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas auf. Er verspricht, daß seine Freunde in England ihr Aeußerstes tun werden, um die Entwicklung des Jüdi- | sehen Nationalhelms zu sichern. Colonel Patterson schließt: „Man braucht sich über den Bericht der Königlichen Kommission nicht zu beunruhigen. Es gibt eine höhere Autorität, nämlich die Bibel, die Palästina den Juden versprach, und darum ist Palästina jüdisch." Internationale Kraftfahrerlaubnisse Aus Jerusalem (J. T. A.): Die Palästina- Regierung hat der Automobile Club and Touring Association of Palestine die Ermächtigung zur Ausgabe von internationalen Zertifikaten für Kraftfahrzeuge, internationalen Führerscheinen und internationalen Fiskalerlaubnissen erteilt. Damit werden die Bestimmungen der Pariser Internationalen Kraftverkehrskonvention von 1926 und der Genfer Internationalen Konvention über die Besteuerung ausländischer Kraftfahrzeuge von 1931 auch auf Palästina ausgedehnt. Unberührt bleiben die Vereinbarungen, die zwischen Palästina und Transjordanien sowie mit Syrien Über den Kraftverkehr getroffen worden sind. Aus Rumänien Der Segen des Patriarchen Aus Bukarest: Ein aufsehenerregender Brief des rumänischen Patriarchen Miron Christes, Oberhaupt der Griechisch-orthodoxen Kirche von Rumänien, ist in der Bukarester antisemitischen Zeitung „Porunca Vremi", die als der rumänische „Stürmer" angesehen wird, abgedruckt. Der Brief ist die Antwort des Patriarchen auf eine an ihn ergangene Einladung, einem Sonderkomitee beizutreten, daß anläßlich des 80. Geburtstages des berüchtigten rumänischen Antisemitenführers Prof. Alexander Cuza am 11. April eine Massenversammlung arrangiert. Er lautet: P4u$ick Afymwe, SemneeUt^ HOCHSTRASSE / TEL. Nr. 109 Fließendes Kalt- und Warmwasser „Ich bedauere, dem zum Zwecke der Organisierung einer Professor-Cuza-Feler gebildeten Komitee nicht sofort beitreten zu können. Der Arzt hat mir untersagt, das Haus zu vei'lassen. Ich beeile mich jedoch, die Einladung zu beantworten, indem ich erkläre, daß ich, wie alle Rumänen, voll Freude an der Feier zu Ehi*en des begeisterten nationalen Kämpfers, dessen strahlendes Werk ich fast von seinem Beginn an verfolge, teilnehmen werde. Ich bewundere seine Energie, seinen kompromißlosen Charakter und seinen Nationalismus, die der Jugend und den großen Massen des rumänischen Volkes als Muster dienen sollten. Wegen dieser seiner Eigenschaften hege ich für ihn warme Sympathie und Bewunderung und wünsche ich ihm viele Jahre nutzvoller Begeisterung, auf daß er die Früchte seiner unermüdlichen Arbeit für das gemeinsame Wohl genieße. Mit patriarchalischem Segen Metropolitischer Erzbischof Miron, Patriarch von Rumänien." Da die Cuza-Feier faktisch eine antisemitische Demonstration ist, wird der Brief des Patriarchen in Bukarest viel kommentiert, besonders im Hinblick dai'auf, daß die Regierung erst kürzlich die Angehörigen des Klerus ermahnt hat, nicht an Manifestationen teilzunehmen, auf denen Haß zwischen den Bürgern des Landes gepredigt wird. Noch drei Bischöfe Aus Bukarest: Nach dem Oberhaupte der griechisch-orthodoxen Kirche von Rumänien, Patriarch Miron Christas, haben jetzt weitere drei metropolitanische Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirche in Rumänien ihre Teilnahme an der am 11. April von einem Festkomitee veranstalteten Geburtstagsfeier für Professor Cuza zugesagt. Es sind dies Metropolit Guri, das Haupt der griechisch-orthodoxen Kirche in Bessarabien. Metropolit Magcru, Haupt der griechischorthodoxen Kirche in Transsylvanien, und Metropolit Viearion, das Haupt der griechisch-orthodoxen Kirche der Bukowina. Die drei Patriarchen haben in der antisemitischen Zeitung „Porumca Vremii" Briefe veröffentlicht, in denen sie die Betätigung Cu z a s in hohen Worten preisen. Dr. Josef Löwenherz — Amtsdirektor. In der Sitzung der Wiener Kultusgemeinde vom 30. März wurde Dr. Josef Löwenherz zum definitiven Amtsdirektor ernannt. Dr. Löwenherz»führte bereits seit einem Jahr in mustergültiger Weise die Amtagcschafte. /