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Die neue Welt · 1937-04-01 · Heft 644 (1.4.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 644 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 644 vom 1. April 1937 DIE NEUE WELT Jude - huud, Ata&et. -tomautistk... So oft eine politische Spannung zwischen uns tind der Palästina-Regierung eintritt, fragen wir — über den aktuellen Anlaß hinaus — nach der tieferen (ich möchte sagen: transzendentalen) Ursache. Besonders die Zeit der Verhandlungen der Kgl. Kommission gab uns Gelegenheit zu solcher Betrachtung. In den scheinbar harmlosesten Fragen und Bemerkungen der Kommissionsmitglieder glaubten wir Anspielungen zu finden, die eine feindselige Haltung gegen uns bekundeten, während die arabischen Vertreter unserem Gefühl nach mit mehr Respekt, ja mit einem ausgesprochenen Wohlwollen und Entgegenkommen behandelt wurden. Sympathie etwa für die arabischen Aspirationen kann die Haltung der europäischen Kommission nicht erklären. Denn es gab im Verlauf der Zeugenaussagen Augenblicke, wo Lord Peel und seine Kollegen, Söhne des britischen Imperiums, das Draufgängertum der arabischen Interessen Vertreter als eine Gefahr für Englands Position im Vorderen Orient erkennen mußten. Meir Großmann hat in einem Aufsatz (Die Neue Welt, Nr. 600) die psychologische Seite der antijüdischen Einstellung der palästinensischen Regierungsbeamtenschaft darzustellen versucht und ist zum Ergebnis gelangt, daß man mit den Mitteln logischer Schlüsse zu keinem plausiblen Resultat gelangt; daß die — Aversion aus Gefühlsmotiven kommt. Der nach dem Orient verschlagene Engländer sucht hier den Traum, die Fata Morgana, einen Zipfel von Tausendundeiner Nacht. Ihm erscheint der Jude alltäglich, der Araber romantisch. Und Romantik ist nun einmal sein Spleen. * Zweifels hat die äußere Erscheinung der Araber Eu*iruck gemacht. Dem bibelkundigen Engländer j*'ußte die Impression willkommen sein, daß hier sv itwas wie ein Fortwirken des einst gewaltigen Semitismus vorhanden sei, eine Tradition, die ihre Kontinuität mit den mosaischen und mohammedanischen Formen nie verloren habe; der Schnitt und Schwung der edlen Tracht, die wohl die Komponente einer edlen Gesinnung sei und nicht der Mode fröne, müsse wohl erhalten werden als Zeichen einer wundersamen Orientalik, der bei Einbruch europäischzivilisatorischer Kräfte die Gefahr des Untergangs drohe. Die politische Argumentation der arabischen Vertreter mit dem Mufti voran, bedurfte angesichts dieses englischen Sentiments keiner allzu präzisen Logik mehr. Das Verwurzeltsein mit dem Boden mußte nicht erst durch historische Rechte und vertragliche Ansprüche erhärtet werden. Wer sich so stilvoll in Luft und Licht und Landschaft einzufügen verstand, dem konnte man gewiß den Beweis substanziellen Rechts erlassen. * Tatsächlich vermochten — unter der Suggestion des ästhetischen Eindrucks — die Lord Peel- Herren den arabischen Dreistigkeiten nichts Dingliches entgegenzusetzen. Sie fühlten sich nicht als Sucher der Wahrheit, sondern als Treuhänder von Harun-al-Raschid-Stimmungen. Und es ist nicht ausgeschlossen, daß diese fatale Neigung auch noch im nebligen London anhält. •* Der Araber romantisch, der Jude alltäglich, banal . . . Ich kann mir vorstellen, daß unsere Zeugen, die Zeugen der Wahrheit, Gerechtigkeit und Wirklichkeit, vor den englischen Herren keinen guten Eindruck machten — im Sinne ästhetischer Ansprüche. Ein Stück internationaler Gesellschaftsform, die in London genau so aussieht wie in Moskau oder San Franziska, bot sich im Verhandlungssaal und — leider — nicht nur dort. Der jüdische Mensch in Palästina, der neue junge schöpferische, der Chaluz der Faust und des Hirns, hat — dem Tempo des Aufbaues angemessen — den sportlichen Zuschnitt des Gewandes mitgebracht. Sportkappe, aufgeschlagenes Hemd, Sporthose ... die Formen des internationalen Proletariats schlagen an die Formen des Landes, an die Hügel und Silhouetten der Landschaft. Wenn man von einzelnen Judentypen absieht, die seit eh und jeh im Orient wohnen, gewahrt man ausschließlich Gestalten und Gruppen abendländischer Zivilisation, die manch feinnerviger Beobachter als im Widerspruch zum „Milieu" stehend empfindet. Gewiß läßt sich nicht verlangen, daß sich dem ornamentalen Betonbau ein romantisch aufgeputzter Snob aufpfropfe. Faltenreichtum, Stoffüppigkeit, KJeiderschwere sind Dinge, die den Sturmlauf des chaluzischen Lebens unmöglich machen würden. Darum geht es nicht. Um Maskerade, um Filmtauglichkeit gellt es nicht. Es gibt eine der Gesellschaft innewohnende Lebensform. Sie muß man gestalten, lebendig machen. Wehe, wenn man ihr die Erfüllung versagt! Kein vernünftiger Lebensarchitekt wird verlangen, daß sich der nach Palästina kommende Jude dem Arabertum assimiliere; aber sehnsüchtig verlangen, daß er sich akklimatisiere: an die Landschaft, an das Klima, an den Rhythmus der immer noch hier wirksamen jüdischen Antike. Ein Rezept kann man nicht geben. Es muß genügen, zu sagen, daß die Wiederkehr ins Land der Vater verbunden sein muß mit dem Gefühl für die Lebensform dieser Väter. Die Erkenntnis von der unbedingten Notwendigkeit der hebräischen Sprache für die Gestaltung des neujüdischen Lebens muß zur Erkenntnis von der unbedingten Notwendigkeit eines „hebräischen Lebensstils" führen. Es darf nicht sein, daß irgend ein Jude aus Palästina nach Europa kommt, ohne auch nur irgendein Merkmal palästinensischer Herkunft an sich zu tragen. Wer das Gefühl besessen hat, daß sein europäischer Name in Erez Israel Hebraisierung verlangte und sich etwa statt „Feuerstein" nunmehr „Hameiri" nennt, der muß in konsequentem Stildrang weitere „dekorative" Umänderungen folgen lassen. Wir wollen das Glück haben, daß man uns von außen her schon als Palästinenser erkennt . . . und das ist nur durch die langsame Entwicklung des Kleides zu einer Nationaltracht (wenigstens bei festlichen Anlässen zu tragen!) möglich. # Schön ist der bekleidete Mensch nur in der ihm gemäßen Gewandung. Sinn für diese Gewandung zu wecken, ist nicht bloß eine ästhetisch-kulturelle, es ist eine politische Aufgabe. Herzl hatte diesen Sinn. In seinen Tagebüchern finden wir eine Menge Stellen, die diesen Sinn bezeugen. Herzl war vor allem schön als J u d e. Barttracht und Auftreten ließen ihn dem Zeitgenossen als Juden von antikem Adel und betonter Orientalität erscheinen. Herzl wußte um das Geheimnis volksgemäßer Lebensform. Er wählte Farbe und Schnitt gemäß der Persönlichkeiten, auf die er Eindruck zu machen wünschte. In der palästinensischen Gluthitze trug er einen Tropenhelm. Als Bewohner Palästinas hätte er zweifellos eine stilgerechte Kleidung für sich geschaffen. Herzls Schönheit war das Resultat der Harmonie zwischen jüdischer Sehnsucht und jüdischer Physiognomie. Herzl war, das muß nochmals gesagt werden (Baronin Berta Suttner hatte es erfühlt), schön als Jude. Je „orientalischer" sein Antlitz und seine Haltung wurden, je ähnlicher seine Züge der Idealvorstellung eines antiken Judenkönigs wurden, desto dramatischer war die Wirkung seiner Persönlichkeit. Ein ä la Börsenjobber zugestutzter Herzl hätte keinesfalls politische Erfolge erzielen können. * Also hin zu der uns gemäßen, dem Orient akklimatisierten Lebensform! Hin zum jüdischpalästinensischen Stil! Hin zur hebräischen Gewandung, zur jüdischen Nationaltracht! Oskar Rosenfeld. Zwei ludet* kapen einen fifa* London, Ende März. Das letzte große Filmereignis Londons ist die Premiere des Metro-Goldwyn-Films: „The Good Earth" („Die gute Erde"), nach dem Roman von Pearl S. Buck. Hauptdarsteller sind: Paul Muni und Luise Rainer; die weibliche Darstellerin Jüdin aus Hamburg, der männliche Darsteller geboren irgendwo ziemlich weit östlich von Wien, von wo aus man mit der Nordbahn in vielen eintönigen Eisenbahnstunden nach der Donaukapitale kommt. Da diese beiden die Träger des grandiosen Bildes sind, wird es für manche Gegenden der mitteleuropäischen Landkarte untragbar sein. Bedauernswerte Gegenden — da die Londoner in diesen Tagen mit gutem Grund täglich zwei- bis dreimal das vielrangige, riesige Palace-Theater bis auf den letzten Klappsitz füllen. Ganz, ganz großes Ereignis, in vielen Teilen, besonders in der ersten Stunde wahrhaft erschütternde Höchstleistung. China um die Jahrhundertwende. Der Chinese, ungezwungen selbstverständlich, als Symbol des Menschen, wo immer er lebt und leidet. Der junge Bauernsohn Wang Lun schreitet ins „Große Haus", um sich von dort seine Braut zu holen, die er noch nicht kennt. Jawohl, „schreitet". Wie in solch einer erregenden Stunde ein junger Mann im Reich der Mitte dem Schicksal seines Lebens entgegengeht. Aufrecht, stark, gierig, das innere Zittern hinter vorsichtigem Lächeln verbergend, jeder Zoll gelber Mann des Ostens, in so hoher Vollkommenheit gespielt vom Juden Paul Muni aus einem näheren Osten, als wollte er über alle Theorien von unüberschreitbaren Grenzen zwischen den Rassen hinwegschreiten, hinweglächeln. Nicht minder vollkommen Luise Rainer, das Judenmädel aus Hamburg, als die Chinesin O-Lan. Zuerst scheue Sklavin, dann liebende Gattin, Mutter, dann enttäuschte, verhärmte Frau, da sie der reichgewordene Mann nicht mehr als die Einzige ansieht. In hohem Maestoso zieht das Leben der beiden vorüber: Geburt der Kinder, Reichwerden, Fährnisse des Reichtums, unvermutet der Strudel und knatternde Salven der Revolution, Heimkehr aus dem gefährlichen Süden ins kleine Haus, in dem die Kinder geboren sind, wieder wachsender Reichtum, Entflammtsem des SIEGM. KORNMEHL GROSSFLBlSCHHAUEBE! Zentrale; IX., Berggasse 19, Tel. A-17-5-90 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für -^-fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinate der Isr \\ Kultusgemeinde Wien Autoxu»tellung kestenlo» «X. Berggasse IS / XVIII., Währingerstr. 97;: älter gewordenen Mannes für eine Andere, Jüngere, Leiden und Qual der Gattin, Hochzeit des ältesten Sohnes, schließlich Versöhnung und, ausklingend, O-Lans Tod. Meisterleistung derselben Luise Rainer, die schon als Anna Held im Ziegfeld-Film für alle jene eine überraschende Entwicklung gezeigt hatte, die sie noch vor drei Jahren in Wien belanglos fanden. Glutvoll, blutvoll beide — der tönende Zelluloidstreifen wird um den Erdball laufen, nur an der Grenze jener Länder haltmachen, wo man ihn untragbar finden wird. —t. Zur Aussprache des Hebräischen Das Problem der Aussprache des Hebräischen hat Dr. Moses S i s t e r in einem Vortrag an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, der im Verlag Siegfried Scholem im Druck erschienen ist, behandelt. Dr. Sister betont, daß es eine allgemein feststehende Auasprache des Hebräischen nicht gibt. Das Leben der Sprache vollzieht sich in Dialekten. Eine Reform der hebräischen Orthographie ist notwendig. Die aschkenasisehen Dialekte sind die verbreitetsten und werden von etwa' 13,800.000 Juden gesprochen. Die zweitstärkste Gruppe bilden die von etwa 1,600.000 Juden gesprochenen seph ardischen Dialekte. Auf die übrigen orientalischen und nordafrikanischenDialekte entfallen 600.000. Neunzig Prozent der Juden gehören in der Art,'wiesie das Hebräische aussprechen, dem europäischen Sprach k r e i s an. Auch die Aussprache des Hebräischen in Palästina ist noch weit von Einheitlichkeit entfernt. In der Betonung mischen sich sephardische mit askenasischen Einflüssen, manche versuchen, die Aussprache der Kehllaute den Arabern nachzuahmen. Die Entwicklung der hebräischen Worte im Jiddischen ist gleichfalls nicht ohne Einfluß auf das gesprochene Hebräisch geblieben. Zusammenfassend wird gesagt,' daß der jeder -jüdischen Gemeinschaft überlieferte Dialekt die einzige sichere Basis für die Aussprache ist. Ueber die künftige Gestaltung einer literarischen und Bühnenaussprache in Palästina lasse sich nichts sagen. Man müsse geduldig auf der natürlichen Grundlage des gegebenen Dialekts bauen, wie dies auch in Palästina geschieht; w b um Einsendung von Adressen, an die wir Probeexemplare versenden können Die Verwaltung „D IE NEUE WEIT' Ein Theafterfuholäuin Zu einer Zeit, wo der Niedergang des jüdischen Theaters in Wien — trotz einzelner großer Leistungen und wertvoller Gastspiele — sichtbar wurde, wurden im Theater Reklame in der Praterstraße die „Jüdischen Künstlerspiele" geschaffen. Die Initiative zu dieser Gründung ging von einem im Theaterbetrieb aufgewachsenen jungen Mann. J. G o 1 d f 1 i e ß, aus, der seine ganze Energie und Liebe zum jiddischen Theater daransetzte, um sein Projekt zu verwirklichen. Seither sind rund zehn Jahre vergangen, ausgefüllt mit Arbeit und Sorgen, mit Erfolg und Genugtuung, im Dienst des jiddischen Wortes und Liedes. Die besten Autoren der älteren .und neuen Zeit fanden in den Jüdischen Künstlerspielen ihre Heimstätte, das Wiener Judentum hat endlich sein Theater. Interessante FiimsPreniieren Heute — „Guillotine" Im Apoljo findet heute die österreichische Uraufführung des neuen großen Spitzenfilms der Metro- Goldwyn-Mayer „Guillotine" statt. Die Hauptrolle dieses Films spielt Ronald Colman. „Wir marschieren um Mitternacht" Nach dem Tagebuch eines gefallenen französischen Offiziers hat die 20th Century Fox das Schicksalerlrama: „Wir marschieren um Mitternacht" geschaffen. Uraufführung ab Freitag im Kreuz- und Luxpalast-Kino. „Samson" Im Raiamen einer Festpremicre im Burg-Kino und Imperial-Kino, deren Protektorat der Gesandte der Französischen Republik Exzellenz Puaux übernommen hat. und zu der die Spitzen der Wiener Gesellschaft und Kunstwelt geladen sind, wird das französische Filmwerk;,S a m s o n", nach dem Bühnenstück Henry Bernsteins, mit Harry B a u r, Gaby Morlay und Suzy Prim in den Hauptrollen, erstmalig in Wien gezeigt werden. Heute: Premiere: „Brutal" In dem heute im Rotenturm-. Stafa- und Votivpark- Kino erscheinenden Großfilm „Brutal" spielt Victor McLaglen die Hauptrolle. Er fliegt auf Blond, kein Wundor, denn sowohl Binnie Barnes, bekannt aus „Di;ei süß« Mädels", wie auch Jean Dixon sind seine Partnerinneu.

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