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Die neue Welt · 1937-03-26 · Heft 643 (26.3.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 643 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIB NEUE WELT Nr. 643 vom 26. März 1937 - ■» - —'.'^'V' bedacht, fremden Einfluß von dem werdenden Volk fernzuhalten. Die herrliche Gestalt Mirjams ist von Sagenkränzen umwoben. Ueber ihren Tod erzählt die Legende: der „Todesengel1" konnte diesem hohen Wesen kein Leid antun. Gleich Mosche stirbt Mirjam durch Gotteskuß. Gott sog durch einen Kuß die Seele aus ihrem Körper... Mirjam, das ewige Symbol der jüdischen Freiheitskämpferin, das Urbild einer Volkserzieherin. Ihre hohe Stellung liefert den Beweis für den bedeutenden Einfluß der jüdischen Frau auf das ö f f e n 11 i c h e Leben im alten Israel. Mirjam die Wegweiserin der Galuthfrauen: ihr Werk ist nicht vollendet. Seit Jahrtausenden ist dem Judentum keine Frau wie Mirjam erstanden... Löscht Judas Stimme aus im Yölkevchore Und nehmet an. sie märe nicht gewesen — Die alte, wirre Menschheit, nie genesen. Zog' andre Straffen jetzt, durch andre Tore. Nicht klänge Orgeltun oon der Empore. Es güb' Franciscum nicht und nicht Theresen. Nie hätt1 vom Menschenrecht die großen Thesen Strahlend oerkündet je die Trikolore. Denn Judn war's, das durch des Buches Mittel Der finstern Menschheit ein Gemissen schenkte, Die Flughahn ihrer Sitte schuf und lenkte, Selbst wenn nur wiiv der eine Vers .geschrieben: „DU SOLLST DEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBER LIEBEN." Buch Mosis Drei, im neunzehnten Kapitel. Aus Arnold Hahns neuem Gedichtband „Das Volk Messias" (Verlag Dr. Arnold Hahn, Praha II., Podskalskä 24). 10 jähre /Jüdische Kunsftletspieiie" Dienstag, den 6. April, findet im Rahmen einer Festvorstellung das zehnjährige Bestandsjubiläum der „Jüdischen Künstlerspiele" unter der Leitung von Dir. J. Goldflies statt. Um diesem Abend eine besonders heitere Note zu geben, hat Dir. J. Goldflies ein überaus originelles Lustspiel zur Aufführung ausgewählt, und zwar „Ein Chasen auf Weekend", das vom Hausdramaturgen A. Meiseis neu bearbeitet und mit Schlagerrollen für die Stars Jenny L o v i c und Heimi Lewin versehen wurde. Den Chasen spielt Dolly Nachbar und seine Partnerin ist Lore Glücksmann. Prominente jüdische Künstlerpersönlichkeiten werden an diesem Ehrenabend, dessen Arrangement in Händen von Herrn Hirschfeld liegt, mitwirken, so Otto W a 11 b u r g, Trude Roth, Josef Baar, Hilde D u 1 i t z k a j a, die beiden Wunderkinder Mundi Hausknecht und M. Schwartz u. v. a. Auch Fritz Grünbaum und Franz Engel haben sich nach Maßgabe ihrer Zeit zur Verfügung gestellt. Der offizielle Teil des Abends wird von Dr. Oskar Rosenfeld („Zehn Jahre Jüdische Künstlerspiele") und Dr. Sem Wolf („Jüdische Künstler-Jüdisches Theater") bestritten. Es empfiehlt sich, rechtzeitig für Karten zu sorgen, da nur ein beschränkter Kartenverkauf stattfindet. Das Pessadiprogramm der „Jüdischen Künstlerspiele" In den „Jüdischen Künstlerspielen" (II., l'raterstraße 34, Tel. R-45-4-94) wird ab Sonntag, den 28. d. M., die Novität „» 1 e verkischewfe Kalle" gegeben, und zwar an den beiden Feiertagen, Sonntag, den 28., und Montag, den 29. d. M., nicht nur abends um halb 9 Uhr, sondern auch um halb 4 Uhr bei kleinen Preisen. Außer Jenny Lovic und ihrem Partner Heimi L c w 1 n tritt das komische Paar Glücksmann-Nachbar auf. Vorverkauf bereits eröffnet, Kartenreservierungen auch telephonisch. Hebräisch-palästinensischer Liederabend J. Segal- Rosenbach. Großer Saal, IV., Hauslabgasse 2. Mittwoch, den 31. März, halb 9 Uhr abends. Programm: „Erez Israels Aufbau im Liede". Mitwirkend: Richard Müller (Sprecher). Lili Riegler (Klavier). Pes§adi zu Neumann Als national-religiöser Jude, in der jüdischen Tradition lebend und für sie wirkend, so erscheint uns Herr Karl Neumann nicht nur als Mensch, sondern auch als Besitzer der populärsten jüdischen Caf6-Confiserie Neumann, Wien, II., Gredlerstraße 2. Es muß ihm als besonderes Verdienst angerechnet werden, daß er zur Erzeugung seiner anerkannt schmackhaften und billigen Konditoreiwaren fast nur Palästina-Produkte verwendet und dadurch einem der edelsten Pessachgedanken, dem Tozereth Haarez, huldigt. Die Wiener Judenschaft hat Gelegenheit, Herrn Karl Neumann in seinem echt jüdischen Bestreben zu unterstützen, indem sie jederzeit und insbesondere zu den Pessachfeiertagen das Etablissement in der Gredlerstraße aufsucht. Es war ein glücklicher Gedanke des Herrn Neumann, dem Drängen seiner zahlreichen Kunden nachzugeben und an den Pessachtagen sein vornehmes, stilvoll eingerichtetes und behagliches Lokal offenzuhalten. Die acht Pessachtage stehen im Zeichen strengster Kaschruth, wie es einem volksbewußten und religiösen Juden geziemt. Die Confiserie Neumann ist eine Sehenswürdigkeit für alle Feinschmecker geworden, die auch Gelegenheit haben, in seinem von 6 Uhr früh bis 1 Uhr nachts geöffneten Kaffeesalon sämtliche Tageszeitungen zu lesen und sich gesellschaftlich zu unterhalten. Schließlich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Herr Neumann auf Verlangen feine Waren auch, ins Hau» liefert, Tel, A»42-3»81, E Emil Huttrer Hwt em BcrfogMe *,. Eine Pessacfigesdudile aus der heiligen §fadft Sadagöra Kinder, was wißt denn ihr, wie es einmal ausgeschaut hat in der heiligen Stadt Sadagora, als noch der große Rabbi in Glanz und Herrlichkeit dort residierte! Wer heute nach Sadagora kommt — wozu soll einer schon hinfahren? Höchstens einen Verwandten besuchen oder auf Kewer-Owes (Geschäfte sind dort, Gott sei's geklagt, keine zu machen) — der sieht ein kleines, weltverlassenes Städtel mit viel armen Juden und kann sich kaum vorstellen, daß es vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren noch ganz anders gewesen ist. Das große Schloß des Rabbi, mit seinen Türmen wie eine Festung, liegt verschlossen-öde, Türen und Fenster sind mit Brettern verschlagen, der Verputz fällt von den Mauern. Leer und einsam steht die weitläufige Schul, wo der Rabbi mit seinen Chassidim zu beten pflegte, Gras wächst auf dem riesigen Hof, wohin einst die Gläubigen zu hunderten drängten, um ihren verehrten Meister sehen zu können. Aber vor dem Krieg, da sah es anders aus. In den Gassen ein ständiges Kommen und Gehen, ein Geschiebe und Gedränge, ein Schreien und Rufen, ein Handeln und Lärmen! Von allen Ecken der Welt, aus aller Herren Ländern, selbst aus Amerika und Afrika kamen die Anhänger des Rabbi in die Stadt, um Rat und Zuspruch von ihm zu erbitten, in seiner Schul zu beten und sein Angesicht zu erspähen, vielleicht auch den Zipfel seines Gewandes zu berühren oder gar — höchste Gnade — an seiner Tafel teilzunehmen. Sie kamen nicht mit leeren Händen; sie brachten nicht nur Geschenke für den Rabbi, sie ließen auch viel Geld in den Speise- und Einkehrhäusern, in den Läden Alt-Ofener Synagoge: Innenansicht und bei den Handwerkern und auch bei den Balagules von Sadagora. Denn der Bahnhof liegt weit draußen vor der Stadt, und wer mit Sack und Pack, ausgerüstet für eine lange Reise und einen langen Aufenthalt fern vom Haus in Sadagora eintraf, konnte seine Habseligkeiten nicht zu Fuß bis ins Quartier schleppen. Darum stand immer, wenn ein Zug ankam, eine lange'Reihe Kutschen an der Bahn und man mußte sich beeilen, um noch eine für sich zu erwischen. Und die Männer auf dem Bock verstanden, gute Preise zu machen. Kein schlechtes Geschäft damals, Balagule zu sein! Auch der kleine Jojne fand keinen Grund zur Klage, obwohl er mit seinem alten, wackeligen Kasten und dem struppigen Pferdchen keinen Anspruch auf die besten und reichsten Gäste erheben durfte. An ihn kamen die bescheidenen Passagiere, die sich zu dritt oder zu viert eine Droschke nahmen, sie turmhoch mit ihren vielen Körben und Bündeln beluden, ausdauernd um den Fuhrlohn feilschten und kein Trinkgeld gaben. Aber er heimste immerhin so viel ein, daß sein Pferdchen genügend Hafer und seine Familie ihr bescheidenes Essen hatte. Erst das Pferdchen und dann die Familie, das war die Reihenfolge in Jojnes Gedanken; denn wenn das Pferdchen, Gott behüte, nicht zu fressen hätte und den Wagen nicht schleppen könnte, wie sollte man dann die Seinen erhalten? Die paar Gulden, die Jojne nach Hause brachte, langten gerade, sich täglich sattzuessen, zur notwendigen Zeit Kleider und Schuhe zu kaufen und dem Hausherrn pünktlich das Mietgeld zu bezahlen. Die Kinder wuchsen heran und gediehen und der Vater ließ sie ein Handwerk lernen, damit sie einmal in der Welt nicht verlorengingen. Manchmal kamen Krankheiten und andere Sorgen/ aber wenn Jojne je über dergleichen nachgedacht hätte, würde er bestimmt geantwortet haben, daß er an seinem Los nichts auszusetzen finde und sich kein anderes wünsche. Er war mit sich und der Welt zufrieden. Nur einen Menschen haßte er, nur einem Menschen wünschte er alles Schlechte: das war Hersch Apte, der reiche Hersch, der angesehene Reb Hersch. Diese Feindschaft ging auf ein Ereignis zurück, das schon lange Jahre zurücklag. Reb Hersch besaß damals noch nicht das größte Hotel in der Stadt; er führte einen kleinen Schankladen, in dem die Balagules gerne einkehrten, um sich durch ein Gläsel Branntwein für die Strapazen, die der harte Aufenthalt im' Freien mit sich bringt, zu stärken. Hinter dem Schankpult stand Hersch und füllte die Gläser. Tüchtig und fleißig war er, das mußte der Neid ihm lassen; von zeitig früh bis spät in die Nacht arbeitete er. Aber leiden mochte ihn keiner. Man kannte Hersch Aptes Lebensgeschichte: Von irgendwo aus Rußland war er gekommen und hatte als Schankbursche in dem Geschäfte begonnen, das nun ihm gehörte. Gearbeitet hatte er immer für zehn, und er hatte Kreuzer auf Kreuzer gelegt; man wußte allerdings auch, daß er das so Ersparte gegen gute Sicherheit und hohe Zinsen verlieh. Eines Tages gehörte der Branntweinladen ihm, später erwarb er deren mehrere, dann kaufte er das beste'Hotel mit dem großen Speisehaus und wurde reicher und reicher. Was er anfaßte, gedieh unter seinen Händen und trug Gold. So gern er aber Geld einnahm, so ungern gab er es wieder aus. Um halbe Kreuzer feilschte er stundenlang; die wunderlichsten Geschichten über seinen Geiz liefen um. Jedenfalls taten die „Gäste", die er notgedrungen manchmal zu Synagoge In Jerusalem: Innenansicht den drei S,abbatmahlzeiten in sein Haus nahm, gut. daran, vorher anderswo ihren Hunger zu stillen, damit ihr knurrender Magen nicht den Ruhetag entweihe. Nur wenn Hersch als „Dritter" oder „Sechster" zur Thora aufgerufen wurde, „schnoderte" er ein hübsches Stück Geld. Eitelkeit war nämlich seine schwache Seite und es gelüstete ihn nach Ehren und Ansehen in der Gemeinde. Damals nun, als Hersch Apte noch im Branntweinladen stand und eigenhändig seine Gä3te bediente, kam Jojne einmal herein und trank ein Gläs-

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