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Die neue Welt · 1937-03-26 · Heft 643 (26.3.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 643 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 643 vom 26. März 1937 DIE NEUE WELT Seite T «hen. Und weil der Frost an diesem Tage besonders biß, trank er noch ein aweites. Dann legte er acht Kreuzer auf den Tisch — er bevorzugte die bessere Sorte zu vier Kreuzer das Glas, nicht die billige zu drei — und wollte gehen. Da behauptete Hersch, er bekäme noch vier Kreuzer, denn , er habe dreimal eingeschenkt. Durch diese Zumutung, gewissermaßen ein Zechpreller zu sein, fühlte sich Jojne tief gekränkt. Es kam ihm nicht auf das Geld an, ihm ging es sich vor allem um Recht und Ehre. Darum antwortete er mit scharfen Worten, an denen ein Balagule ja reichen Vorrat hat, und Hersch erwiderte noch schärfer, bis schließlich die Sache ihr bitteres Ende fand: Der große, starke Hersch nahm den kleinen, schmächtigen Jojne beim Hals, gab ihm zwei Ohrfeigen und warf ihn zur Türe hinaus. In ohnmächtigem Zorn schwor der Beleidigte bittere Rache. Viele, viele Jahre sind seither vergangen und manches hat siefe geändert. Der Rabbi ist weggezogen und das heilige Sadagora ist ein stilles, verschlafenes Städtel geworden. Kein Lärm mehr . in den Gassen, keine Chassidim mehr, keine guten Geschäfte mehr, kein fröhliches Leben mehr. Jojnes Bart glänzt silbern, sein Wagen knarrt und wackelt ärger denn je; das Pferdcheii übertrifft alle seine Vorgänger an Struppigkeit und Magerkeit. Denn heute kommt ein Balagule kaum "mehr zu einer Fuhr, und wenn nicht die Söhne aus Amerika jeden Monat ein paar Dollars schickten, häAtc Jojne mit seinem Weib nicht zu leben. Auch bei Hersch Apte hat der Wandel der Zeiten seine tiefen Spuren hinterlassen. Wie ihn das Glück zuerst mit reichen Gaben überhäufte, so verfolgte ihn später das Unglück. Längst verkauft ist das große Hotel, in nichts zerronnen das viele schöne Geld, verschollen die Söhne und „geschmadt" und verloren die einzige Tochter. Heute wohnt Reb Hersch mit seiner Frau in einer winzigen Stube zur Miete — nicht bei Juden, sondern am anderen Ende der Stadt unter den Christen, und hat nichts zu nagen und zu beißen ... Unter heftigen Stürmen und Regengüssen ist der Frühling ins Land gekommen und man beginnt an Pcssach zu denken. Das jüdische Herz denkt dabei nicht nur an das eigene Haus, es erinnert sich auch der armen Brüder, denen alles fehlt, womit sie das Fest der Befreiung zu feiern haben, wie es Brauch ist. . Auch Jojne, jetzt als Wohlhabender, .angesehen wie der Einäugige als König unter den Blinden, wird seine Spende geben, damit ganz arme Juden ihre Mazzes bekommen. In der Klaus sammelt man für die Bedürftigen; auf einem Zettel stehen die Namen aller, die beteilt werden sollen. Hersch Apte ist nicht darunter. Hat man ihn vergessen? Weiß man nicht, wie schlecht es ihm geht? Niemand erhebt seine Stimme für ihn. Jojne hat bemerkt, daß sein alter Feind übersehen worden ist. Und der Gedanke läßt ihm keine Ruhe. Ein Jude soll zu Pessach keine Mazzes haben! Aber er ist doch dein Feind, er hat dir Unrecht zugefügt, dich beleidigt, geprügelt?! Wenn auch, soll er darum heute als alter, armer Mann nicht teilhaben an der Freude, daß der Ewige — gelobt sei sein Name — sein Volk mit starker Hand herausgeführt hat aus dem Lande Mizrajim, aus dem Hause der Knechtschaft? Knechte des Pharao waren wir im Lande Mizrajim, sollen wir weiterhin armselige Knechte unserer schwachen und sündigen Gedanken bleiben, oder nicht vielleicht freudige Eiferer für unsere heilige Thora werden? Die Lehre schreibt für ganz Israel den Genuß ungesäuerten Brotes in der Pessachzeit vor, also muß jeder Jude Mazzes haben! Jojne hat sich entschieden. Gestern erst sind wieder schöne Dollars gekommen und sein Weib hat eingekauft, was man zu Pessach.braucht. Jojne nimmt einen Korb und packt Mazzes und eine Flasche Wein und Eier und noch andere Sachen hinein. Dann macht er sich auf den Weg. Es regnet in Güssen, ein scharfer Wind bläst, man versinkt fast im Straßenkot. Jojne geht eine halbe Stünde bis zu. Hersch A'ptes Wohnung, klopft an, gibt wortlos seinen Korb ab und stapft wieder heim. Woran denkt Jojne, während er sich durch den Sturm kämpft? An die große, doppelte Mizwah, die er heute getan? Rühmt er sich vor Gott seines guten Herzens, freut er sich seines frommen Werkes? Nichts von alledem. Er hat beinahe schon vergessen, weswegen er sein Haus verließ. Er schimpft über die schlechten Straßen und das elende Wetter, er sehnt sich nach der warmen Stube und dem Abendessen. Und er freut sich auf den bevorstehenden Seder, wo man angelehnt sitzen wird und beten „Haschonoh hafooh bij'ruscholajim"! Gedanken, die ihm durch den Kopf gehen. Denn er, Jojne, ist ja kein großer Gelehrter, kein Führer und kein Erlauchter in Israel, er ist nicht einer, von dem man viel Aufhebens macht, er ist nur ein einfacher jüdischer Kutscher — Reb Jojne, der Balagule. „_ Verein Jüdische Volksbibliothek „Zion" und Klub der Freunde der Jüdischeu Volksbibliothek „Zion", Wien, II., Kleine Mohrengasse 3. Montag, den 20. d. M., 7 Uhr abends, findet im Festsaal unseres Heimes der 3. Söder- Abend mit folgendem Programm statt: Präsident Dr. Rybaczowski: Begrüßung; Redakteur Bruno Heilig: Festrede; Frl. T. Auerbach: Gesang; S. ITaber: Vorlesung. Pause. Oberkantor G. Margulies: Gesang; R. Willgot: Rezitation; Chaluzzoth-Gruppe der Wtzo (Führung: JPrau Dr. Berger); jüdische und hebräische Volkslieder. iut Uütikwfik WPwWW # ww^WWWWWW wwww Von Prof. S. G. Braslavsky (Boston) In der Ausgabe unseres Blattes vom 11. Jänner veröffentlichten wir einen Aufsatz über die Entstehung der Hatikwah von Kantor Magnus Davidson, der die Melodie als „syrisch" bezeichnet. Professor Braslavsky, der bekannte Komponist, Dirigent und Kenner jüdischer Musik, sendet uns hiezu folgende Bemerkung: Die „Hatikwah" ist weder syrisch noch überhaupt — mit Ausnahme des herrlichen Textes — wichtig. Für uns Musiker war sie immer (ich meine die Musik) und bleibt sie immer ein Mißgriff, ein Danebengreifen, da sie mit dem Thema der „Moldau" von Friedrich Smetana (komponiert viele Jahre vor dem aktivistischen Zionisums) übereinstimmt. Aber auch sonst steht sie ganz im Widerspruch zum orientalischen Melos und auch zum chaluzisch-zionistischen Geist. Da sich die „Hatikwah"-Melodie bereits eingewurzelt hat, so müssen wir sie leider tolerieren wie viele andere, von nicht fachmännischer Hand „komponierte" Melodien, wie die von „Birchatja" auf einen herrlichen Text von Ch. N. Bialik und viele andere zionistische Lieder, und zwar mit der entschuldigenden Begründung, daß zur Zeit ihrer Entstehung noch kein Joel Engel, Rosowsky, Schorr in Palästina lebten. Jetzt noch wird auf diesem Gebiet in Palästina viel gesündigt, doch ist zu hoffen, daß die neuen Symphoniekonzerte vieles gutmachen werden, zumindest was Form und Geschmack anlangt. Eine Verherrlichung der „Hatikwah" jedoch ist unangebracht, schon deswegen, weil sie zu einer Irreführung der öffentlichen Meinung Anlaß geben könnte. Konserl Ernsft Frzedländer Der junge, ausgezeichnete Cellist unternahm das Wagnis eines Cellosoloabends; und man muß sagen, daß es über alles Erwarten gelang. Im Besitz einer vollendeten Technik und eines edlen Tons, wußte Friedländer den ganzen Abend hindurch ■ das Publikum in seinem Banne zu halten. Auf dem Programm stand außer der bekannten G-Dur-Suite von ' Reger und einer neuen Sonate von Isay die „Fantasie" von Julius Chajes, die, blühend in der Thematik und dem Cello alle Möglich- KUNDMACHUNG! ■ Echt -n£o - :•;.' '■' ZuckeröBcRcrei- und Schokoladepren rt p e •? r eigener Erzeugung unter Aufsicht der Adas Jisroel ' Schiffschul bekommt man einzig hur bei der Firma Ahraham Leib Poirieraiis Verkaufslokal: II, Floßgasse 7 Schokoladewaren u. Haselnußtorten (Fa. Pischinger) i-idd 9b keiten gebend, von Friedländer hinreißend gespielt und mit stürmischem Beifall aufgenommen wurde. Mit der „Fantasie" hat Chajes die Celloliteratur um ein wesentliches Stück bereichert. Den Abschluß des Abends bildeten Bottenrunds. .'Paganini-Variationen, eine Komposition für Hexenmeister auf dem Cello.''" Es war ein denkwürdiges Konzert. Liselotte Marcus Als man hörte, daß Bronislav Hüberman der fürsorgliche Berater der jungen Violinvirtuosin sei, gewann man Vertrauen zu ihr; denn man kennt Hubermans Gewissenhaftigkeit in Dingen der Kunst, sein unbestechliches Urteil und seinen männlichen Charakter. Man war nicht enttäuscht. Liselotte Marcus spielte Mozart, Bach, Brahms durchwegs reif, mit klassischer Anmut, stellenweise mit einer Naivität, die nicht weiß, über welche Abgründe« sie hinwegtrillierte. Nicht selten erinnerte ihr Bogenstrich und ihre Kantilene an Meister Huberman, und wenn sie in seinem Schatten mit solch unerhörtem Erfolg debütierte, so ist dies ein Beweis ihres starken Talents und künstlerischen Willens. Abend jüdischer Musik Durch den jüdischen Gesangverein gelangten einige interessante Chöre zur Uraufführung, darunter Artur Wolfs „Zur Jisrael", das in Rhythmik und Melodik reich geführt, dem populären Komponisten hebräischer Chöre viel Erfolg brachte. Auch die Frauenchöre Otto Lichtners („Leb wohl, Gott wlH's") und Leon Erdsteins („Erinnerung" mit Begleitung von Klavier und zwei Hörnern) gefielen ungemein. Mit besonderer Freude begrüßte man den Summchor „Stille Andacht" von S. Braslavsky, worin die technische Durchbildung der KINDERPENSION ,AUSTRIA' OLGA KADISCH BAD VÖSLAU, SCHUBERTPLATZ 3 TELEPHON 141 Erstklassige Verpflegung, pädagogische Leitung, individuelle, liebevolle Behandlung, beste Erfolge bei schlecht essenden Kindern. Hofmeister, Kindergärtnerin, Lehrerin im Hause. Musik. Sport. Kein Massenbetrieb. Ganzjährig Sänger und Sängerinnen zum Ausdruck kam. Die Soll bestritt Oberkantor P o s t o 1 o w. der sich als geschmackvoller und stimmlich brillanter Interpret synagogalcn Gesangs erwies. Den Abschluß bildeten zwei jiddische Lieder und eine temperamentvolle „Horra"-Uraufführung von Postolski-Sternberg. — Dirigent des Abends war Dr. Kurt P a h 1 e n, den sein stürmisches Tempera- ÜÜrtDaPSI Wien I, Annagasse 1, Ecke Kärntnerstr. Untersuchung der Augen und Verordnung genauer Augengläser kostenlos ganztägig Unter Leitung des Augenarztes Herrn Doktor POBORSKI (Telephon R-27-0-43) 0V Brillen von 4 Schilling aufwärts TWJ ment zeitweise aus dem Sattel zu heben scheint. Am Klavier bewährte sich Kapellmeister Rudolf Beck. Als ausgezeichnete Geigerin überraschte Martha Schwenk durch technische und musikalische Bravour. Kammermusäk Dir. Gustav Spielmann kann die Bemühung um gehaltvolle Kammermusik nicht hoch genug angerechnet werden. Sein Quartett, das er als Primgeiger führt, und dem die Herren J. Schwarz, R. Goldner und E. A. Winkler angehören, brächte im großen Ehrbar-Saal drei Quartette zu Gehör, darunter das des jungen Komponisten Julius Chajes, Quartett in „G", das seinerzeit vom Ross-Quartett zur Uraufführung gebracht wurde. Es ist das erste Werk, wo der Komponist klassischen Stils und klassischer Vorbildung ein Hinneigen zum jüdischen Palästina, eine tief innen wohnende Sehnsucht nach hebräischer Stimmung zeigt. Der Melos dea Werkes basiert auf einer diatonischen Skala, die auch im heutigen palästinensischen Stil wirksam ist. Auf derselben Skala basieren viele der jemenitischen Volkslieder. Julius Chajes hat es verstanden, alle vier Instrumente gleichwertig zu behandeln. Kein Instrument wurde bevorzugt, jedes spricht seine Sprache. Das Publikum war vom , „orientalischen Zauber" dieses blendend gespielten Werkes hingerissen und dankte nicht nur dem Komponisten, sondern auch dem künstlerischen Leiter des Abends, Direktor Gustav Spielmann, mit stürmischem Applaus. r. Drei fahre Wanderung aus Deutschland nach Palästina Aus Jerusalem: Die Abteilung für Statistik bei der Zionistischen Exekutive hat eine Aufstellung Uber die Einwanderung von Juden aus Deutschland nach Palästina während der letzten drei Jahre vetüffentlicht. Es sind danach in diesem Zeiträum 35.000 Juden aus Deutschland eingewandert, unter ihnen 23.000 deutsche Staatsangehörige. Die Einwanderung aus Deutschland machte in dieser Zeit durchschnittlich 21 Prozent der jüdischen Gesamteinwanderung aus, und zwar 1933 25 Prozent, 1934 23 Prozent, 1935 13 Prozent und 1936 29 Prozent. Die Gesamtzahl der in diesen Jahren nach Palästina aus allen Ländern eingewanderten Juden betrug 164.267. Von den Einwanderern aus Deutschland entfielen 37 Prozent auf Personen mit einem Eigen kapital von mindestens 1000 Pfund und 41 Prozent auf Zertifikate-Inhaber. Der Rest verteilt sich auf die übrigen Einwandererkategorien, Familienangehörige, Handwerker usw. Der Altersgliederung nachwaren die jugendlichen Elemente bei der Einwanderung aus Deutschland vorherrschend. 77 Prozent der Einwanderer standen im Alter bis zu 40 Jahren, 54 Prozent waren Männer und 46 Prozent Frauen. Eine neue englisch-jüdische Tageszeitung in Palästina Aus Jerusalem: Leo Winz, der seinerzeit in Berlin die Monatsschrift „Ost und West" herausgegeben hat, erhielt die Bewilligung, in Jerusalem eine Tageszeitung in englischer Sprache unter dem Namen „Palestinc Telegraph" herauszugeben. Neue Primarärzte um K o t h sc \\ i! d . S p i t a I. Sueben wurden /.um heiter der ohrenärztlichen Station Dr. Martin B uch band, zum Primarius der Herzstatiou des Kothsehild- Spitals Dozent Dr. Schert bestellt. Dr. Iiuclibnnd Ist seil Jahren als rrivatassistent Prof. Heinrich N e u m a n n s und an dessen Ohrenklinik tätig, Dr. Schert gilt eis Fachmann auf dem Gebiet der Herzkrankheiten, besonders des Elektrokardiogramms, — „Mit diesen Ernennungen int es dein Itothschild-Spital gelungen, zwei International anerkannte Aerzte zu gewinnen. Der sogenannte grüne '/ahnbelag bei Kindern ist eine sehr häung beobachtete Erscheinung, die dadurch entstellt, daß infolge ungenügenden Putzens Speisereste — vor allem klebrige Zuckcrmassen — Gärungssäuren bilden, die eine Entkalkung der Schmelzschichte und eine Besiedlung der Zähne mit grünen Fadenpilzen herbeiführen. Deshalb sollen auch die Zähne der Kinder mit einer geeigneten Bürste und Zahnpaste gründlich und regelmäßig gereinigt werden. Od o-l-Zahnpasta reinigt gründlich, ohne den Zahnschmelz anzugreifen, desinfiziert, ist von angenehmem, köstlichem Geschmack und verleiht reinen Atem. Odol-Zahnpasta wird erzeugt nach uon von der W.-V, der Zahnärzte Wiens approbierten Rezepten und un'.er ständiger Kontrolle der Zahnilizrl>'''irri und Pharmakognostischea Institute der Universität Wien.

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