Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 643 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 643 vom 26. Mära 1Ö3T DIE NEUE WELT Seite 5 Zwei tuMstikWfake Qeditke A. S. WERBNER: Dein MaUt ist nUUi tot Den Waisen der Ermordeten Dein Vater, der fiel, ist nicht tot. Kr lebt. Er pflanzt im Scharon. und er sät im Galil. So lang noch als Pionier sein Sohn sich müht und arbeilet und strebt — dein Vater lebt. Dein Vater, der gefallen, er lebt; er ist nicht tot. Er ist in Baumes Stamm, er lebt im Zweig — in allem: im Emek, auf des Karmels Kamm, in D'ganiah und in Ejn-Charod — dein Vater ist nicht tot. Dein Vater ist nicht tot. Er lebt in Ewigkeit. Denn zu ihm schreit, schreit die Galut: 's ist Zeit! Erlöse uns und sei bereit, denn bis zum Halse stieg die Not — dein Vater ist nicht tot. Dein Vater ist nicht, tot — hörst du ihn sprechen: die Städte will ich miedet' baiCn, blühende Dörfer will ich schau'n — siehst du durch Nacht die Brüder brechen. Pflug in der Hand, zum Morgenroi — dein Vater ist nicht tot. Dein Vater fiel. Jedoch er lebt. Und neu gepflanzt'wird, das Scharon, gesät, geackert das Galil, und in Jehuda. im Schomron die Arbeit strebt — — dein Vater lebt. LEVl BEN AM IT Ah 1h Bedrängnis Scheinwerf Hellt gestreut aufs Feld unsrer Nacht! Den Riegel oor! Meute der Schakale bellt — mächtiger Wüste milder Chor. Augen in das Dunkel schärfen, jeden Laut erfaß das Ohr! Wie ein. Wachihund will ich liegen vor der Heimat heil''gern Tor. Tags zur Arbeit — nachts zur Wache, Monate in jeder Nacht: Frau am Ausguck. Mann auf Posten — ringsum ist der Brand entfacht! Unsre Augen forschend spähen. Körper schmiegt: sich ans Getoehr: Wenn wir nicht auf Wache stehen — Wer wird uns beschützen--wer? Außen giflgetrünkte Pfeile. innen der Befehl: Verwinden! Wo — wenn, nicht in unserm Wachen, könnten wir Erlösung finden? Lampe, streu aufs nächtlich Feld deinen Strahl, auf Tor und Zaun! Flammen wirf, bis sie erhellt, Nacht ooll Feindschaf t und ooll Grau'n. * Die beiden Gedichte sind Proben neuer hebräischer Lyrik. Die Uebcrsetzungen ins Deutsche stammen von Jaakow Simon, Kibbuz Tiwat Chaim (Erez Israel). Pessach — ein Uebergang Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Pessach ist das Fest des Volkes, das ausgezogen war, um die Freiheit zu suchen. War es denn nicht schon im Augenblick frei, da es Aegypten verließ? Nein. Das Joch abwerfen, heißt noch nicht frei sein. Man pflegt das Pessachfest fälschlich als „Fest der Freiheit" und die Hagadah als „Legende der Freiheit" zu bezeichnen. Kein jüdisches Fest wurde so falsch gedeutet wie dieses. Pessach heißt nicht errungene Freiheit, und Hagadah heißt nicht abgeschlossenes Heldenbuch. Vielmehr heißt Pessach: Uebergang, und Hagadah: Bericht. Nicht als gänzlich befreites Volk feierten die Juden ihr erstes Pessachfest. Nein — noch im Galuth, in Mizrajim schlachteten sie das Pessachlamm. Die Sklaverei nahte ihrem Ende, aber die Freiheit war noch nicht errungen. Es war ein Uebergang. Während das jüdische Volk in der Niederung noch ein goldenes Kalb anbetete, weilte Moses bereits in der Höhe beim einig-einzigen Gott. Es war ein Uebergang vom Götzendienst zum Monotheismus. Die einen sprachen: Laßt uns einen Führer wählen und zurückkehren zu den Fleischtöpfen Aegyptens, die anderen aber träumten schon von einem Erez Israel, in welchem Milch und Honig fließt. Es war ein Uebergang vom Ghettojuden zum freien Juden. Während die Majorität der Kundschafter den Glauben verlor und vor dem „kanaanitischen Menschenmeer" erschrak, überbrachte die Minorität einen optimistischen Bericht und glaubte an den Sieg. Es war ein Uebergang vom Unglauben zum Glauben an den Jüdischen Staat. Auch die H a g a d a h und ihre Anordnung ist in zwei Teile gegliedert und zeigt einen Uebergang. Der erste Teil erzählt von unseren Leiden und von den Plagen der Aegypter. Der zweite Teil erzählt von den Lobeshymnen, die das jüdische Volk zu Ehren seines Freiheitsgottes anstimmte. Die Hagadah beginnt also nicht mit der Erzählung, wie wir als freies Volk TREFF «n SEDER-ABENDEN am 3 6. und 27. Mar* Unter Leitung des bekannten Oberkantors B. Zimmerspitz im Restaurant W. SPRITZER Ii, Hamm«r-Purgstall-Gasse (t Minute vom Dianabad) Zur Verabreichung gelangen erstklassige Oster-Spezialit8ten. Ausschank von original Palästina-Weinen zu zeitgemäßen Preisen. Tischbestellungen erbeten unter: A-45-6-42 unser Land eroberten, sondern mit dem „Awadim hajinu", „Sklaven waren wir". Es ist ein Uebergang. Es lehrt uns, daß wir unsere Freiheit erst erringen können, wenn wir uns bewußt werden, was wir waren; wenn wir unser Dasein auf Tradition aufbauen; wenn wir von unserer Vergangenheit lernen.?4MioH Mftfwose, Smutetikf HOCHSTRASSE / TBL. Nr. 109 Fließendes Kalt- und Warmwasser Die Mahlzeit beginnt mit dem Maror, dem Bitteren, und schließt mit dem Afikomen, der Zuspeise; dazwischen werden mehrere Gänge auf den Tisch gebracht — es ist ein Uebergang von der bitteren Kost zur Freiheitskost. Wir lesen die Hagadah halb als Sklaven und halb als Freie. Wir sitzen auf dem Hessebett, auf dem Königsthron, aber gleichzeitig im einfachsten Kleid, dem Kittel. Wir verzehren unser Mahl angelehnt am Bett des freien Mannes, während auf unserem Tisch das Bitterkraut und das Brot des Leidens liegen. Selbst vom Wein gießen wir sehr viel weg, damit wir nicht den ganzen Freudenbecher leeren. Es ist eine geteilte Freude. Moses hatte sich die Befreiung des jüdischen Volkes etwa so vorgestellt: Auszug aus Aegypten — Einzug nach Palästina. Pharao, den äußeren Feind, die äußeren Schwierigkeiten, hatte er überwunden. Mit den inneren, mit den Widerständen innerhalb des jüdischen Volkes selbst hatte er nicht in gleichem Maß gerechnet. Er mußte erkennen, daß Sklaven den Wert „Kommen Sie am Ersten" (Deutsches Volkstheater) Sie vertrösten den Schneider auf den Ersten, gehen aber inzwischen doch elegant herum und das Publikum ist der lachende Dritte. Am elegantesten ist übrigens die Gattin des Inkassanten, Fräulein Shorp, die zum Geburtstagssouper im „Claridge" ein leuchtend kornblumenblaues Abendkleid, mit Mohn und Aehren bestickt, trägt; forsch auch ihr weißes Tenniskleidchen, vornehm ihr Imprimökleid aus schwerer Seide, die Jacke mit Affenhaar geschickt begrenzt. Frl. Hold trägt ein reizendes Imprimö- Sommerabendkleid. Alle echte Ida-Reich-Kompositionen. Die hier beschriebenen Toiletten: von Ida Reich & Bruder VI, Marlahilleritrane 39 - Die gute Zahnpasta "einigt restlos. Schont den ^aknsckmel^ der Freiheit nicht zu schätzen wissen. Es mußte ein Uebergang geschaffen werden. Dieser Uebergang war die vierzigjährige Wanderung durch die Wüste, d. h. das Aussterben des ajten und die Erziehung eines neuen Geschlechts. Moses konnte bei Pharao Verständnis finden, erst nachdem Mizrajim, das damalige Weltreich, von allen möglichen Plagen heimgesucht worden war. Das wiederholt sich Jahrtausende später in der jüdischen Geschichte. Erst nachdem ein Weltkrieg unsägliches Leid über die Welt gebracht hatte, beschloß der Völkerbund, auch den Juden ihren Staat zu geben. Auch das ist ein Uebergang. Ein Uebergang von Zerstörung zu Aufbau, von Gewalt zu Recht, von Haß zu Nächstenliebe. Liegt doch bezeichnenderweise Pessach zwischen Purim und Schewuoth, zwischen dem von Haman errichteten Galgen und den von Moses getragenen Gesetzestafeln. * Pessach ist also nicht nur das Fest der Freiheit, sondern auch der Gedenktag der Sklaverei. Die Hagadah berichtet nicht nur von Halleluja-Jubel, sondern auch vom Seufzen der Fronarbeiter. Wir befinden uns heute am Uebergang. Wir müssen uns am Seder erst durch vier Becher Weins berauschten, damit wir unser Nochimmersklavesein vergessen und uns als Freie wähnen ... Richtige Einkaufstelle für: Bar-Mlzwah-Geschenke / Judaica und Hebraica / Moderne Literatur SCHULBÜCHER (auch antiquarisch) Sehr mäßige Preise Verzeichnis günstiger Gelegenheitskäufe umsonst! Hermann Tuchner Buchhandlung — Antiquariat Wien II, Ecke TaborstraOe 52, Tel. R-41-4-20 A'^^i^*^WA*V^»>i.w<«(Ww^ HUciatn (Zu Pessach) Von Dr. Rachel Offner (Wien). Am Beginn des jüdischen Seins steht eine gigantische Freiheitstat. Kein Ez-eignis unserer Geschichte wurde vom Volksbewußtsein so tief erlebt wie die Befreiung aus Mijrajim. Mit einer bezwingenden Kraft schildert das jüdische Volksepos > die Erhebung einer Sklavenkaste zu einem Gottesvolk. Im Mittelpunkt dieses gewaltigen Geschehens stehen zwei Gestalten: M o s c h e und Mirjam. Was Mosche für die Männer, war Mirjam für die Fraue n Israels. Nach dem Ausspruch des Propheten Micha hatte Mirjam an der Erlösung und Erziehung ihres Volkes den gleichen Anteil wie Mosche und Aharon. (Micha 6, 4.), In der biblischen Dichtung begegnet un9 Mirjam zum erstenmal als ein siebenjähriges Kind: am Gestade des Nil steht ein schwarzhaariges, barfüßiges, semitisches Mädchen. Im Gebüsch verborgen, verfolgt sie bangen Herzens das Schicksal ihres, den Fluten ausgelieferten Bruders. Von den drei Frauen, die mit der Errettung Mosches beschäftigt sind, tritt Mirjam in den Vordergrund: durch das mutige Eingreifen dieses kleinen Judenmädchens wurde der Führer Israels gerettet... Aus dem jugendlich-kühnen Mädchen ist eine Prophetin in Israel, eine Pionierin der Freiheit geworden. Die biblische Erzählung stellt Mirjam an die Spitze der aus der Knechtschaft befreiten Frauen. Mit ihren Siegesliedern und flammenden prophetischen Worten entfacht sie helle Begeisterung bei den Frauen Israels. Nicht als Mutter oder Gefährtin eines großen Mannes — wie die Erzmütter und meisten Frauengestalten der Bibel -—, sondern durch die Macht ihrer eigenen Persönlichkeit wirkt Mirjam. In der Bibel tritt sie als erste Prophetin auf. Bezeichnend für ihren rebellischen Geist ist ihr Auftreten gegen die Ehe des Bruders Mosche mit der „kuschitischen Mohrin" Zipporah. Diese Tat wird oft ungerecht als eine verleumderische Nachrede gewertet. Der Kampf Mirjams gegen die Midjanitin ist der Ausdruck iteeajU$fen ^o^bewußtseios. Sie ^a^g^ar.auf