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Die neue Welt · 1937-03-12 · Heft 639 (12.3.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 639 (12.3.1937)
Date
1937-03-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 639 vom 12. März 1937!♦ L» Perext ded Stkttekkt... Erew Jom-Kippur. Im Beth-Midrasch. Es ist fast Nacht... Jeder sitzt auf seinem Platz; ehrfürchtig schaut alles auf Rabbi Levi Jizchak. den „Berditschewer". Er steht am Vorbeterpult. Er soll jetzt;,Kol Nidre" sagen, aber — er schweigt... Aller Augen ruhen auf seinem Rücken. Totenstille... Gleich wird er anfangen und vielleicht, wie schon oft, mit einer „Einleitung" —, das heißt mit einer Aussprache: zwischen dem Rabbi und dem, der unaussprechlich ist; einfach, auf „Mamme luschen", Jiddisch. Wie zwei gute Freunde... Rabbi Levi Jizchak steht, in weißen Kittel und Tallis gehüllt, und — schweigt. Was bedeutet das? Sind die Tore, durch welche die Gebete Einlaß heischen, zu solch später Stunde noch verriegelt? Ist ihm plötzlich die Kraft geschwunden, auf seine Art machtvoll anzupochen und das Oeffnen zu erzwingen? ... Da steht er nun, den Kopf ein wenig geneigt, das linke Ohr vom Tallis freigelegt und emporgerichtet, gleich als ob er auf etwas horche, das sich „Oben" begebe ... Will er das Rasseln der Schlüssel, das Kreischen des Schlosses, das Krächzen beim Oeffnen der schweren Torflügel hören?... Und plötzlich dreht sich . der Zaddik um, hebt den Tallis von den Augen, sieht forschend durch die Menge und ruft scharf und kurz: „Schammes!" Dieser eilt, zitternd vor Schreck, zu ihm. „Schammes! Berl Schneider ist da!" Einer blickt den anderen an, keiner im Beth- Midrasch begreift das. Berl Schneider?... Der Schammes stammelt: er wisse es nicht, er wolle nachsehen... Man sucht Berl. Er ist nicht da. Der Schammes kommt zurück, schüttelt den Kopf... „Ha?... Nicht da!... Daheim geblieben, Berl..." spricht der Zaddik leise zu sich. Dann wendet er sich nochmals an den Schammes. „Geh' zu Berl Schneider!... Sag' ihm, ich, ich, Levi Jizchak, rufe ihn... Er soll sofort kommen!... Ich befehle es!..." Der Schammes geht... Berl Schneider wohnt in der Nähe des Beth- Midrasch. Keine hundert Schritte. Er läßt nicht lange warten. Kommt herein ins Beth-Midrasch, in schweren Stiefeln, im Arbeitsgewand, mit spitzbübisch ins Gesicht gedrücktem Hut; ohne Tallis, ohne Kittel... Halb böse, halb erschrocken geht er auf den Rabbi zu, bleibt in einiger Entfernung stehen, schiebt sich mit einer Hand den Hut hinauf: „Rabbi! Ihr habt mich gerufen... Gut, da bin ich... Ich bin zu „Eueh", Rabbi, gekommen!..." Fest, hart, entschlossen ... „Zu Euch" betont er kräftig... Rabbi Levi Jizchak lächelt: „Sag' mal, Berale ... was spricht man dort o b e n so viel von dir? Was hast du dort oben, im Gerichtssaal des Ewigen, angerichtet? Alles ist .dort erregt. Alle Welten widerhallen, in aller Mund ist nichts anderes als ohne Unterlaß: Berl Schneider, Berl Schneider und immer wieder dasselbe ..." „Aha!... Aha!..." ruft Berl siegesbewußt aus. „Berale!... Hast du irgend ein Anliegen oder gar eine Anklage vorzubringen?" „Gewiß! Eine Anklage!" „Gegen wen?" „Gegen Gott!" Schreck befällt zuerst die Anwesenden. Dann Empörung. Man ballt die Fäuste. Man will über Berl herfallen, der Rabbi macht eine abwehrende Handbewegung gegen die Chassidim, lächelt noch freundlicher als zuvor: „Berale, teurer Berale... Vielleicht sagst du mir, um was es sich handelt?" „Gut... Ich will vor Euch, Rabbi, eine Din Thora mit Ihm abhalten... Soll ich sprechen?..." „Sprich!" Berl glitt näher an den Rabbi heran. „Rabbi! Den ganzen Sommer — ohne einen Faden Arbeit... Von keinem Juden, von keinem Bauern ... Also: streck dich aus und krepier!..." •,;So!... Berale... Berale, man muß sich den Brüdern anvertrauen ... Wir alle sind eine Familie ... Brüder haben Erbarmen..." „Nein!... Rabbi! Nein!... Berl der Schneider hat Kraft, zu arbeiten!... Berl will keine Almosen!... Berl Schneider hat so viel Anspruch auf Parnosse zum Ewigen wie jeder andere... Jawohl, Rabbi! Ich habe getan, was ich konnte: die Tochter, die einzige Tochter, weggeschickt in die Stadt dienen. Sitz' ich so, allein und verlasseh und wart', bis E r sich meiner annehmen wird ... Wenige Tage vor Sukkes: es klopft! — Herein kommt ein Bote vom Puriz... Mich, Berl Schneider, soll er aufs Schloß bringen... Ein Pelzüberzug wäre zu machen... Gut, sehr gut. Er hat sich erbarmt. Ich fahre ins Schloß, bekomme feines Tuch und Felle... Rabbi, kostbare Felle! Fuchsenfeile. Die hättet Ihr sehen sollen, Rabbi..." „Der Berditschewer" wird ungeduldig. Es ist „Kol-Nidre"-Zeit: „Also gut, Berl, du hast deine Arbeit gemacht, weiter..." „Nein, Rabbi — drei Felle sind übriggeblieben! S!1" . \ , .i-.. „Na — und?... Hast du sie etwa gestohlen, mitgenommen?..." v „Nicht so leicht war's, Rabbi, wie es sich äflhört. Mit dem Mund ist alles einfach, aber — ausführen, Rabbi, nicht so leicht im Handumdrehen... Rabbi, hört! Man hat mich allein in ein Zimmer gesetzt: da, arbeite ... Und draußen, auf der Schlagbrücke, stehen Wächter, die jeden durchsuchen, der das Schloß verläßt. .. Sogar die Stiefel befehlen sie, auszuziehen... Und hätte man da, bewahre, die drei Felle gefunden... Rabbi!... der Puriz hat Hunde!,., der Puriz hat Reiter!... der Puriz hat finstere Keller!... „Wie hats du es also bewerkstelligt?" „Rabbi, Berl Schneider ist doch aber Berl Schneider... (und dabei schiebt er wieder seinen zerdrückten Hut tief ins Gesicht). Geh* ich mir, Rabbi, in die Küche und bitte, man möge mir einen Laib Brot zum Nachhausenehmen mitgeben." „Brot von Heiden, Berl!?..." „Nein! — bewahre — nicht zum Essen!... Man gibt mir ein Brot, ein großes Brot. Geh' zurück in mein Zimmer, schneid' es auf, höhle es aus, nehme den weichen Teil heraus, knete ihn so lange mit den Händen, bis er von Sehweiß durchtränkt wird, und werfe das dann dem Hund vor, der in meinem Zimmer liegt... Hunde haben Menschenschweiß gern ... Die drei Felle stopfe ich ins hohle Brot. Und mach' mich auf den Weg! An der Schlagbrücke steht ein Wächter mit aufgepflanztem/Bajonett: „Halt! Zeig, was trägst du da unterm Arm!?" „Da, seht, ein Laib Brot!" Glücklich der Gefahr entronnen, bin ich schon auf der Landstraße, mach' auch schon Beine... Ich meide die Mitte des Weges, gehe am Rand der Felder... Mein Herz freut sich, ich tänzle ein wenig, sage zu mir: „Gut gemacht, Berale: wird auf Jörn Tow ein Esrog, ein Sulew sein, allein für dich, dein Eigentum ... nicht mehr, wie die Bettler, angewiesen sein auf den Esrog der Kehilla!... Da, plötzlich, spüre ich unter mir die Erde erzittern... Ich erkenne dieses Zittern. Ein Reiter hinter mir, mir nach! Das Herz schlägt wild, der Kopf brennt, der Verstand steht stül! Wahrscheinlich: die Felle nachgezählt, daraufgekommen, daß drei fehlen... Davonlaufen wäre dumm... ein Reiter... Vor allem pack' ich den Laib Brot und werfe ihn ins Gebüsch. Mache mir ein Zeichen, ein sicheres Zeichen und bleibe stehen, drehe mich um. Verband der JudenataatailQitlaten, Safctlon Prater u. Frauannruppe „Deborah" Sonntag, den 14. Mttrz' 1937, findet im Restaurant lustig,' II, Venecf Igcrau, «ine Kinder- Purimfeier statt Zur Auffahrung gelangen folgende Stücke; 1. Der lustig« Purimmann 2. Blumensplal 3. im Purlmspl«! 4. purlm su Haus« (habrllach) 5. „Est«r" (Ein hlatorlachea Purlmaplel) Mitwirkung der bekennten Klnder-Sehauaplelergruppe Festrede: Fr. Fanny Katx / Conference: Frl. Henny teuerstem Beginn: V,4 Uhr nachmittags Regiebeitrag „Hallo", ruft er schon, „Zsid Berko! Berko!" Ja, das ist er, der Kosak , des Puriz, ich erkenne seine Stimme... Drinnen, Rabbi, zitter ich! Die Seele vergeht, die Knochen versagen, aber Berl macht ein ruhiges Gesicht und geht auf den Reiter zu. Es erweist sich — Rabbi — umsonst gezittert. Ich, Berl Schneider, habe vergessen, einen Hänger anzunähen, darum hat man mir einen Reiter nachgeschickt. Und schon hebt er mich aufs Pferd, hurrah, zurück ins Schloß, den Hänger angenäht, zurückgegangen über die Felder bis zu meinen Strauch, erkenne das Zeichen — bah, der Laib ist weg!... Rabbi, Sukkeszeit, nach dem Schnitt, kein Mensch kommt auf die Felder, kein Vogel kann solch eine Last ertragen... also versteh, wer es getan hat!..." Fragt Rabbi Levi Jizchak neugierig: „Wer? Berale?" '; „Er!" antwortet Berl Schneider, hebt die Rechte und zeigt nach oben. „Er! Der Ewige, seine Tat, Rabbi! Und ich, Berl Schneider, weiß auch, warum! ... Er der Allmächtige, der König über alle Könige, wül nicht, daß ich, Berl, 'sein Knecht, soll stehlen, was vom Arbeitsmaterial übrigbleibt! —" „Sicher... sicher... (lächelt gutmütig der Zaddik) ... Berale, ganz sicher! al pi din..." „Din... Unsinn! Er, Er weiß, „Gewohnheit bricht Recht und Gesetz" ... Und: nicht ich habe die Gewohnheit eingeführt, nein, Rabbi, auf mein Wort, das ist eine alte, uralte Gewohnheit aller Vorfahren in meinem Handwerk! Und überdies — Rabbi — ist Er, der Große, so stolz und eingebildet, daß Er es nicht für passend findet, wenn ich, der ärmste seiner Diener, ich, Berl, der verhungerte Schneider, das einstecke, was vom Material zurückbleibt — Rabbi, gut, einverstanden! — Soll Er Parnosse, Arbeit und Unterhalt geben! Jawohl, wie ein König es seinen Knechten gibt! Aber Er will nicht das und nicht jenes! So w i 11 i c h — (ruft es laut) dem Rebojne schel Ojlem nicht mehr dienen! Ich habe ein Gelübde abgelegt: Aus!..." Die Anwesenden, die Chassidim, begehren auf, Hände heben sich, die in den vordersten Bänken Sitzenden springen hervor, auf Berl zu — aber Rabbi Levi Jizchak sagt: „Scha! Still!" und zu Berl, dem Schneider,, gewendet; „Und was weiter, Berale?" Vorfrefflich-Mazzoth werden unter Aufsicht des ehrw. orth. Rabbiriats der Israel. Kultusgemeinde Wien, Oberrabbiner Babad, erzeugt vaNa r\oii Kjn ühd OV2 ümnn VortrclllUh.Massoth brauchen keine Reklamemärchen, um populär zu werden. Durch ihre Qualität allein führend vor allem anderen, weil sie aus feinstem 0 gr. Weizenmehl, auf echten Spezial- Lehmöfen gebacken sind. Billigkeit trotz prima Qualität, weil keine großen Ausgaben für Reklame und Aufmachung, das Prinzip ist: täglich frische Vortrefflich- Mazzoth, Grieß, Mehl, Farwel und Patent (Reibach). Verkaufsstellen in allen Bezirken Wiens. In der Fabrik kein Detail-Verkauf. Kosten Sie und Sie sagen: Vortrefflich nur Vortrefflich-Mazzothprodukte zu Pessacb I „Gar nichts! ... Ich komme heim, ich wasch min nicht die Hände, esse ohne 3egensspruch ... Mein Weib wül was sagen — krach, ich hau' ihr eine her-« unter! Ich lege mich schlafen... ohne „Kri'schme".. s Die Lippen wollen es von selbst sagen; ich beiße die Zähne zusammen . . . Am Morgen: Gar nichts, kein Gebet, kein Tallis, keine Tfillin: „Gib essen!" schrei ich mein Weib an . . . sie läuft aus dem Haus, zurück zu ihren Eltern . . . Noch besser! Ich, ich, Berl Schneider,, bin ich... aber s i e, sie ist ein schwaches Weib! . Ä v Ich halte fest! Kein Esrog, kein Lulew, keine Sukke . . . Am Jontew mach ich keinen Kiddusch * * * Simches Tojre stülpe ich mir, wie Mordechai nach Hamaus Verkündung der Ausrottung aller Juden, einen Sack über den Kopf, belege meine Kleider mit Asche. Zum Trotz! Kommen die S'liches-Tage . . ■* wird's ein bißerl schwer . . ., der Schammes klopft an die Fensterläden „Auf zu S'liches! . . . das Herz zieht . . . jeder Wurm unter der Erde zittert . . bin ich aber Berl Schneider! — Ich halte Wort! Ich ziehe die Decke über den Kopf, ich halte es aus! Nichts sehen! ... Es kommt Rosch Haschone —Berl rührt sich nicht! ... Es kommt die Zeit des Schofarblasens — packe ich ganze Klumpen Watte, stopfe die Ohren voll ... es reißt, das Herz weint und zerrt. Rabbi, ungeheuerlich, erbärmlich ... Ich erschauere vor mir selber, ich ekle mich vor mir selber, lauf herum, ungewaschen, unrein. Ein kleiner Spiegel hängt im Zimmer, ich dreh ihn um, ich will mein Gesicht nicht sehen . . . Die Chassidim, höre ich, gehe» zu Taschlich, draußen an meiner Hütte vorbei, sie er." zählen, Rabbi, von Euch . « Eine Weile stockt er, schweigt er . s . Im Beth Midrasch Totenstille. Da plötzlich begehrt er auf, wild, und ungestüm: „Aber recht habe ich, Rabbi! Nachgeben, ohne mein Recht zu bekommen, werde ich' nicht!" Rabbi Levi Jizchak läßt den hochgehaltenen Tallis wieder über sein Gesicht herunterfallen, senkt ein wenig sein Haupt, verharrt etliche Minuten so, dann hebt er wieder den Tallis, seine Augen leuchten, sein Gesicht strahlt: „Und was forderst du nun von Ihm, Berale?. tS Willst du Parnosse, Arbeit und Unterhalt? ,« H Berl Schneider erwidert beleidigt: „Parnosse? . . . Hahaha! . . . Parnosse hätte er früher geben söllen! Und: Parnosse gebührt jedem! Dem Vogel in der Luft, dem Wurm auf der, Erde, dem Fisch im Wasser! Parnosse ist ein Rechtsanspruch, Parnosse ist'selbstverständlich! Jetzt will Berl Schneider mehr!" „Berale! Was also willst du?" Und Berl Schneider hebt den Kopf: „Ist es wahr, Rabbi, daß am heutigen Tag, am Jörn Kippur, nur die Sünden des Menschen dem Ewigen gegenüber verziehen werden?" „Wahr, mein Sohn!" „Und: Sünden des Menschen dem Menschen gegenüber werden nicht verziehen?" „Nein!" Da reckt sich Berl Schneider empor wie eine Tanne, hebt seine Stimme und spricht fest und hart; „Dann wül ich, Berl Schneider, anders nicht nachgeben, anders nicht wieder den Dienst des Ewigen antreten, es sei denn: Er wird an diesem Jörn Kipper mir zuliebe auch die Vergehen von Mensch zu Mensch verzeihen! Rabbi! Sprecht! Bin ich im Recht?" . „Gerecht! Berl! Und: Sei hart, gib nicht nach!. — bis man d i^nachgeben wird!"- Der Rabbi dreht sich um, neigt den Kopf zur Seite, legt das Ohr frei, hebt es hinauf, verweilt kurze Zeit so, wendet sich dann nochmals um: „Berl! Du hast es durchgesetzt! Geh' rasch, hol' dir Kittel und Tallis!" (Uebersetzt von M. S. Brafmann.) An edle Spender! Junger, arbeitswilliger Jude, der Posten' antreten; kann, braucht dringend Anzug (mittlere Figur). Adm. d. Bl. Gesund, gut und leicht verdaulich ist das köstliche Wiener Simonsbrot. Unentbehrlich zur Behebung von Dannträgheit und -Magenleiden. Restes Diätbrot, H

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