Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 637 (5.3.1937)
- Date
- 1937-03-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DOS NEUE WELT Nr» 637/ .vom & März f Bu^ei ft*oe 5t£ft6e Dem Tünkeler nacherzählt von o. r. Mein Onkel Reb Simel Hescheles aus Bobkowitsch kam nach Warschau, um einen Professor aufzusuchen. Von Zeit zu Zeit sucht er einen Professor auf, denn er hat — so behauptet man — eine Wanderniere, eine eingefressene „Rewmatische", und einen ganz gemeinen Husten. Wenn der Winter kommt, stellt sich der Husten wie der Nachtfrost ein. Abgesehen von allem, stört ihn der Husten im Beruf, er ist nämlich Vorbeter in der kalten Schul in Bobkowitsch, und wenn inmitten des Betens er sich plötzlich verkutzt, der Husten nicht weiß, wo er hinaus will, dann ist's zum Hinwerden. Wenn Reb Simel Hescheles nach Warschau kommt, ist er mein Gast. Ich fühle es als Pflicht, mich ihm zu widmen. Ich führe ihn zum Professor, weil er die Warschauer Straßen nicht kennt; ich muß auch sein Dolmetsch sein, den Professor über seine Krankheiten aufklären, mich um die Rezepte und die anderen Sachen kümmern. Es ist interessant, zu sehen, welchen Eindruck auf solch einen Kleinstädter die Stadt Warschau macht. Die Lampen werden angezündet, es leuchten die elektrischen Schilder und die Schaufenster auf. Es sausen die Tramways, die Autos über die gepflasterten Straßen. So etwas kennt man nicht in Bobkowitsch. Aber mein Onkel läßt sich nicht imponieren. Das Rauschen der Großstadt rührt ihn nicht. Er geht eingehüllt in seinen ärmlichen Mantel mit dem abgeschabten Kragen, die Arme in den Aermeln versteckt, und spricht von seinen Krankheiten und Kuren; von seinem Dr. Fischmanowitsch, von dem die Warschauer Professoren sagen, daß man nicht zu einem Professor nach Warschau fahren muß, wenn man solch einen Doktor hat wie Fischmanowitsch. Nun, wozu er dennoch nach Warschau zum Professor kommt? Die Sache ist eben die: ein Doktor ist ein Doktor und ein Professor ist ein Professor. Und er spricht noch von anderen Dingen inmitten der Straßen mit den Autos, den Tramways, dem Licht und Geräusch und Getümmel, ohne sich darum zu kümmern. Aber plötzlich bleibt er stehen, starrt mit offenem Mund und großen Augen wie ein kleinstädtisches Roß, das vor einem Auto scheut. „Was ist geschehen, Onkel?" „Da, sieh nur!" An uns geht ein junger Mann vorbei,, der ein Paar Schuhe über die Schultern trägt, Schlittschuhe. „Hast du gesehen?" ruft der Onkel hustend aus, „Zwei Paar Schuhe trägt der junge Mann." „Was ist denn dabei?" erkläre ich ihm. „Ein Paar zum Gehen und ein Paar zum Glitschen." „Spezielle Schuh? Zum Glitschen." „Ja, natürlich." „Und die Schuh, die er an den Füßen trägt?" „Die Schuh an den Füßen sind zum Gehen." „Ganze Schuh?" „Ganze Schuh!" „Daß das möglich ist! Wenn man noch ganze Schuh hat und hingeht und sich noch ein Paar neue Schuh zum Glitschen machen läßt, muß man wirklich ein Millionär sein..." „Deswegen gerade nicht." „Was denn? Einfach Uebermut? Ausgelassenheit? So, so? Was man über Warschau erzählt, ist alles richtig. So etwas!!" Er schwieg eine Weile, als wollte er sich diese Sache durch den Kopf gehen lassen. Allmählich kam er wieder ins Reden, blieb stehen, ergriff mich beim Arm, blickte mir in die Augen, konnte sich nicht fassen. „Etwas kann ich nicht verstehen. Auch bei uns in Bobkowitsch trägt man Schuh. Trägt sie solange, bis man sie abträgt. Wenn sie schon abgetragen sind, flickt man sie, macht neue Absätze, neue Kappen drauf. Dann trägt man sie weiter, und wenn man sie schon nicht mehr tragen kann, richtet man sie mit neuen Sohlen und einem neuen Hinterlatz wieder auf, und wenn sie schon ganz und gar hin sind, beginnt man, ein Paar neue ,zu bauen'. So wie man ein Haus zu bauen beginnt. Man läßt den Schuster Mojsche Gedalje rufen, man unterhandelt so lang, bis man handelseins wird. Dann kommt Mojsche Gedalje in die Wohnung und stellt sich mit einem Stück Zeitungspapier zurecht, schneidet von der Seite einen Streifen ab und nimmt Maß, wie man Maß zu nehmen hat. Man wählt das richtige Leder aus; wenn Gott hilft — das richtige Chromleder, dann ist's ausgezeichnet. Das ganze Städtel weiß davon. Man fragt dich aus, in der Gasse, auf dem Markt, im Beth Midrasch. ,Schon fertig die neuen Schuh?', ,Wann wirst du die neuen Schuh geliefert bekommen?' Man erkundigt sich nach der Fasson deiner neuen Schuhe, man muß alles wissen —- ob mit breiten oder schmalen Spitzen, ob mit Gummiabsätzen oder für Gamaschen, ob mit Schnüren oder Knöpfen oder ob es Halbschuh sein werden, und wenn sie endlich glücklich fertig sind und du legst sie an, beginnt der richtige Feiertag. Alle begucken deine Füße, einige betappen die Zehen, ob die Schuhe nicht 2& eng siud2 &y£ deine eigene Aussage verlaseeu sie sich nicht. Ueberhaupt darf man neuen Schuhen nicht trauen. Zuerst sind sie groß genug und dann werden sie plötzlich zu eng. Und niemand weiß, wann ihn der Schuh drücken wird. Man wünscht dir /Trag' sie gesunderheit!", „Zerreiß sie gesunderheit bis in hundertzwanzis Jahr!'. Gesegnet der Oberste, der einen mit ein Paar neuen Schuhen begnadet, für sich allein ein Paar neue Schuhe. Wieviele Familien gibt es nebbich bei uns in Bobkowitsch, die im ganzen ein Paar zerrissene Schuhe haben! In der Früh zieht die Mutter sie an und rennt auf den Markt. Nachher nimmt die Tochter sie und geht zum Kaufmann, dann hat sie der Junge, wenn er in den Cheder geht. Tagsüber schlüpft der Vater1 in sie hinein, wenn er auf der Gasse zu tun hat. Manchmal borgt man sie dem Nachbar, falls er zum Doktor oder in die Apotheke gehen muß. Und da gibt's einen Menschen, der hat zwei Paar Schuhe für sich allein ..." Er blieb stehen, stützte sich auf einen dünnen Stock im Rücken, und auf seine abgenützten Schuhe blickend, sprach er weiter. Nein, nein, ich möchte es ihm doch erklären: wie ein Mensch ein Paar Schuhe an den Füßen und ein weiteres Paar auf den Schultern tragen könne! Nicht wahr? Es sei doch gegen den gesunden Menschenverstand. BattdestilakkaMIX £. Iffi'-«» 1012 m <*en Sälen des Ingenieur- und Q* inUVZ Architektenvereines, Wien, 1. Bez., Eschenbachgasse Nr. 9 £ „Elite Kiddies" Beginn halb 9 Uhr abends / Künstlerische Einlagen Mein Onkel konnte sich nicht beruhigen. „Woher denn? Ich hab gemeint, daß die Schuhe an den Füßen zerrissen waren und er sich deshalb ein neues Paar Schuh angeschafft hat... Wie ich aber einen Blick auf seine Füße werfe, haben sie ein Paar ganze Schuh. Ganze Schuh von oben bis herunter. Fragt sich also: Wozu noch ein Paar Schuh?" „Die sind zum Glitschen, zum Eislaufen, Onkel." „Man hätte doch die Glitscheisen an den anderen anmachen können." „Nein, das sind Spezialschuhe zum Eislaufen ..." „Wirklich, was alles in einer großen Stadt passieren kann! Man sagt, Warschau ist eine leichtsinnige Stadt, eine wüste, verrückte Stadt..." Er schwieg. Ging langsam. Zuckte mit den Achseln. „Du, hör an. Wenn ich das in Bobkowitsch erzähle, wird man mich frozzeln... Niemand wird's glauben wollen ... wirklich ..." * Wer weiß, wie lang mein Onkel noch geredet und gestaunt hätte, wenn wir nicht bei der Wohnung des Professors angekommen wären, der ausersehen war, seine Wanderniere, seine eingefressene „Rewmatische" und seinen ganz gemeinen Husten zu kurieren. SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX.. Berggasse 19, Tel A-17-5-99 u. A-16-9-3* Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für nffs-Flelsch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinafs der Isr. Koltusgemeiflde Wien Ailtoiustollung kostenlo» : IX., Barggasse IS ✓ XVIII., watirlngerstr. 97 Unser Lebrverfahren ist geradezu ideal, denn es macht Ihr Zimmer zum Ausland, indem es die fremden Sprecher, mit denen Sie sich unterhalten wollen, zu Ihnen bringt, aber es erschöpft sich nicht darin, Ihnen eine echt nationale Auasprache vorzuführen, sondern vermittelt Ihnen gleichzeitig einen ausgewählt praktischen Wortschatz, wie Sie ihn zur mündlichen oder schriftlichen Verständigung im Verkehr des täglichen Lebens jederzeit brauchen. Neuhebräisch, Englisch, Französisch, Italienisch schnell und leicht gelernt. Musikhaus Excelsior, Wien, II., Franz-Josefs-Kal 15. Warum es§en wir „Mazzoih"t Fraglos kennt jeder Jude die Antwort auf diese Frage. Sollte es doch einzelne geben, die es nicht genau wissen, warum wir am Peaeach „Mazzoth" essen, dann mögen diese es in der „Hagadah" nachlesen oder es sich vom Jüngsten in ihrer Familie erzählen lassen. Warum essen wir „Strum-Mazzoth"? Auf diese Frage werden sicherlich viele tauaende erfahrene Hausfrauen die gleiche Antwort geben... weil „Strum-Mazzoth" seit Jahren als die besten und bekömmlichsten erkannt und anerkannt wurden. Besonders beliebt sind Strums „runde" Mazzoth, eine Spezialität dieses vorzüglichen österreichischen Mazzotherzeugers. Die rituelle Aufsicht besorgen drei Maschgichlm des ehrw. Rabbinats der Israelitischen Kultusgemeinde. Wer Strum-Mazzoth kauft, hilft auch armen jüdischen Arbeitern, da die Firma Strum last aiwachUeflücli jUdtefita Arbeiter, beschäftigt, Ttude. RötU Die bekannte und gefeierte Vortragskünstlerin Trude Roth wirkt an dem am 13. März im Hotel de France (Festsaal) stattfindenden Gescllschaftsabend des Verbandes der Judenstaatszionisten mit. Sie bringt heitere Vorträge aus ihrem internationalen Repertoire. Jüdische Sdsmsftierspiele II., Praterstraße 34. Jenny Lovic als Gast Nach langer Zoit wieder ein Gast, der an die schönsten Traditionen des jüdischen volkstümlichen Theaters anknüpft: Jenny Lovic! Man wird unwillkürlich nn die unvergleichliche Mall Picon erinnert, die Frl. Lovic als ihre Lchrmeisterin betrachtet, mit der sie gefilmt hat, von der die junge Soubrette gelernt hat, das Zarteste und Krasseste gleich anmutig zu sagen. „C h a m p a g n c r m ä d e 1" gibt dem Gast Gelegenheit, alle seine Talente zu zeigen. Neben ihrem ausgezeichneten Tartncr Hcinil L e w i n, der als Tänzer und Sänger brillierte, bewährte sich da» Hausensemble mit Lore Glücksmar. n und Dolly Nachbar und führte das Eröffnungsstück zu durchschlagendem Erfolg. —Id. Wiener Theafier 'Josefstädter Theater. Ein Musikstück „O r c h e-< st e r" von Richard II o i c h. Es ist die Tragödie des alternden Künstlers, der der nachstürmenden Jugend Platz machen muß, dem der junge, aufwärtsstrebende Pianist nicht nur seinen Ruhm, sondern auch das Herz seiner Frau nimmt. Als Künstler muß er resignieren, die Frau aber kommt zu dem Verlassenen zurüke. Die große, tragende Rolle des alternden Musikers, der aus allen Höhen stürzt, ist Albert Bassormann anvertraut. Niemand anderer könnte sie so meistern wie er. Herbert B c r g h o f ist sein Gegenspieler, heiß, jung und ungestüm. Kitty Stengel, die Frau zwischen den beiden Männern, Ernst Arndt, der routinierte Impresario, Alfred Nougebauer, der aufgeblasene Tenor — eine blendende Besetzung, die für starken Beifall, danken konnte. Deutsches Volkstheater. , .Gesellschaft ss p i ei" von Ladislaus Fo d o r. Anfangs ist für den jungen, ilirtgewohnten Architekten und der reizenden, von ihrem Gatten, einem Industriekapitän, vernachlässigten Frau, dio Liebe nur ein Gesellschaftsspiel. Dann entwickelt sich die leichte Liebelei zur großen Liebe und zur Ehe. Für das Paar, das füreinander bestimmt ist, stehen dem Volkstheater zwei ganz hervorragende Darsteller zur Vorfügung: Hans Jaray mit bezwingend natürlichem Charm und Lilü Darvas, die besonders in einer Soloszene am Telephon bravourös ist. Famos Johanna Torwin als geschwätzige, sensationslüsterne Dame der Gesellschaft, Kurt von Lessen als vielbeschäftigter Gatte und Tibor von II a 1 m a y als sein Sekretär. Ein schöner Erfolg, der lange anhalten dürfte. Theater an der Wien. „Katin k a", Lustspiel von B o n y i und Hans Adler, heiter und amüsant. Dio unvergessen gemütliche Backhendlzeit steigt auf, Offizierstypen des alten Oesterreich beloben die Bühne. Zwischen einem jungen Offizier und einer jungen Dame (die in Reithosen herumläuft und von ihm für einen Jungen gehalten wird) kommt es zu einem Duell, das nicht nur mit Versöhnung, sondern mit einer Heirat endet. Zwischendurch versöhnen sich die beiden Väter, die den Anlaß zum Duell gaben. Also Frieden auf der ganzen Linie. Rosy Barcsony führt sich in einer Prosarollo gut ein, den Beweis, daß sie nicht nur eine Tanzsoubretto, sondern eine ausgezeichnete Schauspielerin ist, hat sie hier erbracht. Otto W a 11 b u r g trifft zwar nicht den ungarischen Akzent, er und Armin Springer als Regimentsarzt sorgen trotzdem für kräftigste Heiterkeit. Sauberste Regio und angenehmes Zusammonspiel fanden reichen Beifall. ' _ e. kr. Heute: „Maria Stuart". Drei Menschen stehen im Mittelpunkt des großen historischen Films „Maria Stuart", der ab heute im Burg-, Imperial-, Stafa- und Votivpark-Kino in englischer Originalfassung läuft. Es sind dies die schöne Königin Maria Stuart, der Earl of Bothwell, der schottische Edelmann, der seiner Königin ihren Thron retten wollte und sie dadurch 'aufs Schaffott brachte, und ihre große Gegenspielerin Elisabeth von England. Filme der Woche , (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) England: Männer sind keine Götter — Dunkle Geschäfte. Frankreich: Schlafwagen Paris—Toulon — Die schuldige Stimme. Amerika: Skandal in der Oper — Amigo — pUvy _ Fünflinge geboren — Herrin der Dschungel — Romeo und Julia — Gefährliche Fracht — Dio lieben Verwandten — Mordende Augen — Swing Time — Sturm über England — Drei süße Mädels — Rausch einer Nacht — Razzia im Südexpreß — Maria Stuart — Hinter der Maske. Filme unter Arie»|»aragrapli Burgtheator — Ernte — Das Geheimnis eines alten Hauses — Letzte Grüße von Mario — Der Jäger von Fall — Das Hofkonzert — Die Nacht mit dem Kaiser —• Diener lassen bitten — Ritt in dio Freiheit —• Bs geht uro mein Leben — Der Mann, von dem mau spricht — Premiere — Panzerkreuzer Sobastopol — Fridericus — Sein größter Erfolg — Truxa — Stadt Anatol — Donner, Blitz und Sonnenschein — Frauenliebe- Frauenleia —« Ball im Metropol — Das schöne Fräulein Schragg,